Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1928)
- Date
- 1928-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40 PIE STIMME Sette T Jüdisches Mäzenatentum — aber nicht in Wien! Wie aus London gemeldet wird, hat der bekannte jüdische Philanthrop Bernhard Baron neuerdings eine Summe von 575.000 Pfund in vierprczentiger konsolidierter Anleihe zur Schaffung eines «Bernhard-Baron-Wohlfahrtstrusts für Krankenhäuser und Asyle zur Pflege und Erziehung von Waisen und verkrüppelten Kindern» gestiftet. Die Kuratoren dieses Trusts sollen gemäß der Stiftungsurkunde ln der Dauer von 20 Jahren jährlich einen Teil des Stiftungsvermögens für Institutionen verwenden, in denen verwaiste und verkrüppelte Kinder zu nützlichen Oliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden. Die Zuwendung des Kapitals soll an jedem 5. Dezember, dem Geburtstage Bernhard Barons, geschehen, und zwar sollen 75 Prozent der Gelder für christliche jnd 25 Prozent für jüdische Heime und Asyle verwendet werden. Marquis of Reading, der frühere Vizekönig von Indien, hat das Präsidium der Verwaltung des Trusts übernommen; Vizepräsident ist Herr Louis Baron, der Sohn des Stifters. Dem Kuratorium gehört eine Anzahl hervorragender jüdischer und christlicher Persönlichkeiten an. Die erste Geldzuwendung geschieht am 5. Dezember 1929, an welchem Tage Bernhard Baron das 78. Lebensjahr vollendet. Bisher hat Herr Baron insgesamt mehr als 1,250.000 Pfund für öffentliche Wohlfahrtspflege ausgegeben; mit seiner neuesten Stiftung erhöht sich die Gesamtsumme feiner Stiftungen auf fast zwei Millionen Pfund. Es ist überflüssig, zu sagen, daß ein großer Teil dieser wahrhaft fürstlichen Summe jüdischen Institutionen, wie Spitälern, Synagogen, Settlements, Waisenasylen, Mutterschaftshäusern, zugefallen ist und daß hieher auch die sehr bedeutenden Beträge gehören, welche Baron der Sache des jüdischen Paiästinawerkes in verschiedenen Widmungen zugeführt hat. Baron steht unter den Stiftern für den Keren Hajessod an erster Steile und ist übrigens mit einem hohen Kapital an der privaten Gesellschaft zur ElektrifizierungPalästinas, dem sogenannten Ruthenberg-Unternehmen, beteiligt. Der greise russische Jude, der es in England zu Rang und Vermögen gebracht hat, kennt in vorbildlicher Weise die Pflicht des Besitzes, und es ist eine altjüdische noble Tradition, die er in so seltenem Ausmaße übt. Zu allen Zeiten finden wir in der jüdischen Geschichte die Figur des Mäzens, des großen Philanthropen, des vom Schicksal Begünstigten, der Opfer bringt, um das Los seiner Brüder zu erleichtere Auch die Gegenwart entbehrt im übrigen solcher Gestalten nicht; unter den großen Philanthropen Amerikas findet man so manchen jüdischen Namen und in Europa braucht man nur auf den greisen Baron Rothschild ln Paris zu verweisen, der als erster Schöpfer der jüdischen Kolonisation Palästinas zu bezeichnen ist und der diesem seinem Lebensideal, seit Jahrzehnten bis auf den heutigen Tag, gewaltige Summen geopfert hat. Auch in Deutschland ist die Erscheinung des jüdischen Philanthropen und Mäzens nicht unbekannt und so manches Werk jüdisch-humanitärer, -sozialer oder jüdisch-kultureller Art gibt hievon rühmliches Zeugnis. In Wien hat es schließlich auch einmal Juden gegeben, welche sich dieser Pflicht des Besitzes wenigstens in bescheidenerem Umfange irgendwie bewußt gewesen sind. Aber auch diese sehr spärlichen Ausnahmen habet; früheren Generationen angehört; die heutige weiß nichts mehr von ihnen. Der eine oder andere Arrivierte, der für Zwecke spendet, die dem Judentum völlig ferne liegen, aus Motiven, die erst recht durchaus der jüdischen Sphäre wesensfremd sind oder mit dessen Gelde — man hat es auch mehr als einmal erlebt — offenkundige Judenfeinde sustentiert werden — er gehört nicht in diese Betrachtung; er bestätigt vielmehr durch sein Tun nur unsere Behauptung. Es ist nichts Verwunderliches; es ist nur natürlich: die reichen Juden von Wien, die es in gewisser Anzahl ja auch heute gibt, haben kein Herz und keine Mittel für jüdische Bedürfnisse, die paar rühmlichen Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Soferne sie pro forma noch Juden geblieben sind, ist ihnen alles Jüdische nicht nur fremd, sondern auch «shocking»; eine große Zahl von Abkömmlinegn der «Großjuden» aber, die Mehrzahl vielleicht, ist lange fahnenflüchtig geworden. Unter den Abkömmlingen all der Nobeljuden, welche zu den Vätern der Wiener jüdischen üroßgemeinde gehören und deren Bilder den Sitzungssaal unserer Kuitusgemeinde zieren, finden sich kaum etliche Kultussteuerzahler, und man gerät einigermaßen in Verlegenheit, wenn man den Warburg und Speyer, den Goldschmiedt, Landau und Wassermann — wenn man an deutsche Verhältnisse denkt — hierzulande an die Seite setzen soll. Man soll uns nicht mißverstehen. Wir denken nicht im entferntesten daran, die These zu vertreten, daß die reichen Juden «von Haus aus» die besseren Juden sind. Das Geld mag tausendmal die Welt regieren, aber es bleibt darum eine verteufelt peinliche Sache, wenn Juden andere Juden nur darum respektieren sollen, weil diese Geld und Schlösser haben. Der Adel des Geldes hat in Zeiten echten Judentums nie gegolten; dieses kennt vielmehr ein anderes «Jichus», denn dem kleinen, gedrückten konservativen Juden irgendwo im Osten gilt der fromme, redliche, wenngleich arme Abkömmling eines großen Geschlechtes von Rabbis mehr als der reiche Parvenü. An dem Verhalten der vergoldeten Spitzen der Wiener jüdischen Gesellschaft wollten wir nur aufzeigen, wie wenig Tradition diese im Grund hat, wie wenig sie sich selbst und ihre Herkunft achtet, wie ihr all das fehlt, was man wirklichen, berechtigten jüdischen «Adelsstolz» nennen könnte. All dies mag zum Teil in der fauligen Atmosphäre dieser Wienerstadt irgendwie mitbegründet sein, aber auch, und nicht zuletzt, darin, daß diese große Gemeinde seit Jahrzehnten ln einem Geiste geleitet wird, der eher geeignet ist, Gemeinschaftsgefühl und Sinn für jüdische Würde zu ertöten als zu stärken. Das seelenlose Surrogat- Judentum der Seitenstettengasse hat sich als unfähig erwiesen, die Sphäre zu erzeugen, in welcher die jüdischen Philanthropen und Mäzene gedeihen, ln der Stolz auf jüdisches Erbe — geistiges, sittliches, seelisches Erbe — erwächst, und so ist es dazu gekommen, daß die paar jüdischen Stiftungen aus besseren Zeiten ein kümmerliches Da* sein fristen, um ihre Existenz ringen, daß das Stiftungshaus des jüdischen Taubstummeninstituts zum Bei- ERFOIGREICH werden Neuralgie, Gicht, Rheuma, Ischias. Verdaungsstörungen behandelt im Therapeutischen Institut, Wien, il., AusstcUunßSstr 65/4 Auskünfte kostenlos nerren> und Damen-Hielder nach Maß B»lch* Zahlung nach üebereinfcommaii. Johann Kadna Wien, VI., Marlahilferstvaße 107, Tel. B 27-2-38 spiel demnächst von den Lehrern der Anstalt versteigert werden wird, welche auf diese Weise ihre Bezüge retten wollen, und daß nicht die Kolumnen anwachsen, die von jüdischer Opferbereitschaft zeugen, sondern die der Austrittsbewegung!. Die Finanzen der Wiener Kultusgemeinde mögen auch in nächster Zukunft ausbalanciert werden können, aber sie ist innerlich krank, und es wirkt symbolhaft, daß sie in bezug auf den Etat lebt, weil dessen Großteil durch den jüdischen — Friedhof «gedeckt» wird. Es ist wahrlich hoch an der Zeit, daß sich alle positiven jüdischen Kräfte Wiens zusammentun zum entschlossenen Kampfe um die Führung dieser Gemeinde und damit um die Rettung der Zukunft des Wiener Judentums. r. d. Fratt Rebekka Weiner 60 Jahre alt Frau Rebekka Weiner, die Vizepräsidentin der österreichischen W.LZ.0., wurde am 1. Oktober 60 Jahre alt. Sie gehört zu den Zionisten, für die der Zion’smus eine wrhrhaft heilige Sache ist. Aus diesem Grunde lernt sie seit Jahren ununterbrochen Hebräisch und sie freute sich wie ein Kind als sie bei ihrem Besuche in Erez Israel sich zu verständigen in der Lage war. Keine zionistische Arbeit, zu der sie aufgerufen wird, erscheint ihr zu gering, jede leistet sie pünktlich und mit voller Hingabe an die Sache. Frau Weiner, die sich in allen zionistischen Kreisen Freundschaft und Achtung erworben hat, wurden aus Anlaß ihres Jubeltages zahlreiche Glückwünsche und Ehrungen zuteil. Abschiedsabend für Dr. Diesendruck. Am 25. September fand Jm Klubsaal des Cafö Arkaden ein Absohiedsbankett m Büren des an diie hebräische Universität in Jerusalem berufenen Dozenten des Wiener Pädagogiums Dr. Diesendruck statt. Der Abend wurde von Herrn Löbl Taubes eröffnet, worauf Dir. Leo Goldhammer namens des Zionistischen Landeskomitees, ferner Adolf Böhm, Dr. Tartakower, A. M, Fuchs, Josef Boksenbaum, M. Chartiner und ein Vertreter der jüdischen Studentenschaft Herrn Dr. Diesendruck als hebräischen Schriftsteller und Lehrer feierten. Zum Schluß hielt der Gefeierte selbst eine kurze, geistvolle Dankansprache, die auf die Anwesenden starken Eindruck machte. Direkte Linie Triest—Palästina Nach einer soeben eingelangten Depesche aus Triest stellt der Lloyd Triestino auf seiner neugeschaffenen direkten Palästina-Linie die beiden vorzüglichen Luxusschiffe «Adria» und «Carnaro» ein, die eine rasche, direkte Verbindung zwischen der Adria, Palästina und Syrien zu außerordentlich wohlfeilen Preisen herstellt. Die beiden Schiffe sind mit dem modernsten Komfort versehen, wobei besonders hervorgehoben sei, daß die Kabinen und Salons sowohl der I. als auch der II. Klasse vollkommen mittschiffs und außenseitig gelegen sind. TUCHHAHDLUHS „ZUR SCHÄKRIH“ ALBERT HARDT WIEN I., FREISINGERGASSE 1 (ftko Bauernmarkt) Original englische Damenmäntel- und Herrenmodestoffe Die rassische Universitätsstatistik in Wien Wieder müssen wir uns, wenn auch nur ungern, mit der Wiener Universität beschäftigen. Diesmal sind es nicht die Anschlagkäslen, die immer noch voll von gemeinsten Besudelungen des Judentums strotzen, diesmal ist es, wie alljährlich zu Semesterbeginn, das amtliche Nationale, das jeder Student in mehrfacher Ausfertigung bei der Inskription auszufüllen hat. Auf Wunsch der «Kammer der deutschen Studentenschaft», eines Hakenkreuzlervereines, der sich den Anschein einer offiziellen Gesamtvertretung der Studentenschaft gibt und in seinen Zweigvereinen sogar den Titel «Amt» führt, wurde schon vor längerer Zeit in das Nationale neben der Rubrik «Religion» noch die Rubrik «Volkszugehörigkeit» eingefügt. Zuerst ganz bescheiden mit Typendruck, aber auf den neuen Formularen schon fortlaufend gedruckt, eine Kolonne vor der Rubrik «Religion». Wiederholt wurde schon von der jüdischen Studentenschaft auf die Ungesetzmäßigköit dieser Rubrik hingewiesen, jedoch ohne Erfolg, was weiter nicht Wunder nehmen darf, wenn man bedenkt, daß seit Jahr und Tag vor den Augen der Universitätsbehörden und unter ihrer wohlwollenden Neutralität die frechsten Rechtsbeugungen gegenüber den jüdischen Studenten begangen werden. Das bißchen Neugierde, die das hochiöbiiche Rektorat bei der Frage nach der Volkszugehörigkeit an den Tag legt, ist dagegen wahrlieh nur eine Kleinigkeit. Es gibt aber noch immer jüdische Studenten, die sich auf dem Nationale nicht freimütig und stolz zum Judentum bekennen und verschämt «Deutsch» hinschreiben. Wir haben noch nicht gehört, daß bei einer der üblichen Judenhatzen an der Universität jüdische Studenten, die ihre Volkszugehörigkeit auf dem Nationale verleugnet haben, geschont wurden. Auch beim Verprügeln wehrloser Studentinnen machen die rassischen Edelinge so feinsinnige Unterscheidungen nicht. Jud’ bleibt Jud' und wird zum allgemeinen Gaudium ein wenig geprügelt; man braucht solche kleine Unterbrechungen des Studienjahres, sonst wird das Nichtstudieren gar zu langweilig. Prügelknaben sind für diese Vertreter der deutschen Kultur die jüdischen Studenten, ob sie nun «Deutsch» oder «Jüdisch» in ihrem Nationale stehen haben. Wenn doch alle jüdischen Studenten das einsehen lernten! Vereinsnachrichten Zionistische Sektion VI/VII. Jeden Dienstag, 8 Uhr abends, Zusammenkunft im Cafe Mariahilf, VI., Mariahiiferstraße 89. Moadon IwrI. Die Generalversammlung findet Samstag den 13. d., y?S Uhr abends, im Lokale der Volksbibliothek «Zion», II., Kleine Mohrengasse 3, statt. Jüdisches Zentrum der Sozialen Hilfsgemeinschaft Anltta Müller (11., Untere Augartenstraße 35). Die hebräischen Kurse für Anfänger und Vorgeschrittene beginnen am 15. Oktober und werden regelmäßig Montag und Donnerstag von 7 Uhr abends abgehalten. Vormerkungen für diese Kurse werden täglich im Sekretariat von 6 bis 8 Uhr entgegengenommen. Die Jüdische Volksblbliothek «Zion» veranstaltet in ihren Lokalitäten, II., Kleine Mohrengasse 3, Sonntag den 7. Oktober, y28 Uhr abends, eine Eröffnungsfeier. Einlaß nur gegen Einladungen. Zlonl8tlscliBS LandeshomlteB für Oesfcrrelch Montag, den 15. Oktober 1928, präzise 8 Uhr abends, Olympiasaal, I., Rothgasse 5 Zionistisches Meeting Redner: Die Delegierten der Arbeitskonferenz der zionistischen Landesorganisationen Europas