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Die Stimme · 1928-10-18 · Heft 42 (18.10.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 42 (18.10.1928)
Date
1928-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DTE STIMME Nr. 42 tatigketf für die großen Jüdischen Fonds, die vom Einzelnen eine unausgesetzte rege Mitwirkung 2U fordern berechtigt sind. Man versieht es da)ier in vielen Kreisen schwer, wenn eine jüdische Korporation mit einem so umfangreichen Aufgabenkreis wie die Liga, vom Publikum lediglich moralische (und sicherlich nicht in letzter Linie auch finanzir.;.,Ic) yn. terstützung erbittet. Da ich mit besonderer Anteilnahme die Beratungen und praktischen Versuche des Vorstandes unserer Liga seit dem Tage der konstifu:crcnvcn Sitzung verfolgt habe, b'.n ich der Meinung, daß ein derartiges Progran,im, durch welches die Gesamtheit der Mitglieder für eine Kcliektivtarigkeit herangezogen werden sc.!!, sich derzeit nicht wird finden lassen. Die große moralische Berechtigung für die Institution selbständiger jüdischer Völkerbundligen liegt gerade in dem Umstand, daß das Judentum, ungeachtet interner Nuancen, in seiner überwiegenden Mehrheit als Parteigänger der großen Ideale des Völkerbundes — insbesondere also der Ersetzung kriegerischer Verwicklungen durch eine Art prozessualen Verfahrens zwischen den Staaten — mit vollem Rechte betrachtet werden kann. Infolgedessen ist eine jüdische Völ-kerbundliga in der glücklichen Lage, eine eigentliche Propaganda für diese Gedanken und damit den aufreibenden Kampf gegen den Militarismus in den eigenen Reihen sich als überflüssig ersparen zu können, den unsere nlchtjüdischen Schwesterorganisationen ständig zu führen haben: sie haben lediglich die Mission, durch Sammlung einer möglichst großen MitgüeCcrschar den im Judentum traditionell vorhandenen Schatz an pazifistischen Werten sichtbar zu machen und als gewichtige moralische Unterstützung den Gleichgesinnten aller Völker zuizutf ü'hren. Auch diese Aufgabe — das soll im Rückblick auf die verflossenen fünf Jahre herausgesagt werden — ist keine leichte: der Wille zum Aufbau einer friedlichen Welf in Gemeinschaft mit den Gutgesinnten der anderen Nationen, das Verständnis für die neuen, gewiß noch reformbedürftigen Formen des Zusammenlebens der Völker, ja das Interesse für di-e heute zweifellos gegebenen Fälle ähnlicher Unterdrückungen nationaler Eigenart ist in den breiten Massen des zeifgenös-i:- schen Judentums trotz des vorbildlichen Wirkens einiger weitblickender Männer ein recht platonisches, ist keineswegs praktisch aktiver als das der anderen Völker der Gegenwart trotz der dort wirkenden chauvinistischen Kräfte, die hier fehlen. Diese Tatstäche rst verständlich, denn das Judentum ist mit eigenen Sorgen vollauf beschäftigt und die Epoche seit dem Beginn der Renaissancebewegung ist doch wohl zu kurz, tim .auch hier faktisch im Bewußtsein des Einzelnen das Gefühl als Weltbürger erstehen zu lassen. Die Interesselosigkeit für die formell sicher trekkene Materie der Neueinrichtung der Beziehungen der Völker untereinander, die mit Ausnahme der westlichen Demokratien mit ihren seit Generationen auch außenpoltisch geschulten Eiirgern und Wählern nahezu überall auch bei den Intellektuellen zu kon- . statbren ist. gilt somit bedauerlicherweise auch für die Juden. Es ergibt sich so ein scharfer Gegensatz zu dem, unseren Besten alkzsit vorschwebenden Ideal einer jüdischen Renaissance im Dienste der Menschheit, das ihnen von unzähligen Rednertribünen und Synagogenkanzeln nachgebetet wurde und wird. Die Gleichberechtigung unter den anderen Völkern der Erde, die faktisch zum erstenmal In diesen großen internationalen Körperschaften dem nen erwachten Judentum zugestanden wurde, darf sich nicht ausschließlich im Rechtsschutz erschöpfen, der naturgemäß niemals positive Aufbauarbeit und positb es Programm sein kann und alt Antwort auf eine anderswo gesetzte Tat immer der Initiahve ermangeln muß. Und es soll festge'.telM werden, daß leider die öffentliche Meinung des Judentums in der Monopolstellung des Rechtsschutzes den Inhalt jeder öffentlichen Betätigung erblickt Gegen diese verderbliche Ghettoeinstellivng allein anzukämpfen, ist auch für die Gesamtheit aller bestehenden jüdischen VötkerbrnidPigen unmöglich. Es wird der Mitarbeit a^er Führer des jüdischen Volkes bedürfen — des Publizisten wie des Rabbiners, des pH:tischen Mandatars wie des Lehrers — um diese grundlegende Wandlung in den Ansichten vorzubereiten und herbrizufÖhren, die eine Voraussetzung ist für ein Programm der Kooperation des Judentums an den großen friedFchen Aufgaben der nahen Zukunft, ein Programm, das vom Standpunkt der Umwelt betrachtet erst die Rechtfertigung für eine anßerjüdische Anerkennung und Unterstützung jeder jüdischen Gemeinschaftsbewegung zu bieten vermag. Bis dahin wird die Aufgabe der jüdischen Völkerbundligen immer eine undankbare und verkannte s°in: trotzrVm wollen wir Le gerne leisten. Tal. U 25-2-57 TUCH HAUS MÜNZ WIENI IERTLGASSE Nr. 4 KftAHERGftSSI II dmpnrt Qri%. englischer, schottischer u irischer 3)amenu, SKerrmstotfe 3)etailverkauf za Engrospreisen nt"« Der Streit um die Klagemauer Eine Unterredung mit Sir Reginald Storrs, Gouverneur von Cypern, früher Gouverneur von Jerusalem Die empörenden Vorfälle an der Klagemauer in Jerusalem haben einen Sturm der Entrüstung in der ganzen jüdischen Welt, in Erez Israel ebenso wie in den Ländern der Galuth, hervorgerufen. In zahlreichen jüdischen Protestversammlungen kam die einmütige Forderung zum Ausdruck, daß diesen unwürdigen Zuständen ein für allemal ein rasches Ende bereitet werden muß, damit sich ähnliche traurige Vorkommnisse wie die vom letzten Versöhnungstag und wie sie übrigens auch schon vor einigen Jahren, zur Amtszeit des ehe¬ Neue große Auswahl in der BMerschwefflnie ZU &•*!.-, S 2; und s 3.— Vienna, I. Bognergasse 4 maligen Gouverneurs von Jerusalem, Sir Reginald Storrs, zu verzeichnen waren, nie mehr wiederholen. Es dürfte noch in Erinnerung sein, daß Sir Storrs seinerzeit, als arabische Exzedenten die jüdischen Gebete an der Klagemauer störten, in seiner Eigenschaft als Gouverneur von Jerusalem amtliche Verfügungen traf, die als eine Schmälerung der jahrtausendealten jüdischen Rechte auf dieses geheiligte religiöse Denkmal . des jüdischen Volkes empfunden wurden. Wir haben den kurzen Aufenthalt Sir Storrs in Wien zum Anlaß genommen, um ihn nach seiner Meinung über die letzten Ereignisse in Jerusalem zu fragen. Sir Storrs erklärte unserem G-Mitarbeiter, daß er sich vor allem freue, durch die «Stimme» mit aller erforderlichen Eindeutigkeit feststellen zu können, daß alle Ausstreuungen, die über seine angebliche antijüdische Gesinnung und einseitige AraberfreumlHchkeit von gewisser, scheinbar interessierter Seite, gemacht wurden, ausnahmslos in das Reich der Fabel gehören. Man hat sich sogar — erklärt Sir Storrs — nach einem möglichst plausiblen Grund für meine besonderen «arabischen Sympathien» umgesehen und es bedeutete für die gewisse, scheinbar interessierte Seite keine große Schwierigkeit, mir die unverdiente Ehre dunkler «arabischer Abstammung», die aus einem ebenso komplizierten wie zweifelhaften «Stammbaum» abgeleitet wurde, anzutun. In Wirklichkeit habe ich mich immer um eine Pazifizierung der jüdisch-arabischen Verhältnisse in Erez Israel aufrichtig und nicht ganz ohne Erfolg bemüht. Professor Weizmann uhd S o k o I o "w haben meine diesbezüglichen Bemühungen rückhaltlos anerkannt. Allerdings Hegen die Dinge in Erez Israel so, daß man nur schrittweise und in vorsichtigem Tempo eine Ausgleichung der inneren Differenzen, die heute noch zwischen Juden und Arabern bestehen und deren deutlicher Ausdrück die bedauerlichen Zwischenfälle an der Klagemauer sind, zu erreichen in der Lage sein wird. Ich kann mich zu den politischen Maßnahmen des jüdischen Jischuw und der Zionistischen Organisation, die auf eine Klärung der Besitzverhältnisse an der Klagemauer abzielen, aus begreiflichen Gründen nicht äußern. Schon zu meiner Amtszeit und auch früher wurden von hervorragender jüdischer Seite Ver- Legende auf dem Theater «Ger Zedek» (Der Dukus) von A. Kacisne ln den Jüdischen Künstlersplelen Der Erfolg von An-sk's «Dybuk» hat der dramatisierten (besser: theatraiisierten) Sage und Legende auf die jüdische Bühne geholfen. Der Prager Golem, Salomo Molcho, der Ger Zedek von Wilna, sie a'le sind in den letzten Jahren zum Bühnendasein erwacht. Ob auch zu dramatischem Leben, das sei dahingestellt. Aber der visuellen Wirkung auf das Publikum (für die allerdings der Film gerade bei PhantasiegestaLen und -gebilden das tauglichste Mittel ist) sind alle diese neubeschworenen Erscheinungen ((er Vergangenheit gewiß, mögen sie nun mit rein ethnographischen, mit romantischen oder anderen Zaubersprüchlein zitiert werden-. Solcher Wirkung sicher, hat Alter Kacisne, der Sachwalter des literarischen Nachlasses von S. An-ski, die historische Legende von dem polnischen Edeimann, der Jude wurde und als Jude litt, in szenische Form gekleidet. Mit nicht gar tiefen, nicht gar logischen, aber darum gerade um so theaterwirksameren Motivierungen. Eines polnischen Dukus Sohn fühlt, daß die Waffe zum Fluch der Welt geworden, da sie, geistlos, den Geist zu töten vermag; er erkennt, daß das einzig waffenlose unter den Völkern, das ewig verfolgte jüdische Volk, das Licht Gottes, den Geist auf Erden bewahrt; dies ist der «Bund» dieses Volkes mit dem Göttlichen und der junge Dukus vollzieht an sich das Zeichen des Bundes. Doch er fühlt, daß er, im alten Fluch der Menschheit geboren, nicht als Jude leben kann; deshalb stirbt er als Jude, von einem jener verraten, bei denen er das göttliche Licht gesucht. Die {historische Legende ist viel, viel einfacher und — jüdischer als der Kommentar, den Kacisne zu ihr gibt, um sie für die Bühne zu gewinnen. Es werfelt an manchen Stellen bedenklich und überdies hat der Autor, auch sonst im Getriebe des Tages bewandert, den gerissenen Stuckeschreibern oder -nachschreibern der mitteleuropäischen Nachbarschaft mancherlei Erfolgsicherndes entlehnt: eine verschmähte Jungfrau hansmüllert mit betont orglastiscner Philosophie der Sünde durch das Stück und ein Mah-jufes-Jude bekommt im letzten Akt verifizierte Rote - Hzig-Anwandlungen. Dennoch Ist dem Autor etwas gutzubuchen, was nicht wenig ist: er hat dem jüdischen Theater etwas gegeben, was es dringend braucht: Theater, Gelegenheit zur Gestaltung, die nicht bloß auf das bis zum Ueberdruß abgeleierte Milleuschema beschränkt bleibt Das Jüdische Theater Ist In seinem fünf Dezennien wählenden Bestände noch so wenig Uber das familiäre Milleuschema hinausgekommen, daß die Aufführung von Werken, die aus dieser «Tradition» fallen, eine Tat genannt werden muß. Di« Wiener Jüdischen Künstlerspiele, die erst ein Jahr bestehen (und in der Wiener jüdischen Uebergangsatmosphäre sehr kümmerlich bestehen), haben eine solche Tat gewagt. Sie entspringt der Initiative eines neuen Mannes, der sich mit dieser Aufführung sozusagen programmatisch festgelegt hat S. I r i 5, früher Schauspieler und Regisseur in der Wilnaer Truppe und In New York, Ist zum Ensemble der Jüdischen Ktinstlersp-iele gestoßen und hat Kacisnes «Ger Zedek» ln einer farbigen, lebendigen Aufführung herausgebracht. Damit hat er den Befähigungsnachweis gegeben, daß er dieser jungen jüdischen Bühne ein künstlerisches Profil zu geben vermag. Hoffentlich gelingt es ihm. Wenn es ln Wien eine jüdische Schichte gibt, die an echter jüdischer Theaterkunst Interesse hat, so sei sie nachdrücklich auf die Arbeit { dieses neuen Mannes aufmerksam gemacht, die im ersten Anlauf Leistung geboten hat. Schauspielerisch stand Herr Iris ebenfalls obenan*, er steigert den bereits erwähnten Mah-jufes-Juden zur Idee der sich selbst eklen Würdelosigkeit und hat dabei darstellerische Momente von höchster Intensität, Jie Im Gedächtnis bleiben. Leider h*tte er für die «nichtjüdische Abteilung» des Stückes keine adäquaten Gegenspieler (ein Mangel, der auf dem jüdischen Theater .mmer wieder stark fühlbar ist, da es eben zu sehr ln der Tradition des familiären Milieus verfangen ist). Dennoch gelang es der treibenden künstlerischen Kraft des Regisseurs, ein gut nuanciertes Zusammen* spiel zu erzielen, in dem Jona Reismanns große schauspielerische Intuition genußreiche Momente bot, B. S i g a 11 einem Narren Töne echten Schmerzes verlieh, Frau W e i n t r a u b - G r a f die Ihr atiferlegten erotischen Ekstasen Harmonisch gliederte und die Damen Dreiblatt und Iris Episoden mit einfachen Mitteln -'Irksam machten. Szenisch machte besonder* das Schlußbild Eindruck. Das Publikum war rasch gewonnen; Theaterspannung und intensive Schauspieleret hielten es in Atem und brachten einen starken Erfolg. Siegfried Schmitz. Prozeß um eine Synagoge Die Judengemoinde von Promontor klagt die Exkaiserin Zita Vor rund dreißig Jahren meldete sich eine aus den Mitgliedern des Präsidiums der jüdischen Gemeinde von Promontor bestehende Abordnung ln Wien sur Audienz beim Kaiser und König Franz Joseph I. Die kleine Judengemeinde hatte keinen eigenen Te^d*

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