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Die Stimme · 1928-10-04 · Heft 40 (4.10.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 40 (4.10.1928)
Date
1928-10-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sefte 2 Nr. «9 DIE STIMME dern, sowie die zionistischen Landesverbände nafchdrückiich gegen die Intoleranz der Moslems sowie gegen die ungerechtfertigte Aktion der britischen Behörden protestieren. Eine Kundgebung der zionistischen Waltexekutive k» London besagt u. a.: Die gesamte jüdische Weh beklagt aufs tiefste die Ereignisse, die sich in Jerusalem vor der Klagemauer am Tage des Versöhnungsfestes abgespielt haben. Die Zionistische Exekutive behält sich eine weitere Stellungnahme nach Eintreffen ausführlicherer Informationen vor. lat weiteren Verlauf der Erklärung weist die Zionistische Exekutive darauf hin, daß sie noch vor zwei Jahren das Problem der Klagemauer aus Anlaß vorangegangener, bedauerlicher Zwischenfälle, die die tiefsten Empfindungen der Juden verletzten, vor der Man datarmacht und dem Völkerbund aufgerollt und dabei der Hoffnung Ausdruck groben hat, daß Mittel und Wege gefunden werden, die einem Zustande ein Ende machen, der schwere Besorgnisse für die Zukunft rechtfertigt. Die Exekutive hegt nun die bestimmteste Hoffnung, daß angesichts der jüngsten Ereignisse die Frage der Klagemauer nunmehr einer ernstesten Betrachtung unterzogen werden wird. Die Proteste der jüdischen Bevölkerung haben bisher die Wirkung erzielt, daß die P a 1 ä s t i n a- Regierung ein offizielles Communiquö erließ, welches erklärt, die Entfernung des Wandschirmes vor der Klagemauer sei auf Grund eines Protestes des moslemischen obersten Rates, der sich darauf berief, idaß das Anbringen von Gegenständen vor der Klagemauer den bestehenden Verträgen und Besitzverhält- Bissen widerspreche, i von der Regierung angeordnet worden; die Regierung bedauere aber die bei der Entfernung der Wand vorgekommenen Zwischenfälle. Ferner wurde gegen den Polizeiinspektor Duff eine Untersuchung wegen Dienstvergehens cingeleitet, .während deren Dauer er vom Dienste suspendiert bleibt. Die Präsidentin der Hadassah zurückgetreten Aus New York wird gemeldet: Die Präsidentin der jüdischen Fraüenorganisation «Hadassah* in Amerika, Mrs. Irma L i n d h e i m, hat auf Geheiß ihrer Aerzfe' das P i äsidiü m n i e d e r g e 1 e g t, um sich ein Jahr ganz der Wiederherstellung ihrer Gesundheit zu widmen. Mrs. Lindheim, deren Gesundheitszustand schon seit längerer Zeit erschüttert ist, war auf der vergangenen Konvention mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Die anstrengende Tätigkeit aber verhinderte jeden Fortschritt ihres Befindens, so daß sie nunmehr auf das Amt verzichten mußte. Die Hadassah in Amerika bereitete ihrer abtretenden Präsidentin einen feierlichen Abschiedsabend. Mrs* Lindheim hat sich am 7. September nach nach Europa eingeschifft; sie wird mit ihrer Familie in München Wohnsitz nhmen. Religion oder Religions-' Verwaltung? Offener Brief an Herrn Dr. Jakob 0 r n s t e 1 n, Präsidenten der Unlofl deutsch-österreichischer Juden und Vizepräsidenten der israelitischen Kultus?’meinde. Von Kultusvorsteher Viktor Bauminger. Hochverehrter Herr Präsident! Sie wissen, wie sehr ich Sie als Menschen seätzo, wie sehr ich ihre private Persönlichkeit achte, und Sie wissen es ebensogut, wie sehr Ich Ihre Politik verurteile, wie sehr Ich Ihre öffentliche Persönlichkeit bekämpfe. Der Unterschied dieses meines Verhältnisses ergibt sich aus ihrer geistigen Doppelgestalt, aus der großen Distanz zwischen Ihrem privaten und öffentlichen Charakter. Als Mann der Oeffentllchkelt, als einer, der Gang und Entwicklung unseres jüdischen Gemeinwesens in Wien führend beeinflussen will, haben Sie die Pflicht und Schuldigkeit, gerade Im Namen d e r J Ü d i s c h e n Religion, die Sie sich .als Wahlschlager ausgesucht haben, zumindest ebenso korrekt und integer, zumindest ebenso offen und ehrlich zu sein, wie Sie es als Privatmann und als Mensch der Gesellschaft sind. Sie sind mit Ihren Freunden zusammengetreten jnd haben in Politik gemacht. Das ist Ihre Sache. Die große jüdische Masse kann Ihnen Vertrauen schenken — oder nicht. Das Jst ihre Sache. Sie haben aber auch in Religion gemacht und Ihre Partei hat als erste der wahlwerbenden Parteien ein Programm veröffentlicht, das ausschließlich auf ReKgion, auf angeblich jüdischer Religion basiert. Die Religion, und nur diese, ist Ihr Programm, Ihre Wahlparole, Ihr Wahlschlager! Sind Sie es, mein Herr Präsident? T«l. UaS.2'57 Brockhaus-kexikon 4 Bde. (1926), antiqu., wie neu, statt S 166 nur S 95 Vienna* I. Bognergasse 4 Man vergegenwärtige sich: Einige Dutzend mehr oder weniger jüdischer Herren, zumeist mit akademischer Bildung verschiedenen Grades, in verschiedenen akademischen und wirtschaftlichen Positionen, ansonsten auch sehr nette und brave Bürger, vielleicht auch — nach dem Wörterbuch des Liberalismus —- sogenannte «gute Juden*, waren versammelt und hörten Ihre «Predigt* mit «Andacht*. Und SJe, der religiöse Führer, beinahe Seelsorger, naben die andächtigen Zuhörer im Banne gehalten. Sie predigten ihnen Religion, ja Religiöa und n i c h t s a n d e r e s als Religion, auch nichts anderes als jüdische Religion. Und diese andächtigen Zuhörer, die das .große Verdienst haben, der jüdischen Gemeinde anzugehören, die mit der Religion, nur soviel Gemeinsames habqn,. als sie ihr de nomine treu geblieben sind, waren sichtlich ergriffen. Es .muß rührend gewesen sein. Beinahe ein Gottesdienst, wenn auch nur ein temporärer, für die Zeit der üblen Wahlschlacht, Also sprachen Sie: Religion! Und es war schwer zu entnehmen, was unter Religion verstanden TUCH HAUS WIEN ERfLGASSE Nr. 4 KRAM ERGÜSSE II dmp jrt örio. englischer, schottischer u irischer ZDctmcnu. ÜierrenstoUe Relativ er kauf zu Engrospreisen mmmimittiitmminiil'immmnmtnimaitinbmmiHmHimuuHiinmmtimitimii uniiiiiininmmmmtn ob wird, in lnrern Programm ist nichts enthalten von den Spezies der jüdischen Religion, von den jüdischen Satzungen und historischen Bindungen, die das jüdische Volk in allen Zeiten und Ländern strengstens beobachtete und die das ganze jüdische religiöse Leben ausmachen. Kein Wort vn« jüdischer Lebensführung, von Jüdischer ^Mervanz, von jüdischer Gesetzestreue! Diese allgemeine Redewendung könnte ebensogut in eine evangelische oder sonst eine religiöse Gemeinschaft als Wahlparole geworfen werden. Sie sprachen wohl nach dem bekannten liberalen Muster über die Ethik des Judentums und selbst die Fürsorge wollen Sie nur .reiben, weil sie in der Religion begründet ist. Also, Religion der Ethik! Und Ihre Zuhörer waren sichtlich zufrieden. Sie glaubten sich in einer ethischen Gemeinde, frei von irgendwelchen lebenoverpflichtenden Satzungen, die den wirklich religiösen, lese orthodoxen, Juden täglich und stündlich begleiten und seinem Leben eine bestimmte, historisch gebundene Form und Gestalt verleihen. Sie, die andächtigen Zuhörer, haben keine Verpflichtungen zu übernehmen, keine Lastt zu tragen, können leben nach Wunsch und Geschmack, wie Katholiken, Protestanten oder Ro.nfessionsl'bse. Sie sind frei von jeder Bindung,: vor - jeder Observanz, von jeder jüdischen Lebensweise, haben nur der Gemeinde anzugehören, im Krematorium eingeäschert oder — wenn sie es noch wünschen — im Glanze der neuen, prunkvollen Zeremonienhalle bestattet zu werden und, solange sie leben, für die Union deutsch-österreichischer Juden zu stimmen. Und wenn sie noch nobel sind, können sie auch hie und da reichlich «schnodern». Ob sie S a b b a t h halten, Tephilin änlegen, Speisegesetze beobachten u sw. usw., das ist Nebensache. Das ist Religion, Herr Präsident der Wiener Kultusg^Ttmlnde? „Die Zukunft einer Illusion" (Freuds Buch über Religion.) Von Adolf Böhm, Wien. Sigmund Freud hat kürzlich ein kleines Büchlein 'über oder, besser gesagt, gegen die Religion veröffentlicht: »Die Zukunft einer Illusion» (Internationa;er Psychoanalytischer Verlag). Selbstverständlich wendet Freud bei der Untersuchung seine psychoanalytische Methode an und kommt damit zu sehr geistvollen Resultaten. Er geht über die von ihm in «Totem und Tabu» und von den Forschern seiner Schuld — vön denen hier besonders Theodor Reik zu nennen ist — —■ aufgestellten Thesen oder Hypothesen hinaus und erklärt die religiösen Lehren als Illusionen, wobei «Illusion» für ihn ein solcher Glaube ist, bei dem sich in der Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt. Nach dem Schöna seiner psychoanalytischen Theorie klassifiziert er die Religion als ähnlich der Zwangsneurose der Kindheit. Sie sei die allgemein menschliche Zwangsneurose, hervorgerufen durch notwendige Triebverzichte, die die Menschheit in Zelten ihrer Unwissenheit und intellektuellen. Schwäche (ihrem Kindheitszustand) durch rein affektive Kräfte zustande bringt (S. 70). So weit wird man wie liefe die geistvolle Analyse bewundern und Je nach seiner Stellung zur Lcnre Freuds seine Behauptungen abjehnen oder Ihnen begeistert zustimmen. Daß dem durchgeführten Verr gleich sehr viel Wahrscheinlichkeit zukommt, wagt auch der Laie zu behaupten. Allein damit ist die Präge der Religion durchaus nicht erledigt. Denn die gene* tische und psychologische Methode der Erklärung seelischer Inhalte — und mag sie In ihren Bezirken vollkommen richtig sein — kann, wie gerade in jüngster Zelt wieder sehr energisch durch eine Reihe von Philosophen, darunter auch Theodor Lessing, betont wurde, gar nichts aussagen über ihren Wert und ihre Bedeutung. Auch Freud scheint das zu fühlen, denn er j begnx,gi sich nicht mit einer psychoanalytischen Kritik der Religion, sondern er führt gegen sie auch eine ganze Reihe verstandesgemäßer Argumente an und'rollt damit einen geistesgeschichtlich bereits, erledigten Prozeß, eine res judicäta in philosophischem Sinne, wieder auf. Sollte ein Denker dieses Ranges die einzelnen Phasen dieses Prozesses nicht kennen? All seine Argumente sind längst schon vorgebracht und als nicht den Wesenskern treffend erkannt worden. Hierüber wird noch zii sprechen sein. Freud hat sich auf d£r anderen Seite auch gar nicht mit den großen RfiU-igiö-’ sen beschäftigt, um Aufklärung- Über das Wesen des' religiösen Gefühls zu erhalten. Et wäre dann auf die entfache Wahrheit gekommen, daß der religiöse Trieb 'ein unausrottbarer Urtrieb im Manschen ist, sein Verlangen nqch Einheit von Kosmos und Individuum, nach dem Bestehen eines Absoluten, nach einem* inneren' Zentrum, aus dem heraus die Zersplitterung und Vielfalt von Seele und Welt 'überwunden wird. Es‘Ist am; besten, dies mit den Worten eines Religiösen auszudrticken, etwa des bekannten ryssisqben Religionsphilosophen Wladimir Solowjeff: «Die Religion ist, allgemein und abJirakt gespröelren, der Zusammenhang des Alenschen und der Welt mit dem absoluten Prinzip, mit' dem Mitielkunkt aiies Seienden. Wenn die. Reälität eines solchen absoluten Prinzips angenommen wird, so ist es einleuchtend, daß aile Interessen* der ganze In-. halt des mensewiiehen Lebens ynd Bewußtseins durch diese« Prinzip bestimmt, daß alles Wesentliche im Tun, Erkennen und Schaffen des Mensphcn darauf bezogen und von ihm abhängig gemacht werden muß.» («Zwölf Vorlesungen über das Qottesmeflscherntum», Stuttgart 1921, §. 1.) Hier ist das Wesentliche ausgesprochen. Das «Absolute» kann keine Wissenschaft finden, die immer nur Relativität, d. h. die gegenseitigen Verhältnisse des Wirklichen und die Gesetzmäßigkeit in äUem Geschehen — und auch dies nur mit Hilfe von «Fiktionen» — aufdecken kann. Natürlich kann man das Bestehen eines Absoluten leugnen oder Üicflcs all völlig gleichgültig hinsteilen. Dann nai man aber das Sein des Absoluten durchaus noch nicht «widerlegt». Georg Simmel, also ein Pkilosoph, der kein Gläubiger war, sagte, die Aufklärung meine, daß der Glaube eine subjektive Phantastik sei, die rein psychologisch erklärt werden müsse, falls die Wissenschaft das Bestehen eines Metaphysischen in der Realität nicht zuläßt. Diese Meinung sei irrig, denn es gäbe ein Drittes: «Vielleicht ist deser Glaube, diese seelisch gegebene Tatsache selbst etwas Metaphysisches — insofern, nämlich darin ein Sein lebt und sich ausdrückt jenes religiöse Sein, dessen Sinn und Be-' deutung von dem Inhalt, den der Glaube ergreift oder erzeugt, völlig unabhängig ist.» («Das Problem der religiösen Lage», 1611.) Freud liebt nicht die philosophische Analyse; er geht auf das erkenntniskritische Problem nur an einer Stelle kurz ein, Am Schluß seines Buches (S, 91) meint er, daß das Problem einer WeitbeschaPfenhelt. ohne Rücksicht auf unseren wahrnehmlnderi seelischen Apparat eine leere Abstraktion sek Für die Wissenschaft wohl. Aber für den religiösen Urtrieb, der darauf gerichtet ist, an Stelle der ewig Urtrieb, der darauf gerichtet ist, an Stelle der ewig relativistischen Wissenschaft, die immer nur Phänomene, alle6 Seins vorzudringen, es intuitiv zu erfassen, handelt es sich um keine leere Spekulation, überhaupt um keine Spekulation, sondern um eine innereGewißh e i t über den Sinn und Wert des Lebens, so ziemlich die wichtigste Frage für den Menschen, auf die ‘.hm keine Wissenschaft eine befriedigende Antwort geben kann. Denn diese versagt selbst auf dem Gebiete der Moral* also einer Domäne, die man zur Not (wie es auch Freud ln bezug auf das Mordverbot tut) irgendwie soziologisch (also wissenschaftlich) ableiten kann. Denn es ist nun einmal nicht möglich, eine Moral zu kodifizieren, ohne einen höchsten Wert — in der Soziologie den eines auf Gerechtigkeit basierenden menschlichen Zusammenlebens — zu postulieren, ein Sollen» was eben die Wissenschaft nicht leisten kann.

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