Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1928)
- Date
- 1928-09-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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VffcttE t DIE STIMME nr. 89 brdhmg gefunden hat, demnächst eine scharfe Erklärung gegen da« Blutmärchen zu veröffentlichen. Während der Ritualmordhetze hat die gesamte jugoslawische Presse eine korrekte Haltung eingenommen. ln Rumänien Nach einem Telegramm aus Bukarest kam es im laufe der letzten Woche in Ismail in Bessarabien zu antisemitischen Ausschreitungen. Der öffentliche Notar Solowenko hetzte die Bauern gegen die Juden auf, die er für die wirtschaftliche Krise des Landes verantwortlich machte. Die Bauern demonstrierten in der Stadt und überfielen zahlreiche Juden. Die Synagoge wurde verwüstet. Es besteht die Gefahr, daß die Bewegung sich weiter ausbreitet. Die Behörden aber sehen dem Treiben der antisemitischen Gewalttäter ruhig zu ... Mehrheits- und Minderheitsvölker in ihren gegenseitigen Beziehungen Von Dr. Jacob Robinson, Delegierter der jüdischen Minorität auf dem Genfer y-, Nationalitätcnkongreß. Ist die Existenz von kulturellen Bindungen zwischen einzelnen Volksgruppen einerseits und der Gesamtnation, bezw. dem Stammvolk andererseits berechtigt oder nicht? Diese Frage bedeutet eine Weiterentwicklung auf dem Wege, den wir mit unserem Nationalitätenkongreß betreten haben. Ich möchte hier nur eine ganz kurze terminologische Einführung geben. Sprechen wir von nichtstaatenbildenden Volksgruppen, so kann es entweder ohne Relation auf ihre kulturellen und politischen Bedingungen oder aber in Relation auf dieselben geschehen. Bei der Relation der Nationalität zu dem Mehfheitsvolk in seiner politischen Heimat sprechen wir von statistischen, bezw. politischen Minderheiten. Handelt es sich aber um die kulturellen Bindungen der Nationalitäten, so nennen wir die Gesamtheit der in verschiedenen Staaten lebenden Nationsgenossen die Gesamtnation (Gesamtvolk), die sich aus dem Stammvolk (-nation) als dem qualitativ und quantitativ stärksten Teil, der eventuell auch einen eigenen Staat besitzt, und der Diaspora, als Gesamtheit der zerstreuten Volksgruppen (Schwesternationalitäten) zusammensetzt. Eine zweite Vorbemerkung sachlicher Natur Ist noch zu machen. Wenn wir uns für die Vertiefung der kulturellen Beziehungen zwischen den Schwesterhjüionalitäten. einerseits und den Stammnationen andererseits einsetzen, so bedeutet das nicht, daß wir uns von der sonstigen Um- und Außenwelt abschüeßen wellen. Ganz im Gegenteil: wir wollen die kulturellen Beziehungen auch zu der Kultur des Mehrheitsvolkes — auf dem Fuße der Gleichberechtigung — aufrecht erhalten, und wir glauben, daß wir voneinander lernen können, und daß diese gegenseitige kulturelle Befruchtung nicht nur beiden Parteien, sondern der Menschheit schlechthin zugute kommen kann. Nach diesen einleitenden Bemerkungen will ich in fliedias res eintreten. Es ist efft offenes Geheimnis, daß kulturelle Beziehungen zwischen einzelnen Schwcslernatlonalitälen uflter steh und zwischen diesen und der Gesamtnation bestehen. Aber es. Ist eine merkwürdige Tatsache, daß man darüber nur halblaut spricht, daß man daraus ein Geheimnis macht. Aber wir fr.idern die Legalisierung des durchaus gesetzlichen Gemeinschaftsbewußtscins! Dies bedeutet die Öffentliche Deklaration der Freizügigkeit des Geistes in den Grenzen der überterritorialen Nation. Es handelt sich hier nicht um ein theoretisches, sondern um ein eminent praktisches Problem. Es liegt auf der Hand, daß, falls die Nationalitäten von dem sie speisenden Nährboden künstlich forngehalten werden, sie unvermeidlich zur Verdorrung verurteilt sind. Man darf nicht vergessen, daß, obwohl wir seit 1919 in neuen politischen Organisationen leben, und die alten politischen Bande gelockert sind, unsere Geistesgeschichte nicht erst von diesem Jahre datiert. In unserer kulturellen Arbeit machen wir jeden Tag die Erfahrung, daß wir keine selbstgenügsamen, kulturell geschlosse¬ FI® «lersae BIIcBi®!1 in &rifj9*er «u & I.—, Z.~, 3.*-. Bllcfierschwemma der Vienna I Wien, Boet>ertfa«ae 41 nen Nationalitäten bilden, sondern daß wir auf Mitwirkung der Gesamtnatipn. und ihrer Teile direkt angewiesen sind. Es entsteht nun folgende Frage: Oibt es irgendeine Hoffnung, bei den heute noch in einer großen Anzahl von Staaten vorherrschenden starren Staatsbegriffen ein Verständnis für unsere Bestrebungen auf diesem Gebiete in der europäischen Kulturwelt du-rchzusetzen? ich glaube: Ja. Es gibt vier große Faktoren, die darauf hinweisen, daß die Entwicklung sich durchaus in unserem Geiste vollzieht: 1. die Na^’onalitätenkarte Europas, insbesondere Mittelosteuropas; 2. die neuen Tendenzen des Völkerrechtes; 3. die Naturgeschichte der Nation und 4. die ideengeschichtliche Tendenz 'der Entwicklung der europäisch-amerikanischen Zivilisation. Das merkwürdigste und eigentlich bezeichnendste Merkmal der europäischen Nationalitätenkarte besteht darin, daß fast sämtliche Nationalitäten außerhalb des von ihnen bewohnten Staates Schwesternationalitäten besitzen, die meistert auch Stamrhvölker. Die Leitungen, die von diesen Nationalitäten' zueinander und zu den Staminvölkern führen, bilden eine nicht zu übersehende Tatsache. Es gibt sicherlich Politiker, Kulturpolitiker, die glauben, mit Ignorieren sei etwas zu erreichen. Wir dagegen sind der Ansicht, daß man durch Ignorierung den gegebenen Tatsachen nicht gerecht werden kann, sondern nur durch ihre Anerkennung und dadurch, daß man die Konsequenzen zieht, die sich aus den Tatsachen ergeben. Zweitens die neuen Tendenzen de* Völkerrechtes. Das Völkerrecht war eigentlich immer ein Staaten recht, aber es sind manche verheißungsvolle Anfänge da, die darauf hinweisen, daß die tatsächliche Lage der Nationalitäten Mittel- Und Osteuropas schon einen gewissen Niederschlag llh Völkerrecht gefunden hat. Allerdings macht man nach einem Schritt vorwärts wieder zwei Schritte rückwärts. Aber es gibt auch schon zwei im Völkerrecht festgelegte Prinzipien, die durchaus in der Linie unserer Entwicklung liegen, und die das Recht des Staates, sich für das Los seiner Jenseitsgrenzkonnationalen zu interessieren, statuieren. Gehen wir nun zur Naturgeschichte der Nation über, so können wir behaupten, daß die Nation ein dreidimensionaler Begriff ist. Er dringt in die Tiefe und umfaßt alle Generationen, die toten und die lebenden. Wir sind vor allen Dingen Enkel. Nicht weh, sondern wohl uns, daß wir Enkel sind, Enkel, die die übernommene Erbschaft nicht vandalistisch vergeuden, sondern sie sorgfältig pflegen und weiter ausbauen. Sich in die Breite ausdehnend, umfaßt die Nation alle ihre Splitter, die in verschiedenen Staaten leben. Diese Brüderlichkeit ist ein absolut unantastbares Gut und hat einen Uberterritorialen Sinn. Und nun das letzte. Wir sehen heute, daß das Wesen des Aufstieges einer Zivilisation im Uebergang vom primitiven Monismus zu einem vielfältigen Pluralismus besteht. Wenn wir die Geschichte der Menschheit übersehen, dann fällt uns auf, daß am Anfang die Religion, die Kultur, der Staat und die Wirtschaft eins war. Der menschliche Fonschritt besteht in der Differenzierung dieser verschiedenen Tätigkeltgebiete. Je mehr die Entwicklung Europas und der Menschheit fortschreitet, desto größer wird die Differenzierung. Sind nun alle diese Gebiete der menschlichen Betätigung an Staatsgrenzen gebunden oder nicht? Ich behaupte; nein. Nehmen wir z. B. die Politik. Gewiß, die Staaten sind und bleiben die eigentlichen Organisationsformen der Machtpolitik, aber was sind denn eigentlich alle Koalitionen und Bündnisse? Sind sie im Grunde nicht eine Ueberwindung des Grundsatzes der Heiligkeit der Gronzpfähle, wenn sie -auch zum Zwecke der Au frech terhaltung dieser Pfähle geschaffen werden? Man schließt verschiedene Bündnisse auch in der Politik, die alle Uberterritorial sind. Und die wirtschaftliche Entwicklung? Die großen Syndikate und Trusts sind heute nicht mehr an staatliche Grenzen gebunden, sondern sind überterritorial. Wenn man aber für materielle Dinge überstaatliche Organisationen anerkennt, dann wäre es wirklich ein Armutszeugnis für unseren Geist, wenn man uns diese überstaatlichen Bildungen in kultureller Beziehung nicht gestatten würde. Man sagt uns aber, das sei altes sehr schön, aber damit schaffen wir Spannungen in der menschlichen Seele. Es werden Seelenkonflikte entstehen, die die Einheitlichkeit der individuellen und der Gruppenseele | Neue Herbstmodelle ■ eingelangt LISSIANSKY-SCHUHE Detallvekauf zu Engros-Prelsen direkt In der Fabrik Kaiserstraße 46 Nteireftnfiilirustg: ■£&**<! er srfmuKme Fürst Radziwill und der Esrog Eine Wilnaer Sukkotlegende von Jizchok Brandes. Diese Geschichte begab sich vor hundertsiebenundsechzig Jahren, im Jahre 5516, während des siebenjährigen Krieges, den Friedrich der Große mit den Herrschern von Oesterreich, Rußland, Frankreich u-nd Sachsen führte. Infolge des Krieges waren die Straßen lebensgefährlich, und aus Polen nach Erez Israel oder -in ein anderes Land zu kommen, wo Esrogim zu bekommen waren, war unmöglich. Der Sommer war bereits zu Ende und es kam die Eiulzeit. Die Töne des Schofar erklangen schon und die Judenschaft von Wilna rüstete zu den hohen Feiertagen; man begann die Zeit der Buße vorzuber eiten und im Wilnaer Ghetto wurde die Düsterkeit der Gerichtstage fühlbar. Auch der Gaon von Wilna — sein Andenken uns zum Segen — hatte viel Kummer und Sorge. Er brauchte natürlich vor dem .Tag des Gerichtes keine Furcht zu haben: denn wer außer ihm könnte vor den Rich-terstuhl möt so viel guten Werken und Wohltaten treten? Des Gaon« Kummer war ein ganz anderer. Er sah ein, in einem so großen Kriege, an dem die halbe Welt teilnahm, würde es unmöglich sein, einen Esrog zu beschaffen; wie konnte man da die Mizwah der vier Fruchtarten erfüllen? Es war bereits nach Rosch-Hoschanah, der Jornkipur war schon vorüber, und ln Wilna gab es noch immer keinen Esrog; was konnte das für ein Su-kkotfest sd-n, ohne einen Esrog, und gar für den Gaon von Wilna, der die Mizwah der vier Fruchtarten so hoch schätzte, daß er sich das ganze Sukkotfest hindurch am Esrog erfreute; ihr wißt ja, als er zur Sukkotzeit im Jahre 5558 dahinging, da starb er, den Esrog und den Lularw In der Hand. Ate aber das Sukkotfest nahte und noch kein Esrog da war, da schloß sich der Gaon von Witna ein und Heß niemanden, auch keinen seiner Schüler, vor sein Angesicht; und er flehte zu Gott dem Herrn mit heißem Gebet. Da traf es sich, daß am Vortage des Sukkotfestes dem Woiwod-en von Wilna, Fürst Radziwill, die Tochter erkrankte; und der berühmteste Arzt war berufen, Raibbi Jehuda Halewi Hurwifz, von Witna. Er untersuchte die Kranke -un-d befand ihren Zustand gefährlich; als Fürst RadziwHl ihn fragte, was zu tun sei, um die Prinzessin zu retten, antwortete »hm Rabbi Juhuda Hurwitz: «Es steht schlecht — es gibt keine Hilfe.» Da rief Fürst Radziwill verzweifelt aus; «Ich bin bereit, mein ganzes Vermögen herzugeben, nur rette mein Kind!» Rabbi Jehud-a Hurwitz versank in tiefes Sinnen und antwortete dann: «Durchlauchtigster Fürst! Arzneien helfen gar nichts; es gibt nur noch ein Mittel; Bei uns in Wilna gibt es einen großen, heiligen Rabbi, sein Name ist Rabbi Elijahiu; nur dir#er Rabbi kann durch sein Gebet das Leben deines Kindes retten I» Der Fürst, dem keine Wahl blieb, sandte eiligst eine Reiterstafette mit einem hebräischen Brief aus, den der Arzt Rabbi Jehuda Hurwitz geschrieben hatte, worin der Fürst den he lügen Rabbi beschwor, für die Gesundheit seiner Tochter zu beten. Als dem Gaon gemeldet wurde, eine Stafette vom Fürsten Radz-iwill sei zu ihm gekommen, ließ er sie vor; er las den Brief durch, betete dann inbrünstig und übergab dem Boten einen Zettel, auf dem die Worte standen: «Denn gut ist der Herr zu allen Geschöpfen und sein Erbarmen ist in allen seinen Werken.» Der Arzt Rabbi Jeh-uda Hurwitz, den Fürst Radz’ will bis zur Rückkehr .der Stafette in seinem Hause 1 herbergt hatte, ias die Antwort des Gaon und teilte de* Fürsten freundlich mit, der Gaon habe seine Tochter gesegnet, auf daß sie gesunde. Von diesem Augenblick an wich die Krankheit der Prinzessin und am Morgen des ersten Sukkottages konnte sie schon ihr Lager verlassen. Fürst Radziwill ließ noch einmal den Arzt Rabbi Jehuda Hurwitz rufen, und fragte -Ihn, wie er dem heiligen Rabbi für die Genesung seiner Tochter danken könnte. «Durchlauchtigster Fürst», antwortete der Arzt, «Geld nimmt der Rabbi nicht, aber wenn du es ihm möglich machen würdest, einen Esrog und einen LuJaw zu bekommen, die der heilige Rabbi gar sehr braucht, um in den Tagen unseres Sukkotfestes zu Gott zu beten, und die er heuer wegen des Krieges nicht zu kaufen bekommt, so wäre der Rabbi dir dafür sehr dankbar.» «Gut!» rief der Fürst erfreut aus, «noch heute soll der Rabbi einen Esrog und einen Lulaw haben.» Das Gefilde am Ufer der Wi-lja, wo jetzt der Palast des Grafen Tiszk-ieiwicz steht, gehörte damals dem Geschleckte der Fürsten Radziwill. Der polnische König Siegmund August hatte dort seiner Geliebten, der Prinzessin Barbara Radzi-wHl, ein prächtiges Schloß mit einem Garten errichten lassen. Gärtner aus Italien waren gebracht worden und hatten in diesem Garten die wunderbarsten Bäume und Gewächse gepflanzt, ln ihm blühten die schönsten Tropenpflanzen und alle Arten von Bäumen des Südens. König Siegmund August hatte diesen Fleck Erde in ein Paradies verwandeln lassen und Sn der Orangerie dieses herrlichen, fürstlichen Gartens gab es auch einen Esrogbaum und einen Lulaw. Der Woiwode Fürst Radziwill, der diesen wunderen Garten mit dem Schlosse geerbt hatte, sandte /fort einen Boten dahin, um einen Esrog und einen Lulaw zu holen, und mit seinem ganzen Gefolge brachte er diese Geschenke dem heiligen Rabbi, dem Gaon von Wilma.