Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1928)
- Date
- 1928-09-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 89 DIE STIMME zerstören. Darauf antworten wir, daß wir diese Spannungen nicht geschaffen haben, sondern sie schon früher da waren. Der Unterschied besteht nur darin, daß wir nicht Vogel-Strauß-Politik betreiben und diese Spannung ignorieren, wie es andere tun, sondern daß wir sie sehen. Wir streben natürlich nicht darnach, zu den bestehenden Internationalen noch neue hinzuzufügen. Aber diese Verbindungen sind schon da, tretedem sie noch keine Organisationsformen haben. Wir wollen, daß Nationen im überlerritorialen Sinn einer Stadt gleichen sollen, und daß es uns km Sinne des Oenusses der Errungenschaften der gemeinsamen nationalen Kultur gleichgültig sein soll, auf welcher Straße dieser Stadt wir leben. Aengstlichkeit als „unionistisches“ Wahlprogramm Will man auf Kultus, Ritus und etwas Wohltätigkeit die Zukunft des Wiener Judentums stellen? Am 6. September hat — wie wir den Veröffentlichungen der «Union deutschösterreichischer Juden» entnehmen — die Konstituierung des «Großen Kultuswahlkomiitees» dieser Körperschaft stattgefunden. Es sei, so wird berichtet, eine eindrucksvolle Kundgebung «des Wiener jüdischen Bürgertums» gewesen, ein Auftakt zur Wahlkampagne, eine Parade der Elitetruppen und so ähnlich. Hauptreferent war Herr Dr. Jakob Ornstein, Präsident der «Union deutschösterreichischer Juden» und Vizepräsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, der wieder einmal das sagte, was wir von dieser Seite seit dreißig Jahren hören; Anschauungen, die selbstverständlich immer anachronistischer wirken, je länger man sie zu hören bekommt. Dr. Ornstein, das Oberhaupt der «Union» polemisierte zunächst gegen die «Werktätigen» und da hat er natürlich ein leichtes Spiel, um dieses merkwürdige, nur auf dem unglückseligen Wiener Boden mögliche' Gebilde kritisch zu erledigen. Aber Im Augenblick, da er auf die «Jüdischnationalen» — wie man auf jener Seife viel lieber zu sagen pflegt als «Zionisten» — zu sprechen kommt, versagt die unionistrsche Dialektik und die Töne des eingefrorenen Posthorns werden vernehmlich. Was das Um und Auf der Union bildet, ist ihre stete Angst vor der jüdischen Volks gemeinde, welche die Interessen der Juden als «n a t i o n a 1 e r MI n d e r h e i t» befriedigen soll; typisch für sie ist die Form einer Polemik, so seicht wie abgestanden, die sich einen Popanz aufrichtet und gegen ihn anrennt, um dem «jüdischen Bürgertum» bange zu machen. «Das Zeugnis der Geschichte, das Zeugnis einer tausendjährigen Entwicklung» wird emphatisch angerufen, zum Beweise, daß wir eine religiöse Minderheit sind. «Aber von einer nationalen Minderheit kann absolut keine Rede sein; vielmehr sind wir deutscheOesterreiche r.» Natürlich gibt es auch für Dr. Ornstein eine die Juden von den «nichtjüdischen Mitbürgern» unterscheidende «Eigenart»; das ist «einzig und allein unsere Religion» . . . . «sonst aber haben wir keinerlei Eigenart».... Auf dieser geistigen Höhe bewegen sich die programmatischen Darlegungen des Führers der «Union» und natürlich fehlt auch der Satz von den guten Oesterreichern und treuen Bürgern des Staates nicht, die gemeinsam mit den anderen — man weiß schon ... und daher keine sogenannten Mi noritäts rechte wollen. Es ist schwerer als man dächte, gegen diese Art von Darlegungen zu polemisieren; weil es Hemmungen gibt, die es schwer machen, unzählige Male Gesagtes zu wiederholen und solch eklatanter Ideenlosigkeit gegenüber sachlich zu bleiben. Zwei inkommensurable Größen stehen einander hier gegenüber: die neujüdische Bewegung, die aus dem Ghetto hiuauswill und die weiß, daß es der Ghetto ach, so viele gibt — auch ein deutschliberales; die nur eine jüdische Grundform kennt, die an die gestaltende, verjüngungsfällige Kraft ihres Judentums glaubt, die weiß, daß Judentum eine irgendwie revolutionäre Kraft bedeutet, daß es gilt, nicht bloß jüdisch pietätvoll zu sein (das ist doch wohl der Gipfelpunkt, zu dem sich die «Religion» der Unionsherren aufschwingt), sondern jüdisch zu leben, zu empfinden und dieses Jüdische aus allen Lebensäußerungen charakteristisch erstrahlen zu lassen, die eine Erhöhung des Judentums will — und auf der anderen Seite die schlagwortfrohe Bürgerlichkeit eines amorphen Judentums, das nicht einmal die verkümmerte Idee des jüdischen Liberalismus recht akzeptieren will und einfach kein Programm hat, das als solches mit Fug anzusprechen wäre. Bin paar dürftige Schlagworte reichen für den Wortführer der «Union» aus, um sein oder ihr Judentum von dem der «Jüdischnationalen» abzugrenzen; wir haben es freilich bei solcher Methode viel schwerer. Denn wir wissen, daß es nicht allzu schwer ist, «nachzuweisen», daß die Juden kein Volk sind, nicht schwerer als den gegenteiligen Beweis zu führen, daß der Begriff «national», auf Judentum angewandt, seinen besonderen Sinn hat, daß jüdische Religion eine an jüdische Besonderheft unlöslich geheftete Lebensanschauung und Idealität einer spezifischen Gemeins c h a f t ist — kurz, daß alles Jüdische Ausdruck einer Einmaligkeit ist, vor der die abgerissenen Schiagworte eben nicht standhaiteiw Wenn Ihr Angst habt vor der «VofksgemeSnde», vor der «nationalen Minderheit» — wir sind gerne bereit, sie Euch rückhaltlos zu opfern, um Eurer Angst vor dem Schlagwort entgegenzukommen: was wir wollen, ist die jüdische Gemeinde, die nicht bloß dem «Kultus» (auch der ist mit «Religion» nicht zu identifizieren 1) zu dienen hat, sondern Ausdruck und Daseinsform einer lebendigen Gemeinschaft bildet, einer zukunftswilligen — und kräftigen, einer, die sich ihrer Eigenart bewußt ist und in -ihr einen positiven Menschheitsweft erblickt. Ein Minimaljudemtum, einen Minimalismus des Jüdischen — das wollen wir freilich nicht und Aengstlichkeit allein gilt uns noch nicht als jüdisches Programm. Und wenn Ihr nur Religion anerkennt und sie loslösen zu können glaubt aus dier Unlösbarkeit jüdischer Totalität, — vermeint Ihr in Wahrheit dem strengen Gotte Israels zu dienen, wenn Ihr — dreimal im Jahre wallfahrte man zum Heiligtum des Herrn — ebenso oft Eure Zylinderhüte aufsetzet, um Eurer Toten zu gedenken? Ein bißchen Kultus, Ritus und Zedokoh — aber damit sichert man heutzutage nicht die Zukunft des Judentums und die ist es, um die wir kämpfen. Eure «Union» mag wohl ausreichen als Zusammenfassung selbstzufriedener Leute, die in diesen Verband ihr Pietätsjudentum htnelngerettet haben; was wir wollen, was gerade das Judentum Wiens braucht, ist nicht eine U n i o n, sondern ein Bund freier, innerlich freier Juden, stolze Bekenner einer uralten Schicksals-, Lebensundldeenge me in schaft, gleichgültig, ob Ihr sie «Volk» oder anders benennen wollt. Freilich, auch die «Union» hat ihr Programm, wenn man es der Programmrede ihres Präsidenten entnehmen will: das unerschütterliche Fundament unserer Gemeinde soll die Religion sein und deren Kern ist nach Dr. Ornsteins Katechismus «die unerreicht hohe Ethik» der Bibel. Der Gedanke ist nicht ganz neu und niemand wird da widersprechen können. Aber die hohe Ethik der Bibel dürfte sich wohl auch in den Satzungen der Freimaurerlogen finden. Auf diese strenge Ethik soll man sich nicht berufen, wenn man ein Judentum rechtfertigen will, das ohne Leben und Fatrbe ist, das keinerlei Zukunftskeime in sich trägt und sich sozusagen damit brüstet, daß es keine Eigenart hat. Die Ethik der Bibel genügt nicht, um die Zukunft des Judentums zu gewährleisten: man muß auch den Weg zu ihr finden und die heranwachsende Generation mit ihrem Geiste erfüllen. Wie das ohne das jüdische Haus, ohne wirklich jüdische Erziehung, ohne die Kenntnis der geistigen Quellen des Judentums zu erreichen ist — darauf weiß wohl nur der Präsident der «Union» eine Antwort. Daß aber diese Bibel für uns Juden nicht bloß frommes Erbauungsbuch ist, sondern ein «Baum des Lebens», daß sie lebt, solange das Volk dieses Buches lebt, daß sich ihr Sinp nur in der unzerreißbaren Bindung eben zwischen Volk und Buch erfüllt — darf man hoffen, diese Binsenwahrheit auch dem Unionjudentum begreiflich zu machen? Man sieht: es sind sozusagen zwei Welten, die hier miteinander um Geltung ringen und man versteht so, daß die Zionisten in einem Falle allein gehen wollten, wo höchstens ein Wahlkompromiß denkbar wäre, aber keine Verständigung, weil sich das Morgen mit d$m Gestern nicht verständigen kann. Den geistigen Horizonten des Unionjudentums mag dieser Wahlkampf als «mutwillig aufgezwungen» erscheinen; aber mutwillig ist höchstens, daß sich die Programmlosigkeit in Wahlkämpfen einJäßt. Verzicht wäre hier höchstens Gebot. Die «Union» mußte erkennen, daß ihre Zeit um ist und es wäre ihr größter Triumph, wenn sie sich zur Erkenntnis aufschwänge, daß es nottäte, aus dem Anachronismus ihrer Existenz die entschlossene Folgerung zu ziehen. Genug mit einem Judentum, das sich in Ritus, Wohltätigkeit und Zeremonienhallen «auslebt»! Die große Wiener jüdische Gemeinde, von diesem liberalisierenden Verzichtjudentum durch Jahrzehnte innerlich heruntergewirtschaftet, von Lauheit und AbfaJI geschwächt, wird nur fortbestehen, wenn Wortführer der jüdischen Bewegung von heute, wenn Zionisten sie entscheidend beeinflussen weiden. Das ist der Sinn unseres Wahlkampfes und das ist sozusagen das Historische an ihm, das ihn von vomeherein besiegelt und von seinem Ausgang unabhängig macht. Die «Union» mag Mandate erringen können — eine Zukunft hat sie und da* Judentum, das Sfeder Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen K"t*ero) verwenden. Die KunerohErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur» fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT sie repräsentiert, darum nochnicht; selbst wenn lh; alle Sitze in der Kultusgemeinde zufielen, es wäre auch nur eine im Rückzugsgefecht errungene Position! Aber das werden wohl Ihre Wortführer mit dem Präsidenten an der Spitze nicht verstehen wollen, der sich lieber in die Taktik rettet, im Kreise seiner Getreuen durch eine einigermaßen eigentümliche Darstellung der zionistischen Programmforderungen deren Unmöglichkeit darzutun, als daß er die Forderungen der Zeit begriffe, die ein neueres Geschlecht erfüllen soll. r. d. > Die Not der jüdischen Wanderer und Flüchtlinge Im Laufe der letzten Sommermonate fanden ia Paris mehrere internationale Wohlfahrtskongresse statt,' auf denen Probleme der allgemeinen und der jüdischen Auswanderungs- und Flüchtlingsfürsorge in eingehen-: der Weise behandelt wurden. Eine der Fragen die besonderem Interesse begegnete, war die Trennung von Auswandererfamilien, die hauptsächlich durch das amerikanische Einwanderungsgesetz seit Jahren eingietreten ist, und die jetzt vielfach die Emigrationsgesellschaften beschäftigt. Die Frage der getrennten Auswandererfamilien wurde ferner in der diesjährigen Tagung der Permanenten Konferenz der privaten Gesellschaften für Wandererschutz sehr eingehend behandelt. Es kam besondere Genugtuung darüber zum Ausdruck, daß dank den Bemühungen der privaten Emigrationsgesellschaften, namentlich der amerikanischen, eine Erleichterung in dieser Beziehung eingetreten ist. Von anderen, sehr wichtigen Fragen des Wandererschutzes wurden behandelt: Maßnahmen zur Bekämpfung der Betrügereien, die noch immer von skrupellosem Agenten an unerfahrenen Auswanderern verübt werden; die Frage der obligatorischen Versicherung der Schiffspassagiere; die Mißstände, die sich bei der «Intelligenzprüfung» von Emigranten auf Grund der Einwanderungsbestimmungen der Vereinigten Staaten ergeben haben. Auch hier haben sich die Interventionen der Emigrationsgesellschaften als ersprießlich erwiesen. Anfang September fand in Genf die Sitzung des Beratungskomitees für Flüchtlinge unter Vorsitz von Albert Thomas in den Räumen des Internationalen. Arbeitsamtes statt. Von jüdischen Organisationen waren vertreten das Joint Foreign Committee, die Jewish Coionisation Association, Emigdirect und der Hilfsverein der Deutschen Juden. Aus den instruktiven Berichten des Kommissariats für Flüchtlingswesen und des Internationalen Arbeitsamtes ist zu entnehmen, daß in Europa außer in Deutschland und England, aus welchen Ländern keine genauen Zahlen vorliegen, noch zirka eine Million russischer und armenischer Flüchtlinge sind, deren politische und materielle Lage zum Teil noch sehr prekär ist Für diese Flüchtlinge ist unbedingt noch Fürsorge erforderlich. Insbesondere ist die Situation von etwa 2000 russischen Flüchtlingen in Konstantinopel, von denen ungefähr ein Drittel Juden sind, sehr kritisch, da ihnen die Gefahr droht, im Februar 1929 ausgewiesen zu werden. Es wurde ein besonderes Subkomitee gewählt, das die Interessen dieser Flüchtlinge wahren soll. Das einzige Spezialgeschäft, welches sämtliche von .Oborkantor Josef Roseufelatt aufgenommenen jüdische« und hebräischen Gesänge aui nebengeräuschfreie Columbia-Platte« auf Lager hält, ist das Musikhaus «Excelsiox», Wien, I., Adtergase 5, II, Kleine Rfarrgaese 38. (Entgeltlich*) QOOOQOOQOOQQOQOOOOOOOOOOOCXXXXX3000000Q Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannabme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später elnlangende Einsendungen können keine Aufnahme in die laufende Nummer finden. Nicht ab bestellte Abonnements gelten als verlängert