Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1928)
- Date
- 1928-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIB STIMME Nf. 41 allein, sondern rum großen Teile auch durch die von den Gemeindemitgliedern ohne Unterschied bei den verschiedensten Anlässen entrichteten Abgaben, Taxen und Gebühren aufgebracht werden und außerdem eine übergroße Zahl religiöser und gemeinnütziger Anstalten und Einrichtungen, deren Erhaltung in den Pflichtenkreis der Kultusgemeinde fallen würde, iforen Bestand den freiwilligen Leistungen von Gemeindeaiigehörigen v» rdankt, so kann mit Recht behauptet werden, daß es kaum ein Gemeindemitglied gibt, das nicht unmittelbar oder mittelbar zur Erhaltung der Gemeinde und ihrer Einrichtungen materiell beiträgt. Die gegenwärtige Wahlordnung, nach welcher das Wahlrecht außer an die amtswegige Vorschreibung und Entrichtung der Kultussteuer auch an eine mehr als zweijährige Steuerseßhaftigkeit gebunden ist, schließt infolge dieser Voraussetzungen ungerechtfertigt den größeren Teil der Gemeindemitglieder, darunter auch eine beträchtliche Anzahl von Steuerträgern, von der Wahl ln die Gemeindevertretung aus. Die Ausschließung von beruflich im R i t u s, In der Gemeindeverwaltung und Im Lehramte tätigen oder tätig gewesenen Personen von dtr Wählbarkeit ist veraltet und durch den Zeitgeist längst überholt. Den jüdischen Frauen, die durch ihre allseits anerkannte Tätigkeit auf dem Gebiete der Erziehung und sozialen Fürsorge sich ein begründetes Recht auf Mitbestimung erworben haben, ist durch Zuerkennung des passiven Wahlrechtes der ihnen gebührende Anteil an der Verwaltung der Gemeinde zu gewähren. Unter Beibehaltung des ProportionalrWahlrechtssystems hat aus den Gründen der möglichsten Wahrung des freien Bestimmungsrechtes der Wähler an dis Stelle der Wahl nach gebundenen Listen, die Wahl nach freien Listen zu treten. ad 3. Die Wichtigkeit der gesicherten Stellung der Judenschaft rm Staatsleben macht es der Kultusgemeinde zur Pflicht, jederzeit für die Wahrung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung einzutreten und als die alle Ju’den Wiens und somit den Großteil der österreichischen Juden umfassende öffentlich-rechtliche Organisation die Trägerin jener kollektiven Rechte zu werden, die nach den Verfassungsgesetzen der jüdischen Bevölkerung als ethnischen und religiösen Minderheit eingeräumt sind. Die Kultusgemeinde ist insbesondere dazu berufen, für die ungeschmälerte Erhaltung und praktische Verwirklichung der der Judenschaft auf dem Gebiete des ReHgions-, Wohlfahrts-, Erziehungs- und Unterrichtswesens zustehenden Autonomie einzutreten und im Hinblick auf den Ihr zustehenden Rechtsanspruch und unter besonderer Berücksichtigung ihrer schwierigen finanziellen Lage verpflichtet, im Sinne des seit Jahren von den zionistischen Mandataren gestellten Verlangens einen angemessenen Beitrag aus Bundes- und Gemeindemitteln für ihre Institutionen zu verlangen. Demgemäß muß gefordert werden, daß die auf Grund des in der Plenarversammlung des Kultusvorstindet vom 10 Mal 1028 zufolge einhelligen Beschlusses eingeleitete Aktion auf Sicherung eines entsprechenden Anteiles an den in dem Budget des Bundes für die Zwecke der Erziehung, Religion und Wohltätigkeit ansgeworfenen Beträgen mit aller Entschiedenheit fortgesetzt und auf die Inanspruchnahme der Beitragspflicht der Oemeinde Wien ausgedehnt wird. ad 4.!n den Pflichtenkreis und Wirkungsbereich der jüdischen Oemeinde gehören: a) Religiöse Aufgaben: Förderung aller religiösen Institutionen bei Wahrung der Freiheit der in der Gemeinde vorhandenen religiösen Richtungen unter Festhalten an der Gemeindeeinheit und an dem Gebrauch der hebräischen Sprache in der Liturgie. Ausgiebige Unterstützung und Förderung der Tempel- und Bethausvereine und der sonstigen Religions- und Ritualzwecken dienenden freiwilligen Vereinigungen und Verbände. b) Kulturelle Aufgaben: Heranbildung der jüdischen Jugend zur tatkräftigen Mitarbeit an allen schöpferischen Aufgaben des jüdischen Volkes, Erfüllung der heranwachsenden Generation mit jüdischem Geiste und Gemeinschaftsbewußtsein. Dieses Ziel ist anzustreben durch Gründung jüdischer Gemeindeschulen, in welchen nach bewährten und der jüdischen Eigenart angepaßten pädagogischen Methoden sowohl allgemeine Bildung, also auch durch PflegedesHebräischen aisiebendigen Sprache die geistigen Werte der jüdischen Kultur der Jugend vermittelt werden sollen. Reform des jüdischen Religionsunterrichtes, Errichtung jüdischer Kindergärten und Kinderheime, Ausbau des Jugendamtes und der jüdischen Berufsvormund- - ■’ "I " I —' . I —,.l .. ...I I l ' ...III n.l ■ .11.1 ll.ll.IM Nene große Answahl in der Bücherschwemmfl zu Ö l.—, S 2.— und S 8.— Vienna, I. Bognergasse 4 schaft, Ausgestaltung und Vermehrung der jugendbibliotheken in den einzelnen Bezirken, planmäßige Förderung des Volksbildungswesens, Unterstützung der jüdischen Turn- und Sportbewegung. Uebernahme des jüdischen Realgymnasiums 1h die Gemeindeverwaltung, Ausgestaltung der jüdischen Gemeindebibliothek, des jüdischen Museums, Archivs und der sonstigen in der Wiener Gemeinde bestehenden kulturellen Institutionen» Schaffung von Studentenheimen, Stiftung von Stipendien für Mittel- und Hochschüler. c) Soziale Aufgaben: Ausgestaltung der jüdischen Zentralstelle für soziale Fürsorge, insbesondere In der Richtung der Zentralisation aller vorhandenen öffentlichen und privaten jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen. Reform des Armenwesens durch Anwendung der modernen Hilfsmittel der sozialen Fürsorge unter Anpassung an die besonderen Bedürfnisse der jüdischen Gemeinschaft. Schaffung von Bezirkswohlfahrtsämtern unter Heranziehung der Bezirkskommissionen zur Verwaltung des Armen- und Fürsorgewesens, Schaffung Tel. U 25-2-57 TUCH HAUS LG ASSE Nr. 4 «AMERGASSE fl dmport Orig, englischer, schottischer u irischer ZDamen- K. fKerrenstoite 3)etailverkauf zu Engrospreisen der Institution jüdischer Fürsorgeräte. Fürsorge für Durchwanderer und Auswanderer, FÖrdcung der Chaluzbewegung, Erweiterung der Versorgungsanstalt. Ausbau der jüdischen Waisenpflege, Fürsorge für jüdische Kriegsinvalide. Hebung der sozialen Lage der Angestelltenschaft der Kultusgemeinde. ad 5. Die eigenartige Lage und sozialökonomische Struktur der jüdischen Bevölkerung erfordert eine intensive sozialpolitische Betätigung der Gemeinde zum Zwecke der Hebung des jüdischen Lebens ln wirtschaftlicher Hinsicht und tatkräftige Abwehr der auf ökonomische Schädigungen der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung gerichteten Tendenz. Diesem Zwecke haben zu dienen: Die Gründung einer jüdischen Gemeinde-Spar- und Vorschußkasse und die Unterstützung der bestehenden Einrichtungen zur Förderung jüdischer Erwerbskreise. Die Schaffung einer Steile für Arbeitsnachweis und Berufsberatung, die tätige Mitwirkung bei der Berufsumschichtung. Die Gründung und Förderung von Lehrlings- und Lehrmädchenheimen, Haushaltuugsiind. Handwerkcrschulen und Lehrwerkstätten, Schaffung eines Amtes für jüdische Bevölkerungsstatistik, jüdischer Rechtshilfe- und Rechtsschutzstellen. Vergebung der Gemeindelieferungen und Arbeiten im Wege von öffentlichen Konkurrenzausschreibungen unter unbeschränkter Teilnahme jüdischer Lieferanten und Gewerbetreibenden. Aussetzung von Stipendien für jüdische Künstler. , ad 6. Die Schicksalsgemeüischaft, die das jüdische Volk auf der ganzen Erde umschließt, verpflichte die jüdische Gemeinde Wien, als eines der größten jüdischen Zentren, ihr werktätiges Interesse an allen Angelegenheiten des Gesamtjudentums zu bekunden, an allen gemeinsamen Aktionen teilzunehmen und den Eine sonderbare Hochzeit. Von Ossip Dymow. Eine Stimme rief meinen Namen. Ich wandte mich um; zwei Personen standen vor mir, ein Ehepaar. Die Frau, deren Arm in dem des Mannes lag, war schlank und schön; kluge Augen lachten mir entgegen. Der Mann hatte graues Haar, doch sein Gesicht war jung; auch er lächelte, «Erkennen Sie mich nicht?» fragte er. «Nein ... doch ... einen Augenblick ... ich glaube ... wir sahen uns in ... in .. .» «In der Schweiz, in Zürich,» half der Mann meinem Gedächtnis nach. «Sie waren ja bei unserer Hochzeit,» ergänzte die schöne Frau mit hellem Lachen. Ich lachte mit, denn jetzt erinnerte ich mich der Hochzeit, bei der ich Trauzeuge gewesen war. Eine 6olche Hochzeit habe ich weder vorher noch nachher i* gesehen. Damals lebte in der Schweiz eine große Zahl von Jünglingen und Mädchen aus Rußland; es war die Zeit, da die russischen Hochschulen der jüdischen Jugend das Studium an den russischen Hochschulen immer mehr erschwerte. Hunderte und Aberhunderte junger Menschen, die keine Möglichkeit hatten, in Rußland zu studieren, gingen damals nach Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Dort studierten sie und — existierten; diese Zeit kommt nie mehr wieder. Eine große Reise führte mich damals zufällig in die Schweiz; das schöne, stille Zürich gefiel mir so gut, daß ich beschloß, den Sommer dort zu verbringen. So geriet ich in die jüdische Kolonie aus Rußland und lenue ihr eigenartiges Leben kennen. Eine Kolonie junger Studenten, Jünglinge und Mädchen; um sieben oder acht Uhr morgens Kolleg; Studium bis in den späten Abend; ein bescheidenes Zimmer, magere Mahlzeiten, in denen Brot, Wuret und Tee die Hauptrolle spielen; am nächsten Morgen wieder Kolleg ... neuer Kreislauf. ... Die Uhr i$t versetzt, wenn es eine zum Versetzen gab. ... Nicht von denen, die sich mit der Politik befaßten, ist hier die Rede, sondern nur von der großen Schar der künftigen Acrzte, Ingenieure und Chemiker.,.. Auch in dieser Atmosphäre von Wissenschaft und Arbeit blühte wie immer und überall die Liebe. Man liebte und heiratete, träumte und baute das Leben. Dort lernte ich Boris Barasch kennen. «Wer ist der junge Mann?» fragte ich. Die Antwort lautete: «Er ist aus Minsk und in Lisa Fink verliebt.» «Wer ist Lisa Fink?» «Sie ist aus Dwinsk und ln Boris Barasch verliebt.» «Und weiter?» «Was weiter?» Das «Weiter» kam erst später, im Sommer. Die Examina waren vorüber; in Zürich wurde es heiß; die Kolonie schmolz zusammen; denn alles ging in die Berge, die wundervollen Schweizer Berge. Eines Abends kam der junge Boris zu mir: «Möchten Sie so gut sein, zu Lisa zu gehen und ihr zu sagen, daß morgen unsere Hochzeit stattfindet? Ich habe alles dazu vorbereitet.» «Warum soll ich ihr das eigentlich sagen? Weiß Sie es denn nicht selbst?» «Wie soll sie es denn wissen?» «Dann sagen Sie es ihr gefälligst selberl» «Ich spreche nich t mit ihr; wir sind zerstritten. Fragen Sie sie, ob sie bereit ist; ich warte hier.» Er wartete in meinem Zimmer und ich ging zu Lisa. «Boris läßt Ihnen sagen, daß Sie morgen heiraten,» begann ich. «Sind Sie bereit?» «Was bedarf es da vielen Bereitseins? Sagen Sie ihm,» antwortete sie, «ich bin einverstanden. Sagen Sie ihm aber auch, daß ich nie wieder mit ihm gut werde, nie!» «Gut, ich werde es ihm ausrichten.» Als ich von meinem Botengang zurückkehrte, lag Boris auf meinem Bett. «Sie ist einverstanden,» richtete ich aus, «sie läßt Ihnen sagen, daß sie nie wieder mit Ihnen gut werden wird.» «Wer fragt nach ihrem Gutwerden?» war die Antwort. «Vergessen Sie nicht, morgen um 10 Uhr zu? Trauung zu kommen. Sie ist bei Schwarzberg.» Damit ging er. Am nächsten Vormittag fand ich mich bei Schwarzberg ein — ein kleines Gasthaus mit einem winzigen Extrazimmer für Versammlungen. Lisa stand in einem Winkel des Zimmers, Boris im gegenüberliegenden; beide waren erregt, sie sahen einander nicht an. Um sie und Ihn hatten sich Freunde gesammelt. Von Zeit zu Zeit kam einer von Lisas Freunden hastig zu Boris mit einer Frage gelaufen. «Lisa läßt fragen, wo du nach der Trauung das Mittagessen nehmen willst.» «Was für eine dumme Frage! Natürlich bei LIdko, wie gewöhnlich. Warum soll es denn heute eine Ausnahme geben?» «Noch immer böse?» fragte ich behutsam bei det Braut an. «Er wird es noch fühlen!» fuhr sie auf. «Ich will ihm zeigen...» «Gott, Sie strafen ihn doch genug damit, daß Sie ihn heiraten!» Der geschmacklose Witz kam mir unwillkürlich über die Zunge. Doch Lisa nahm es ernst. «Das ist noch nicht genug! Er soll noch fühlen...» Eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit kam der Rabbiner und die einfache Zeremonie begann. Boris und Lisa standen unter dem Baldachin und bückten übereinander hinweg, als hätte die Sache mit ihnen nichts zu tun. Ais der Augenblick kam, da Boris die schicksalsschweren Worte zu sprechen und Lisa den Trauring auf den Finger zu streifen hatte, machte er ein so grim-