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Die Stimme · 1928-09-13 · Heft 37 (13.9.1928) · page 13

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 37 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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Nr. ST DIE STIMME Seite 13 WISSEN / KUNST / LITERATUR Tolstoi im jüdischen Schrifttum Anläßlich seines 100. Geburtstages am 9. September. Die gewaltige Erscheinung des «Weisen von jasnaja Poljana», dessen Einfluß auf die russischen Kreise sehr bedeutend war, übte merkwürdig wenig Wirkung auf die jüdische Intelligenz seiner Zeit. Sein religiöser Sozialismus, seine Lehren von der Gewaltlosigkeit fielen in eine Zeit, da die Losungen der politischen Freiheit und Gerechtigkeit gerade in der jüdischen Jugend Rußlands stärksten Widerhall fanden, weil sie die unfreieste war und die Ungerechtigkeit am stärksten zu spüren hatte. Nur wenige jüdische Intellektuelle bekannten sich zum Tolstoianismus, darunter der später durch seine Erinner'ungen an Tolstoi bekannt gewordene Jude T e n o r e m o (mit seinem richtigen Namen Freimann), der in Jasnaja Poljana längere Zeit als Baue* * arbeitete und später zum Christentum übertrat. Tolstoi war sein Taufpate. So hat denn auch Tolstoi in der neuen jüdischen Literatur, sowohl in ihrem hebräischen als auch in ihrem jiddischer Ausdruck. erst verhältnismäßig spät Eingang gefunden Seinem geringen literarischen Einfluß auf diese beiden Literaturen entspricht es, daß eigentlich bis heute nur sehr wenige seiner religiösethischen Bekenntnisschriften in die beiden Sprachen übersetzt sind. Auch seine epischen Werke, Romane, Erzählungen und Skizzen, fanden nur langsam Eingang in die hebräische und jiddische Uebersetzungsliteratur. Einige Erzählungen erschienen erst um die Wende des 19. Jahrhunderts in .hebräischer und jiddischer Uebertragung, als eine der ersten bezeichnenderweise «Der Gefangene im Kaukasus». Leo Tolstoi selbst aber kannte Hebräisch; er hatte an der Moskauer Universität orientalische Sprachen studiert und als 54jähriger lernte er eifrig Hebräisch; Professor Josef Zimbler | übernimmt Schüler für H Violinunterricht und I Kammermusik I IX., Hahngasse 31/7 Telephon tl-4-36 fl ,in einem Briefe an Alexejew aus dem Jahre 1882 schreibt er: «In dieser ganzen Zeit habe Ich mich sehr gründlich mit der hebräischen Sprache beschäftigt und sie mir fast ganz angeeignet; ich lese und verstehe sie schon. Mich unterrichtet der hiesige Rabbiner Minor, ein sehr kluger und guter Mensch. Ich habe aus diesem Studium sehr viel gelernt.» Er korrespondierte auch viel mit dem jüdischen Gelehrten Getzow, überdies zählte der jüdische Pianist Golden we i s e r zu seinen Freunden und weilte dieser häufig in Jasnaja Poljana. Sonst ist Tolstoi, der zumeist auf seinem außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons liegenden Gute lebte, Juden wenig begegnet und hatte wenig Gelegenheit, jüdisches Leben zu beobachten. Vom Judentum, von jüdischer Ethik wußte er, wie er von Buddhismus, vom Konfuzianismus wußte; ihre lebendige Wirkung kannte er nicht. So ist denn Tolstoi einer von den wenigen russischen Schriftstellern, in deren Werken keine jüdischen-Typen geschildert sind. Als nach dem Kischinewer Pogrom Tolstoi versäumt hatte, seine Stimme zu erheben und seinen flammenden Protest auszudrücken, nahmen es ihm viele Juden sehr übeL Auf die Vorwürfe, die man ihm darüber machte, antwortete Tolstoi in seinem bekannten Briet Aber auch ohne diesen lag kein Anlaß vor, Tolstoi einer Judenunfreundlichkeit zu verdächtigen. Die geistige und ethische Höhe, auf der er stand, schließt einen solchen Vorwurf aus. * Am 9, September, dem 100. Geburtstag Tolstois, fand in T e 1 A v i v eine große festliche Veranstaltung statt. Verehrer Tolstois in Tel Aviv haben zum 100. Geburtstag des Dichters eine Festschrift in hebräischer und englischer Sprache her ausge geben, die Aufsätze über Tolstoi von den greisen hebräischen Schriftsteilem Alexander Süßkmd Rab i n o w i t s c h, I. Ch. R a v a i t zk i u. a. enthält. Die Schrift reiftfoduziert einen Brief von Sophie Tolstoi, in welchem bestritten wird, daß Tolstoi im Jahre J891 antisemitisch gefärbte Artikel veröffentlicht hat. Musiknachrichten aus Palästina Die palästinensische Oper, die bis jetzt ausschließlich Werke des üblichen Opernrepertoires auffiübrte, wild reorganisiert und auf eine ganz neue Basis gestellt, ln Zukunft sollen hauptsächlich original-hebräische S c h ö p f tu n gen zur Aufführung gelangen. Die künstlerische Leitung wurde dem unermüdlich vorwärtsstrebenden Dirigenten Fordhaus anvertraut. Die nächste Saison wird mit einer komischen Oper «Lo Sachamod» von Mordechai Sandberg, an die der Komponist jetzt die letzte Hand legt, eröffnet werden» Sandberg hat auch ein «I n t e r 1 u d i u m» für Sologeige, Streichorchester und Pauken komponiert, das demnächst uraufgeführt werden soll. Die Palästinensische Sektion der Internationalen Gesellschaft flirneue Musik (Sitz Jerusalem) hat in ihrer letzten Sitzung einstimmig Joachim Hutöchewsky zum ständigen Sekretär für Europa ernannt Zweck und Ziel dieser Sektion ist, alle jüdische Komponisten und Musiker zu vereinigen, um dadurch erreichen zu können, daß bei den Internationalen Musikfesten auch Werke jüdischer Komponisten gewählt werden. Der Musikkritiker der palästinensischen Tageszeitung «Dawar», M. Rabinowitz, kommt im November nach Wien, »m den offiziellen Konzerten der Schubert-Zentenarfeier beizuwohnen. P- Der Letter der Musikschule «Beth Lewftjim» ln TeJ Awfw, Professor David Sc*or, weilt zusamm enmit seinem Mitarbeiter Herrn Menasohe Rabinowitsch ln Berlin. Dort hielt er fm Berliner Komitee zur Förderung der jüdischen Musik einen Vortrag über das Musdkwesen in Palästina tmd wies auf die Schule «Beth Lewijim» btn. deren Ziel es «. a. ist, musikalisch gut ansgebildete Instruktoren zu erziehen, die überall im Laude kleine Orchester und Chöre ausbilden können. Herr Rabinowitsch ergänzte diese Ausführungen mit einem Appell an die Musiker der ganzen Weit, sich an der Schaffung eines Fonds zur Erhaltung der Instruktionskurse zu beteiligen. In der Besprechung wurde auch angeregt, im Jahre 1930 ein großes jüdisches Musikfest in Palästina zu veranstalten. Jüdische Musik für Klavier Von Joachim Stutschewsky. I. Vor vielen Jahren, noch in der Vorkriegsperiode, entbrannte Ln den Spalten der jüdisch-russischen Zeitungen «Raswjet* end cEwrejska ja-Nedelja» zwischen Engel und Samins x y, den beiden Hauptgründern der «Gesellschaft für jüdische Musik» in Petersburg und Moskau, eine ziemlich lebhafte Diskussion über die Frage, ob die Volksmusik, die in sich Spuren der Einflüsse aller Völker, mit denen die Jaden hn Laufe der Iahrhunderte in Berührung kamen, aufweist, oder die noch am reinsten, ursprünglich erhaltene aitsynagogale Musik («Trop» und «Nussach») zum Ausgangspunkt der Befruchtung einer jüdischen Musik genommen werden soll. Während Enge 1, der synagogalen Musik ihre Prioritätsrechte gewiß zubilligend, mit der ganzen Leidenschaft seines Temperaments die große Bedeutung dei Volkslieder hervorzuheben suchte, maß Saminsky den alltäglichen, bei den Juden des Ostens beliebten und verbreiteten Volksmelodien für die Schaltung der nationalen jüdischen Musik keinen besonderen West bei ln der eigenartigen, bedeutsamen synagogalen Musik sah er die ein zige ausschlaggebende Quelle, die am ehesten zur Aufrichtung eines jüdischen Stiles in der Musik hmführen kann. So stand damals Meinung gegen Meinung. Es kam der Krieg, die Nachkriegsperiode. Der jüdische Musiker haiti sich inzwischen wesentlich gewandelt Er erkannte den Wtg, den er zu gehen hat. Sein Bedürfnis nach Ursprünglichkeit des Empfindens, nach Entfaltung eigener Ausdruckskraft fand das entsprechende Material und die notwendige Form. Die Werte von Volksmelodien und Rhythmen für die allgemeine Entwicklung der Musik können nicht geleugnet weiden. Aber das Material allein schafft noch kein Kunstwerk. Erst Form, Struktur und Gestaltung, die aus dem Themenmaterial herauswachsen und zu einem geschlossenen Satz verwoben werden, ergeben das Künstlerische, den persönlich geprägten Stil am Werke. Das hSBSSä NEUERSCHEINUNG nas Hohelied der Mutter singt der große jüdische Erzähler || SCHALOM ASCH jj ln seinem neuen Roman aus dem jüdischen j Ü Leben in Amerika || „DIE MUTTER“ | jj Das Schicksal einer jüdischen Familie von j!; der osteuropäischen Kleinstadt bis zur Verj ij wurzelung in der Zehnmillionenstadt jenseits || jj des Ozeans wird in kunstvoller Verflechtung ij jj zum judichcn, menschlichen Schicksal. Bibel :] jj und Nähmaschine, Hungertrieb und Schaffensjj jj drang, alter und neuer Brauch — aus diesen!; jj spannenden Kontrasten schafft ein echter jj jj Dichter ein lebensvolles Bild des jüdischen ij jj Überganges, humorvoll und ergreifend zugleich,;j ij zu den höchsten Höhen der Dichtung emporsteijj jj gend in der Schilderung des Heldenlebens jj ij einer Mutter. Der Roman „Die Mutter“ ist jj das größte und stärkste Werk des Dichters jj ij PREIS . ij |j brosch. S 7.—, in Ganzleinen S JO.— jj Durch jede Buchhandlung oder direkt von jj/R. LOWIT, VERLAG, Wien, I. Fleischmarkt 1 jj ✓ S/ W \/ W N/ \S W V V/ \S \/ \/ W >✓ W >.✓ N \ /'V f \ S\ r\ S\ A /\ f\ n /VA f\ A A /V / oa NE BSTANDIG’S FUSS-STUTZE SCHMERZEN HORNHAUT SCHMERZFREI? SCHMERZFREI SCHMERZEN HORNHAUT — >: «Sanitas Modell B», die regulierbare, unzerbrechliche, elastische Fußstütze, in jedem Schuh bequem zu tragenI Kein orthopädischer Schuh notwendig! «Sanitas» Krampfaderstrumpf und Schlankfonner, ganz ohne Gummi. 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Nur die schöpferischen Impulse, die Empfindungs Intensität, die Phantasie und das Gestaltungsvermögen eines Komponisten sind für das Kunstwerk von ausschließlicher Bedeutung. Auf dies allein kommt es an. In dieser Schöpfung wkd das Uefoeriieferte «und Eigene so in ein Ganzes verschmolzen, daß niemand cfie Grenzen, wo das eine beginnt und das andere au'fhört, wahmehmen kann. Die Auf* gäbe unserer jüdischen Musiker, in denen sich die bewußte,. Wendung vollzogen hat, bestand darin, die Keime dep alter: synagogalen und echten Volksmusik zu entwickeln, die in diesem Material verborgenen Möglichkeiten des Melodischen, Rhythmischen und Harmonischen mit der eigenen Empf.ndungssphäre und dem eigenen Können in Einklang zu bringen, das Ganze ins Produktive zu wenden und zu neuen Schöpfungen za formen. Der Entwicklungsprozeß der jüdi-» sehen Musik ist heute klar Umrissen und deutlich ausgt-' prägt Die erwähnte Diskussion findet ihre Antwort in »len; bedeutendsten Werken der letzten Jahre. Wir erkennen bereits die historische Aufgabe der ersten Etappe jüdischer Musik und die Bedeutung, die darin einzelnen Musikern zukommt Und nach kaum einem Vjerteljahrhundert eigenen Schaffens beginnen die jüdischen Komponisten ein wirksamer Faktor der gesamten europäischen Musik zu werden. Es war notwendig, die gegenwärtige Situation in der Jüdischen Musik kurz zu erörtern und meine prinzipielle Stellungnahme zuzn ganzen Problem erneut zu umschreiben. Nur dadurch kann meine Beurteilung von einzelnen Kompo-j nisten und einzelner Werke richtig gewertet und verstanden werden, hn Rahmen eines Zeitungsartikels kann ich natürlich keine eingehende Analyse der Werke geben; die folgenden Ausführungen wollen nur eine allgemeine Orientierung vermitteln, auf die Kompositionen aufmerksam machen. Aber vorast möchte ich noch auf eine bedeutende Arbeit des Wiener Pädagogen Dr. Leonhard Deutsch, auf seine vor kurzem erschienene «Klavierfibel» hinweisen, eine Sammlung internationaler Volkslieder, die ausschließlich der Musikerziehung dienen soll Das Werk, obwohl eigentlich nicht in den Zusammenhang dieser Besprechung gehörend, verdient schon dadurch eine besondere Erwähnung, weil hn zweiten Band zum ersten Male in der pädagogischen Klavierliteral ur ostjüdische Volkslieder verwendet und dem Unterichtsstoff zugeführt werden. Die Lieder sind mehr vom pädagogischen Gesichtspunkt aus gewählt und geordnet. Die MeiocEen behalten ihre ursprüngliche volkstümliche Linie und sind mm durch Anführung einer harmonisch angemessenen, im Ausdruck entsprechenden, fein ausgearbeiteteu Gegenstimme ergänzt Uns fehlt ein anregendes, abwechslungsreiches Unterrichtsmaterial für die J-ugend. Die Volkslieder sind für den systematischen Unterricht überhaupt viel zu wenig nutzbar gemacht worden. Jedenfalls worden auch die Musikschulen in Palästina von diesem Werke viel profitieren können. Aber noch in einer anderen Hinsicht ist diese Sammlung internationaler Volkslieder für uns interessant und belehrend. Das Urteil über das ostjücfische Volkslied geht allgemein dahin, daß es ohne besondere Eigenart ttnd größtenteils den slawischen Volksliedern abgelauscht und entlehnt ist. Nun sind im zweiten Band von Dr. Deutsch auch eine große -Zahl slawischer Lieder (russisch, polnisch, ukrainisch, slowakisch usw.) vereinigt und man ist überrascht, daß das so arg verpönte, werttmd charakterlose L»e d der Ostjuden mitten zwischen den verschiedenartigsten Liedern slawischer Völker in »einer einfachen Wesenheit und Tiefe ganz selbständig erscheint, seine Seefische und musikalische Besonderheit wahrt. Die B*- \ 1

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