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Die Stimme · 1928-10-25 · Heft 43 (25.10.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 43 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIB STIMME «fr. 48 inejndc und dir von Ihm geführte Richtung meinen sollte, so wird er uns gestatten, mit Entschiedenheit zu widersprechen; und gerade weil Abfall und Verfall erschreckend um sich greifen, weil weite jüdische Kreise, äußerlich noch dev Gemeinschaft angehörig, im Innern dem Judentum fremd geworden sind, weil es die langjährige Vorherrschaft der Union'eutc in der Knitusgemeindestubc glücklich dahin gebracht hat, daß eine Generation der Sache des Judentums verloren zu gehen droht, daß eine jüdische Jugend heranwächst, die nichts vom jüdentum weiß und kennt, darum tut cs not, daß sich alles Bewußtjüdische in Wien zusammenschücße, um am 2. Dezember in der Seitenstettengnsse die Mehrheit zu erkämpfen und die «Union» in ihr ehrlich verdientes Pfiiehtentci! beschaulicher Altersruhe einzusetzen. Der „Zwang“ zum Numerus clausus (Von unserem Budapest er R.-F.-Korrespondenfcn.) An der Budapestcr Universität werden wieder einmal (He jüdischen Studenten verprügelt. Erst kam es an der voJkswirtscliaftiiehen Fakultät der Universität zu Schlägereien; die jüdischen Studenten, die es daran! ankommen lassen wollten, von den schon eine ganze Woche hindurch verhetzten christlichen Kommilitonen durchgeh! aut zu werden, hatten ihr Zied erreicht: sic wurden Sn Gegenwart der Un’iversdtätsbehörden aas der Aula hinausgeprügelt. Sie halben es nun am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es heißt, antisemitischen Professoren Glaiiben zu schenken, -und sich darauf zu verlassen, daß 'die von der Obersten Unterrichtsbehörde zugesicherte Lernfrerheif an der Universität auch von den antisemitischen Professoren würde cdrogehalten werden. Arn nächsten Tage wiederholten sich die Szenen schon hi gewissermaßen feierlichen Formen, indem die nationalistischen Studenten, ähnlich wie ihre moralischen Vqffbi'lder zut zielt der Inquisition zu den Autodafes in vollem Ornat zn erscheinen pflegten, zu den Jtrdertverprügelungen in voller Wichs, viele auch in Nationaltracht aufmaTSchierten. Sie wollten bei -dieser Opferung dem Gott des Hasses zu Ehren auch äußerlich würdig erscheinen. R-uhe herrschte nur an jenen Fakultäten, an denen die jüdischen Hörer es mit Recht vorgezogen haften, die Vorlesungen nicht zu besuchen, bis nicht nur der Unferrichtsrahiister, sondern auch die Universitätsprofessoren sich entschließen würden, für die Ruhe an den Hochschulen einzustehen. Und das -ist gegenwärtig das Traurigste, aber auch das Komischeste an der ganzen Numerus-CIaustts-Aifärs in Budapest. Die „Stimme“ hat schon za Beginn des Wintersemesters darauf hingewiesen, daß die ungarische Regierung die Geister, die sie seinerzeit rief, jetzt, da sie sic abschütteln möchte, nicht mehr zu bannen vermag. Dieser häßlichste Teil der ungarischen Judenfrage, der Numerus clausus, bringt jetzt die Juden in die unangenehme und peinliche Situation, ails Zankapfel zwischen der Regierung und den intransigent antisemitischen und jetzt renitent gewordenen Universitätsprofessoren zu dienen. Die antisemitische Presse beginnt auch Die Bonmots des Barons Rothschild Von Lothar Brieger. Der Witzigste der Dynastie Rothschild war ohne Zweifel Baron Henride Rothschild ln Paris. Er war vielleicht kein unbedingt angenehmer Mensch, da es ihm an einem gewissen’ Zynismus nicht fehlte. Aber Henri de Rothschild war trotzdem oder vielleicht mit dem ein Mensch großen Formates. Er war es, der das fürstliche Anleihesystem der FamiMe Rothschild so umfassend ausbaute, daß beinahe alle Fürsten Europas zu gewissen Zeiten Schuldner des Hauses Rothschild waren. Neben seiner finanziellen Begabung war Baron Rothschild ein leidenschaftlicher Kunstfreund. Die Sammelwut des Hauses Rothschild, die zeitweise sprichwörtlich war, geht in erster Linie auf ihn zurück. Baron Henri liebte und bevorzugte vor allem das 18. Jahrhundert, und die stark dekolletierten Darstellungen von Göttern und Göttinnen hingen bis in seine Bureaus hinein, wo sie dann merkwürdig mit der dort entfalteten Tätigkeit kontrastierten. Den ganzen Mann kennzeichnet da seine wenig bekannte Begegnung mit dem Oberrabbiner von Paris. Der sehr freisinnige Oberrabbiner, ein gern gesehener Gast im Hause Rothschild, nahm eines Tages an diesen Bindern Anstoß. Baron Henri lachte: «Haben Sie nicht in de? letzten «Carricature» da* Bild von mir gesehen, wo ich als Gott Piutus mit einem mächtigen Geldbeutel i-argestellt bin, den die Anleihe suchenden Fürsten umgehen? Ja? und da wollen Sie mir meine F a in i 1 i c nb i I d c r mißgönnen?» Die schärfste Antwort, die Baron Henri jemals gab, erteilte er einem anderen berühmten Geldmann, dem Pariser Mitglied der berühmten Familie Pereira. Pereira, uns reichste Mitglied der alten spanischen Familie, machte damals in Frankreich viel durch sehr gewagte Gründungen von sich, reden, deren Reellität nicht schon, unterstützt von den gleichgesinnten Unlvers*- tätsprofessoren. das Problem darauf zuzuspitzen und die Juden als das störende Element auf der Bahn der Entwicklung zur Konsolidierung der Verhältnisse lünzustellen. Man wird die Sachlage am besten beurteilten können, wenn man den ungarischen UnterrichtsmiiHstcr Graf Kuno Klebclsberg anhört, der im Parlament auf eine Interpellation des Abgeordneten Josef Pakots in dieser Angelegenheit etwa folgendes ausführtc: „Ich habe in der Tat in einem Erlaß an den Universitätssenat das Ersuchen gestellt, die mit Auszeichnung maturierten jüdischen Hörer und Hörerinnen unter allen Umständen ohne Rücksicht auf ihre Konfession aufzunehmen. Mein erstes mündliches Ansuchen wurde von der philosophischen und medizinischen Fakultät unberücksichtigt gelassen. Hierauf sandte ich der Budapest,er Universität auf Grund des mir im neuen Numerus-Claums-Gesefcz gewährleisteten Rechtes die Aufforderung, daß die folgenden vorzüglich Maturierten unbedingt ausgenommen werden müssen, und zwar an der philosophischen Fakultät: Ilona Berger, Jolan Berger, Magda Flemrn, Ilona Koczburg, Rosa Reiter, Theodora Sos, Rosa Tandlich, Paul Turan und Livia Weisiz. Von den neuen zur Aufnahme durch mich bestimmten Hörern sind, wie Sic gehört haben, acht Mädchen; ich glaube kaum, daß von dieser Seite der christlichen Weltanschauung irgendwelche Gefahr drohen könnte. (Heiterkeit) Zur Aufnahme in die medizinische Fakultät halbe ich mit gleicher Verordnung die folgen- 1 Neup groß? Änsgahl in der Bucherscliwemme zu S 1.—, S 2.— und S 3.— Vienna, I. Bognergasse 4 den» ebenfalls vorzüglich maturierten Schüler ungeordnet: Emmerich Acs, Paul Fülöp, Elisabeth Neumann, Stephan Polacsek und Alexander Rado. Tob hoffe, daß die Universitäten meine Vrfügungen strikte durchführen werden. Ich halte daran fest, daß auf Grund meines gesetzlichen Rechtes diese Hörer uufgenommen werden müssen.“ Der Herr Minister hat sich getäuscht. Antisemiten kennen keinen Respekt vor Gesetz und Recht und anerkennen keine andere Autorität als den Judenhaß. In der Tat hat sich das an den Juden begangene und acht Jahre lang geduldete Unrecht wie in allen Präzedenzfällen des politischen Antisemitismus zu einer Autoritätskrise in Ungarn entwickelt. Der Kampf um die Rettung des Prestiges der Regierung ist ja nichts anderes als ein* Kanin? um die Wiederherstellung der Autorität auch Universitätsprofessoren gegenüber, und es entbehrt nicht der Tragik» wenn Unterrichtsminister Graf Klebelsberg in diesem Kampf feststeWt, daß er bemüht sei, bei den Aufnahmen in die Universitäten die Frageob der Betreffende Jude oder Christ sei, völlig auszuschalten, und wenn der Minister ferner den Standpunkt eiiinimmt, daß der „Numerus clausus, wie imhoffe, daß die Universitäten meine Verfügungen strikte mer man ihn drehen und wenden möge, immer eine politische Angelegen* heit bleibt, in welcher also ausschließlich Tel. uas-a-57 TUCH HAUf MÜNZ WIENI ERTLGASSE Nr. 4 KRAMERGASSE II dmporl Orig. englischer, schottischer u irischer Damenu, dKerrenstoffe Detailverkauf zu Gngrospreisen der für die Politik verantwortliche Minister verfügen kann, weil sonst Anarchie entstehen müßte“. Diese Grundsätze wurden von der ungarischen Regierung viel zu lange vernachlässigt. In Genf haben die ungarischen Vertreter, so oft vom Numerus clausus die Rede war, behauptet, daß das Gesetz kein Politikum und nicht gegen die Juden gerichtet sei, es handle sich bloß um einen sozialen und wirtschaftlichen Aufschrei; es wurde auch stets damit gedroht; daß eine Aenderung des Gesetzes zu Pogromen führen könnte. Diesen Standpunkt haben sich die Rädelsführer der Antisemiten, unter ihnen an erster Stelle die antisemitischen Professoren, zu eigen gemacht und bedienen sich jetzt des von offizieller Seife so lauge betonten Mittels, um die Milderung oder gar Abschaffung des Numerus clausus m verhindern. Deshalb hat der jüdische Univensitätsprofessor Adam, obgleich der Unterrichtsmmister ihn nacht nur ernannt, sondern auch angeordnet hat, daß man seine Vorlesungen nicht störe, seine Arbeiten an der Universität noch immer nicht ainfneinnen können und deshalb verhöhnen die antisemitischen Uniiversitäts- Professoren die Regierung, indem sie die mit Auszeichnung maturierten jüdischen Schüler trotz ministeriellen Befehls nicht auifnehmen, dafür aber christliche Hörer inskribiert haben, noch bevor sie den elementarsten Voraussetzungen für die Aufnahme entsprochen hatten. Es wird sich zeigen, ob die ungarische Regierung in diesem Kampfe um das Prestige Siegerin bleibt, ohne an den Juden ein neues Unrecht zu begehen. * Uebcr die letzten Vorfälle, mit denen die antisemitische Studentenschaft und die Hochschulprofessoren den „ungeschmälerten“ Fortbestand des Numerus clausus in Ungarn erzwingen wollen, wird uns aus Budapest berichtet: Die Exzesse wurden immer ganz einwandfrei war. Das mißfiel dem sehr strengen Baron Henri, und er behandelte Pereira, als er ihm in einer Gesellschaft begegnete, äußerst kühl und von oben herab. Pereira beschwerte sich darüber und meinte hämisch: «Wenn ich wollte, könnte ich ebenso gut Baron sein wie Sie!» «Sie irren sich,» antwortete Rothschild kühl. «Es gibt zwar Finanzbaronc, aber es gibt nur Indus t r i e r i 11 e r.» Ueber die Fähigkeiten eines Kollegen befragt, sagte Baron Henri: «Er ist Mitglied des größten Pariser Musik Vereins. Außerdem arbeitet er noch nebenbei an der Börse» Der Herzog von Nevers besuchte ihn, um me Auskunft einzuholen, in seinem Bureau, als Rothschild gerade sehr beschäftigt war. «Bitte, nehmen Sie einen Stuhl und warten Sie einen Augenblick, ich habe gerade zu tu-n.» «Aber ich bin der Herzog von Nevers!» «Schön, dann nehmen Sie, bitte, zwei. . .» Henri de Rothschild hat auch das klassische Wort über die Aktionäre geprägt. «Manchmal sind sie Tiger, manchmal sind sie Schafe, aber Viecher sind sie immer.» Er war äußerst mißgestimmt, wenn man im Privatleben finanzielle Auskünfte von ihm verlangte. Im Augenblick, wo er seine Bureaus schloß, war das Geschäftliche für ihn erledigt. Er liebte außerordentlich die Geselligkeit, er trieb Musik, er las jedes neue Buch, er sammelte vor allem leidenschaftlich. Er verlangte privatim als Privatmann behandelt zu werden. Diese seine Eigenart war bekannt und wurde im allgemeinen respektiert. Aber einmal fragte ihn doch eine Dante des Pariser Hofadels, warum am Tage zuvor die Staatsrenten gefallen wären. «Liebes Kind,» sagte Baron Henri freundlich, «wenn ich wüßte, warum Papiere steigen oder fallen, hätte ich mir schon längst ein Vermögen gemacht..» Von seinen Kollegen, die niemals über etwas anderes sprachen als über Geschäfte, erklärte er verächtlich: «Sie sind immer in Geschäften, sie reden immer von Geschäften und sie denken immer an Geschäfte. Und was verstehen sie unter Geschäften? Das Vermögen der anderen.» Als man ihm einmal die Tugenden und Vorzüge der Armut rühmte, nickte er zustimmend; «Gewiß, Armut ist kein Laster. Aber sie ist leider etwas viel Schlimmeres.» Baron Henri war der Meinung, junge Leute müßten früh lernen mit Geld umzugehen. Sein 20jähriger Sohn konnte bei der Hauptkasse erheben, was er wollte. Henry kontrollierte ihn nie, aber er sah es gern, wenn ihm der Sohn von Zeit zu Zeit selbst erzählte, wofür er das Geld verwendete. Die Freiheit, die der Baron seinem Sohne ließ, und die im übrigen von diesem niemals mißbraucht wurde, wurde in der Gesellschaft viel kritisiert. Einer seiner adeligen Freunde sagte zu ihm ganz entrüstet; «Ais ich mit 20 Jahren aus der Provinz nach Paris kam, stellte mir mein Vater nicht mehr als 50 Francs monatlich zur Verfügung!» «Und damit sind Sic ausgekommen?» fragte der Baron ganz erstaunt. «Ja!» Nach einer kleinen Pause sehr zögernd: «Und ich habe sogar Mittel und Wege gefunden, mir einen Kredit zu eröffnen.» Von Henry de Rothschild stammt das berühmte Wort: «Es gibt nur eine einzige Methode, seine Geschäfte vollkommen verborgen zu halten. Man muß aiier Welt davon erzählen. Dann glaubt niemand daran.» Einer der berüchtigtsten Gründer Frankreichs ärgerte sich eines Tages darüber, daß Baron Rothschild sich mit ihm in keine Geschäfte einlassen wollte. Er sagte zornig; «Sie dürfen überzeugt sein, Harr Bacon, daß ich keine Gemeinheiten begehen könnte fe

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