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Die Stimme · 1928-10-04 · Heft 40 (4.10.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 40 (4.10.1928)
Date
1928-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 40 Sette $ Mit der Religion ist es eine eigentümliche Sache geworden. Alle führen sie im Munde und niemand nimmt sie ernst — mit Wahrhaftigkeit, mit Aufrichtigkeit, mit Religion. Jeder spricht über die Religion, niemand handelt nach der Religion. Dr. Renner predigt den «religiösen Sozialismus», die werktätigen Juden folgen seinem Beispiel und machen auch schön in Religion. Sie, Herr Präsident der Union deutschösterreichischer Juden, die an religiöse Satzungen und Vorschriften ebensowenig gebunden sind, für die die Religion bestenfalls Lebensanschauung, keinesfalls Lebensführung ist, treten ebenfalls mit der Religion als Wah’prc^ramm auf und degradieren dieselbe zu einem Politikum. Der orthodoxe Jude muß sich fragen, weicher Unterschied — abgesehen vom Klassenkampf — zwischen allen diesen die Religion gleichsam predigenden und ihre Interessen gleichsam vertretenden oder zu vertreten behauptenden Parteien eigentlich besteht, wertn die Exponenten und Wortführer aller dieser Parteien in ihrer eigenen Lebensweise jüdische Satzungen gleichsam nicht beobachten, ihre eigene Lebensführung gleichsam nicht nach dem jüdischen Kodex «Schulohan Aruch» einrichten und die Religion nur als W o r t, nicht als Tat gebrauchen. Der orthodoxe Jude begnügt sich nicht mit rhetorischer Lebensa n s c h a u u n g, er fordert wie von sich selbst f a ktische Lebensführung, begnügt sich nicht mit Worten, er will Taten, keine Predigten, sondern Handlungen. Die jüdische Religion fordert den ganzen Menschen und stellt ihn täglich und stündlich, sie legt ihm Pflichten und Handlungen, bzw. Verbote und Unterlassungen auf. Sie ist eben nicht nur eine «ethische Gemeinde» — wenn sie auch jeder Ethik standhalten kann —, in welcher man mit wöchentlichen Vortrügen das Auslancgn findet. Sie versprechen: «Pflege des Kultus, beseelt von der Liebe zu unserem Glauben, im Sinne unserer Jahrtausende überdauernden Tradition und der uns von Vater auf Sohr, überkommenen altheiligen und althergebrachten Rel.gion» (Programm der Union 1 und II). Die Wähler können Ihnen glauben oder nicht. Das werden sie auf Grund ihrer Erfahrung und ihres Gefühls zu entscheiden wissen. Sin wollen aber in die Verwaltung der Kultüsgemeinde nur «Männer von Charakter, Pflichteifer und Fähigkeit» entsenden (ebenda X). Warum nicht auch Männer von Religion? Warum nicht aucji traditionelle, altheilige und althergebrachte — gemäß der von Ihnen selbst aufgestelltc.. Grundsätze — Männer, die auch selbst den Kultus pflegen? Oder wollen Sie nur Kuratoren der Religion sein, dieselbe bevormunden Jund verwalten, ohne selbst daran irgendwie interessiert zu-sein?. Danke schön, Herr Präsident! . Und daher fragt sich der orthodoxe Jude: Wie soll ich Menschen Vertrauen schenken, die das, was sie predigen und als Leitmotiv ihrer Programme setzen, selbst nicht erfüllen, selbst nicht halten? Ist das Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Frömmigkeit, Religion? Und weiters — fragt sich der orthodoxe Jude — warum sollen die Interessen der Religion Menschen a.nvertraut werden, für die die Satzungen derselben keine Richtschnur ihrer eigenen Lebensftih- ^DIE STIMME rung sind? Ist denn die Religion in Konkurs geraten, daß sie Kuratoren benötigt? Für den orthodoxen Juden ist die Religion ein Sein, ein Leben, ein Inhalt, eine Tatsache — keine Phrase, kein Politikum, keine Formel, weder ein vergilbter Paragraph im Statut der Union deutsch-österreichischer Juden, noch ein lebloser Akt ihrer israelitischen Kuitusgemeinde. Da nützen keine Bibelzitäte in Wahlprogrammen, Zitate, die so pästorai klingen und ebensogut in evangelischen Kirchen gehört werden können. Die B.bel ist kein Wahlplakat I Wer ihre Vorschriften restlos erfüllt, ist berechtigt, in ihrem Namen zu sprechen. Mit dein Gott von Israel dar» man kein Uah.manöver treiben. Wer Gottes Wort nicht mißbraucht, ist berufen, seinen Namen anzuführen. Wer aber in eigener Person die biblischen Gesetze nicht beachtet, der kann Politik machen, soviel er will, das ist seine Sache — die Religion soll er aber aus dem Spiele lassen, das ist nicht seine Sache. Dl'ejen.gcn, die kraft ihrer eigenen, nach strenger Observanz eingcnchteten Lebensführung zunächst selbst den Beweis erbringen, daß sie ehrlich, wahrhaftig, aufrichtig, religiös s.nd, weiden es schon selbst beoorgen. Denn — um S:e biblisch zu stimmen — «mein Auge s.eht auf Redliche, die setze ich neben mir; wer auf vollendetem Wege wandelt, der soll mein Diener sein» (Psaim 101, 6), und «Ewigkeit hindurch bleibt Gottes Güte, denen, die ihn fürchten, sein Wohitun K.ndcskindern,• wenn sie halten seinen Bund, gedenken, sein Gebot darnach zu tun» (Psaim 103, 17—1Ö). Also, Herr Präsident, halten und t l n, nicht sprechen und politisieren! Wenn Sie, Herr Präsident, einen öffentlichen Charakter besitzen und ddr Sfeder Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. Die KunerohErzeugttng Steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur» fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Besirks» rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. 100% REINES KOKOSNUSSFETT jüdischen Odientlichkeit gegenüber nicht in einer geistige») Doppelgestalt erscheinen wollen, sind Sie verpfl.einet, diesen inneren und offenen Widerspruch unzweideutig aulzuklären. Genehmigen Sie, liochvereluter Herr Präsident, den Ausdruck der aufr.einigen Wertschätzung für Ihre private Persönlichkeit unu Ihren privaten Charakter, denen ich stets gegenüberstehe. Die Kultusgemeinde der reichen Juden Verminderung der Kultuswäh’erzahl in Wien — Freiwillige Steuerzahlungen werden nicht Der zionistischen Forderung auf Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes für alle Gemeindendtglieder ohne Unterschied des Geschlechtes und ohne Rücksicht auf die Steuerleistung wird von der Majorität des Wiener Kultusvorstandcs zunächst entgcgcngehalten, daß dieses «bereits durch eine Sfeueri-oistung von 60 Groschen erworben Werden kann». Abgesehen" davon, daß es irr der ganzen" Weit1 sonst niemandem zugemutet. wird, sich freiwillig zu, einer Steuerzahlung zu meiden, bestellt nach § 9 des Kultussteuerregülativs für die Gemeinde keine Verpflichtung, die freiwillig angebotenen Steuerleistungen Minderbemittelter enfcgegenzunehmen. Tatsächlich wurden in einer Reihe von Fällen in den letzten Jahren solche freiwillig angebotene Steuerleistungen, insbesondere von Studenten, unter Berufung auf diese Statutsbestlmmung zurückgewiesen. Unsere Forderung findet aber auch darin ihre Bean genommen gründung, daß das Junktim zwischen Wahlrecht und arrusweg.ger Vorsch.eibung und Entrichtung der Kultussteuer den jetzt überall zum Durchbru-ch gekommenen demokratischen Prinzipien widerspricht und schließlich, daß die Mittel zur Bestreitung der Bedürfnisse der Kultusgemeinde nicht ausschließlich, ja sogar nicht einmal zum überwiegenden Teil, durch die; Kuifussteuer gedeckt werden, sondern von allen Geineindemitgliedern teils direkt, teils indirekt beigesteuert werden, u. zw. durch die Zahlung von Taxen und Gebühren bei verschiedenen Anlässen, wie Geburten, Trauungen,. Todesfällen, Unterbringung in einer von der Gemeinde erhaltenen Fürsorgeanstalt etc. Am Tage des Beginnes der Reklamationsfrist gaib es 34.864 Kultuswähler, d. s. 17.30 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung, die im Jahre 1923 mit 201.513 gezählt wunde. Daraus ergibt sich, daß 82,7 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Wiens vom Wahlrechte ausgeschlossen Denn sie ist selbst wertfrei und sie kann daher den gegensätzlichen Wertungen zur Stütze dienen. Man hat z. B. mit dem Darwinschen »Kampf ums Dasein» eine aristokratische Welt postuliert, die Herrschaft des Starken, mit der «natürlichen Auslese» den Krieg zu rechtfertigen versucht, man kann mit der «Anpassungstheorie» jedes schmähliche und feige Gewährenlassen glorifizieren (siehe die Theorie der Assimilation), man hat mit der «gegenseitigen Hilfe» im Perreich den Sozialismus naturwissenschaftlich unterbaut usw. Sogar Freud selbst hat in richtiger Erkenntnis, daß man aus der Wissenschaft keine Ethik ableiten kann, es einmal abgelehnt, dies aus der seinigen zu tun («Vorlesungen» S. 459), Die «wissenschaftlichen», besser gesagt, «verstandesmäßigen» Argumente Freuds gegen die Religion sind zudem, wie gesagt, nicht neu, sondern längst veraltet. Man kann natürlich zum Nachweis dieser Behauptung zumindest bis zu den Enzyklopädisten zurüokgehen. Das sind gut 180 Jahre, oder auf den von Feuerbach ausgehenden Materialismus, den Freud in seiner Jugend sicher selbst noch kennengelemt hat Die Ableitung der Religiosität aus dem Bedürfnis der Menschheit nach Trost (S. 24), nach Personifizierung der in unserem Schicksal wirkenden Kräfte, um sodann den selbstgeschaffenen Gott irgendwie zu beeinflussen, ferner aus der Hilflosigkeit des Menschen (Analogie zum Kinde, Vatersehnsucht) usw. — diese Art der Argumentation ist genau dieselbe, welche senon 1848 Feuerbach anstellte, der übrigens gleichfalls di« Religion als «Illusion» bezeichnete. AH das findet sich natürlich mehr oder weniger scharf schon bei den Enzyklopädisten. Der berühmte Feind Gottes, Holbach, sagte schon 1770 in seinem «Systeme de la nature», daß Unwissenheit und Furcht die Götter geschaffen haben. Auch er spricht schon von der «Kindheit des Menschengeschlechtes». Freud verwendet mitunter Argumente, die nicht auf dem Niveau seiner geistigen Größe stehen, was ein Zeichen einer gewissen Unsicherheit ist. So fragt er z. B., warum wir etwas deshalb glauben sollen, weil ein anderer es geglaubt habe. Allerdings will er zu dem «Wahrhejtswert der religiösen Lehren nicht Stellung nehmen», aber er fragt, wieso gerade unseren armen, unwissenden, unreifen Vorvätern die Lösung der schwierigen Welträtsel geglückt sein sollte (S. 53). «Unwissend» — darin drückt sich wieder die Kompetenzüberschreitung des Wissenschaftlers aus. Gewiß haben Moses, Jesaias, Plato, Paulus usw. nichts von drahtloser Telegraphie gewußt, sie waren herzlich «unwissend», aber sie waren religiöse Genies, wie sie infolge des Ueberwucherns des wissenschaftlichen, d. h. notgedrungen kritischen und skeptischen Geistes in unserer Zeit seltener werden. Doch kann man nicht einmal behaupten, daß es im m »Jemen Zeitalter der Wissenschaft keine großen Religiösen gäbe und gegeben habe. Man denke an Kierkegaard, Dostojwski, Tolstoi, um nur die allbekanntesten Namen zu nennen. Gewiß ist die Anziehungskraft Jer Religion — vielleicht nicht zuletzt wegen der völligen Irreligiosität der meisten Religionsverwalter — gegen frühere Zeiten viel geringer geworden, aber das beweist doch nichts gegen die Religion 1 Es beweist nur, daß das elementare religiöse Bedürfnis schwächer geworden ist, die Folge ist aber keine Verschönerung der Welt, sondern ein Zunehmen der Seeienlosigkeit. Veräußerlichung, des nüchternen Rationalismus usw., und als Reaktion ein Drang nach Religionsersatz — Anthroposophie, Theosophie, Okkultismus usw. Im übrigen kann man gar nicht wissen, ob tatsächlich die religiöse Grundfärbung bei den Menschen von heute schwächer geworden ist. Denn die Unbedingtheit und Opferfreudigkeit des menschlichen Tuns, die als «religiös» bezeichnet werden müssen, erweist der Mensch heute auf anderen Gebieten, bei nationalen, sczialen Kämpfen usw„ ohne zu wissen, daß dies «Alles oder nichts» eine — religiöse Grundhaltung zu Welt und Leben bedeutet. Freud verlangt auf Grund der Problematik alter Religion eine «religionslose Erziehung». Soweit damit die Schule gemeint ist, so ist diese Forderung durchaus nicht eine bloß freidenkerische, sondern vielfach | wird von Religiösen selbst der Unterricht der Religion in der Schule verworfen. In Amerika, Italien usw., und was für uns am wichtigsten ist, in den modernen Anstalten Palästinas wird «Religion« nicht unterrichtet. Was aber die häusliche Erziehung betrifft, so wird ein religiöses Elternpaar sicher immer seine Kinder religiös erziehen. Wenn, wie erwähnt, vielfach religiöse Menschen den «Unterricht» in Religion in der Schule verwerfen, so geschieht dies meist deshalb, weil ein solcher fast immer ein negatives Resultat hat und in den Kindern das in ihnen schlummernde religiöse Gefühl nicht nur nicht weckt, sondern meist erstickt Zusammenfassend kann man sagen: Die rationalistischen Argumente Freuds gegen die Religion sind sehr alte und nicht überzeugend, seine Vorschläge betreffs der «religionslosen» Erziehung rennen — sofern die Schule gemeint ist — offene Türen ein, seine psychoanalytische Methode hat im Bereich des Genetischen und Psychologischen, wie bekannt und schon eingangs erwähnt, pr^ße Resultate gezeitigt. Will er sie nun aber auch ~~i Wesen und Wert der Religion anwenden, so ist sie ein untaugliches Mittel dazu. Es ist vielleicht gut, zum Schlüsse eines Mannes zu gedenken, der — lang vergessen — einer der bedeutendsten Kulturfor.i her war, Bachofens, des Entdeckers des «Mutterrechtes» in der Urgeschichte der Menschheit, weil man ihn, der als erster die durchschlagende Rolle der Geschlechtlichkeit für die Kulturentwioklung erkannt hat, als Vorläufer Freuds und unverdächtigen Zeugen anrufen kann. Vor 70 Jahren erklärte er die Religion als den «einzig mächtigen Hebel aller Zivilisation» («Mutterrecht» 1861, Vorrede) und wendet sich dagegen, daß die edelsten Erscheinungen derOeschichte auf die niedrigsten Motive zurückgeführt werden, namentlich die Religion, deren Höchstes, die Richtung auf das Uebernatürliche, «in Zusammenhang mit d e n tiefst nBedürfnissen der menschlichen Seele steht».

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