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Die Stimme · 1928-10-18 · Heft 42 (18.10.1928) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 42 (18.10.1928)
Date
1928-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Di« zionistische Organisation Wiens hat der jüdischen Wählerschaft ihr Wahlprogramrii kundgejnaoht Es foit eine sachliche Darlegung der zionistischen Auffassung von den Auf gaben einer jüdischen Großgemeimle, ein würdiges Dokument, das der Wählerschaft rvor Augen führt, wie .groß der Umfahg der Agenden ist, welche diese einzige im. Gesetz vfr* ankerte Instanz innerer jüdischer Autonomie nach zeitgemäßer Anschauung zu. besorgen hätte.k Demgegenüber nimmt sä / das sogenannte Programm der „Union deutsch*: österreichischer Jude«" ...... . doppelt armselig aus. Die Aufgabe der Kultus^ gemeinde soFl bestehen: „in der Pflege des Kultus, des jüdischen Religionsunterrichtes sowie der in unserer Religion tief begründeten sozialen Fürsorgetätigkcit“. Es ist keine neue Gruppe,, die hier um das .Vertrauen der jüdischen Wähler wirbt; es sind i vielmehr zum Großteil Männer, die seit langen Jahren in der Wiener Kultusshibe sitzen, es ist eine ■Gruppe, welche, he-ute völlig richtungslos, .einen ■fetzten kümmerlichen Ableger eines abgewirtschafften jüdischen Liberalismus bildet, eine Gruppe, welche seit Jahrzehnten -die Mehrheit in der jKuHtusstufbe innebat, die also für den Zustand des heutigen Wiener Judentums den Großteil der Verantwortung trägt., Wdehe Früchte hat diese „Pflege des Kultus“ getragen, welche die Uniomsraeliten seit Jahrzehnten so eifrig besorgen, des „Kultus und der sittHchrel'Lgiösen Erziehung“, dem sie nun, wie ihr Programm verspricht da-s „Hauptaugenmerk widmen“ wollen? ihr© Wirtschaft die Wirtschaft von Leuten, die im Judentum lediglich eine Religion „erblicken“, hat es dahin gebracht daß in Wien eine Generation heran wächst, herangewachsen ist, der alle Kennüds vom Judentum, jegliches Wissen um dessen Wert und Geistesschätze fremd Ist, (die kaum imstande ist ein hebräisches Gebet zu buch, «tabieren, geschweige denn zu dessen Verständnis vorzudringen. Der „Kultus“ freilich ist m bester Ordnung: in den Synagogen geht es an den jüdischen Feiertagen ruhig und gesittet zu, ältere Beter, die in althergebrachter Weise sich etwas lautere Ausbrüche wahrer jüdischer Andacht zuschulden kommen lassen, werden vou uniformier ton Schomossim zur Ruhe gewiesen und auch das Begräbniswesen funktioniert klaglos. Mit dieser intensiven „Pflege des Kultus“ aber — Kultus ist an-sich.ein fragwürdiger Begriff, der jedem echten Judentum fremd ist — geht der Abfall vom Judentum naturgemäß Hand in Hand, die einzig© traurige Aktivpost von Jahrzehnten unioiristischer Kultusgemeindewirtschaf 11 Ebenso wie mit dem „Kultus“ sieht es mit dem jüdischen Religionsunter rieht, imt der sogenannten „sittlich-religiösen Erziehung“ aus. Diese Erziehung — es ist nicht S c h u Id der Lehrerschaft, sondern des Lehrprogramms und nament* lieb des Unterrichts u m tätiges geht darauf aus, der jüdischen Jugend einen unlebeadlgen Konfessionallsraur. in küihmerlichsten Brbpkeb als Judentum zu 'präsentieren. ‘ Sie mit Stol? und Wissen zu wappnen, sie gegen alle die Lopkuhg^b;ypn aiiöen zu schützen, sie wirklich mit der Kenntnis-’jüdischer Geschichte, jüdischen Wesens und. Wertes . auszustatten, ihr bei?u- .bringen, daß Judentidu hohes Erbe und zugleich zu- . kiinfisyolle Kulturkräft Js4''dazii ist diese Erziehung unfähigund-sie .hatte Zelt,, .^fese Unfähigkeit reieiit; lieh upö,- örweisen. Wollen1 idie Herren von der ,.Un|on“ neue Erziehung; '^reichenden,' “wirklichen h 'Judentumsuhiterriciltr: Äferweisudg iii der heferäi* * sehen Sprache.? Ihr “räätentäres Programm sagt nichts davon; und k a n n ityiezu nichts äussagen, dertn wollten die iVÜniQtiisteh“ wirklich all das, es wäre nicht mehr das programmatische sterile Pfetätsjudöfttum mit dem kurzen Atem; der für eine Generation langen mag — es wäre der Weg aus dem Ungeist des bloßen ,4Cul,tus“ zu wirklichem jüdischem Erlebnis und das* paßt nicht ins Programm der „Union“, deren Präsident . das Niohfvorhandensein einer jüdischen Eigenart mit'Emiphase^feststeill- So begreift es sich auch, daß die „Union“ sich höchstens dazu versteigi „än der E i n h e i t unserer altehrwürdigen Kultusgcmeiude“ . festzuhalten, während ihr Programm von der größeren Einheit, jener unzerstörbaren, historischen Einheit des gesamten Weltjudentums kein Wort zu sagen weiß. Daß sie >im übrigen bestrebt sein will, die (verschiedenen k a r i t a t i v e n . Ans t a 11 e n auszubauen, die Jugendfürsorge zu fördern, eine Stelle für Berufsberatung zu errichten upd zur karitativen Arbeit die Frauen" benmzuzieherv ’ sei nicht v er schwiegen; auch soll faut Ihrem Programm die Kultusgemeinde alle Bestrebungen nach Möglichkeit fördern, um in P a I ä;s t i n a, dem Lande unserer Väter, für alle jene Glaubensgenossen, die in ihren Heimatländern nicht bleiben können oder wogten, eine neue Heimat zu schaffen“. Wir nehmen die sanfte Verbeugung vor der zionistischen Be* wegung gerne zur Kenntnis; es ist immerhin tnteres'sant, daß sogar das Scheuktappenjudentum der „Union“ — wenigstens im Wähiprogramm — ein wenig hinauslugt, um das Wehen des Zeitgeistes einzulassen. Aber jeder Kenner von Verhältnissen und Persönlichkeiten wird wohä zugeben, daß karitative und soziale Fürsorgetätigkeit und nicht zuCetzt die Förderung des palästinensischen Aufbauwerks bißigerweise anderen, moderneren Kräften anzuvertrauen sein wird. Die „Union“ stellt sich „hehre Aufgaben“. Aber keine von Ihnen ruft ihr Programm pathetisch aus — hat irgend etwas mit Politik: zu tun; in der Kultusstii'be will die „Union“ 'beileibe „kein Hinnbgtelten -in die politische Arena dulden“. Es ist klar, daß hier mit dein Schlagwort von „Poutir gespielt wird, tmi dem braven Bürger Angst zu machen. Auch wir sl nd, dag egen, d a ß der KUssenfcamiPf ge danke, in’ die Kultus* $ t u bfo'&M % t n Hieü d «»IN? vtmm die „Union“ meint daß. 4ü* Proxrämtn mit dem Sciriagwort' „Politik“ abzutoin sei so befindet sie sich in einem tragischen Irrtum. Wenn ihr der Ausbau der „israelitischen Kultusgemeinde“ zu einem „anerkannten MitteMpuukt pulsierenden jüdischen Lebens“. •— damit wir auch einmal unser eigenes Programm zitieren — einfach „Politik“ bedeutet, so möge sie wissen, daß nur diese Politik die Wiener jüdische Großgemein-d© vor dem Verfall bewahren kann, dem sie durch die unpolitische „Union“ nahe genug gebracht worden Ist r. d. Ein stilles Jubiläum Fünf Jahre Jüdische Völkerbundllga für Oesterreich f . Von Df. Oskar Karbach , Vor der Eröffnung der Jüdischen Reohtsschufe* ^ionpsrcftsr^ihitiSorautter 1927 habe ich in mehi&rÜ! Blättern der Meinung Ausdruck gegeben, daß als ihr Maximalergebnis die Schaffung eines tauglichfeh „Alarmapparates“ in allen Fällen der Bedrohung oder Beugung jüdischer Rechte zu erwarten sei. Meine Auffassung hat bei einigen Doktrinären der Konferenz Widerspruch gefunden, die in Verkennung der 'tatsächlichen Kräfteverhältnisse ein derartiges Ergebnis als ungenügend bezeichnten und aktive Maßnahmen zur Wahrung der jüdischen Interessen forderten: die Entwicklung de<r Folgezeit hat mir RecW gegeben. Die Jüdische Völkerbundliga für Oesterreich, die älteste überhaupt, die demnächst auf einen fünfjährigen. Bestand zurückblicken kann, ist auf diesem, unter den gegenwärtigen Verhältnissen einzig möglichen Weg vo-ran-gegangen und darf mit einiger Genugtuung auf die Tatsache tonweisen, daß säe in den a»ögelauferien vier Jahren (1924 bis 1928) nicht weniger als zehn internationale Kongresse, *) oftmals als-ein. zige vertretene jüdische Korporation und fast mime»»- an weit entfernten. Versammlungsorten», unter nicht unbeträchtlichen Opfern an Mühe, Zeit und Geld beschickt und sich dadurch ohne Zweifel Verdienste um die. jüdische Sache erworben hat. Hier sei etwa nur kurz an ihre Mitarbeit bei der Behandlung der Frage des Numerus clausus in Ungarn, .der Judenverfolgungen in Rumänien, des Verbotes der Salbbatruhe. ln Griechenland erinnert, die trotz aller nicht zu vermeidender Verschileppungsiversuche der jeweiligen Gegenpartei durch das Eintreten der jüdischen Völkehbundflgen zu einem befriedigenden Abschluß innerhalb der Union ge»führt werden konnten. Die praktische jüdische Arbeit der Gegenwart erhält wesentlich ihr Gepräge durch die Sammel- ♦) Plenarversammlungen der Union der VölkerbundMgen in Lyon 1924, Warschau 1925, Aberystwith (Wales) 1926, Berlin, 1927, Haag 1928. Generalratssitzungen in Lausanne 1925, Salzburg 1926, Brüssel 1928. Minoritätenkongreß Genf 1926, Jüdische Rechtsschutzkonfenenz Zürich 1927. Beachten Sie ln dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichtei Der Streit um die Klagemauer. Ein Gespräch mit Sir Reginald Storra. Prozeß um eine Synagoge. Der nichtzionistische Anteil m Palästina-Aufbau. Die «Helden» von Wiener-Neustadt. j Jüdische Musik für Klavier (Schluß). Voh J. Stutschewsky. Wie die Juden tinet in Polen lebten. %m Prof. Df. ifc Balaban (Warschau), SporL Schach, Rftteei/Humon

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