Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-09-13 · Heft 37 (13.9.1928) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 37 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053789--0583-3055870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 14 DIE STIMME Nr. 87 Ein interessantes, literarhistorische» Bild: Vor 20 Jahren, am 20. August 1900, wurde lie Czemowltzer zlddlsche Sprachkortfe* enz eröffnet; die Eröffnungsrede hielt der große jüdische Dichter J. L. Pefez. Die ’ier reproduzierte photographische Auf« ’ahme Zeigt (von links nach rechts) fünf cpräsentatlve Schriftsteller, die an der Konferenz teilnahmen, und zwar Abraham Weisen, J. L. Perez (gestorben 1915),;-halom Asch, Dr. Ch. Schitlofskv, H. D. Nomberg (gestorben 1927). jahung der Eigenexistenz des ostjüdischen Volksliedes ist liier besonders deutlich illustriert. Dabei sind nicht gerade die charakteristischen Momente ostjüdischer Volksmusik ausgesucht. Vielleicht kann Dr, Deutsch in den folgenden Heften einige «c h a s s i d i s c h e» Lieder und Tänze aufjiehmen. Dies wäre sehr zu wünschen. (Fortsetzung folgt.) 4 Granowskys jiddisches Theater «Die Reise Benjamins III.» nach Mendele Mojcher- Sforlm — Carltheater. Eine der köstlichsten Erzählungen von Mendele Mojcher-Sforim schildert eine Expedition, weiche Benjamin von T'imejadowka unternimmt, um die verlorenen zehn Stämme zu suchen, getrieben von der Sehnsucht nach einer lichten und prächtigen Welt, getrieben vielleicht auch von dem Ehrgeiz, es seinen berühmten beiden Namensvettern aus Tu dein, die in einem Lande und einer Zeit traumhafter Abenteuerlichkeit lebten, nachzutun, Der dritte Benjamin, der aber aus Tunejadowka ist, zieht zusammen mit seinem Freunde, dem Pantoffelhelden Senderl aus, um eine Weit märchenhaften, wunschträumhaften Glanzes zu finden, eine Welt, die aus der Herrschsehnsucht eines ewig unterdrückten Volkes ihre Plastik bezieht; die beiden Forschungsreisenden aus Tunejadowka finden jedoch nach den kleinen Fährlichkeiten und den großen Phantasien ihrer Reise, die Mendele wundervoll schildert, wieder nur — nach Tunejadowka zurück. Mit wirklicher Ehrfurcht vor dem Genie des Dichters, der diese Epopöe vom jüdischen Don Quichote geschrieben hat (der Vergleich stammt von mir und ich brauche mich seiner nicht zu schämen, obwohl er seither durch alle Gossen der Tagschreiberei geschleppt wurde), hat das Moskauer jüdisch-akademische Theater, das jetzt im Wiener Carltheater gastiert, diesen Stoff auf die Szene -gebracht. Daß die Tendenz gegen die jüdischen Luftschlösser, die in Mendeles Erzählung deutlich spürbar ist, von den Moskauern da und dort übersteigert wurde, ist naheliegend; und ist gleichzeitig ein Beweis, wieviel begrenztes Maskilwesen auch — in der jüdischen Perspektive einer Revolution steckt. Damit soll aber nicht die ehrliche Bewunderung für die Kunst der Gäste geschmälert sein, die imstande war, ein wirkliches Volksstück, ein Stück Volk zu geben. Einer ihrer Schauspieler nannte das bisherige jüdische .Theater ein Theater, das um Mitleid bittet, und grenzte damit die Kunst der Moskauer ab. Sie ist tatsächlich mitleidslos, fordernd, nie bittend. Das jüdische Theater bedarf einer solchen Erneuerung, die das Bitten ausschließt; nur das Bewußtsein der großen künstlerischen Werte, die wir selbst besitzen, wird ein gesundes jüdisches Theater schaffen. Deshalb ist den Moskauer Gästen aus vollem Herzen zu danken, daß sie das Genie Mendeles geradezu mit Stolz dargestellt haben. In dem «Benjamin», den sie bringen, ist. allerhand anderer Mendele, so «Fischke der Krumme», «Die Schindmähre» verflochten und Mendele selbst interpretiert sein Spiel vom jüdischen Leben. Daß dieses Spiel Mendeles Geistes- und Geniezeichen trägt, ist der hinreißende Erfolg dieses Abends. Ein Spiel eines raärchen- und gesohichtcnlüsternen Volkslebens, das seine Realität nur zu gerne vergißt, leuchtet vorüber. In den frohesten1, krausesten, wunderlichsten Farben und Formen. Da das Wunder, wie des Glaubens, wohl auch des Unglaubens liebstes Kind ist, kommen Alexander der Große und der König von Indien, phantastische Marschälle der Vorzeit (in russischer Uniform), ein monströser Papagei, ein jüdischsanfter Lindwurm und — zur Wirklichkeit überleitend — riesige Wanzen auf die Bühne. Und in kosmischer Ausweitung dieser Phantasie erleuchtet ein Vollmond mit jüdischem Gabbgesicht riesenhaft die Szene. Unter Ihm tummelt sich das Märchen jenseits des Sambatjan und die Wirklichkeit des Jahrmarktes von Glupsk, des Schwitzbades, des Einkehrhauses, des Handels und Wandels, der ewigen Bewegung, des ewigen Hungers, der von einer glücklichen Zeit träumt, da der jetzt schon rudimentäre jüdische Magen sich ganz zurückgebildet haben wird. Alexis Granowsky hat all’ das in eine unaufhörliche flächenhafte Bewegung gekleidet, die nie zur Ruhe kommt und nie aur Ruhe kommen läßt. Und Leo Pulver hat wieder jene selbstverständliche Musik dazu gegeben, die überall sozusagen aus dem Wort ( von selbst erwächst. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt dieses Spieles, es als «Helden» alles Geschehens durchstreifend: Benjamin und Sender!. Michoe.ls und S u s k i n füllen sie mit großer individueller Künstlerschaft. G o 1 d b 1 a 11 verkörperte den Dichter würdig, Lukovvsky machte Mendeles Pferdchen zum glaubhaften Märchentier. Als krummer Fischike vollfiihrte Gärtner auf einem Stelzfuß unheimliche Tanzevohitioncn. Von Bild zu Bild wurde das, Publikum anteünehmender bis zur Siedehitze. Siegfried Schmitz. A.r. 9. SopLr>Ur nachmittags empfingen de «Jüdischen Ktinstlerspiele» die Mitglieder des Moskauer jüdisch-akademischen Theaters bei einem Tee im Theater Reklame zu Gast. Nach herzlichen Begrüßungen der Herren Dr. 0. R o s e n f e 1 d und J. Dorfsohn brachten Lea. Weintraub- Graf, Hilda Dulitzkaja, Adolf Metzer, S. Schwager, Jona Reismann, S. Zucker, H. Tunis, Steffi Stahl jüdische Lieder, Tänze, Theater und rezitierte Dichtung den Gästen und dem zahlreich erschienenen Publikum dar. Freundliche, herzliche Stimmung durchzog die Veranstaltung und fand am Schjuß ihre?) Ausdruck in liebenswürdigen Dankesworten, die im Namen der Moskauer Künstler Herr Michoel.s an die Versammelten richtete. enstoffe Die letzten Neuheiten, nur Qualitätsware, zu konkurrenzlos billigen Preisen EIDEN- FEUX WEISZ L, Goidschmiedgaese 5 Von Büchern Heldenepos der Mutter «Die Mutter», Roman von Schalom Asch (1928: R. Löv/it-Verlag Wien—Leipzig). Schalom Asch, der zarte Schildererdes «Städte!», ist in Amerika, wo er seit mehr als fünfzehn Jahren lebt, zum kraftvollen Erzähler -und großen Epiker geworden, der immer weitere Horizonte des jüdischen Lebens durch die Perspektive seiner Kunst, erschließt. Seinen Romanen aus der jüdischen Historie und Legende («Die Zauberin von Kastilien», «Ein Glaubensmartyrium») folgten in den letzten Jahren die meisterhaften Schilderungen des jüdischen Lebens jenseits des Ozeans mit seiner vielfältigen Problematik, von der äußerlichen Amerikanlsierung («Onkel Moses») über die kleinen Sdirneiztiegeltragödien («Amerika») bis zu dem erschütternden Kampf um die Seele, den der Mensch, insonderheit der jüdische Mensch, im Getriebe des mechanisierten Lebens drüben zu bestehen hat («Der elektrische Stuhl»). Doch dem immer tiefer schürfenden schöpferischen Drang des echten Dichters, der Asch ist, genügt es nicht, bloß aus der New Yorker Perspektive das jüdische Leben zu erfassen, er sucht die inneren ewigen Kräfte bloßzulegen, die, hüben und drüben gleich wirksam, dieses Leben beetimmen-; und in geradezu faustischem Drange zu den Urquellen, «zu den Müttern» hlnabsteigend, schuf Asch das Heldenepos der jüdischen Mutter in einem mit wahrhaft großer Konzeption angelegten Werke, dem Roman «D i e Mutter», der jetzt Ln der Uebertragung von Siegfried Schmitz im Rahmen der vom Verlag R. L ö w 11 mit Sorgfalt und Geschmack edierten deutschen Ausgabe der erzählenden Werke des Dichters erschienen ist. Der umfangreiche Roman «Die Mutter» gestaltet das Schicksal einer jüdischen Familie von der Kleinstadt Osteuropas bis zue Verwurzelung im gigantischen New York. Seine drei Teile verflechten kunstvoll und spannend, humorvoll und ergreifend zugleich, drei schicksalbestimmende Kräfte: das Wesen des jüdischeh Ueberganges, der den Thoravorleser Anschel aus der Welt der Vorzeit, die im jüdischen Städtchen noch gewissermaßen soziale Kraft hat, in die Welt der Nähmaschine versetzt; das Schicksal künstlerischen Schöpfungsfriebes, der den Bildhauer Chaskel wie ein Wahn Überfällt und doch im unerbittlichen, unermüdlichen Schwungrad des «arbeitsamen Lebens» unbeachtet bleibt, solange nicht durch Außerordentlichkeit Neugier oder Sensation geweckt wird; zu diesem Außerordentlichen aber lenkt eine mütterliche Hand, die Hand der kleinen Dwojre, welche von ihrer Mutter und von ihren Müttern her die Aufgabe Übernommen hat, Dienerin am göttlichen Licht zu sein, mag es nun aus der Thora strahlen oder — im neuen Leben gewandelt — aus dem Kunstwerk. In dieser sorgenden Opferbereitschaft der Mutter sieht der Dichter eine der ewigen geheimnisvollen Kräfte, die das jüdische Leben erhalten; und mit den leuchtendsten einprägsamsten Farben, die seiner großen Er2ählerkunst zur Verfügung stehen, schildert er den Heldenkampf der Sure-Rifke, der Mutter, welcher die Arbeit Gottesdienst ist, geweiht dem gottnahen Tun ihres Gatten, des Thoravorlesers Anschel, gerichtet auf die einzige reine Freude, aus ihrem Gatten und ihren Kindern das göttliche Licht strahlen zu sehen. Wir erleben die kleine und die große Tragik dieses Kampfes der jüdischen Mutter gegen Amerikas entgötterte Welt, fühlen ihre kleinen Freuden und ihr großes Leid bis zu dem Tage, da sie «der große Held» zu Grabe getragen wird. Und in geheimnisvollem Gesetz der ewigen Erhaltung übergeht diese mütterliche Kraft auf Dwojre, die Tochter Sure-Rifkes, stärkt sie zum Verzicht auf leibliche Mutterschaft, um dem Werke des Bildhauers Chaskel zu dienen, ihm den Weg zu bahnen und still zu entschwinden ... Selten ward in der Literatur aller Völker das Wesen der Mutter so reich und Innig erfaßt und gestaltet, wie es ln diesem Werke Schalom Asch’s geschieht. Seine dichterische Kraft wird hier befeuert durch das in den Tiefen der Volksseele eingewurzelte Empfinden von der jahrhundertealten inneren Berufung der jüdischen Mutter, nicht bloß das Geschlecht fortzusetzen, sondern auch den Geist. Aus diesem Empfinden dichtete Schalom Asch das Hohelied der Mutter, ein Werk, ln den erwählten Kreis jener Dichtung reichend, die für Dauer ist. E. S i e b e r t. R.. Travers Herford; Die Pharisäer. (Autorisierte Uebersefzung aus dem Englischen von Dr. Walter Fischei, Vertag G. Engel, Leipzig 1928.) Der bedeutende englische Forscher, dem dis Wissenschaft eine Reihe von Schriften züm selben Gegenstand dankt, bezeichnet in seiner Vorrede dieses Werk aJs eine völlig neue Untersuchung und nicht etwa bloß als einte zweite Auflage seiner 1912 herausgegebenen, im folgenden Jahre in deutscher Uebersetzung erschienenen Arbeit über die Pharisäer (Das pharisäische Judentum in seinen Wegen und Zielen, übersetzt von R. Perles), welche damals viel Aufsehen erregte. Die wissenschaftliche Kritik von Herfords ebenso breit wie tiel fundierter Darlegung ist des Fachmanns Sache. Der Laie, der das Erscheinen des neuen Werkes amzeigt, darf sagen, daß ihn ebenso Herfords meisterliche Darstellung gefesselt wie die menschliche Seite dieses Buches gepackt hat, das nicht nur ails wissenschaftliches, sondern ebenso als «menschliches Dokument» zu werten ist Denn man braucht nur daran zu denken, wie tendenziös, unzulänglich, verständnislos und unwissenschaftlich das Judentum von der christlichen Forschung behandelt worden ist, um die epochale Leistung Herfords zu würdigen, der, wie der Uebersetzer in seinem Vorwort betont, als erster christlicher Gelehrter in der Geschichte der Forschung eine Darstellung der religiösen Vorstelliungswelt des nachbiblisohen Judentums gibt, die au»* schließlich vom Interesse vorurteilsloser Wissenschaftlichkeit geleitet wird. Gestützt auf eine umfassende und-selbständige Kenntnis der rabbiniscbein Quellen — bei christlichen Forschern bekanntlich keine Selbstverständlichkeit —, entrollt Herford in einheitlichem Zuge ein Bdld von der äußeren und inneren Geschichte des Pharisäertums, das ihm als Fortsetzung und Vollendung des Werkes der Propheten erscheint, seine natürliche WdtemrtwtekLung durch den Rabbinismus erfährt und als eine religiös schöpferische Kraft, die ihre Lebendigkeit durch die Tatsache ihrer zveAtausendjähfigem Existenz bewiesen hat Man muß sich gegenwärtig halten, daß die christliche Welt, sich stützend auf eine Wort in den Evangelien, Pharisäer mit Heuchlern gleichsetzt, in ihnen nur die Gegner von Jesus sieht, die das Judentum in eine solche Lage gebracht Hatten, daß das Christentum ah» Reaktion auftreten mußte, daß das christliche Urteil über die Pharisäer das Urteil der Umwelt über Judentum überhaupt wurde — um die Bedeutung von Herfords Werk richtig zu würdigen, den ersten Beitrag eines christlichen Gelehrten m der «menschheitsgeschiohtUch bedeutsamen Berichtigung» eines zwei tausend! ähri gen Irrtums. Des Buch dieses tief religiösen christlichen Gelehrten zeichnet sich durch «Aue solche Höhe echt wissenschaftlicher Objektivität und Wahrheitsliebe aus, daß ein Kritiker von ihm mit Recht schreiben konnte, es mache den Eindruck einer christlichen Apologie die« pharisäischen Judentums. A. F. Jüdisches Archiv. (Zeitschrift für jüdisches Miuseafnnd Buchwesen, Geschichte, Volkskunde und FaroJUenforschung.. Herausgeber L. Moses. Redaktion und Administration, Wien, XVWI.i Karl Beckgasee 29.) Das Heft 3/4 dieser interessanten volkskundlichen Zeitschrift enthält

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.