Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1928)
- Date
- 1928-09-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 DIE STIMME Sette 9 WISSEN / KUNST / LITERATUR Antitheatralisches Theater «Die Hexe» itn Moskauer jiddischen akademischen Theater. In dem musikalischen Altneuspiel «Die Hexe», das Gronovvsky gegen Goldfaden bearbeitet hat, und zu dem Achron nach Gold.fadenschen Motiven die Musik schrieb, wird dem «toten alten Theater» ein rauschendes Tanzcouplet nachgesungen. «Tot und begraben das alte jiddische Theater» — beteuert im Chor das ganze auf der Bühne beschäftigte, purzelnde, kletternde, singspielendc, neuen Thoaterstil zelebrierende Ensemble des Moskauer Jiddisch-Akademischen Theaters. Es ist ehe Persiflierung des alten jiddischen — und nicht alein des jiddischen — Theaterkitsches, die hier mit gioßer parodistischer Vehemenz und Ausgelassenheit dirgeboten wird, eine scharfe Karikatur der üblen melodramatischen Süßlichkeit, die mit hellem Mut zur gedanklichen Konsequenz und, allerdings auch nicht olne tiefere Sympathie für den Gegenstand der Verspttung, gezeichnet wurde. Der alte, würdeumflossene Theatervater Reb A'rencze trägt auch hier, im revolutionären Theater, «eiten althergebrachten, überdimensionalen Ehrfurchtsbrt aus grauer Wollcrepe, der auf die gewölbt wattjete Pathosbrust breit herniederwallt — aber, indem U6 Herr Schidlo über Beschaffenheit und Herkunft dises traditionellen Requisites der Würde keinen Agenblick im Zweifel läßt, läßt er uns ruhig an jene zweifeln. Die Schauspieler des Moskauer Jiddisch- Aädemischen Theaters gewähren uns gerne einen Bck hinter ihre eigenen Individualkulissen, und wir wssen daher schon im ersten Bilde, daß man nicht eit, wie im Theater alten Stils, auf das achte warten mß, um zu erfahren, daß der holden jüdischen Mrchen-mirele, die ihre böse Stiefmutter mit Hilfe df Hexe an die Türken nach Stambul verkaufen ließ, tx d e n Türken und bei d e r Hexe einfach nichts gesoehen kann. Denn sie nehmen es nicht so genau mit dm Grauen, das sie erregen sollen, und man bilde sich nr ja nicht ein, daß man sich hier etwas einbilden kan. Die Bühne, auf der das Moskauer jüdische Enseible spielt, ist eine Desillusionierungsanstalt. Die Babe Zachne, die ehedem, als altjüdische Tfcaterhexe, die Aufgabe hatte, geheimnisvolle Schauer htvorzurufen und das Publikum mit Gänsehäuten zu übrziehen, hat in Granowskys Regie und in Gärtners JP,{Stellung auf diese romantischen Behelfe verzichtet utf sie hat den Besen, auf dem sie, aus Gründen einer nch nicht ganz erloschenen Pietät, ein paar Hopser iruht, als ein längst veraltetes, untaugliches Verkehrsmiel ad absurdum geritten. Man braucht diesem abhaden gekommenen Gruseln wahrlich keine Träne nahzuweinen, nicht einmal jene, die man durch die Eliinierung des melodramatischen Rührungselements au Goldfadens altem Stück eigentlich erspart hat. Man hat im Gegenteil dankbar anzuerkennen, daß Mihoelo den Mut und das Talent hat, auf die Öde Scablone zu verzichten und seinen sing-, spiel- und spnglebendigen Hozmach, den jiddischen Harlekin und Spßmacher, ohne tragische Hintergedanken, ohne den obgaten Bajazzo-Schmerz glaubhaft darzustellen und da auch Herr Steiman bestrebt war, den verliebten Oprettenschmetterer Marcus durch die Beimengung vo: etwas Selbstironie, die nicht aflein dieser Gestalt, sofern gleichsam der ganzen Tfistffution gegolten hat, geießbar zu machen. G. Kunsfchronik Stefan Zweigs «Jeremias» im «Ohel»-Theater« Das «OsD-T-hcater, das mit seiner letzten Aufführung «Jakow flW Rahel» einen anhaltenden Erfolg zu verzeichnen hat, berichtigt, in diesem Winter Stefan Zweigs «J e r etni s» he ran szu bringen. Der Dichter selbst will sein Werk findlese Palästina-Aufführung umarbei'ten und hat verspielen, zur Premiere zu kommen. — Die künstlerische teung des «Oliel» hat den Komponisten S. Rosowsky, deien Musik zu «Jakow und Rahe!» wesentlich zum grien Erfolg des Stückes beitrügt, bauiffcragt, aiuch zum «J’emias» eine neue Musik zu schreiben. Cantors Ciasses io Jerusalem. Die unter Leitung dies Kaponisten S. Rosowsky stehende Schule für Kanton in Palästina, die zu Beginn des Jahres infolge der altem eine« Krisis Im Lande ihre Tätigkeit ein wenig efinseränken mußte, konnte inzwischen ähre Lehrtätigkeit pr?rammgemäß wieder aufnehmen und plant derzeit eine bannende Erweiterung. Eine Schubcrt-Hundertiahrfeier in Jerusalem. Mit ctg er Verspätung, aber mit großem Erfolg veranstaltete dl Kapelle der palästinensischen PoltoeRmpipe im Hofe dt Davidsburg ein Konzert au Ehren der Schubertifodertjahrfeier. 8000 Persotten waren erschienen und gippferten sich unter freiem Hknmel auf Holzbänken, Stnen und der Burgmauer. Arno Nadel — 80 Jahre alt. Der jüdische Dichter Arno NJel begeht am 3. Oktober seinen 50. Geburtstag. In Vtna 1878 geboren, kam Nadel schon mit zwölf Jahren ikh Deutschland. Er absolvierte das Jüdische Lehrerininar in Berlin und bildete sich daneben auch zum aas. Alls Herausgeber jüdischer Volkslieder *nd ate gründlicher Kenner der liturgischen Musik genießt Nadel großen Rui Seit 1919 Ist auch eine Reihe seiner dichterischen Werke erschienen. «Jüdische Wortkonzerte»! Der ehemals der Wllnaer Trappe ange hörige Schauspieler Herz Großbard, der tn den letzten Jahren der deutschen Bühne angehörte, hat eine Tournee durch Belgien, Frankreich, England und Südafrika absolviert, bei der er unter dem Titel «Jüdische Worikonzerte» Perez, Schotem Atechem, Nadir, Bergeisohn, Hoffst ein h. a. jüdische Dichter zwm Vortrag brachte. Großbard setzt diese Tournee in Polen fort. Pie Uraufführung von Lelwlks «Golem» kn Jiddisdien Original (das Stück wurde, wie bekannt, zuerst ln hebräischer Sprache von der «Habimah», dann tn polnischer Bearbeitung durch den Schriftsteller Marie Arnstein fti Warschau aufgeführt), findet in der jetzt beginnenden Theatersaison an Morris Schwarz’ New Yorker jüdischem Kurrs\theater statt, dessen Bestand für das Spieljahr 1928/29 durch Aufbringung von zirka 35.000 Dollar gesichert wurde. Ein neues jüdisches Theater in Wien Das ehemalige «Jüdische Künstlerkabarett» (Praterstraße 60) wurde von einer neuen Arbeitsgemeinschaft übernommen, deren künstlerische Leitung sich in den bewährten Händen des bekannten Schauspielers Hemi Leopold Jungwirth befindet Das «Jüdische Künstlerkabarett» wird neben der Operette und dem lustigen Genre auch das ernste Schauspiel pflegen. Ins Repertoire wurden Nombergs «M i s c h p o c h e», Dymows «Der Sänger seines Trauers>, ferner Sachen von K o b r i n, L i >b t n, P i n s k i iutsw. autgenomnen. Die Truppe wurde durch neue Kunstkräfte ergänzt Außer Leopold Jungwirth wurden verpflichtet: Die bekannte Soubrette Cidti Urich, der Gesangsliebhaber Sami U r i c h, der Komiker Arnold Grimminger, Fräulein Berta Rose n b e r g, ErnU F r i e d e s, Hermann Tunis u. a. * Montag, den 24. 'September, 8.30 Uhr, Eröffnungsvorstellung. Zur Aufführung gelangt «Raisde tn Japan», Operette in drei Akten von Olschauetzki, Musik von Sekunde. Versöhnung Der Schluß der Erzählung folgt in nächster Nummer, Scherz und Humor Int Schatten großer Namen Es gibt in Kanada — so berichtet der «Moment» —* einen «Reverend, Mo hei und TrauungsvoUzieher», der sich Shakespeare nennt (er hieß früher Schächter); er heißt mit dem Vornamen Wolf; hätte er sich auch noch den Vornamen «modernisiert», so hätte WilHaj« daraus werden können und der große Brite hätte einen — B eschneider zum Namensvetter gehatov. Die W1 kßehkeit übertrifft also an grotesken Phänomenen den folgenden Witz, der diie abgeschmackten Phänomene der Namenswmformwng am treffendsten wiedergibt: In das zuständige Berliner Amt kommt ein Jude und wünscht Namensänderung ckrrchzuführen. «Wie wollen Sie heißen?» fragt ihn der Beamte. «Martin Luther.» «Herr, das wird schwer gehen; warum wollen Sie gerade den Namen des großen Reformators annehmen?» «Wissen Sie, ich heiße Moritz Levy und wenn ich jetzt Martin Luther heiße, brauche ich das Monogramm in der Wäsche nicht zu wechseln!» Was du Schwarz auf Weiß hast . . . In den Konkutsnachriohten eines kaufmännischen Fachblattes ist die Firma Baruch <St Sohn verzeichnet. Wütend stürzt Baruch senior in däe Redaktion: «Was unterstehen Sie steh? Mehl Geohäft ist nie besser gegangen als jetzt!» «Ein Irrtum,» — bedauert der Redakteur — «wir werden eine Berichtigung bringen.» «Berichtigung?! Unterstehen Sie stfefr! Was gedruckt ist, ist gedruckt!» Infektion Die kleine Gerda kam aus der Schule nach Hause und erzählte ihrer Mutten «Du Mutti, in meiner Klasse ist ein kleines Mädchen, die ist J ü d i »1» «Nun, und??» «Ja, denke dir, Mufti, und: die bat S c fe w e s t e r n, die sind auch Juden, die hat sie »»gesteckt!». H.S. FÜR MUSSESTUNDEN Schach Eine Glanzpartie aus der Schach-Olymplade. Durch das knapp an die Schacholympiade dm Haag anschließende gewaltige Turnier in Kissdagen and namentlich durch das rege Interesse, weJdnes man dem ersten Auftreten Capabiancas in seiner Eigenschaft als Ex-Weltmeister entgegenbrachte, ist die Olympiade etwas in den Hintergrund gedrängt worden. Indessen wurde aber auch im Haag manch schöne sachliche Leistung vollbracht und wir kommen deshalb heute nochmals auf dieses Ereignis zurück, eine kurze Atempause benützend. Denn zwei neue Aktualitäten stehen bevor, beide in den laufenden Monat fallend: 8. bis 29. September ein Zehn -Meister-Turnier in Brünn unter Teilnahme von Marshall, Reti, Kostltsch u. a., 20. bis 30. September Zehn Meistef-Turnier in Budapest unter Teilnahme Capabiancas. Nun also dite Glanzparttie: m . ih it fei ll/A Jede Dame solKKe «los Jfffodenpafai« Julius Krupnik 7. ißexlrft, JUoiocvsimDUSe I13 besudien ‘Tausende Parisern JHodefffe und Schöpfungen der eigenen Ateliers, der herilichsten Herbst- und Wintermodelle in allen modernen Farben. Vom einfachsten bis zum verwöhntesten Geschmack, in allen Größen zu den billigsten Preisen C a r o - K a n n - V e r t c f id i gu n g. Weiß: Ludwig Steiner (Ungarn. Schwarz.* R-osselü (Italien). (Gespielt in der VI. Runde des olympischen Einzel turmier im Haag.) 1. e2—e4, c7—c6. 2. d2—<M, d7—d 3. Sbl—c3, d5Xe4. 4. Sc3Xe4, Sg8-f6. 5. S^Xföf1 e7Xf62), 6. Sgl—f3, Lf8—dö. 7. Lfl—e2, 00. 8. 00, Sb8—dT. 9. c2—c4, f6—fö. 10. Ddl—c2, f5—f4. 1L Tfl—d,l3X Dd8-46. 12. c4—c54), Ld6—c7. 13. b 2-4)4, Dfö—h6- 14. Le2—c4, Sd7—f6. 15. Lcl-d>2, Lc8—g4. 16. Dc2—b35X Ta8—d8. 17. b4—b5ö), c6Xb5f 18. Lc4Xb5, Td8-d5. 19. h2—h3, Td5—•h5. 20- Kgl-fl7) Lg4—«6. 21. U>5—c4, Sfß—d5. 22. Lb2—a3, Tf8—d8. 23. Db3Xb78), Sdö—e3t! 24. f2Xe3, Le6Xc4f. 25. Kfl—«rl, Tb5Xh3!9) 26. ©3—e^0), fh3Xf3! 27. Db7XC711), Dh6—g5! 28. La3—cl, h7—h5- 29. d4—dö, Td8—e8. 30. d5~-d6, Tf3-iga 3L LceXH Tg3Xg2!12). 32. Kgl—hl, Dg5Xf4. 33. KhlXg2l1% Df4Xe4t. 34. Kg2—glwX De4-g4t, 35. Kgl—bl, Te8—e2. Weiß gab auf.15) Stellung nach dem 25. Zuge von Weiß. Achtung Y Keine Filialen AehtnngT Anmerkungen. *) Besser ist Sg3, um auf e6 mit 6. SI3 fortzufahren. *) Gilbt dem Weißen die Majorität auf der Damenseite, reserviert sich aber Angriffschancen gegeu den König. Vom Standpunkt strenger Korrektbeiit ist wohd 5. —gXf das Richtige. — 3) Schwächt den Königsflügel nach dl sollte der Damenturm. 11. b3 webst Lb2, Tod 1 uswwar gut. — 4) Wieder ungünstig, denn. nun bleibt 44 rückständig. b3 nebst Lb2 war noch immer am Platze. — 5> Le£ war vorsichtiger. — ®) Er sollte lieber an Verteidigung seine* Königs denken. Auf 17. d5? wäre c,Xd, 18. LXdS, SXda, 19. TXdS, Le6! gefolgt. — 7) Besser war Lfl. — s) Der entscheidende Fehler. Schwarz erlangt nun auf glänzende Art unwiderstehlichen Angriff. — ®) Eine schöne korrekte Opferwendung. Weiß kommt mm nicht mehr zu Atem. — 10) Oder: A. 26. gXh, Dg6t! 27. Kh2. Dg3t. 28. Khl, dS u. gew. B. 26. DXc7, Thlt. 27. Wf2, fXef. 28. Kg3, Dg6f. 29. Kf4, Te8! usw. mit siegreicher Königsjagd. — 11) Oder: 27. gXf, Dg6t. 28. Khl, Dh5t. 29. Kg2, Dg5f. 30. Kbl, Dh4f. 31. Kg2, Dg3t. 32. Khl, D+f3t. 33. Kgl, Dg3t. 34. Khl, f3 u. gew. durch die Mattdrohungen auf h2 a. g2. — M) Viel später als das Verzweiflungsopfei* anzunehmen. Nun gebt alles mit 'i'euipogcwian, «« la) Ode*: 3A Ü.