Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1928)
- Date
- 1928-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 DIE STIMME Sette 3 planmäßig an alten Budapester Hochschulen inszeniert. Die Regierung hat daraufhin den Profes'sorenkoilegien eine Art Ultimatum gestellt, welches sie beauftragt, für den ungestörten Verlauif der Vorlesungen zu sorgen, widrigenfalls die Vorlesungen geschlossen würden. An der technischen Hochschule wurde auch die zeitweilige Schließung verfügt. Die renitenten Professoren und Hoclischüler haben daraufhin sozialistische Blätter stürmen lassen und Samstag und Sonntag kleine Straße ndewionstrationen veranstaltet, in def das „Recht der Jugend“ jüdischen Passanten handgreiflich beigebracht wurde. Etliche „Demonstranten“ wurden, als sie wieder gegen mißliebige Zeitungsredaktionen Vorgehen wollten, von . Arbeitern verprügelt. litt Verlaufe dieser Demo-n- ‘ strationen zogen Demonstranten Samstag auch zum orthodoxen jüdischen Tempel, wo gerade der Abendgotfcesdienst abgehalten wurde. Die Polizei drängte die Menge ab. Mehrere Fenster des Tempels wurden durch Stein würfe zertrümmert. Bei allen diesen Attacken der Demonstranten und der Gegenattacken der Polizei ga'b es zahlreiche Verwundete; mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Seit Montag sind in Budapest die Technische Hochschule, die volkswirtschaftliche Fakultät und die Kunstakademiegesperrt. In D e b r e c z i n, wo die antisemitische Hörerschaft ebenfalls die anbefohlenen Verprügelungen jüdischer Studenten aurchführte, sind die Vorlesungen sistiert. Ein neuer Gewaltstreich an der Tempelmauer Araber verbauen die Klagemauer. — Der Distriktskommissär von Jerusalem schützt den Uebergrlff der Araber Aus Jerusalem wird gemeldet: Die Araber haben begonnen, die Klagemauer zu verbauen, indem sie zunächst über derselben eine neue Schicht Steine legen. Die Erregung unter den Jerusalemer Juden über diesen Gewaltstreich der Araber ist ungeheuer. Der Präsident der Jerusalemer Jüdischen Gemeinde Herr Meyuc.has erschien beim Distriktskommissär von j:rusalem Major Keith-R'oach und überreichte ihm einen energischen Protest der G e m e i n d e gegen die Verbauung der heiligsten religiösen Stätte der Juden. Der Distriktskommissär erwiderte, die Araber seien berechtigt, an der Klagemauer, die territorial ihnen zugehört, Bauarbeiten vorzunehmen. Der Leiter der Zionistischen Exekutive Palästinas, Oberst F. H. K i s h, erschien beim Stellvertretenden Oberkommissär, H. C. Luke, und überreichte ihm einen Protest der Exekutive gegen die Gewaltmaßnahme der Araber. Auch in n i c h t j ü d i s c h e n Kreisen, die an der Erhaltung historisch denkwürdiger und religiös ehrwürdiger Stätten interessiert sind, macht sich eine Protestbewegung gegen die Verletzung der Klagemauer bemerkbar. Nach den letzten Meldungen setzen die Araber die Verbauung der Klagemauer ungehindert fort. Die Bauarbeitern die sich bisher auf die obersten Teile der Mauer beschränkten, werden jetzt an der linken Flanke der Mauer fortgesetzt. Der W a a d L e u m i (Nationalrat der Juden Palästinas) hielt eine Sitzung ab, in der über Maßnahmen zur Abwehr des arabischen GewaStstreiches beraten wurde. Die Versammlung verlief sehr s t ü rmisch. N. M. U s s i s c h k i n setzte sich für die Ergreifung radikaler Maßnahmen ein, um eine Einstellung der Bauarbeiten zu erwirken. Wladimir J 3 b o t i n s k y, der zum erstenmal seit seiner Wahl zum Mitglied des Waad Leumi an einer Sitzung teilnahm, bestand darauf, daß der Waad Leumi unmittelbar mit der Londoner Regierung und dem Völkerbund in Verhandlungen treten solle, ohne sich der Zionistischen Exekutive als Mittler zu bedienen. Diese direkte p o I i- $ € Sff I R F* E mmn I., notier narht 5 tische Tätig k e i t in London und Genf solle eme permanente werden. Es kam zu keinen Beschlüssen. Demnächst tritt der Waad Leumi wieder zusammen, um endgültige Beschlüsse zu fassen. * Wie es immer der Fall ist, wenn die Staatsgewalt Hetze, Provokationen und Uebergriffe duldet oder — wie cs beim Zwischenfall am Jom Kippur geschah — durch verkehrte Maßnahmen deckt, so kam es auch diesmal: die Interpretation des Obersten moslemitischen Rate«, die Klagemauer sei uneingeschränktes Eigentum des mohammedanischen Kirchenschatzes, welche von den britischen Behörden in Palästina so bereitwillig gestützt wurde, daß man gerade am Jom Kippur Polizei in Bewegung setzte, um die mohammedanischen «Rechte» , zu schützen, hat zu einer neuen Provokation geführt. Die Araber beginnen an der westlichen, Tempelmauer zu bauen, an derselben Tempelmauer, die durch Tradition geheiligte Stätte der Judenheit ist ebenso wie die heiligen Stätten der anderen Religionen. Was selbst in den düstersten Zeiten der türkischen Herrschaft über Palästina nicht möglich gewesen wäre, kam jetzt vor: d-cr ehrfürchtige Schutz, den das jüdische Heiligtum seit je genoß, wird gröblich verletzt und — der Distriktskommissär von Jerusalem billigt und deckt diese Verletzung; er stellt sich nicht einmal auf den doch so naheliegenden Standpunkt, daß das gewöhnliche, profane Prinzip des Denkmalschutzes, das in aller Welt und auch in Jerusalem gilt, anzuwenden ist, um bauliche Veränderungen an der Klagemauer hintanzuhalten, wenn er schon die eigentumsrechtlicnen Ansprüche der Mohammedaner für unbestritten und unbestreitbar hält. Die geradezu höhnische Antwort, die der Distriktskommissär Keith-Roach der Abordnung der Juden von Jerusalem gab, geht weit über das Zulässige hinaus und Mister Keith-Roach wird eines Anderen belehrt werden müssen, selbst wenn er sich auf «Instruktionen» beruft. Die Frage der Klagemauer wächst zu einem Skandal in Permanenz aus, der nur durch energisches und entschiedenes Auftreten der gesamten jüdischen Welt abgestellt werden kann. Wie der frühere Gouverneur von Jerusalem, Sir Reginald Storrs, der an einem früheren unliebsamen Zwischenfall au der Klagemauer beteiligt war, dem Vertreter der «Stimme» mitteiite, gab es damals die Möglichkeit, die K-lagenrauer-Angelegeivheit zu bereinigen^, doch war damals — das bezeugt Sir Storrs, ein Nichtjude—die jüdische öffentliche Meinung zu wenig nachdrücklich in ihrem Auftreten gegen die Uebergriffe. Die neuen Vorfälle sind vielleicht zum Teile durch diesen geringen Nachdruck von damals mitverschuldet und darum muß heute die jüdische Oeffentlichkeit mit aller Kraft auf die Abstellung des unhaltbaren Zustandes dringen, der es einer handvoll Provokateure ermöglicht, das religiöse Empfinden und die Würde des Judentums, wann es ihnen gefällt, im jüdischen Lande, in Erez Israel zu verletzen. Hier muß die Judenheit selbst Wandel schaffen. Der britische Oberrabbiner über den Klagern au er-Zwischenfall Der Oberrabbiner des britischen Reiches Dr. J. H. Hertz hielt in der St. John’s Wood Synagogue eine Predigt, in der er darauf hinwies, daß in den vier Jahrhunderten, in denen die T ü r k e n in Palästina herrschten, die Juden in Sicherheit und ungestört an ihrer heiligsten Stätte, der westlichen Tempelmauer, beten durften. Umso 'höher sohlägt die W e 11 e d e r Entr ü s t u n g unter der Judenheit, daß britische Beamte es wagten, sioh an dem heiligsten Tage des jüdischen Jahres, dem Versöhnungstage, an den Andächtigen vor der Klagemauer zu vergreifen. Die Moslcmiten genießen an ihren heiligsten Stätten weitgehenden Schutz, den Christen darf nie etwas an ihren heiligen Stätten geschehen, man wacht ängstlich über ihre Ruhe und Sicherheit. Schon darum muß es für die britische Regierung ein Gebot sein, auch den Juden vor der Klagemauer eine Sicherheit zu bieten. Gewiß wird die Regierung von jetzt ab nichts ungeschehen lassen, damit eine Wiederholung der jüngsten Ausschreitung am Versöhnungstage jetzt und in Zukunft unmöglich werde. «Es genügt,» anwortete Rothschild kühl, «daß Sie welche emittieren.» Einmal war in einer Gesellschaft viel von früheren Existenzen, von Seelen Wanderung und ähnlichen damals wieder stark modernen Themen die Rede. Ein sehr verschuldeter Bankier sagte scherzhaft: «loh erinnere mich, einmal das goldene Kalb gewesen zu sein. «Sie haben seither nichts verloren a 1 ’s die Vergoldung» antwortete Rothschild. Salomone Ross« Zu seinem 300. Todestag. Von Alfred Sandt. Von antisemitischer Seite ist wiederholt der Versuch gemacht worden, den Juden jede musikalische Begabung abzuspreohen. Um die Tatsachen nicht für sich sprechen zu lassen, daß cs nämlich zu allen Zeiten auch in der Musik schöpferische Begabungen unter den Juden gegeben hat, die sich k* \\i entfalteten, wenn nur die Möglichkeit vorhanden war, haben sich, die Feinde des Judentums auf ein billiges Dogma festgelegt, das in dem «rationalistischen Weltbild» jüdischen Denkens kein Platz für die Musik i-i. Unvoreingenommene Kenner jüdischer Denku-ng una indischer Geschichte wissen nur zu gut, daß die tiefsten Quellen jüdischen Empfindens jenseits dieses rationalistischen Weltbildes liegen, im Umterbewußtsein einer durch viele Schmerzen und tiefe Trauer gefühlsstarken Seele. Die Musik aller anderen Völker kennt keine reichen fließenden Quellen und es ist nur äußeren Umständen zuzuschreibe», daß erst Im 10. Jahrhundert die jüdischen Musiker sich Weltgeltung verschafft haben. Zu Ende des 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts war der Hof des Herzogs Vincenzo I. zu Mantua eine Pflege&tätte der Musik, von der man die Juden nicht femhlelt, Das Mäzenatentum der Gonzaga errichtete kernt Künstlichen ...iuanKen zwischen aen einzelnen, durch die Rasse verschiedener Begabungen, sondern ließ nur die Leistung gelten, und die jüdische erreichte ihren Gipfel durch das Werk des Salomone Rossi. Dieser jüdische Komponist, der sich stets stolz «Ebreo» nannte, hat sich durch seine Instrumentaikompositionen einen i .deutenden Platz in der Musikgeschichte errungen. In seinem Hauptwerk, vier Sonatenbänden, repräsentiert er beispielgebend den neuen Kunststil, der sich damais, die Neuzeit in der Musik einleitend, durchgeruugen hatte, die instrumentale Monotonie. Die jahrhundertelang Herrschaft der Poiyphonve, der vokalen MTrstiinnngkeit, hatte ihren Nährboden verloren, als im humanistischen Zeitalter das Erleben des Individuums an die Stelle des in starrer Massettdisziplin erzogenen Chores trat. In der Form der Oper und des Oratoriums hat sich die Einstimmigkeit das größte Forum der Publizität gesichert, in der instrumentalen Monotonie, in den Sonaten und Sinfonien, eroberte sie stell zuerst die Kammer, das Haus. Ros-ns Sonaten sind schon größere Kammermusikstücke, in denen die liedmäß.gen Formen dominieren. Zwu-, ja dreimal wiederholt er einen kunstvoll geformten melodischen Einfall, um für die ihm eigene Sprache zu werben, und er verdunkelte nicht seine subjektive Ausdrucks weise durch Einbettung in ein kompliziertes Stimmengeflecht. Die führende Hauptstimme regiert den Instiumentaisatz, sie zeugt für die moderne Gesinnung des Schöpfers. Aber Rossi ist nicht nur ein inspirierter Sänger, er ist auch ein starker Formkünstler, Längere Stücke baut er über ein rhythmisch variiertes Thema und erzielt sc eine einheitliche Form oder läßt das Thema Im Baß festhalten und die Meiodie in der Oberstimme variieren oder bedient sich eines reichen Figurenwerkes, um der Melodie immer ein neues Kleid zu verlernen, ln den Sinfonien ist Rossi einfacher, fast mehr Erzieher zur neuen Ausdrucksweise als Künstler. Aber seine neue Musik ist ganz vom reformatorischen Geist dnrchtränki, ganz Künde rin des Anbruches einer neuen Epoche, an deren Ende die klassische Musik steht. Rossi hat, die Instrumentalmusik pflegend, den Gesang mehr vernachlässigt. Dreistimmige Canzonetten und Madrigale für zwei bis fünf Stimmen, beliebte Formen vokaler Ausdrucksweise in der damaligen Zeit, sind hervorragende Muster in der Beherrschung polyphoner Satzkünste. Sie beweisen, daß Rossi durch eine gute Schule hindurchgegangen ist, bevor er als Reformator eine neue Schule mitbegründen half. Für den jüdischen Tempelgesang ist besonders wichtig seine Vertonung der Psalmen und Hymnen, die, in neuerer Zeit wieder gedruckt, einen starken Impuls gegeben haben, sich wieder mit der Frage der Synagogalmu&ik zu befassen. Rossi hat nicht versucht, unter Anlehnung an eine mehr sagenhafte als geschichtlich beglaubigte Tradition die Psalmen zu vertonen, sondern hat aus schöpferischem Geiste alles in seiner Musik zu neuem Leben zu erwecken versucht, was die Dichtkunst ihm offenbarte, ln seiner rezitativischen Ausdrucksweise, die nur gelegentlich durch längere lyrische Einschnitte unterbrochen wird, ist der ganze Reichtum an dramatischer Handlung, der die Psalmen und Hymnen kennzeichnet, zu besonderer Bedeutung erhoben. Und es gibt keine Vertonung biblischer Dichtung, die an Einfachheit der musikalischen Sprache an Rossis Ausdrucksweise heranreicht. Rossi hat auch zu einem geistlichen Musikdrama, «Maddelene», Musik beiges .viert und ein Intermezzo anläßlich von Vermählungsfeierliohkeiten am Hofe zu Mantua im Jahre 1608 geliefert. Sic fallen nicht schwer ins Gewicht. Der Wert seines Lebenswerkes liegt in den neuen Ausdrucksformen seiner instrumentalen Musik und in den von tiefem jüdischen Geist zeugenden Psalmenvertonungen. Seine Musik hat vielleicht dazu beigetragen, die freie Entwicklung schöpferischer Kraft der Juden vorzubereiten. *