Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1928)
- Date
- 1928-09-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 88 DIE STIMME Seife 7 Die internationalen Tagungen und die Juden Von Leo Motzkin Wenn ich auf sämtliche bisherigen vier Minderheitenkongresse zurückblicke, mnfJ ich meine große Zufriedenheit mit der Entwicklung der Dinge zum Ausdruck bringen. Der erste Kongreß war ein Tappen im Dunklen, er war sozusagen das erste Wort in die weite Welt, der geistige Anmarsch der Minderheitentruppen. Der zweite Kongreß war schon wesentlich besser vorbereitet und hatte einen umfassenden Inhalt, wofür wir jüdischerseits ebenfalls einen starken Beitrag lieferten. Da kam der dritte Kongreß mit seiner Krise, dem Austreten einiger Gruppen, die uns anfangs in den Augen der Welt und in unseren eigenen Reihen schädigte, die aber unsere Energie und unsere Hartnäckigkeit stählte und damit die Bewegung stärkte. Der vierte Kongreß war dann eine wesentlich stärkere Zusammenfassung der Kräfte, eine Rehabilitierung, eine der ernstesten Manifestationen. Man hat uns Juden nachgesagt, daß wir die reinsten Vertreter des Mitodcrheitsgedankens sind, inwiefern und wo wir es überhaupt seien. Denn man muß von denjenigen Teilen des Judentums absehen, welche sich überhaupt nicht mehr als Teil der jüdischen Nation betrachten und deswegen irgendwelche Vermengung mit nationalen Minderheiten verpönen. Glücklicherweise fürchten diese Vermengung die großen jüdischen Massen nicht, um deren blutige Interessen es sich handelt. Da Ist es wahr, daß die jüdischen Vertreter, sei es aus Polen, sei es aus Litauen, aus Lettland, aus Estland oder Bulgarien, aus Griechenland oder der Tschechoslowakei, tatsächlich ihre Minderheitsbestrebungen durch keine Nebengedanken und Nebenabsichten verfälscht wissen wollen. Diese Tendenzen sind Aiermals auf dem vierten Minderheitenkongreß durchgedrungen. Einerseits hat die auf dem Kongreß auf langes Drängen hin endlich formulierte Aufnahmeverfassung den Grundsatz klar zum Ausdruck gebracht, daß der Kongreß von irgendwelchen irredentistischen Bestrebungen sich fernhalten müsse, andererseits ist der Gedanke der nationalkulturellen Autonomie wesentlich weiter ausgebaut worden. Wir Juden haben von Anfang an erklärt, daß der Minderheitenkongreß, wenn er überhaupt existieren und einen Einfluß ausüben will, sich auf den Boden des bestehenden Staates stellen müsse und in diesem Rahmen seine Forderungen zu formulieren habe. Um Mißverständnisse zu vermeiden, haben wir ausdrücklich betont, daß wir von Niemandem ein Bekenntnis verlangen, um so weniger, als wir manche Bestrebungen nach Unabhängigkeit verstehen und von solchen Minderheiten, welche große Massen auf bestimmten Territorien kompakt besitzen, nicht einfür allemal, und namentlich nicht in unserer Uebergangszeit, unechte Erklärungen erzwingen wollen, daß s i e mit der nationalkulturellen Autonomie allein sich begnügen. Dazu kommt noch ein anderer, sehr wichtiger Gesichtspunkt. Unsere Kongresse haben nicht nur theoretische und ideologische Absichten im Auge. Sie berufen sich, und mit Recht, darauf, daß ohne eine wirkliche Befriedigung der nationalen Seele auch von Teilen von Nationen der Weltfriede gefährdet ist. Es wäre aber lächerlich, von der Erhaltung des Friedens zu sprechen, wenn gleichzeitig territoriale Umwälzungen, noch dazu verbunden mit gewaltsamen Drohungen, als Aspirationen eines Teiles der Minderheiten vorgehracht werden sollten. Da wir der Auffassung sind, daß auch für diese Minderheiten unsere weitgehenden nationalkulturellen Autonomiebestrebungen für die Erhaltung ihrer Art eine unumgängliche Notwendigkeit und ein praktisch durchzuführendes Ziel sind, so ist auch unser Gewissen völlig beruhigt. Diese Nationalitäten werden uns in späterer Zeit Dank wissen, daß sie gleichsam durch unsere Verfassung vergewaltigt worden sind. Die Juden sind die Wächterdergroßenethischenundfriedlichen Ziele der Minderheitsbewegung, sind die geborenen Vermittler in diesen schweren Konflikten, da sie von keiner Seite verdächtigt werden können. Der Ernst und der Mut, mit dem der letzte Minderheitenkongreß über die entscheidenden Faktoren gesprochen hat, die schwere Verwarnung und Mahnung an den Völkerbund, die gründlichen Feststellungen des Rahmens der nationalen Minderheitsbestrebungen, das Herantreten an die Realität in den einzelnen Ländern, ohne aggressiv oder demagogisch zu werden, alle diese Vorgänge haben nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch zum Teil die Sympathie auch dort erweckt, wo sonst Minderheitenbestrebungen auf gar kein Verständnis zu stoßen pflegten. Daß wir Juden rechtzeitig dieser Bewegung uns angeschlossen haben, ist noch aus folgendem Grunde wichtig. Wir stehen heute abermals in verantwortlicher Situation vor der entscheidenden Frage, ob wir in der Welt als eine Nation gelten wollen oder nicht. Wenn ein Teil der Juden anderer Auffassung ist, und das nationale Bekenntnis als gegen seine inneren Erlebnisse und Auffassungen betrachtet, so kann dem gegenüber für den betreffenden Teil rechtlich nichts eingewendet werden. Ich habe auf dem Kongreß ein Wort ausgesprochen, welches mit starker Sympathie begrüßt wurde. Ich habe gesagt, daß jederdasRechtzur Assimilation (ich sprach ausdrücklich nicht von ethischen Grundsätzen, sondern von individuellen Errebnissen), niemand aber die Pflicht zur Assimilation habe. Diese Pflicht wird den jüdischen Massen von zwei Seiten auferlegt, von den Staaten, welche assimilieren wollen, d. h. den jüdisch-nationalen Kern ausmerzen möchten und von jenen Juden, welche die Assimilation anerkennen und diese Assimilation als eine patriotische Forderung an ihre Brüder stellen. Den Kampf gegen die Assimilation, den ich während bald vier Jahrzehnten durchführe, habe ich immer als eine Frage der Auffassung, nicht des Rechtes betrachtet. Wenn ich gewisse Assimilationserscheinungen als bewußte oder unbewußte demoralisierende Handlungen erklärt habe, so war es immer darauf gezielt, die betreffenden Gruppen oder Personen umzustimmen und zu beeinflussen, nicht aber, ihnen ein Recht abzustreifen. Damit, daß ve assimilatorischen Kreise immer von neuem ihre Bestrebungen auf das Gebiet des Patriotismus und der Treue zum Staat bringen, bringen sie eine schwere Waffe gegen die Minderheiten, welche im allgemeinen von den Regierungen am liebsten abgelehnt werden möchten. Die großen jüdischen Massen werden heute und in den nächsten Jahren durch die Internationalen Verhältnisse vor entscheidende Probleme gedrängt, ob sie sich zu einer Nation und folgsich zu nationalen Minderheiten bekennen oder nicht. Infolge der schwankenden und oft höchst oberflächlichen Haltung des assimilierten Judentums ist sogar in manchen Kreisen der nichtjüdischen Minderheiten selbst die Frage aufgetaucht, ob die Juden als nationale Minderheiten zu betrachten seien. Sie vergessen dabei, daß diejenigen Kreise, welche die Interessen des Judentums ausschließlich als solche einer religiösen Gemeinschaft vertreten, in den Ländern, in denen jüdische Massen wohnen und Minderheitsrechte bejüdische Massen wohnen und Minderheitenrechte benigstens auch als national zu verfechten, weil sonst die Ausbildung ihrer religiösen Existenz gleichfalls bedroht wird. Wir müssen deswegen äu? Schritt und Tritt diejenigen jüdischen Brüder, die für Rechte der Juden eintreten, aber die Assimilation als Grundlage ihres Ideenkomplexes voraussetzen, in aller Entschiedenheit ersuchen, von der ideologischen Bestimmung des Wesens der osteuropäischen Judenheit fern zu bleiben. Sämtliche Wahlen in die parlamentarischen und städtischen Körgerschaften, welche in den letzten Jahren in den in Betracht kommenden Ländern stattgefunden haben, desavouieren diese Schmutzorganisationen in puncto der Frage Konfession oder Nationalität in unzweideutiger Weise. Auch die religiösen Parteien, wie der Misrachi, verlangen Parallelität der nationalen und religiösen Bestimmung des Judentums und die einzige in dieser Beziehung schwankende Organisation, wie die Aguda, kann in Polen oder Lettland, wo sie einen gewissen, wenn auch beschränkten Einfluß hat, die Ausschaltung des nationalen Momentes nicht mit der Klarheit und Konsequenz vertreten, wie es die Anhänger der Assimilation in Paris, London und teilweise in Berlin tun. Seat Jahren wiederhole ich es bei jeder Gelegenheit und in zionistischen und nichtzionistischen Kreisen, daß das Judentum innere Stärke zeigen muß, daß es in allen Ländern, in denen jüdisches Leben pulsiert Bevor Sie einen Dauerbrandofen kaufen versäumen Sie nicht, unseren idealen J|^Q3H HOOlllQ J 'Dauerbrandofen^ zu besichtigen! IV, FrledrlchstraDe ii XlrilMriir, jtiendber du Hnkebribunai fe * 30-1-65 Bequeme Abzahlungen, Referenz-, Preisliste, fachmännische Beratung kostenlos LLOYD TRIESTINO DIREKTE LINIE TRIEST-JAFFA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag um 8 Uhr abends. Erste Reise mit D. „Bucovina“ am 27. September 1928 Fahrpreis I. Kl. Lst. 22.-.-, II. Kl. Lst. 15.-.-, IR Kl. Lst. 5.—.— inklusive Kabine und Verpflegung. Deck Lst. 3 — Eine Fahrt Triest—Jaffa—Haifa und retour In 1er III. Klasse kostet bloß österr. Sch. 345.— Inklusive Kabine und Verpflegung Auskünfte: Lloyd Trlestlno, Wien, 1., Kärntnerring 6 Telephon U 46-0-53 Serie P: und eine jüdische Zukunft noch erstrebt wird, gegenüber den internationalen Problemen eine unumwundene Stellungnahme durchführen muß. Wir nehmen häufig an internationalen Kongressen und Veranstaltungen teil, aber dies geschieht lange nicht in solchem Maße und in derartiger Ausnützung unserer geistigen Kräfte, wde es der Fall wäre, wenn das Judentum gleich den anderen Völkern sich Rechenschaft davon ablegte, was in der Welt jetzt vorgeht. Es bedarf unter den heutigen Verhältnissen und unter der leichtfertigen Beziehung der meisten jüdischen Führer zu dieser Kernfrage für die wenigen jüdischen Vertreter, die zu den internationalen Kongressen kommen, der höchsten Anspannung, um unsere Position aufrechtzuerhalten. Wir waren die ersten, die am energischesten für die Rechte der nationalen Minderheit im wichtigsten Entscheidungsmoment, das heißt vor der Friedenskonferenz, gekämpft haben. DasBewußtsein allein aber, daß dieMinderheiten uns die wenn auch unzulänglichen, so doch äußerst wertvollen nationalen Regeln für Minderheitenrechte zu verdanken haben, wird uns für die Dauer nicht die erforderliche Anrkenriung schaffen, wenn wir nicht bei jedem Schritt mitwirken und mithelfen. Nach und nach entstehen andere Machtfaktoren, die am letzten Ende die Ausschaltung der Juden aus dem Nationalitätenkampfe verschmerzen werden, insbesondere wenn sie in Betracht ziehen, welche Gefahren der Kampf unter den Juden selbst für und gegen Assimilation mit sich bringt. Unsere ganze Kraft besteht in der Gerechtigkeit unserer Forderungen und i n d e r Lauter k eit unserer Anschauungen. W enn wir auf dem Minderheitenkongreß und in der Union der Völkerbundliga, hin und wieder auch bei anderen internationalen Veranstaltungen Erfolge erzielen, so beruht es auf der geistigen Stärke, mit der wir auftreten, es muß aber permanent auch in dem Willen der Judenheiten der einzelnen Länder zum Ausdruck kommen. Die wiederholten unanfechtbaren Mandate müssen bei jeder Gelegenheit wieder aufgefrischt werden, damit die. Gemeinwendungen der Assimilation völlig niedergeschlagen werden. Von außerordentlicher Bedeutung ist dabei unser Zusammenarbeiten mit anderen nationalen Minderheiten, weil damit eo ipso unser Volkstum als solches geschützt wird. Voraussetzung ist für uns jedesmal, daß diese Zusammenarbeit von der loyalen Beziehung zu dem betreffenden Staate, wenigstens von der Anerkennung des betreffenden Staatsverbandes im Rahmen der Zusammenarbeit ausgeht Welch einen fruchtbaren Boden auch für konkrete Dinge die Tribüne des internationalen Kongresses bietet, haben wir auch in der letzten .Tagung des Vöikerbundligenkongresses erlebt Ich habe auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit anderen Minderheiten zum ersten Male schon vor acht Jahren in einer Versammlung in London hingewiesen. Ich habe schon damals in einer gewissen Voraussicht erklärt, daß nicht nur die den Juden gewährten Minderheitsrechte, sondern die gesamten Vorkommnisse eine ständige und konsequente Beteiligung der Juden in den internationalen Vorgängen erforderlich machen werden. Diese Anschauung wurde gleichwohl als eine akademische Betrachtung behandelt, als eine durch die Tatsachen nicht bedingte Fortsetzung des Auftretens der jüdischen Delegationen angesehen. Die zionistische Organisation hat gegenüber allen diesen Voraussagungen sich nur sehr lau verhalten, schon im Herbst 1920, als nach der Karlsbader Welthilfskonferenz eine Tagung stattfand, an der amerikanischen und europäischen Freunden der Sachverhalt nahegelegt wurde. Das Komitee der jüdischen Delegationen wurde vielfach als ein notwendiges Uebe! behandelt und demgemäß auch finanziell nur wenig unterstützt. In den letzten Jahren pulsiert das Leben in dem jüdischnationalen Rechtsinstitut abermals so stark, wird es in seiner Wichtigkeit so anerkannt, daß ein Stillstand nicht mehr möglich ist oder wenigstens nicht mehr möglich sein sollte. Die vorigjährige Züricher Konferenz hat all diese Probleme in ihrer ganzen Schärfe gezeigt. Es gjlt dafci