Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1928)
- Date
- 1928-10-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 m STIMME der Hauptsynagoge in der Tabakgasse abzu* halten. Dr. Hevesi hat diesem Ansuchen entsprochen, so daß zum erstenmal in diesem Jahre die offizielle Feier des ungarischen nationalen Tranertages 4h einem Jüdischen Tempel abgehalten wurde. Christliche Geistliche jüdischer Abstammung Vor einiger Zeit brachten die völkischen Zeitungen Deutschlands Statistiken, aus denen hervorgehen sollte, daß es allein in Deutschland 600 evangelische Pfarrer jüdischer Abkunft gäbe. In den letzten Tagen nun bringen die gleichen Zeitungen, anscheinend von autoritativer evangelischer Seite inspiriert, Richtifcstefhmgen, die besagen, daß es nach genauen Schätzungen auf der g a n z e n Erde mit Einschluß aller Sekten und Denominationen etwa 500 evangelische Geistliche jüdischer Abstammung gäbe; in Deutschland aber beläuft sich die Zahl evangelischer Pfarrer jüdischer Herkunft von der Reformation bis zur Gegenwart auf 44, dazu kommen 20 gegenwärtig lebende Pfarrer jüdischer Herkunft von denen 18 im Amte sind. Diese 18 machen etwa ein Tausendstel der deutschen evangelischen Pfarrerschaft aus. Wie die katholische Presse meldet, hat der Pap*t durch eine Spezipldispens gestattet daß Sidney Judah in die Gesellschaft Jesu aufgenommen werde, Obwohl er innerhalb der vorgeschriebenen Anzahl von Generationen"jüdischer Abstammung ist. (Es ist dies einer dßf seltenen Fälle, daß eine direkt von jüdischen Eltern abstammende Person Jesuit werden konnte. D. Reu.) Sidney Judah ist der Sohn des Stadtingemeurs von Kingston und betätigt sich als Missionär in Jamaika. Der nichtzionistische Anteil am Palästinawerk Louis Marshall, Präsident Weizmann und Eelix Warburg über die neutrale Palästinakonferenz Aus New York wird gemeldet: Der Präsident des American Jewisb Committee Louis Marshall teilte der Presse mit, daß die nichtzionistische Palästinakonferenz der amerikanischen Juden am 20. und 21. O k t o b e r im Hotel «Baltimore» zu N e w Y o r k abgehaiten werden wird. Hauptziel der Konferenz ist, das Maß der Teilnahme der amerikanischen Niichtziomsten an der erweiterten jewish Agency gemäß den BestinmmtingCn des Palästinamandats festzusetzen. Oie Konferenz vvlrci sich an den Bericht der Joint Palestine Survey Commission halten, die von Dr. Chaim Weizmann, als dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, und Louis M a r s h a 1 i, als dem Vertreter der NicMzionisten, begründet worden ist, um ein umfassendes und systematisches Programm für den zukünftigen Aufbau Palästinas und für die Arbeit der reorganisierten Jewish Agency auszuarbeiten. An der bevorstehenden Konferenz werden sich die führenden Elemente jenes Teiles der amerikanischen judenheit, der bisher in der zionistischen Bewegung nicht aktiv gewesen war, beteiligen. Der Konferenz wird auch Lord Melchett, der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten weilt, beiwohnen. Auch der Präsident der zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaim Weizmann, wird in den Tagen der Konferenz in den Vereinigten Staaten weilen. In einem Gespräch mit einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur sagte Louis Marshall: «Diese Versammlung repräsentativer Nichtzionisten aus allen Tellen der Vereinigten Staaten wind ein bedeutungsvolle s Ereignis in der Geschichte der amerikanischen Judenheit sein. Die Konferenz bedeutet die Krönung der seit fünf Jahren geführten Unterhandlungen zwischen der zionistischen Leitung und führenden Nichtzionisten. Für die Judenheit Amerikas ist endlich die Zeit gekommen, betreffs ihrer Haltung zum Aufbau Palästinas eine definitive Entscheidung zti treffen und einen Kurs tätigerMitarbeit einzuschlagen. Das Problem des Heiligen Landes ist schon seit langem über das Stadium theoretischer Diskussion hinausgekommen. Der Status Palästinas ist politisch durch das Großbritannien erteilte Mandat und die Aktion der Großmächte bestimmt worden. Man wird sich erinnern, daß der Kongreß der Vereinigten Staaten im Jahre 1922 einmütig das britische Mandat für Palästina bestätigt hat, das die Errichtung eines Nationalheims für das jüdische Volk in Palästina vorsieht.» «Die erweiterte Jewish Agency», fuhr Louis Marshall fort, «ist nicht eine Angelegenheit der Spekulation o.der Aspiration; das Palästinamandat, das die zionistische Organisation als vorläufige Jewish Agency anerkennt, sieht ausdrücklich vor, daß die Jewish Agency im Einvernehmen mit der britischen Regierung Schritte zu ergreifen hat, um die Zusammenarbeit aller jener Juden zu sichern, die bereit sind, an der Errichtung des Jüdischen Nationalheims mUzu wirken. Die nichtzionistischen Juden von Amerika sind aufgefordert worden, dem Werke des Palästinamandats Ihre Mitarfeit zu widmen. Aufgabe der Konferenz wird es sein, unsere Verantwortlichkeit gegenüber dieser Arbeit in klaren Formulierungen und im Einklang mit unserer Position als loyale amerikanische Bürger festzusetzen. Die nichtzionistischen Juden Amerikas haben das Recht und die Pflicht, zu sagen, was sie mit Bezug auf Palästina und seine Entwicklung tun können und sollen. Die Konferenz wird dies in einer autoritativen Weise kundtun» Der Präsident der Zionistischen Weltorganjsätiöri, Dr, WelzmüfUJ, ' }'K der am 10. Oktober di« Reise nach den Vereinigten Staaten angetreten hat, erklärte vor seiner Abreise in einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen tele» graphen-Agenttir, er sehe die Differenzen, die zwischen den Berliner Beschlüssen des Aktions-Cömitees dter zionistischen Organisation und den Vorschlägen der Joint Palestine Survey Commission noch bestehen, für nicht gar so schrecklich an. Er hoffe auf einen baldigen definitiven Ausgleich der Angelegenheiten bei seinem Besuche in den Ver- ' . einigten Staaten. Die kommenden New Yorker Bera- ■ tungen werden endlich die jewish Agency in die Wett der Wirklichkeit treten lassen. Er habe das sichere Gefühl, daß die amerikanischen Nichtzionisten willens sind, an der Arbeit zum Aufbau Palästinas teilzunehmen upd daran mitzüwirken, daß diese Arbeit zu guten Erfolgen führt. Nach seiner Rückkehr von Amerika wird, sich Präsident Weizmann kürz« Zeit in Deutschland aur- Beim Einkauf von Koscherwürfeln achten Sie auf die fh- X iminrt Fürst vom vchlffrejnn -l JEDER ECHTE „GRAF KOSCHER WÜRFEL“ m o tränt diese Insignien halten, wo er, wie auf einer Pressekonferenz der Zionistischen Exekutive mitgeteilt wurde, voraussichtlich mit Vertretern nichtzionistischer Kreise Zusammentreffen und somit auch , ln Deutschland die formellen Verhandlungen über die Erweiterung der Jewish Agency eröffnen wird. Felix M. Warburg» Präsident des American Joint Distribution Committee, erklärte dem New Yorker I. T. A.-Vertreter, er hege große Hoffnungen auf die am 20. und 21. Oktober in New York stattfindende Konferenz der Nichtzionisten zur Erweiterung der Jewish Agency, die auch gute Resultate mit Bezug auf die Beteiligung der Nichtzioni-, sten an dem Aufbau Palästinas erbringen wird. Die Haltung der britischen Regierung in der Frage der Erweiterung der Jewish Agency sei positiv und werde sich.stark konstruktiv auswirken. Die soeben in New York stattgefundene Beratung des Exekutiv-Komitees der Union amerikanischerReform-Rabbinerhat beschlossen, Vertreter zu der nichtzionistischen Agency-Konferenz zu entsenden. « Die nächste Aktionskomitee-Sitzung Wie verlautet, beabsichtigt die. Exekutive der Zionistischen Organisation,Jttr den 20. Dezember eine Sitzung des Zionistischen Aktions-Komitees nach Berlin elnzuberufen. Einziger Gegenstand der Tagesordnung dieser Sitzung dürfte die Beratung und Beschlußfassung über das Ergebnis der Agency-Verhandlungen in Amerika sein. Die zionistische Anleihe vor dem Abschluß? Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, sollen die Verhandlungen der Zionistischen Organisation mit einem amertk^ischefLßahkKon$orfciuni über die Auflegung einer Anleihe der Ziönistischto Organisation und des Keren Kajemeth in der Hübe von 3 Millionen Dollar während dir Anwesenheit Dr» Wels» Seite 8 Kl LLOYD TRIESTIHO TRIEST JAVVA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag um 8 Uhr abends. Fahrtdauer unt.T Berührung von Brindisi b'oß &7» Tage. Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22. - H. Kl. Lst. 15.-, II „ Kl. Lst. 5.--.— inklusive Kabine und Verpflegung. Chaluzim besondere Ermäßigung. Eine Fahrt Triest- Jaffa Haifa und zurück kostet In der Ul. Klasse inklusive Kabine und Verpflegung blrril österr. Sch 3*5 —. Familien erhalten überdies noch eine 10-, beziehungsweise f nprozentfge crmäßlgung. Auskünfte: Lloyd Triestino. Wien. I., Kärntnerring 6 Telephon U 46-0-5S-U 46-0-55. manno ln New York fortgeführt und zum Abschluß gebracht werden. Man glaubt, daß der Anleihe-Vertrag bi New York etwa um den 25. Oktober von Dr. Weizmann und einem Vertreter der Morgan» Gruppe unterzeichnet werden wird. Wie die Juden einst in Polen wohnten Von Professor Dr. M. BaJaban (Warschau). Vor kurzem hielt der bekannte Historiker Professor Dr. Mayer B a 1 a b a n In Lodz einen Vortrag über das Privatleben der Juden in Polen im 16. und 17. Jahrhundert, dem die folgenden Ausführungen entnommen sind. ln den großen Städten, wie Posen, Krakau und Lemberg wohnten die Juden in besonderen Gassen. Dia italienische Bezeichnung «Ghetto» wird in polnischen Quellen nirgends erwähnt. Juden wohnen überall in eigenen Vierteln, ln Krakau selbst haben die Juden überhaupt nicht gewohnt, sondern in Sandomierz, und auch hier in einem eigenen Stadtviertel. Der jüdische Stadtteil bildete eine eigene Republik, wenn auch natürlich nicht im staatspoiitischen Sinne. Die Rolle de« Magistrats hatte bei den Juden die Gemeindeverwaltung inne. Der jüdische Stadtteil lehnte sich auf der einet* Seite an die Berge an, und war auf der anderen Seite durch einen langen Holzzaun mit einem Tor in den Mitte abgegrenzt. In Lemberg gab es eine «Jüdische: Gasse», die gegenwärtige Blacharska; dasselbe war auch in Posen und anderswo der Fall. Die Gassen des Judenviertels waren schmutzig, eng und düster. In Lemberg z. B., wurden nicht nur in der Judenstadt, sondern auch im allgemeinen die Straßen schmutzig gehalten, und als Kuriosum diene, daß in Lemberg die Gassen nur zweimal imjahre gekehrt wurden, und zwar vor Pessach und bevor man einen Schneefail erwartete. In Posen waren die Straßenverhältnisse so arg, daß ein reicher Mann auf eigene Kosten die jüdischen Gassen pflastern ließ. Daß auch die nicht von Juden bewohnten Straßen nicht viel sauberer waren, geht aus dem historischen Faktum hervor, daß die Damen der besseren Gesellschaft an Kaiser Josef II. eine Denkschrift richteten, mit der Bitte, die Straße nicht, wie es der Monarch beabsichtigte, pflastern zu lassen, weil sie wegen des starken Lärms? beim Fahren über die Brücke im Schlaf gestört werden könnten. . Auch in den Judenvierteln der polnischen Städte haben die Juden sehr enge zusammengepreßt in ihren Häusern wohnen müssen, da die Judenviertel keine Ausdehnungsmöglichkeit hatten. Auch hier wurde, wenn die jüdische Bevölkerung über das Ghetto hinausgewachsen war, nach oben erweitert, indem auf die Häuser immer neue Stockwerke aufgesetzt wurden. Ein Ausgleich fand immer erst durch eine Katastrophe, zumeist durch eine Feuersbrunst, statt. Solche Brandkatastrophen forderten in der Regel viele Menschenopfers ein Teil der Juden wanderte, obdachlos geworden, au» und so begann der Kreislauf immer von Neuem. Innenarchitektonisch unterschieden sich die jüdischen Häuser sehr wenig von den nichtjüdischen. Einige sehr reiche Juden hatten sprichwörtlich gewordene, prachtvolle Einrichtungen. Bekannt waren die Häuser des Isaak Lachmanowicz in Lemberg, das Haus des jüdischen Arztes S i m c h a, der Hauptarzt am Hofe des Jan Sobieski in Lemberg war, und andere. Diese Häuser galten als die schönsten der Stadt. Das Statut der jüdischen Gemeinde enthielt bestimmte Vorschriften wegen Reinhaltung der Straßen und derHäuser, wobei erhebliche Geldstrafen für Nichtbefolgung angesetzt sind. Die Wohnungsnot hat auch damals den Behörden viel zu schaffen gemacht, und man stößt wiederholt auf Verbote in jener Zeit, mehr als zwei Zimmer für eine Familie in Anspruch zu nehmen. Im Durchschnitt waren die Wohnungen in den Judenvierteln sehr bescheidtr eingerichtet und stark überfüllt. Es gibt Dokumente über Häuser, welche in ihren drei Stockwerken mit drei Fenstern Front, also in neun Zimmern, sechsehn Familien mit rund hundert Personen als Wohnung ätwfcft i n