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Die Stimme · 1928-09-20 · Heft 38 (20.9.1928) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 38 (20.9.1928)
Date
1928-09-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 88 Richard Herzog, II, Kleine Pfarrg. 28 / Tel. R 23-4-90 Gang durch die Wiener Bet. häuser am Rosch Haschanah. Der große Stadttempel in der schmalen Seitenstettengasse, der erst unlängst seinen hundertjährigen Bestand feierte, vereinigte, wie alljährlich, die Spitzen der Wiener Judenschaft. Alles ist hier vornehm, reibungsloser und exakter Dienst der Funktionäre, pünktliche Einhaltung der Gebetstunden usw. Mit Trauer im Herzen vermißt man den großen Lehrer und Führer der Gemeinde, Oberrabbiner Dr. Zwi Perez C h a j e s . . . Mit welch lebhafter Spannung erwartete man seine einzigartigen Predigten, einzigartig auch der Form nach! In weihevoller Stimmung lauschte man seinen Worten, man wurde aufgerichtet und ermutigt. — Und nun ist dieser Verkünder für ewig verstummt . . . Der Leopoldstädter Tempel (in der Tempelgasse) glänzte in Licht und Schönheit. Er wies auch heuer einen Massenbesuch auf, wiewohl hie und da in den Sitzreihen Lücken wahrzunehmen waren. Es muß heryorgehoben werden, daß das Kartensystem diesmal nicht rigoros gehandhabt wurde und daß nach Tunlichkeit auch «Kartenlose» eingelassen wurden. Trotzdem herrschte im Tempel eine mustergültige Ordnung. Nicht so im Polnischen Tempel, in der Leopoldsgasse. Das berüchtigte Kartensystem wurde hier in übertriebenem Maße angewendet. Zur Ueberwachung der Betlustigen wurden drei Polizeiorgane angefordert and bezahlt. Die Ordnung jedoch ließ viel zu wünschen übrig und beim Eingang in den Tempel spielten sich unliebsame Szenen ab. Wir überqueren die Taborstraße und befinden tms im Gotteshause unserer sephardischen Brüder, im «Türkischen Tempel», in der Zirkusgasse. Was hier besonders auffiel, waren die vielen Kinder beiderlei Geschlechts, die von den Eltern mftgebracht wurden. Recht so! Ueberhaupt war die ganze sephardische Gemeinde anwesend, so daß man beiläufig auch deren Zahl feststeflen konnte. Während des Betens ging es sehr feierfich zu, wobei sich Oberrabbiner 0 w a d j a h als vorzüglicher Prediger bewährte. Auch im zierlichen Pazmanitentempel bewährte sich die rücksichtsvolle Behandlung der «Kartenlosen». Es herrschte kein Andrang und die Ordnung wurde nicht gestört Leider haben wir auch hier einen schmerzlichen Verlust zu verzeichnen: Mit dem frühzeitigen Hinscheiden des bescheidenen, verdienstvollen Gelehrten Dr. S. Funk verlor der Tempel seinen langjährigen Rabbiner und Prediger. Auch in den anderen Bethäuse'rn, wie Schiffschul, Machsike Hadath und in den zahlreichen kleineren Minjanim waren an beiden Rosch Haschanah-Tagen zahlreiche feierliche Betgemeinden versammelt. Leider muß man feststellen, daß sich die jüdische Jugend von den Bethäusem ziemlich fernhielt * Durch das milde Wetter begünstigt, konnten zahlreiche Personen am zweiten Tage des Neujahrsfestes zu «Taschlich» gehen. Wie alljährlich, versammelte man sich zu kurzem Gebete unterhalb der Hollandbrücke, am linken Ufer des Donaukanals. Der Anblick des ungewohnten Schauspieles lockte viele Neugierige aus Brückengeländer herbet J. .T u r s k i. Oesterreich Der sterbende Hausierer Hausieren ist ein bitteres Brot, einer der traurigsten und erniedrigendsten Berufe, die es gibt, dem Judentum aufgezwungen durch jahrhundertelangen Ausschluß von jeder Möglichkeit sich auf andere Art das Brot zu verdienen. «Handlee, Handlee . . .» ist der typische Ruf, der den Hausierer zum Gespött der Buben macht Das «Jüdelachee», das sie ihm nachschreien, es gellt dem ganzen Judentum in den Ohren. Von Haus zu Haus, treppauf, treppab, von Tür zu Tür, tagaus, tagein . . . das ist sein Los. Meist wird ihm auf sein Klopfen überhaupt nicht geöffnet oder die Hausfrau schlägt ihm die Tür vor der Nase zu und schreit in unwirschem Ton: «Mir ham nix für den Pinkeljuden!» Gelingt es ihm dennoch einmal, Einlaß zu finden und zeigt ihm die Hausfrau ihre «Schätze», die sie zu, Geld machen will, SIEGM. KQHHMEHL, GroBfleischiiauepei Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u. A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, Abteilungen für ^^-Fleiech unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IX, Berggasse IS XVIII, W&hringarstrafto 97 meist nicht mehr tragbare oder reparierbare Kleider und Schuhe, so verlangt sie Preise dafür, die er beim besten Willen nicht zahlen kann. Bei den heutigen Zeiten ist es leider nur allzu begreiflich, daß man alte Sachen nur dann verkauft, wenn sie wirklich nicht mehr verwendbar sind. Leute aber, die in der glücklichen Lage sind, KteWer nicht bis auf den letzten Faden aus tragen zu müssen, die stehen auf die wenigen Groschen, die ihnen der «Handeljud» zahlen kann, nicht an; sie verschenken die Kleider lieber, ehe sie sie verkaufen. Tagelang laufen die armen, alten Leute herum und können oft gar nichts kaufen, weil die Leute zu viel dafür verlangen. Gelingt es ihnen dennoch, einige alte Hosen oder ein Paar alte Schuhe zu erstehen, dann tragen sie ihre Ware auf die Altkle’derbörse in die Judengasse, um sie be5 den Trödlern zu verkaufen, die dort offene Läden haben. Natürlich werden nur sehr geringe Preise gezahlt, weil ja die Trödler die Kleider auffrischen lassen müssen, um sie wieder verkaufen zu können. Wahrlich, kein leichter Beruf. Abends versammeln sich die Hausierer in einem kleinen Kaffeehaus ir, der Leopoldstadt und erzählen einander von den Mühsalen ihres Berufes. /Es sind ihrer leider nur allzu viele. Es dürfte nur wenig bekannt sein, daß die unter dem Namen «Hausierer» bekannten Wanderhändler im Sinne des Gesetzes eigentlich keine Hausierer sind, denn in Wien herrscht seit mehr als 20 Jahren Hausierverbot. Es werden ihnen auch keine Hausiererscheine verabfolgt, sondern nur Lizenzen zum Einkauf von alten Kleidern. Rechtlich gehören die Hausierer in die Kategorie der umherziehenden Gewerbetreibenden, wie etwa die Klempner oder Rastelbinder und Karrenschieber oder Scherenschleifer. Das Auffallende bei dem Hausierergewerbe ist der Umstand, daß das Hauptgewicht auf das Einkäufen der alten Kleider gelegt wird, während doch sonst erst der Verkauf die Kaufmannsqualität begründet. Es dürfte in Wien etwa 2 0 0 b i s 3 0 0 H a usierlizenzen geben, die nur Inländern oder solchen Ausländern verliehen werden, in deren Heimatländern auch Oesterreichern derartige Lizenzen erteilt werden. Neben diesen mit Lizenzen ausgestatteten, also Steuer zahlenden Hausierern, gibt es noch eine große Anzahl von Wanderliändlern, die ohne Erlaubnis diesem Erwerbe nachgehen. Meist handelt es sich um alte, bresthafte Leute, oft Kriegsinvalide, die mit einem Kasten hausieren gehen, in dem sich vom Schuhriemen bis zum Taschenspiegel alle möglichen Bedarfsgegenstände befinden. In der letzten Zeit häufen sich die Fälle, daß auch junge, oft sehr intelligent aussehende Menschen Briefpapier, Streichhölzer oder Wundpflaster auf den Kaffeehaustisch legen. Meist müssen sie ihre Waren, ohne ein Geschäft gemacht zu haben, wieder mitnehmen. Not und Arbeitslosigkeit zwingt Menschen zu diesem letzten Auskunftsmittel, wollen sie sich nicht durch Bettelei mit dem Strafgesetz in Konflikt setzen. Würden die alten Leute betteln gehen, der Ertrag wäre in wenigen Stunden bedeutend höher, als der Lohn tagelangen Hausierens. Wohl ist es den Wacheorganen zur Pflicht gemacht, unbefugte Hausierer zur Anzeige zu bringen, doch nehmen sie diese Pflicht — zu ihrer Ehre sei es gesagt — nicht allzu genau. Nicht nur Mitleid allein ist in den meisten Fällen die Triebfeder dieser humanen Handlungsweise. Besonnene Wachleute halten sich nämlich vor Augen, daß durch die Beanstandung eines bedauernswerten, bresthaften Hausierers eine große Menschenansammlung entstehen kann, die nicht selten zu Ausschreitungen gegen die Polizei führt. Straßenexzesse, die die Folge solcher Beanständungen sind, stehen aber in keinem Verhältnis zu dem Erfolg einer solchen Amtshandlung. Darum läßt man meist die armen Menschen gewähren, denn allzu viel kann ja ihre Konkurrenz den Steuer zahlenden Geschäftsleuten nicht schaden. Der Wiener Magistrat stellt Hausierpässe nur für das flache Land aus, doch ist deren Zahl sehr beschränkt. Es dürfte im ganzen nur wenige Hundert geben, die jetzt meist an Kriegsinvalide vergeben werden. Sie werden von den Ortsbehörden ständig genauen Revisionen unterzogen, so daß ein Mißbrauch ziemlich ausgeschlossen erscheint. Diesen mit Hausierpässen ausgestatteten Wanderhändlern ist die Erlaubnis erteilt, alle möglichen Bedarfsgegenstände feilzubieten. Unter dieser Kategorie von Wanderhändlern gibt es verhältnismäßig wenig Juden. Neue Hausierpässe werden fast gar nicht erteilt, weil sich die Kaufleute auf dem Lande entschieden dagegen zur Wehre setzen. Der Beruf des jüdischen Hausierers ist im Aussterben begriffen. Es gibt in Wien fast nur mehr alte Hausierer. Junge Juden lernen lieber ein tüchtiges Handwerk, als von Haus zu Haus zu gehen und «Handlee» zu rufen. Im «Kampf» gegen den jüdischen Wanderhändler, den schwächsten und heute immer mehr überflüssigen Wirtschaftsfaktor, hat die Wiener «Bodenständigkeit» einen «durchschlagenden» Erfolg errungen. R. S. Wochen-Kalender September 1928 Oedenktage nwn ö“£nn 20 Donnerstag 6-1 21 Freitag 7-t 22 Samstag sn Haftarah : Sclawah „Israe 23 Sonntag 9 — B 24 Montag 10 — 1 25 Dienstag 1844 — die Tragödin Sarah Bernhardt in Paria geboren u-tr 26 | Mittwoch I8ö6 — der Erfinder dos Graetsln- 1 ich tag Leo Qraetx (Sehn dos Historiker* Heinrich Graets) geboren 19il — der jOdlache Uisteriker Prof. Dr. M. Brann in Breslaa gestorben M I t«! I 1 U v#- 1 Zahl der Gratulanten war ein lebendiger Beweis für d Beliebtheit dieses aufrechten Juden, der sich keiner Woi>. fahrtsaktion entzieht und dem zahlreiche jüdische Farn Üen, denen er in Zeiten der Not hilfreich zur Seite stau zu außerordentlichem Dank verpflichtet sind. Vereinsnachrichten Zionistischer Vortrag in Baden Am 30. vorigen Monates fand in Baden ein Vortrag d" Frau Dr. Uaitha Hof mann unter dem Titel «Im Fl 5 durch Palästina» statt. Die Vortragende schilderte eine Reif von Aegypten über die Sinai-Halbinsel und den Suezkaii nach Tef-Awiw, von dort weiter in die Kolonien Judäas, rtai Jerusalem, Galiläa, Emek und Haifa. Lebhafter Beifall sow Spenden für -dien Keren Kajemeth und die zionistische Fraucorganisation lohnten die erfolgreichen Bemühungen er Redn-erln. Krems. Sonntag, den 9. d. M. fand hier am jüdfisefn Friedhöfe die Einweihung des von der Kultusgemeinde S richteten Heidendenkmal es für die im Weltkriege gefall ein jüdischen Soldaten statt. Nach den rituellen Gesängen <s Herrn Kantor Samuel Neubauer hielt Herr Prof. Dr. P. Kupr eine tiefempfundene geistvolle Gedenkrede. Krems. Am 1. September d. J. feierte die hiesige ziastische Ortsgruppe die Eröffnung ihres geschmackkvoll a*- gestatteten Heimes. Die Feier eröffnete der Obmann Hr Dr. Paul Brüll, worauf der Qbmannstellvertreter Herr Nbert Sachs die Festrede hielt. In dem darauffolgenden 1offiziellen Teile fanden die Gesangsvorträge der Frau h. Kerschbaum, die Rezitationen des Herrn S. Geidusohek id die Darbietungen des aus Mitgliedern der Ortsgruppe estebenden Orchesters ungeteilten Beifall Z. M. V. Jedidäa. Die Wahlen für das XXI. Semesr, die am 12. September stattfanden, brachten das folgere Ergebnis: stud. jur. Kurt Deutsch, stud. jur. Adolf Leser sd Hugo Modlingc*. An alle Hebräisten! Zwecks Erneuerung einer hebräischen Tätigkeit in Wen versammeln sich alle Hebräischspreohenden Samstag,?n 22. d. M. im neuen Lokale der «Volksbibliothek 7Äon», Wn, II., Kleine Mohrengasse 3, püniklich um halb 8 Uhr abets. Es wird ein neues Komitee gewählt werden, wekes ernstlich die Arbeit für die hebräische Kultur in Angff nehmen soll. Siegfried Kornmehl 60 Jahre alt Das Mitglied der Steuerkommission der Knitusgemelnde und des Tesnpelvorstandes für den 9. Bezirk, Herr Siegfried Kornmehl, hat am zweiten Rosch Haschanaftage die Feier seines 60. Geburtstags« begangen. Die große Sie müssen schon jetzt Ihren Warenbedarf für den Herbst decken, da Sie nur beileginn der Saison wirklich billig kasufen und, was Sie btuchen, Ihrem Geschmack und Wunsch entsprechend, aus eni reichsortierten Lager wählen können. Das wegen seineoesonderem Leistungsfähigkeit und Billigkeit bestbekannte bopokistädter Warenhaus der Brüder Schiffmann, 2. Bez.,Taborstraße 48, bietet in der kommenden Woche seinen Kwjlen eine wirklich großartige Okkaslon. Alle Herbstneuheitd in Stoffen, Seidenwaren, Strick- und Wirkwaren, Vyißwaren jeder Art, Damen- und Herrenwäsche, Reenmänteln, Vorhängen, Teppichen, Linoleum usw. wtjien wegen Umbau und Vergrößerung zu beispiellos hifeen Preisen abgestoßen, da da« Ri^senlager während der Bauarbeiten um jeden Preis reduziert werden muß. hchstehend eine kleine Auslese aus der Preisliste: ModeJordüren-Kasha S 2.90, Kleiderstoffe, 100 breit, S 2.90, Kieler- Popeline, 100 breit, S 3.90, Mantel-Flausche u. -Veloure 1-10 breit, S 9.80, Double für Mäntel, 140 breit, S 9.80, Zlbelhn alle Farben, 140 breit, S 12.90, Faille de clalre, 80 breit, sj.9Ö, Brokate, alle Farben, 80 breit, S 2.50, Crepe de Chine alle Farben, 100 breit, S 4.90, Saint-Chifionet, 90 breit, SI.90, Plüsche für Mäntel, 120 breit, S 9.80, Velour-Chiffon alle Farben, 90 breit, S 9.80, Origlnal-Pullmann-Kappe S3.90, Mode-Wolljacke S 6.90, Bobby-Weste, rein Wolle, sjj.80, Prima-Florstrümpfc S 1.25, Modesocken S —.59, Wiche* flanelle, 80 breit, S —.98, Velourbarchent, 75 breit, S1.50, Französische Mode-Veloure, 80 breit, S 1.98, Franzci sehe Mode-Waschsamte, neue Dessins, 80 breit, S 3.90, Fnzösteche Waschsamte, alle Farben, S. 2.90, Spezialanj bote in Vorhängen, Teppichen, Linoleum: Prima Spagatufer, 65 breit, per Meter S 1.50, prachtvolle Spitzen-Storesjtomplett, S 3.90, Fußbodenbelag, 100 breit, per Meter 83.90, Wachstuch für Küchenbelag, 50 breit, per Meter S1.50. Oritginal-Fabrikslager in englischem lulaid-Linoleuml] Provinzversamd per Nachnahme. — Jeder Käufer erhjt ein apartes Geschenk. (SiitgeitJjft.)

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