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Die Stimme · 1928-09-20 · Heft 38 (20.9.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 38 (20.9.1928)
Date
1928-09-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 38 Tuchhaus Münz ■IffrfldtttM*» 41 «anal Kramertfasse fl ftofenfwurmsfr. 11-13 Import original englischer u. schottischer Damen* und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen Konstellation heraus ej-st beginnen, die des Führers, .Wegweisers, des Mahners und Wächter. Dem Zionismus wird künftighin die Aufgabe zufallen, unabhängig von allem zahlenmäßigen Verhältnis und über dieses hinaus in dem neuen Körper, Jewish-Agency genannt, das Herz zu bilden und über die Wichtigkeit dieses Organs im Gesamtorganismus bedarf es keiner weiteren Worte. Die Jewish Agency wird letzten Endes das sein, was die formende Kraft der zionistischen Organisation aus ihr machen wird, von der künftigen Gestaltung des Zionismus in erster Reihe hängt das Schicksal auch der Jewish Agency ab. Freilich, um so in die Breite, ln die Tiefe zu wlrfceti, wird sich die zionistische Organisation manches «Rechtes» begeben müssen: Es gibt in Fragen des Palästina-Aufbaues keine zionisfische Alleinbestimmung vpn dem Augenblick an, da gleichberechtigte Partner vorhanden sind. Aber wiederum von Stärke und geschlossener Haltung unserer Organisation wird es abhängen, daß das Werk des Zionismus bei diesem Verzicht mehr gewinne als es abgibt. Es soll nicht bestritten werden, daß der Zionistenkongreß für die Aufstellung des Palästina-Budgets künftig nicht mehr alleinige und letzte Instanz sein wird — aber in der Bewertung dieser bisherigen «Souveränität» des Kongresses wird man verschiedener Meinung sein dürfen. Analogien mit den gesetzgebenden Körperschaften bestehender und konsolidierter Staatswesen helfen da nicht viel: die zionistische Budgetaufstellung trägt nun einmal einen anderen Charakter, weil eben die «Bedeckungs»frage sich doch der unmittelbaren Ingerenz des Kongresses leider entzieht. Man braucht in diesem Zusammenhänge nicht erst an gewisse Beschlüsse früherer Kongresse zu erinnern, welche sich im Budgefieren keinen Zwang auferlegten und die dann durch die Realität eine Korrektur fanden, welche das schaffende Palästina allzu bitter am eigenen Leibe spüren maßte — es genügt, auf den Kampf um ein größeres Budget bei der vor kurzem abgehaltenen Sitzung des Aktionskomitees zu verweisen, welches nunmehr von der Palästina-Exekutive auf die ursprünglich vorgeschlagene Ziffer reduziert wird, weil eben die Realitäten entscheidender sind als der souveränste Wille der obersten zionistischen legislativen Instanzen. Ein neues Kapitel zionistischer Arbeit beginnt; in einigen Wochen schon soll die nichtzionistische Palästina-Konferenz in Amerika stattfinden, welche den ersten Schritt zur Schaffung der alljüdischen Palästina- Front bedeuten kann. Aber bis zu deren Ausbau ist noch ein tüchtiges Stück Weges zu gehen und bis dahin ruht die heilige Last des Palästina-Werks vauch weiterhin vornehmlich auf zionistischen Schultern. Das Budget, das unserer Palästina-Exekutive als Richtschnur dienen soll, ist klein genug, wenn man es an der Größe unserer Aufgaben mißt. Aber auch dessen Aufbringung erfordert bei der heutigen Sachlage ein ausgiebiges Maß von Arbeitslust und Opferbereitschaft. Niemand, der sich Ziörtlst nennt, hat das Recht, die Hände in den Schoß zu legen und die Taschen zuzuknöpfen, well sich neue Perspektiven eröffnen. Wir wollen in dem Bewußtsein ins neue Arbeitsjahr treten, daß gerade heute eine starke,^festgefügte zionistische Organisation not tut, um den%anderen» ein bestimmender und respektierter Partner zu sein und daß es gilt, nach mühsam überwundener, schwerer Krise ln Palästina das junge Werk vor Rückschlägen zu behüten und einen neuerlichen Aufschwrig ln der Arbeit zu ermöglichen. F. Tolstoi und der „Judenstaat“ Eine merkwürdige Episode aus den Kampftagen Theodor Herzls Anläßtfdh dlos 100. Ge/bartetagies von Leo Tolstoi wllrd auch üfber dessen Verhältnis zu Juden und Judentum geschrieben. Viel läßt sich über dieses Verhältnis nicht sagen. Wohl zählte der Dichter vidi© Juden m seinen Freunden, doch kam das jüdische Pro/hlem in seinem künstflerischen Schaffen nicht zum Ausdruck. Einmal streifte den Dichter die (Büdketfreimde I Besuchet unsere biblioph. Ausstellung und Kunstantiquariat! 'UiennsM I. i9odnevdasse Möglichkeit, der Judenifnage näher m treten, dooh fand der „Anarchist im edlen Sinne des Wortes“, wie sich der Dichter nannte, für -diese Möglichkeit kein Verständnis. Es geschah im Jahre 1896, als Theodor Herzl der Welf sein Credo ibekanntgegöben hatte. Es hieß „Der Jude «Staat“. Angefeindet von allen Seiten, Heß sich Benzl nicht beirren. Es war das die Geburtszeiit des polnischen Zionismus. In jener Zeit legte Herz! seinen Juidenstaat vkiem Persönlichkeiten auf dem Gelbiete der Politik, des Geistes und der Finanz vor... Die großen politischen Aktionen begannen. Auch Tolstoi wurde der „Judenstaat“ v orgelest Welchen Weg Herzl dazu gewählt hatte, ist uns müht bekannt- In den Tagebüchern finden Wir eine Stelle, aus der zu entnehmen ist, daß Leo Tolstoi Herzls Idee eines Judenstaates geläufig war. Am 29. Mai 1896 notiert Herzl*): „Unser Mit- *) Tagebücher I. 409. arbeiter Schütz hat de*l Grafen Leo Tolstoi auf dessen Gut bei Moskau besucht und schreibt darüber ein Feuilleton. GHeiChzeitSg scldckt er rrftr eine Postkarte, auf der er nrir mitbeilt, daß. Tolstoi meine Broschüre erwähnt halbe. In dem Feuilleton (Ist aber nur gesagt, TOlstoi habe sich in der Judenfrage ablehnend über den Judenstnat geäußert. Das ist das eirstemal, daß der „Judensteat“ ln der „Neuen Freien Presse“ erwähnt wird — oiume daß ich genannt würde, und ohne daß irgend jemand verstehen könnte, was eigentlich gemeint ist.“ Wir wüsseu ja, wie die Verhältnisse dazumal ausgeöohaut halben. Herzl wurde vorn dom Blatte, zu dessen hervorragenden Mitarbeitern er zählte, totgschwiegon — m puncto Zionismus. Das in dieser Notiz erwähnte Feuilleton von Friedrich Schütz erschien in der „Neuen Freien Presse“ am 28. und 29. Mai 1896 unter dom Titel „Efen Tag bef Leon Tolstoi'*. Der damals 68jährige Dichter, mit dem gewaltigen Kopf, seiner breiten Denkerstime und den bis zu Bodien 'herniederwalileiiKlein, weißen VoMbart“ erinnert — meint Schütz an Boufftarotti Es entwickelte sich ein lebhafte« Gespräch zwischen dem Dichter und dem Joumalhsten über ade mögfticihen Aktualitäten. Uefoor den Liberalismus, über das Suttnensche Buch .»Die Waffen nieder!“ Inn weiteren Gespräche über düe Vediäftnisse in Wien antwortet Tolstoi: „Sie meinem den Antisemitismus; diese Partei verstehe Ich nicht, auch die Mittel nicht, die gegen sie in Vorschlag gebracht werden, zum Beispiel dem JudenstaaL“ Wir ersehen kllair aus dieser Aenßerung Tolstois, daß ihm die Judenfraige zu jener Zeit in ihrer ganzen Totalität entgangen ist. Er &aih in der Herzischen Idee ein Antidotum gegen Lueger. Dieser Umstand ist umso merkwürdiger, da doch dier Dichter in seiner Heimat, sich von nicht besseren, ja sogar v?e! schlimmeren Dingen in bezug auf die Juden 'hätte informieren können. Hera! war nicht einmal durch die unterbliebene Zustimmung Tolstois ärmer geworden. Unbeirrt schiritt er seines Weges. Vieflefoht wußte er gerade in diesem Falle, daß Tolstoi letztens doch der ganzen Idee fremd gegenüber stehen muß. Der Anarchist, der nach seinen eigenen Worten unsere’- Einrichtungen ungerecht gefunden hatte, und deshaüb die ganze Gesellschaftsordnung bekämpfen wollte, konnte in Wirklichkeit einen, wenn auch einer gerechteren Ordnung, entgegemstrebenden Juden- Staat nicht begreifen. Träume Von S. Frug. tat alten Beibause ist es drückend heiß. Die langen .Wachskerzen brennen matt und erfüllen die Luft mit stickigem -Dunst Es geht das «stille» Gebet der «Schmona Esre». Me Betenden' sind gegen den Osten gewendet, dorthin, wo ihre helle Sonne einstmals schien, wo der goldene Morgen ihrer Kraft, ihrer Freiheit und iti$er Freude einst leuchtete und glänzte. Durch das halboffene Fenster dringt die feuchte und muffige Luft des Herbsttages herein. Rund um mich herrscht ein gedämpftes Gemurre und dieses Flüstern von hunderten Lippen dringt in meine Ohren wie tonloses Rauschen. Ich schließe aus Ermattung die trüben Augen und versinke in einen tiefen, düsteren Schlummer. * ... Ein heller, warmer Morgen nach einer regnerischen Nacht. Die Sonne leuchtet freudig und übergießt die Palmenhiaine Jerichos mit Wendendem Glanz. Zarte Flötentöne, lockere Trommelwirbel, scharfe Paukenschläge verschmelzen mit den Stimmen der Jünglinge und Mädchen, die sich auf der Wiese vor dem weißen Marmorbassin versammelt haben. Weiße, leichte Tuniken, blaue und rosarote Chitone, Kränze aus Rosen, Kränze ans Lilien, aus Blumen des weißen und roten Mohne«, aus Veilchen, aus Myrten und Lorbeeren. Welche feine Farbenzusammensetzimg, welcher Reichtum der Zeichnungen und Muster. Und immer neue und neue Gruppen kommen aus den Wühenden Wäldchen der Orangen- und Oelbäume, der Oleander und Lorbeerbäume heran. Hier ist die schwarzlockige, hochgewachsene, schlanke Lea, die Tochter des berühmten Heerführers Uria, hier die Zwillingsschwestem Rebekka und Sara, die Töchter des Gärtners und Winzers Aaron, hier die kleine Rachel, das entzückende Mädchen mit den goldenen Haaren, die jedesmal, so oft ein Sonnenstrahl auf sie fällt, erglühen, hier ihre ältere Schwester Debora» die unzugängliche, die stolze, bei der jeder Blick, jede Bewegung von ihrer hohen Stellung als Schwester eines mächtigen Hofwürdenträgers imponierend spricht, hier ist JaU, die Tochter eines reichen Farmers aus dem Stamme Ephraim, die mit ihrem Vater aus der weiten, gebirgigen Heimat Ln die heilige Stadt gekommen ist. Hier ist auch sie, die Schönheit und Zierde ganz Kanaans, leicht wie eine Gazelle, frisch wie eine Rose von Saron, hell wie der Morgen auf den Bergen Hermons, die Tochter des Fischers Jonaphan, die blondlockige Dina, Mädchen, Musikerin, Tänzerin, immer lustig, immer strahlend und vergnügt... Sie zählt schon dreizehn Jahre, sie ist schon «Jungfer» und heute, am heiligen Fasttage Jom-Kipur nimmt sie zum erstenmal am gemeinsamen Reigen teil. Der alte Jonaphan ist sehr arm, sein ganzes Vermögen besteht aus den alten Netzen und der verfallenen Hütte am felsigen Jordanufer. Aber er hat sich zusammengenommen, um seinem lieben Töchterchen ein neues Kleidchen aus we’ßem Wollgewebe zu machen. Es reichte zwar nicht für den Gürtel, aber Dina war erfinderisch genug, ihn durch ein Blumengewinde aus weißen und roten Rosen zu ersetzen, mit dem sie zweimal ihre schlanke Taille umwand. Immer dichter füllt sich die Wiese vor dem Marmorbassin, wo sich um die weißen Schwärme geschmeidig biegsamer Mädchen schlanke Jünglinge in blauen und roten Chitonen tummeln. Frei, freudig und klangvoll ergießen sich die Töne der jungen, frischen Mädchenstimmen. Ich beobachte diesen be.teren und bunten Reigen, betrachte die Figuren der jungen Mädchen und mir kommt diese Fülle der weißen Farbe, der nur weißen Farbe ihrer Gewänder sonderbar vor. Alle sind in luftige, billige, weiße Wolle gekleidet, von der Schwester des mächtigen Hofwürdenträgers bis zur kleinen, heiteren Dina, der Tochter des armen Fischers. Wo sind ihre teueren Seidenstoffe? Wo sind Ihre vielen Schmuoksachen? Aber, was frage ich, mein Gottl Heute ist doch Jom-Kipur, der Tag, an dem die Töchter Kons in den Gärten und Wäldchen Ihres blühenden, gesegneten Landes zusammen kamen und dort fröhliche Reigen bildeten. Nach dem alten Brauch kleideten sie sich alle in Kleider aus gleichem Stoff, wobei sie diese weißen Gewänder untereinander tauschten. Es war dies ^in herrlicher Brauch! Nicht nur daß niemand ein besseres Kleid hatte, niemand hatte auch ein eigenes Kleid; die reich. Lea, die Tochter des Heerführers, und die arme Dina, die Tochter des Fischers, waren gleich. s Alle hatten ein leichtes, billiges, weißes Gewebe an, | und hatten Blumen, deren es so viele rundherum gab, | in allen Tälern und auf allen Wiesen ihres lieben,? teueren Vaterlandes ... So empfange meinen heißen Gruß, unvergeßliches Land, Heimat meiner Väter, Wiege und Gruft längst verlorener Freuden, geschwundenen Glücks! Wie heht und wie hell erscheinst du meiner gemarterten, gequälten Seele! .. . * Aber ich blicke um mich, blicke in die Menge, die mich da umgibt, ich suche einen Menschen, vor dem ich mein Herz ausschütten könnte und dessen Herz dem meinen antworten würde. Ich suche einen Menschen, dem ich sagen könnte: «Mein Bruder! Schließ’ das Buch, so von einer Unmenge Gebete und Psalmen, Kantaten und Hymnen überladen ist, das Buch, über dem Du heiße und bittere Tränen vergießest, ohne in den, Sinn des Gedruckten einzudrtagen! . . . Und öffne die Rolle der vergangenen Zeiten! Wir wollen mit nüchternem Kopf und heißem Herzen ln den Sinn jener unsterblichen Begebenheiten eindrmgen, in denen die Gebote unserer Vergangenheit eingetragen sind. , . .» «O — o — oh!» entringt es sich der Brust meines Nachbars, der über dem alten, großväterlichen Machsor gebeugt ist, und eine Flut von Tränen durchfurcht sein Gesicht... Und von allen Seiten erreichen mich Seufzer, die wehe Saite erklingt überall, wie ein Widerhall hunder* ter und tausender gequälter Herzen ... Und es ist diesen Menschen nicht einerlei, welchen Sinn und welchen dichterische« Wert diese Kantaten und Hymnen haben, wenn sich nur darüber die wohltuenden «Tore der Tränen» öffnen, wenn die Worte als zwar unverständliche, aber teure, bestrickende Musik klingen. So verweht und verschwindet, ihr stillen, süßen Träume! Groß ist euer Zauber, fruchtbar und gesegnet eure veredelnde Schönheit! Aber an diesem Tage und unter diesen Seufzern und Tränen ersehne ich nur * eines: selbst mit meinem ganzen Herzen, mit meiner ganzen Seele und mit meinem ganzen Wesen in diese große Kraft aubugehen, die Tausende und Millionen Herzen dieser geqäulten Dulder bewegt . . , (Deutsch B. H.)

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