Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1928)
- Date
- 1928-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME U: KOHLEHUTTENKOKS ANTHRACIT ENAL. Quatitätssorten — Billigst BASCH, IV. Tala(lll U 46-403 Argentlnlersfr. 22 T® 9p"'U 41-287 ■ab.Hi.kHen das „KEREN KAJEMETH» Das Land ohne Antisemitismus Von Univ.-Prof. Adolpho Benarus (Lissabon). Ein Land, dessen Juden , und Haibjuden, Marannen, Spaniolen und Ostjuden, ausnahmslos Zionisten sind — das ist Portugal, das einst Sn der Martyrologie des jüdischen Volkes eine führende Rolle spielte und nun seit der Ausrufung der Republik den kühnen Versuch unternommen hat, ganz ohne Antisemitismus auszukommen. Wir erfahren dies aus den interessanten, aufschlußreichen Aeußeruitgen des gegenwärtig in Wien weilenden Präsidenten der zionistischen Organisation Portugals, Universitätsprofessor Dr. Adolpho Benarus, der in einer Unterredung mit unserem G-Mitarbeiter ein fesselndes Bild vom Leben der Juden in Portugal entrollt. Prof. Benarus erzählt: Neben den nahezu vierzigtausend Marannen, die zunächst in den Dörfern und Gebirgsgegenden des Landes wohnen und von denen noch besonders gesprochen werden soll, leben ln Portugal im ganzen etwa tausend Juden, von denen ungefähr die Hälfte die sogenannten «Spaniolen» sind und der Rest aus den nach dem Kriege eingewanderten Ostjuden besteht. Die vielfach verbreitete Ansicht, als cb es zwischen den einheimischen Spaniolen und den neueingewanderten Ostjuden tiefgehende Differenzen geben würde, sind in das Reich der Fabel zu verweisen. Keine der beiden jüdischen Gruppen, deren Angehörige fast ausnahmslos in der Hauptstadt des Landes leben, denkt daran, aus der Verschiedenheit ihrer Herkunft und Erziehung Separierungstendenzen ableiten zu wollen. Die ehemalige aristokratische Ueberheblichkeit der «Bodenständigen», die sich eine zeitlang für die eigentlichen Edeljuden gehalten haben, haben nun gerade bei . den armen ostjüdischen Immigranten, den kleinen Händlern und Arbeitern, die den Zionismus aus Po l en und R um ä n i e n nach Lissabon verpflanzt hatten, eine gewisse geistige Ueberlegenheit beobachtet, eine intensivere Lebendigkeit der national-kulturellen Tradition, die dem innerlich stagnierten portugiesischen Judentum neue kräftige Impulse gab. Heute ist die gesamte jüdische Bevölkerung Portugals im Zeichen des Zionismus geeinigt und diese innere Geschlossenheit des portugiesischen Judentums hat auf das Verhältnis der Regierung und der allgemeinen Bevölkerung zu den Juden entscheidend eingewrrkt. Es gibt heute keinen Antisemitismus in Portugal und die Regierung würde einer weiteren jüdischen Ein wan derung, soweit dies die Aufnahmsfähigkeit des Landes zuläßt, zweifellos keine Hindernisse entgegensetzen. Allerdings erscheint es gegenwärtig nur für qualifizierte Arbeiter und Handwerker ökonomische Möglichkeiten zu geben. Auch die Marannen, die sich noch immer für die eigentlichen, echten «Judeos» halten, stehen den eingewanderten Ostjuden mit Sympathie gegenüber. Sie beginnen im allgemeinen immer mehr aus ihrer Abgeschiedenheit herauszutreten und in letzter Zeit häufen sich bei den Marannen sogar die Uebertritte , zum Judentum, die sie freilich und «bedingt» vollziehen, da sie von einer Beschneidung nichts wissen wollen. Sie leben in den Gebirgsgegenden des Landes als Landarbeiter, Handwerker und Bauern und sprechen mit großer Begeisterung von den jüdischen Bauernsiedlungen in E r e z I s r a e l. in dem Lande, das sie als ihre eigentliche Heimat betrachten. Der «autonome» Numerus clausus der Hochschulen An den Leraberger Hochschulen hat sich nach und nach ein System des faktischen Numerus clausus heraus* gebildet. Das Ergebnis der Inskriptionen in diesem Jahre ist ein noch schlechteres als in den vorangegangenen Jahren. An der medizinischen Fakultät hat man: unter 120 Neuinskribierten bloß IO Juden (8 Prozent) ausgenommen. 300 Aufnahmsgesuche jüdischer Studierender wurden ab gewiesen. (Im vergangenen Jahre hatte man 15 jüdische Studierende aufgenommen.) An der juridischen Fakultät sind unter 541 Neuinskribierten 1 2 6 (23 Prozent) Juden. An dieser Fakultät wurden jüdische Aufnahmewerber mit Vorzugszeugnissen, Söhne jüdischer Beamter und Juristen), wegen Jedes Plattfaßleiden schmerzlos behoben Erzeuge für Frostballen, empfindliche, leidende sowie Senkfüße leichte orthopädische Schuhe. Was auf Grund meiner langjährig erprobten Praxis eingebaute Eulagen, daher von normalen Schuhen nicht zu unterscheiden ist. Garantie für Heilung und jede Paßform und angenehmes Gehen Komme auf Bestellung Ins Haus HANS VEIGL vorm. Bubcnicek Spezialwerttsiatfe lür orthopädische Schuhe IV.. Stirhemberfffuse 5/7, Parterre ihrer Zttgehörigknt zur jüdischen Religion zurticfcgeiwteaen. An der Lemberger Technischen Hochschule wind der «autonome» Numerus clausus noch weit stärker gehandr habt. An der Mechanischen Fakultät z. B. wurden unter 220 Studierenden mir II J ti d e n (5 Prozent) ausgenommen. Merkwürdige Gerichtsbarkeit Vor ungefähr acht Jahren wurde in dem polnischen Städtchen Konstant! now der angesehene jüdische Kaulfmanu G o 1 d r i n g unter Spionageverdacht arretiert und vor das zuständige Feldgericht gestellt. Der Beschuldigungsakt gegen den jüdischen Kaufmann stützte sich hauptsächlich auf dte belastenden Aussagen seines Feindes Adam Olszewski, der überdies ein wütender Judenfresser war und keine Bedenken trug, unter Eid ausausagen, daß Goldring zugunsten Sowjetrußlands Spionage in Polen getrieben habe. Auf Grund dieser Zeugenaussage wurde Goldring vom polnischen Feldgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Der Justifizierte fjinteriieß ein einziges Kind, den damals zehnjährigen Rüben, der, von der Unschuld seines Vaters überzeugt, idem lügenhaften Verleumder Olszewski ewigen Haß und Rache geschworen hat. Acht Jahre lang bnannte der furchtbare Schmerz um den frühen Tod des unschuldigen Vaters in der Seele des jüdischen Knaben. Im Februar des vergangenen Jahres lauerte der min schon achtzehnjährige Rüben dem Mörder seines Vaters auf und schleuderte ihm einen schweren Ziegelstein an den Kopf, mit dem er ihn schwer verwundete. Der jüdische Jüngling wurde zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt, wobei sich das polnische Kreisgericht die merkwürdige Urteilsbegründung leistete, daß man den von der Verteidigung geführten jüdischen Entlastungszeugen keinen Glauben schenken könne, da sie der gleichen Reli gion an gehören, wie der Beschuldigte. Gegen diese höchst sonderbare Urteilsbegründung, sowie gegen das Urteil selbst, berief die Verteidigung an das Warschauer Appellationsgericht. Es. wurde darauf hin gewiesen, daß der junge Goldring, der das Leben seines unschuldig verurteilten Vaters rächen zu müssen glaubte, den Ueberfall auf Olszewski im Affekt verübt hat, für den er nicht voll verantwortlich gemacht werden kann. Das AppeBationsgericht hob nun das erstgericbtliche Urteil auf und setzte die Strafe auf ein Jahr herab, wobei gleichzeitig Amnestie vorgeschlagen wurde. Eigen« Werkstatt« Ittr Pelxkonfektlon übernimmt auch sSmlliche Reparaturen ALEXANDER BRAUN KURSCHNERMEISTER WIEN, n.GLOCKENQASSE 18/5 TEL. R 40-9-25 Lexikographischer Antisemitismus Ueber die antisemitische Orientierung, zu welcher der Benützer von Meyers Lexikon geführt wird, wurde schon anläßlich der früheren Auflagen wiederholt Klage geführt. Seinerzeit vor dem Krieg hat der Verlag, als er die Empörung nicht nur der Juden, sondern auch der damals noch nennenswerten Vertreter der liberalen und unvoreingenommenen Geschichtsforschung merkte, das bindende Versprechen gegeben, bei der nächsten Ausgabe vorsichtiger zu sein und jede Meüvungsfärbung im Lexikon m vermeiden. Die neue Auflage zeigt, daß der Verlag sein Versprechen nicht eingehalten und vielleicht mehr denn je sich über alles, was mit dem Judentum zusammenhängt, von Rassenantisemiten belehren ließ. Es ist hier nicht der Platz, auf alle die Stellen einzugehen, die das Judentum ostentativ vom rassenantisemitischen Standpunkt behandelt, und selbst dort, wo das nicht ganz klar zum Ausdruck gelangt, ist diese Unklarheit gerade dazu angetan; über das Judentum, über jüdisches Wesen und jüdischen Kult unwahre, das Judentum herabsetzende Ansichten zu verbreiten. Es wird jedenfalls gut sein, bei der Benützung des «Meyer» die größte Vorsicht walten zu lassen. Aber nicht nur das Meyer- Lexikon zeichnet sich durch antisemitische Allüren aus, auch das in Frankreich jetzt in neuer Auflage erscheinende «Larius-Lexiko n» erweist sich in Faagen von Juden und Judentum als recht unverläßlicher Wegweiser. Wohl sind bisher bloß die ersten Hefte dieser «Schatzkammer allen positiven Wissens», wie der Verlag des französischen Lexikons es nennt, erschienen, doch auch diese wenigen INätter schon zeigen, wohin der Weg durch diesen Meilen- 'zeiger der menschlichen Kultur zu führen gedenkt. Wie die französischen Blätter feststelien, ist die Herausgabe dieses Lexikons ein Unternehmen katholischer kirchlicher Kreise. Damit ist eigentlich die Stellungnahme der Herausgeber von selbst gegeben. Es wird jeder Sozialste nführer als «Israelit» eingeführt, und von diesem Gesichtspunkt behandelt und beurteilt. So ist z. B. für die Autoren des französischen Lexikons bei dem Aufsatz Über Viktor A d I e r die Tatsache, daß er «Israelit» war, so wichtig, daß 6eine Charakteristik einfach so beginnt: «Israelit, der usw.». Viel mehr weiß das famose Lexikon übrigens Uber Adler nicht zu sagen. Was sonst noch in den ersten Bogen an Jüdischem oder scheinbar Jüdischem gedruckt ist, ist sicherlich nicht das Ergebnis selbständiger, vorurteilsfreier Forschung, sondern weit mehr aus sonst 90 verhaßten trüben deutschen Quellen geschöpft. Alle jüdischen und hebräischen Gesänge, welche von Oberkantor Josef Rosenblatt auf nebengeräoschfreien Columbia-Platten.; aufgenommen wurden, hält das M u s 1 k h a u s «E x c e I s 1 o r», Wien, L, AdJergasse 5 und ii„ Kleine Pfarrgasse 28, stets auf Laser. (Entgeltlich.) Zwangsarbeit für das «Verbrechen» des Talmudstudiums In Sowjetrußland, im Lande der «Freiheit», hat der jüdische Schächter Gur-Arjeh, ein großer Talmud, gelehrter, alabeaidlich nach dem Beten Vorträge aus Talmud und Midrasch für Erwachsene und Jugendliche gehalten. Er dächte keinesfalls daran, vom friedlichen Midrasch aus das Regierungssystem der Sowjets gewaltsam umzustürzen, oder an der Hand der Disputationen zwischen den babylonischen Tanaim konterrevolutionäre Propaganda zu betreiben. Ihm schwebte vielmehr das harmlosere, nähertiegemte Ziel vor den jüdischen Mitbürgern des Städtchens Rom!», ln dem er als Schochet und Vorbeter wirkte, die Schätze der alten jüdischen Literatur, deren Lektüre, wie er in seiner Verteidigungsrede vor Gericht ausführte, nicht allein ein religiöses Gebot, sondern auch im höchsten Maße belehrend und von großem praktischen Nutzen ist, zu vermitteln. Das gestrenge Tribunal aber lehnte diese Argumentation mit Entschiedenheit ab. Für die Richter der Freiheit war der arm« thorabeflissene Schochet ein gefährlicher Geheimbündle», der. im Bethause konspirative Pnopagandaversammlungen abhielt, und an dem daher ein Exempel zu statuieren war. Er wurde zu fünf Monaten Zwangsarbeit verurteilt. Maxim Gorkis jüdischer Adoptivsohn Es dürfte nur wenig bekannt sein, daß der berühmte russische Dichter Maxim Gorki einen jüdischen Adoptivsohn hat, an dem er allerdings keine große Freude erlebt hat. Es war in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts, als Gorki zusammen mit den russischen Schriftstellern Korolenko, Tschirikoff und anderen von der zaristischen Regierung strafweise nach Nishni Nowgorod verschickt wurde. Dort lernte er einen jungen jüdischen Verbannten namens Sinowi Swerdloff kennen, dessen er sich mit großer Zuneigung annahm. Da Swendioff noch ganz jung und elternlos war, adoptierte ihn der Dichter und legte ihm auch seinen eigenen Familiennamen Peschkoff bei. Gorki setzte große Hoffnungen in seinen jüdischen Adoptivsohn, dem er eine glänzende Zukunft in der revolutionären Bewegung Rußlands voraussagte. Viele Jahre lebte Swerdloff- Peschkoff bei seinem Vater Gorki in Rußland und später in Italien, wo er Mitarbeiter und Privatsekretär des bekannten russischen Schriftstellers Amphitheatroff wurde. Dieser aber machte eine innere Wandlung vom ehemaligen Revolutionär zum Anbeter des faschistischen Regimes durch und zusammen mit ihm wandelte sich aus Gorkis Sohn. Zwischen Swerdloff-Peschkoff und seinem Adoptivvater entstanden nun immer tiefere politische und persönliche Differenzen, die den jungen Mann veranlaßteu Italien zu verlassen und in die französische Fremden! e gio n einzutreten. Später wurde er zum Referenten für russische. Militärfragen in das französische Außenministerium berufen, und heute gilt Swendloff-Peschkoff, der jüdische Adoptivsohn Gorkis, als Führer der zaristischen Restaurationsbewegung in Frankreich. Die Streichung Herzls aus der Pester Chewra Kadische zurückgezogen Wie bekannt, wurde Theodor Herzl, der aus Budapest stammte und) als junger Mann noch Mitglied der großen Chewra Kadischa wurde, im Jahre 1904, einige Monate vor seinem erfolgten Tode, aus der Liste der Mitglieder gestrichen. Ais vor einigen Monaten diese Tatsache bekannt wurde, hat sie in der jüdischen Presse der ganzen Welt Befremden und Entrüstung hervorgerufen. Auch das Organ der ungarischen Zionisten «Zsido Szemle» hat damals diese Angelegenheit behandelt und die Budapester zionistische Organisation intervenierte beim Präsidium der Chewra- Kadischa, wegen Zurückziehung der Mitgliedsstro'ch'ung. Wie Budapester Blätter melden, war diese Intervention erfolgreich, und die Chewra-Kadischa hat unter Feststellung, daß die seinerzeitige Streichung keinerlei Spitze gegen Dr. Theodor Hera! gehabt habe, den StreiohungsbescMuß außer Kraft gesetzt. Kleine Nachrichten Wie aus K i s c h i n e w mitgeteüt wird, war In diesem Jahre in ganz Bessarablen eine katastrophale Mißernte zu verzeichnen. Die Ernte hat nicht einmal die Aussaat cingebracht. Die Auswirkungen sind um so be«» drohlioher, als schon die Ernten der letzten fünf Jahre weit unter Mittelmaß waren. Die jüdische Bevölkerung Bessarablens, die sehr von der landwirtschaftlichen Pro-i duktion abhängig ist (Handel mit Landwirtsdhaftsproduki ten usw.), ist schwer betroffen; große Teile der Jüdischen Bevölkerung leiden buchstäblich Hunger. Um dieser furchtbaren Notlage abzuhelfen, haben verschiedene Kreise der jüdischen Bevölkerung ein Hilfskomitee gegründet Im Warschauer Rayon bestehen gegenwärtig 108 jüdische Kreditgenossenschaften mit 35.000 Mitgliedern (darunter 15*000 Handwerker, 12.000 Kleinhändler, 4000 Kaufleute) und eigenem Kapital von 2% Millionen Zloty. Im ersten Halbjahr 1928 haben diese 108 Genossenschaften Darlehen an ihre Mitglieder von 30 Millionen Zloty gewährt. Sohalom Raschba, euer der Führer des Hcchaluz in Rußland und Direktor einer Siediungskollektive, wurde vom Minsker Gericht wegen zionistischer Betätigung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, aber provisorisch auf freiem Fuße belassen.