Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1928)
- Date
- 1928-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 DIE STIMME Nr. SS um, organisatorisch die Konsequenz in tletttn «m! da« Zentralorgan für die Vertretung der Interessen der nationalen jüdischen Minderheiten durch neue Kräfte und durch .weitere Vollmachten so auszustatten, daß der Kampf im Internationalen Leben die Juden ebenso stark und ebenso autoritativ finden soll, wie es mit den anderen Minderheiten der Fall ist. Ich verstehe sehr wohl, daß man den Einwand gegen mich erheben wird, was ich eigentlich wolle, warum ich in einem so mahnenden Tone spreche. Die jüdische Vertretung vermöge zweifellos gewisse Erfolge zu konstatieren, sie genieße eine gewisse Anerkennung in nichtjüdischen Kreisen, sie habe ein starkes und weitzielendes Programm, sie finde in der Presse und jüdischen Öffentlichkeit Sympathien und werde jetzt vielfach hervorgehoben. Wozu also diese Mahnungen, die eher entmutigend wirken könnten? Daraufhin habe ich nur folgendes zu erwidern: Es handelt sich gar nicht darum, ob die Aktionen dieser oder jener Persönlichkeit, und sei auch ich persönlich damit gemeint, te der Jüdischen Md teilweise in der nichtjüdischen Presse sowie Im jüdischen Leben Anerkennung finden (wie es mir neuerdings während meiner Reise durch die Baltischen Länder in ganz außerordentlichem Maße zuteil geworden ist). Dies ist vielleicht eine gewisse seelische Befriedigung, sie gewährt mir aber durchaus keine Ruhe, solange ich feststellen muß, daß die jüdischen Führer nur zu einem kleinen Teil von dem Bewußtsein erfüllt sind, daß sie ihr Können und Wollen der großen Mission, der Wahrung des jüdischen nationalen Wesens durch prägnante und ständige Teilnahme am gesamten internationalen Leben und durch genügende geistige und politische Vorbereitungen und Aktionen ausnützen müssen. Man vergleiche nur die immer anschwellende ungeheure nichtjüdische Literatur zu diesen Fragen mit der verhältnismäßig schv«*'ien Beteiligung der Juden auf diesem geistigen Gebiete, auf welchem die Anhänger des jüdischen Nationalismus schon vor Jahrzehnten große Leistungen aufzuweisen hatten. ANTISEMITEN SPIEGEL Der antisemitische Botschafter Der erste italienische Botschafter in dem befreiten Polen, Francesco Tomassini, mußte nach vierjähriger Amtstätigkeit in Polen, nach einem Aufsehen erregenden Krach mit dem damaligen antisemitischen Außenminister Polen verlassen. Der polnische Außenminister, der der nationaldemokratischen Antisemitenpartei angehörte, rügte öffentlich die politische Tätigkeit des italienischen Botschafters und die antisemitische Presse bezeichnete ihn öffentlich als einen «jüdischen Freimaurer». Auf diese Weise verächtlich gemacht, wurde Tomassoni damals von seiner Regierung abberufen und, um sich von dem Vorwurf, ein Jude zu sein, reinzuwaschen, veröffentlichte er seine Erinnerungen an die vierjährige Tätigkeit in Warschau, unter dem Titel «Polens Wiederaufrichtung». Aus diesem Buch erfährt man, was für ein Patron dieser Vertreter des damals noch liberalen Italien ist. Denn die Memoiren des Francesco Tomassini sind, soweit sie den Anteil der Juden an der Befreiung und Wiederaui’richtung Polens behandeln, von Anfang bis zu Ende eine niederträchtige, historisch bewußt unwahre Häufung von Verleumdungen und antisemitischen Auslassungen. Die ganze Arbeit ist darauf angelegt, die Juden als die Feinde Polens hinzustellen, als Verschwörer gegen die polnische Nation, die, bald mit den Ukrainern, bald mit den Bolschewiken verbündet, gegen das um seine Existenz kämpfende Polen arbeitet. In jedem Absatz seiner Darstellung des Umsturzes in Polen werden die Juden als die hinterhältigen Agenten der Deutschen und der Bolschewiken hingestellt. Die auch von den Polen zugegebenen Pogrome während der polnisch-ukrainischen Kämpfe im Winter 1919 werden von Tomassini als bedeutungslose, aber berechtigte Ausbrüche des gereizten Nationalgefühls der Polen hingestellt. Die höchste Niedertracht jedoch ist es, wenn Tomassini die Polen förmlich zu Pogromen auf die Juden aufhetzt, indem er als «Urteil eines Unparteiischen» erklärt, daß «die Juden im Organismus Polens jetzt ein um so gefährlicheres Gift darstellen, als es dagegen überhaupt kein Heilmittel gibt». Hauptsächlich aber sind es die aufrechten nationalen Juden, die es Tomassini angetan und gegen welche er den ganzen Haß der Polen anzufachen bestrebt ist. Die polnischen Antisemitengruppen haben nun einen neuen Eideshelfer in der Form eines tunparteiischen Beobachters», der allerdings wegen seiner Wühlarbeit gegen Polen selbst, als er noch diplomatischer Vertreter Italiens war, aus dem Lande gejagt werden mußte. Hätte das der selige Elias erleb. Vor einigen Jahren machte das Testament des in Bukarest verstorbenen spaniolischen Juden Jacques Elias viel von sich reden. Er vermachte rund eine Milliarde Lei für rumänische Kulturzwecke, in dem Irrglauben, daß er dadurch eine seiische Annäherung zwischen Juden und Rumänen fördere, und den Ansporn dazu gebe, daß auch von rumänischer Seite, wo es ja noch viel mehr Milliardäre gibt, als unter den Juden, Stiftungen errichtet werden, die dem gleichen Versöhnungsgedanken dienen. Als kurze Zeit nach dem Tode des Elias der rumänische Petroleummagnat Wasiliu-Bolnavu mehrere Millionen für den Bau eines Studentenheimes stiftete, da freuten sich alle Anhänger des Assimilationsgedankens, unt! segneten den toten Elias wegen seiner opferfreudigen, weisen Voraussicht. Inzwischen wurde die Milliarde des Elias in rumänische Verwaltung genommen und das von Bulnavu gestiftete Studentenheim ist fertiggestellt worden. Und nun kam die Ueberraschung: Der Aufnahmswerber mußte den Nachweis erbringen, daß er I. rumänischer Staatsangehöriger sei, 2. der griechisch-orientalisehen Religion angehört und 3. die Vorlage einer einige Generationen zurückreichenden Ahnenliste, aus der hervorgeht, daß der Student, der in dem Studentenheim Unterkunft finden will, nicht etwa, Gott behüte, väterlicher- oder müiterücherseits mit jenem Jacques Elias verwandt ist, der seine in mehr als 70 Jahren mühselig zusamniengespnrte Milliarde zur Förderung rumänischer Kultur und der Annäherung zwischen Juden und Rumänen hinterlassen hat. Wenn der Kritiker Antisemit ist Wenn ein Kritiker Antisemit ist, so entpuppt er sich früher oder später als gemütsroher Rowdy und verrät bald, daß er unwürdig ist, das Amt eines Kritikers zu führen. Das zeigte sich auch bei dem bekannten amerikanischen Theater- und Kunstkritiker Percy Hammond, über dessen Selbstentlarvung man heute in Amerika so entsetzt ist. Vor kurzem wurde einer der beliebtesten amerikanischen Komiker und Tänzer, Fred Stone, das Opfer eines Unfalles, indem er mit seinem Aeroplan stürzte und ein Bein brach. Dieser äußerst bedauerliche Unglücksfall veranlaßte nun Hammond, in einem der größten Blätter New Yorks sich folgendermaßen auszulassen: «Es war ein teuflisches Schicksal, das diesen tüchtigen, soliden Artisten Stone, der auch ein frommer, moralisch veranlagter Christ ist, verkrüppelt hat Hätte doch das Schicksal viel geeignetere Objekte unter den Artisten finden können, es hätte do Ji so leicht Willy Hov/ard, Edie Kantor, Harry Riclimann, Al. Jolson und andere, deren Gewohnheit es ist, sieh der Oeffentlichkeit in unmoralischen Aufführungen zu zeigen, lahm werden lassen und zu Krüppeln schlagen.» Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß alle die vier Künstler, denen Hammond das Los Stones herbeiwünscht, durchwegs Juden sind, die als Künstler einen besseren Namen haben als Stone und auch erfolgreicher sind. Wien I., tfiotentuvmstraficJlr.22 S>ie &este und ßilligste £inftaufsquelfe linhciispreise f r- # 9- # 12’ 999999999999999999*9999999999999999999* Die Reffleraflg erhebt Ihre Beltra*»- leistung für jüdische Kulturzwecke — nicht hi Oesterreich, sondern In der Tschechoslowakei. .... Aus Prag wird uns gemeldet: Der der Kammer vofgelegtc Staat$voranscn?äg für das Jahr 1929 sieht für Zwecke des jüdischen Kultus 1,900.000 Kc. gegen 800.000 Kc. Im Vorjahre vor. Besondere Posten für das hebräische und jüdische Schulwerk sind nicht veröffentlicht. Das gesamte Minderheitsschulwesen erscheint in dem Voranschlag mit 88 Millionen Kc. Palästina Miszellen Mit dem Bau des archäologischen Museums in Jerusalem soll zu Beginn 1929 angefangen werden. Die Kosten des Baues sind mit 190.000 Pfund veranschlagt. Bau und Einrichtung des Museums sind durch eine Spende Rockefellcrs ermöglicht woiden. Die jüdische Gemeinde Jerusalems hat in der Angelegenheit einer aas Kurdistan eingewanderten jüdischen Frau, die von ihrem Brotgeber, einem arabischen Polizeioffizier in Nablus, gezwungen wurde, zum Islam überzutreten, eine Untersuchung eingeleitet. * Das Colonial Office lud sechs britische Hafenbaugcsellschaften ein, Offerten für die Erbauung des Hafens von Haifa einzureichen. Mit den Arbeiten soll im November begonnen werden. * Dieser Tage ist auf dem Karmel das nach Borochow genannte Sanatorium der Kupath Cho- 1 i m feierlich eröffnet worden. Das Hau« umfaßt zurzeit 20 Betten, darunter 8 für stillende Mütter mit ihren Kindern. Es besteht der Plan, das Sanatorium außerhalb des bestehenden Budgets der Arbeiterkrankenkasse zu erhalten. * In der Nähe von Herzlia wurden laut der ITA 3000 Dunam Boden für eine neue Kolonie erworben, die nach Naxhan Straus den Namen «Nathania* führen soll. Es wird dies die erste jüdische Kolonie unmittelbar an der Meeresküste sein. 70.000 Pfund Sterling sind in diese Kolonie bereits investiert worden. Die ersten 50 jüdischen Bauern sollen binnen kurzem auf diesem Boden angesiedelt werden. m Wie dem «H a a r e t z» aus Bagdad berichtet wird, soll eine einflußreiche britische Finanzgruppe sich verpflichtet haben, den durch den Irak führenden Teil der Eisenbahnlinie Bagdad — Haifa ohne finanzielle Mithilfe des Irak auf eigene Kosten zu erbauen, falls sie in die Lage versetzt wird, die Naphthaterraine bei Mossul und Bagdad zu erstehen, die die Irakregierung im November zum Verkauf stellen will. Die Länge der Trace beträgt 500 Meilen, von denen 250 auf das Territorium von Palästina und Transjordanien und 250 auf das des Irak entfallen. * Wie der «Haaretz» berichtet, sind in Jerusalem bisher 18.000'Beitrittserklärungen zur Knesseth Israel abgegeben worden. * Der Munizipalrat von Jerusalem hat mit seiner arabischen Majorität das Budget für das Jahr 1929 angenommen, das Ei n n a h m en in der Höhe von 54.000 Pf u n d und Ausgaben von 87.000 Pfund festsetzt. Kleine Nachrichten In Paris fand eine Sitzung des Zentralkomitees der Union der Zionisten-Revisionisten statt. Es wurde beschlossen, die dritte Weltkonferenz der revisionistischen Union für den 25. bis 30. Dezember nach Wien einzuberufen. « Professor Einstein befindet sich auf dem Wege der Besserung und konnte bereits vor einigen Tagen sein Krankenlager verlassen. Professor Einstein dürfte wahrscheinlich Mitte Oktober wieder nach Berlin zurückkehren. * Der Vetter Lord Melchetts, der den gleichen Namen Alfred Mond trägt, hat Selbstmord verübt. * In Flammersheim Im Kreise Rheinbach wurden auf dem jüdischen Friedhof von Uebeitätem alle Marmortafeln zerbrochen und die Grabsteine besudelt. Auch in dem Flammersheim benachbarten K irch* heim wurden alle Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgeworfen und zum großen Teil zertrümmert. Es Ist dies innerhalb zwei Jahren bereits diee zweite, bzw. dritte Friedhofsschändung in den erwähnten beiden Orten. * Prager medizinische Kreise bringen einer Entdeckung des Prager jüdischen Chemikers Dr. Oskar Huppert, von der man erwartet, daß sie in der Behandlung des Krebses eine bedeutende Rolle spielen wird, großes Interesse entgegen.