Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1928)
- Date
- 1928-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Cheschwän 5689) Nummer 43 Das Schulgebet und die jüdischen Kinder Aufklärung in Schule und Heus tut Eingreifen der Durch die Zusohrift eines Abonnenten an unsere Redaktion wurden, wir darauf aufmerksam gemacht, daß ' . . in; der . ersten Klasse einer Wiener Volksschule die jüdischen Kinder verhalten werden, während des . .Unterrichtes das katholische Schulgebet mitzusprechen und auch das Kreuzzeichen mitzumacheu. Wir: haben die Angelegenheit sofort mit dein gehörigen Nachdruck; verfolgt und ■ auch das Re ligfo;n:# ln s-p e k t .o r a t d e r Kult u^ge m e i n d e auf die-, sen Fallaiismerksam gemacht^ das auch seinerseits die nötigen Schritte zur Aufkläruhg des. Falles "unternahm. Im Zuge der Erhebungen konnten strikte Tatsachen für diesen einzelnen Fall nicht fesfcgestellt Werden, so daß die Handhabe für ein Einschreiten nicht vorhanden war. Die Intervention der «Stimme» hat aber m einem k o n k r e t eh E r f o.J g ge führt. Es kommt nämlich häufig vor, daß die Kinder 4er ersten Klassen in ihrer vollständigen U n w i s s c nhe.it das «Vaterunser» mitsprechen . und das Kreuzzeichen machen, ohne daß die Lehrperson dessen sofort gewahr wird und einsch reiten kann. Die zuständige Steile der Kultu-sgemeinde wird deshalb, wie wir erfahren, in allernächster Zeit eine L e h r.e. r k o n f e r e n z einberufen und den Religionslehrem nahelegen, ihre Schüler und Schülerinnen nachdrücklichst dahingehend zu unterweisen, daß sie während des allgemeinen Gebetes mir ruhig zu stehen, aber keineswegs Irgendwelche religiöse Handlungen mitzuniächen bähen- Auch die Elternschaft soll aufgefordert werden, ihren Kindern die nötige Aufklärung zu geben- Es ist nämlich schön vorgekommen,, daß die kleinsten Schüler wohl wissen,, daß sie dem jüdischen Oiauoen angehöreri, daß sie aber vor eine völhg nepe Tatsache gestellt erscheinen, wenn man "sie als Israeliten ansprictot. Derartige Dinge gehen natürlicf äuf das Lastenkonto des Elternhauses. In einer wahrhaft jüdischen Familie dürfte steh eine derartige Schande nicht ereignen. An den jüdischen Eltern wird es liegen, daß sich derartige. Fälle nicht wiederholen. '' '. Es läßt sich in solchen Fällen, wie der uns initgeteilte, nachträglich schwer feststellen, wie die Dinge eigentlich vor sich gegangen sind, und wir: wollen keine generellen Schlüsse ziehen. Doch soll nicht uhvermerkt bleiben, daß solche Erscheinungen, im Bereiche der Wahrscheinlichkeit liegen in der Stadt, defen sozialdemokratische Gemeindeverwaltung sich rühmt, daß sie die Schule ohne Gewissenszwang einfüliron will. Dieses Prinzip wird sehr gern in der'rdurchaus unnötigen — kuJturkämpferisohen Tonart verkündet. Das macht aber die Sache verdächtig; denn die Kulturkämpferei wird von den rot assimilierten Juden der Sozialdemokratie am meisten . > . gegen alles Jüdische hervörgekehrt; in anderen Fällen wrä.«Pietät* geübt, die sich auch bis zum Gewissenszwang ste'lgern kähn- Die jüdischen Eltern glauben, wenn sie Ihre Kftjder in die Volksschulen der Geiheinde: Wieh spicken, dfrß ihnen dort eine vorurteilslose Erziehung zuteil wird; die not! — Die „Stimme** veranlaßt das Kultusgemeinde Eitern sind im Irrtum — es wird reichlich viel getan, um den jüdischen Kindern Verachtung gegen das Judentum, dem sie entstammen, beizübringen. Deshalb tut größte Wachsamkeit der Eltern not. Aber das allein genügt nicht; Elternhaus und Schule haben zu wenig Kontakt; deshalb muß der E i n- M ü B d e r j ü d i sch e n G e rn e i n d e wirksam werden, um den in der Schule-systematisch vorbereiteten Abfajl vom: Judentum zu verhindern; iWir: fordern ,im- . ausgesetzt einen, u, ’ t .» ‘ v-:'- io Jüdischen^ GebtegcMrten ReHgionsunterricht; die Kultusgeirietede har die: Pflicht, alles vorzukdiren, um ein Gegengewicht gegen die Bedrohung des Judentums zu schaffen, der schon die Kleinsten in den Wiener Schulen ausgesetzt sind. Die Vorbeugungsmaßnahmen, die jetzt von der Kultusgemeinde getroffen werden sollen, genügen nicht; es muß. .stärkere iScherungen geben; sie bietet ein besserer, ein jüdischer, nicht bloß israelitischer Religionsunterricht, . ein Netz guter, moderner jüdischer Schulen 1 , Es ist Sach« der Wiener jüdischen Gemeinde, für beides zu sorgen. ’ Nachzügler der Zeit jEpr «Ubionfr-Ponemifc. Herr Dr, Jakob Ornstein, der .Präsident und geistige Führer der «Union deutsiejiöste r Riehls che r Juden» hat vor einigen Tagen ln der Satzung '.eines unionigtuschen Pezlrkswahikomitees zu;$«n «säjlgfcm.eteen Grundsätzen» des' zionistischen Kultusgemeindeprogramms Stellung genommen* Der geistige. Führer der «Union» begibt sich auf das Gebiet <jer begrifflichen . Unterscheidung und dialektischen Zergliederung im<j‘ das bekommt ihm nicht gut. Denn was prl Ornstejn; zutage fördert, sind wieder nur die alten abgestandenen Ladenhüter und man supht vergebens auch, pur nach den Spuren eines neuen Gedankens. , " H^rr Dr. Qrnstein stfmmtuns nur. in der Feststellung einer «religiösen Eigenart» zu, während er schon bei der «n’^Ltionai-kulturelten» Eigenart m kritischem Bedenken das Haupt sehüttelt; Wohl sei es eine wesentliche Aufgabe des Kültusvorstandes, «die Jugend zu erfüllen mit der Liebe für die Spräche unserer Väter i n grauer V o r z e i t* — wie das die Union-Majorität seit Jahrzehnten getrieben: hat und mit welchem Erfolge, weiß man zur .Genüge und daß diese «Vorzeitssprache» ein neues Leben zu leben begonnen, eine neue Literatur gezeitigt, .neuem Kulturschaffen einer Gemeinschaft, die altehnvürdiger ist als die Wiener Kultusgemeinde, zum Ausdruck verholten hat, das nimmt das anaohrohistische Judentum der «Union» vorläufig noch nicht zür Kenntnis.1.Daraus folgt in durchaus konsequenter Weise für Herrn Dr. Örpstein, daß es, abgesehen vpn den kulturellen Schätzen des ‘ historischen Judentum*. *h' denen die Heranwachsende jüdische Jugend Wiens bekanntligh so intensiv unterwiesen wird,, daß es Einzelne sogar zum Buchstabieren bringen, eine «nftionalrkultur'elle» Ef|$nart *njr uns» nicht gibt. Er gibt'einen bhudigÄn Beweis: seiiie. Hörer sprechen SetiiscK wie uiiüre nfi$ß4tf0zrt Mitbürger, die jüdischen Aerzte:Häben dieselbe m«^izihisbhe Wissenschaft studiert wie Ihre christlichen Kollegen und ein jüdischer Rechtsanwalt muß sich «selbst bei der Abwicklung von Rechtsstreitigkeiten zwischen jüdischen Parteien» der österreichischen Gesetzesbücher bedienenl Wirklich und ernsthaft,; also sprach Dr. Ornstein. Und die Zionisten verlangen bekanntlich, daß künftig jüdische Aerzte jüdische Medizin studieren und däß jüdische Advokaten ihrer Praxis in Wien das palästinensische Recht zugrunde legen sollen.. Wie soll man aber wirklich mit dieser Ahnungslosigkeit polemisch fertig werden, der wir den guten Glauben in der Tat zubilligen? Jüdische soziale Eigenart? «Ein Unding» laut Dr. Ornstein. Die soziale Schichtung der Juden, sagt er, «unterscheidet sich in keiner Weise von der übrigen Bevölkerung.» Sollen wir Herrn Dr. Ornstein darüber belehren, daß .es da doch gewisse Unterschiede gibt, darüber, da,ß esüberhaupt eine J u.den f rage gibt, die mit .diesen Unterschieden stark zusammerihängt?- Wir fürchten, es wäre verlorene Mühe, Herr D.r. Ornsfein ,wird .es, uns sn-icht glauben. «Die, wirtschaftUche Eigenart* -cter jüdischen Bevölkerung -r-sie wird eben* so abgetan. . Denn «das ganze wirtschaftliche Leben geht ja nach bestimmten Gesetzen, weiche uns die Nationalökonomie lehrt,/, vor sich.» . ..Unbestreitbar sind diese Gesetze «dieselben für Juden und iür Christen und wir müßten w'-tschaftiich zagrunde gehen, wenn wir uns gegen diese Gesetze auflehnen wollten*» Ja dieser Welse geht es weiter; wir glauben, daß Zitate allein, die. Polemik überflüssig machen. Zumal ja. Herr Ör. Ornstein zugibt, daß man allen Bestrebungen, uns in unserer wirtschaftlichen, Betätigung zu behändem» nicht nur mit Worten, sondern auch durch Taten entgegentreten müsse, den.Juden ermöglichen müsse, «produktive Menschen zu werden und zu bleiben.» Womit er sich unversehens ins Gebiet der bekämpften zionistischen Programmatik begibt. Es hieße schon Gesagtes und, bei Gott, nur notgedrungen Gesagtes, wiederholen, wollte man darlegen, wie sich Dr. Ornstein und die Seinen zum Palästinaproblem, zur Frage des Minderheitenschutzes stellen, welche Angst hier vor der Bezeichnung «nationale Minorität» vorwaltet — die übrigens Im zionistischen Wahlprogramm gar nicht vorkommt, wo es «ethische und religiöse Minderhtei» heißt. Und was die von uns aJs erste Notwendigkeit erkannte «Wiederaufrichtung und Erhaltung des jüdischen Volkes» verlangt; so hat Dr. Ornstein ln dieser Hinsicht keine Angst. «Wir sin d aufgerichtet, heute eher denn.je,» ruft er aus und er hat recht, wenn man das Gesamtjudentum ins Auge faßt, in dem sich in folge einer dreißigjährigen zionistischen Tätigkeit ein neuer Lebenswille und Stolz, neue schaffende Kräfte auf allen Gebieten regen. Wenn er aber die Wiener jüdische Ge- Beachten Sie in dieser Nummer u. a* folgende Aufsätze und Berichtes Die jüdische Aufgabe im Orient Ein Gespräch mH Paul Painlav6, Kriegsminister der französischen Republik. Ein neuer Gewaltstreich gegen die Klagemauer. National-kulturelle Eigenart. (Ein Gespräch zwischen einem Unbelehrbaren und dem Präsidenten de« «Union»). Von cj. tu Die Bonmots des Baron Rothschild. Von Lothai Bri eg er (Hamburg). öalomone Rosst Von Alfred S a n d t Der «Zwang» zum Numerus clausus. «Kampf» gegen Synagogen. Erneuerter Jugendgottesdienst. Von R. S. Sturm auf ein Londoner Koscher-RestbfltinL Sport Schach, Rätsel.