Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 DIE STIf4ME Seite 5 erdige Häuser, mit zwei, drei oder vier Räumen, einer großen, wohleingerichteten Küche. Bald haben sich kleine Geschäftsläden aufgetan. Der Mann arbeitet, die Frau sorgt um die Kinder und den Haushalt, die Großmutter betet und wäscht; somit ist hier ein jüdisches Dorf entstanden. Zugleich ergibt sich das Bedürfnis der Häuslichkeit, des «Schmücke dein Heim». In jedem Hause sieht man Photographien an den Wänden, Bilder, Papierblumen, kleine Gestelle aus geschnitztem Holz — letzter geretteter Hausrat. Dann am Abend, nach beendeter Arbeit, singt man diese «Coplas», die über die Jahrhunderte hinweg uns von den schwarzen Augen der Töchter Granadas, oder von den Klagen der schönen Verlassenen erzählen. Patriarchalisches und durch den Ritus kompliziertes Leben, selbst bei den Aermsten; aber sie sind da unter sich, dem Elend, dem Schmutz, der Krankheit entrissen; das jüdische Hospital, modern und rein, steht ihnen im schlimmsten Falle offen. Dies alles vollbrachte die jüdische Gemeinde. Da Kirche und Staat voneinander nicht getrennt sind, hat > jede Religionsgemeinschaft mit sich selbst fertig zu werden. Man ist noch sehr traditionell geblieben in Saloniki, bei aller ultramodernen Mischung, wie man sie überall im Orient findet. Der Feminismus würde hier alle Hände voll zu tun bekommen. Die Frauen haben einzig die Neuerung der Rockschöße und der kurzen Haare übernommen, aber sie mischen sich überhaupt nicht ins öffentliche Leben. Die Küche ist der einzige Schauplatz ihrer Tätigkeit, und die Mahlzeiten sind wohl deshalb ebenso kompliziert wie nicht endemwollend. Um so schlimmer für die heiklen Mägen. Und doch — welche Intelligenz auf den Gesichtern dieser.kleinen Mädchen, die die Schulen besuchen, deren wohlverstandener Unterrichtsplan vielleicht offenere Geister und unabhängigere Seelen heranbilden wird. Derselbe Unterricht wie für die Knaben, aber auch Stunden der Schneiderei gewidmet. Die ärmsten Kinder verköstigt man gemeinsam, Knaben und Mädchen in einem hellen Spetseraum, wo bei freudigen Unterhaltungen Freundschaften entstehen, vielleicht schon Idylle. Im Mädchenwaisenheim, in Abwesenheit der Direktrice ersetzt diese ein junges Mädchen Im Alter von 17 Jahren, entzückend schön, mit der Würde einer reifen, tüchtigen Frau . . . Saloniki, wo die grün gekleideten Pfadfinder sich überzeugen ließen, daß die Erziehung durch Milde und der Stinn für die persömliche Verantwortlichkeit dem unbarmherzigen Dogma vorzirziehen seien; Saloniki, wo das Kasino des weißen Turms gefüllt ist mit ungarischen und rumänischen Tänzerinnen, und wo man Orangeade trinkt; Saloniki, dessen byzantinische Kirchen, die niemand besucht, schönere Mosaiken besitzen als die von Ravenna und Palermo; Saloniki, wo man Büffelbutter ißt. Was mich vielleicht am meisten in deinen Mauern gerührt hat, das war eine Copla, ohne Anfang und ohne Ende, auf spanisoh von einem verzückten Jüngling gesungen. Copla der Erinnerung an die Zeiten, da die Juden in Spanien gediehen, wo sie das Leben aller lebten, da sie nicht durch Verfolgungen gemartert wurden; Copla, die un Reigen der Jahrhunderte von den Müttern den Söhnen überliefert wurde, und die die leidenschaftliche Feenie von Toledo und Granada über die vollkommenen Linien des hellenischen Golfes vibrieren läßt; Copla, die ganz di« Poesie der. jüdischen Seele ist, und ganz die Kunst der Tradition . . . Redaktionsschluß ttnd Schluß der Inseratenannahme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später einlangende Einsendungen können keine Aufnahme in die laufende Nummer finden. Eine romantische Karriere Was der jüdische Leibarzt des Königs Faisal erzählt Seit einigen Tagen weilt in Warschau der jüdische Arzt Dr. Maximilian M a k o w s k i aus Bagdad, der gegenwärtig als Leibarzt dies Königs Faisal tätig ist. Obgleich Dr, Makowski alles auf- Jgeboten hat, um nicht die Aufmerksamkeit der ournalisten auf sich zu lenken, gelang es doch einem Vertreter des Warschauer «Haint», von der Anwesenheit des interessanten Gastes zu erfahren und mit ihm eine Unterredung zu führen. Hofarzt Dr. Makowski erzählte dem Journalisten seine Lebensgeschichte und den geradezu romantischen Weg, den er zuruckgelegt hat, bis er der Leibarzt des Königs Faisal von Irak wurde: Ich wurde in Bialystok geboren, stamme aus einer angesehenen jüdischen Familie, unter anderem war der verstorbene Dwinsker Oberrabbiner Rabbi Meir Simche mein OnkeL loh erhielt eine traditionell jüdische, aber zu gleicher Zeit auch eine moderne weltliche Erziehung. Ich war Baohur in der Jewisohah des Rabbi Elieser in Tels und dann des Rabbi Izel in Poniewiez. Zur selben Zeit legte ich alle Examina der OberreaJschule mit Latein ab. Im Jahre 1914 wurde ich an der Dorpater Universität zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert und erhielt bald darauf eine Stelle als Kreisarzt Als im Jahre 1918 die Armee D e n i k i n Elisabethgrad besetzt hatte, meldete ich mich freiwillig zum Stab Denikins, der mich nach kurzer Zeit zum Chef des gesamten Spitalwesens bei seiner Regierung ernannte. Als dann die Denikin- Armee geschlagen und zum größten Teil aufgerieben wurde, kam ich mit den Ueberresten der Armee nach Aegypten. Eine Zeitlang lebte ich im Lager zusammen mit den übrigen russischen Flüchtlingen aus den Mitteln der speziellen jüdischen Hilfsaktion für die in der geflüchteten Armee befindlichen Juden, einer Aktion, die damals «i dankenswerter Weise von den ägyptischen Juden organisiert wurde. Später verließ ich das Lager in Alexandrien, wand-erte weiter nach Kairo; hier las ich, während ich mich um einen Posten als Arzt bemühte, in einer dortigen Zeitung eine Annonce, durch welche ein Arzt für ein Sanatorium für Lungenkranke gesucht wurde. Ich machte mein Offert an die angegebene Adresse, mein Anbot wurde von dem Besitzer des Sanatoriums, einem Armenier, angenommen und ich erhielt die Stelle. Einer meiner Patienten verließ nach einiger Zeit nach erfolgreicher Behandlung das Sanatorium, war voll dankbaren Lobes für mich und überreichte mir bei seinem Abschied seine Visitkarte zum Andenken. Ich bemerkte kaum, daß die Karte mit einer Krone geziert war, ebensowenig, wie ich mich sonst nach Stand und Rang meiner Patienten erkundigt hatte. Einige Monate später werde ich dringendst zur Polizei gerufen. Hier wurde, mir mitgeteilt, daß höchsten Ortes gewünscht werde, mich als Residenzarztin Djeddaam Hofe des Königs Hussein von Hedschas zu sehen. Ich verlangte entsprechende Bedenkzeit und waT entschlossen, dem Rufe nicht Folge zu leisten, weil ich eine gewisse Angst hatte, weiter in das Innere des wilden Arabien zu gelangen. Aber da bald danach die Aufforderung stürmisch wiederholt wurde, gab ich schließlich nach. Anfangs 1920 kam ich nach Djedda. Dort fühlte ich mich im allgemeinen recht wohl. Bloß wegen zweier Dinge hatte ich gemeinsam mit der übrigen Bevölkerung nicht wenig zu leiden, und zwar wegen des schlechten, salzig bitteren Trinkwassers und wegen des unregelmäßigen Postverkehres, ln Djedda erfuhr ich auch, daß jener Patient, der in meiner Behandlung im Sanatorium des Armeniers gestanden und mir seine mit einer Krone versehene Visitkarte überreicht hatte, der Schwiegersohn des Königs Hussein war, der die Aufmerksamkeit des Königs auf mich gelenkt hatte. Anläßlich des Festtages der Befreiung Arabiens wurde ich in das OSfizierskasino zu einem Kaffee geladen. An der nieder Strenggläubig kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. Die KuneroLErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur* fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks* rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. 100% REINES KOKOSNUSSFETT Feier nahm auch König Hussein teil. Offenbar erfuhr er von einem seiner Söhne, die mich bereits kannten, daß ich ein «Ja-hud», ein Jude aus Rußland, bin und befahl mich vor ach hin. König Hussein wandte sich an mich mit der Frage, wie ich mich in seiner Residenzstadt fühle, ob ich mit dem Trinkwasser und der Post — den zwei Sorgenkindern — zufrieden sei. Ich antwortete, daß mir die Stadt außerordentlich gefaüe, das Wasser jedoch bitter schmecke und die Post viel zu wünschen übrig lasse. Nun wünschte der greise 81jährige König meine Ansicht darüber, warum das Wasser in Djedda so bitter schmecke; es werde doch vom Meere durch ein spezielles Röhrensystem in die Stadt geleitet, wo es vorher kondensiert und filtriert wird. Ich antwortete: «Das dürfte daher kommen, weil die Rohre der Wasserleitung nicht oft genug gereinigt werden, wodurch sich das Salz in den Röhren anlegt und das Wasser bitter macht» Da meinte der König erstaunt: «Am Ende bist du auch Ingenieur?» «Ich bin bloß Arzt», erklärte ich. «Aber als Arzt kam ich in meiner Praxis oft in die Lage, mich auch mit dem Kanalisationswesen zu befassen.» V «Und was wäre jetzt dein Rat?» fragte nun König Hussein. «Mein Rat wäre, den Chefingenieur der Wasserleitung nach Aden zu entsenden, damit er dort von den Engländern erfahre, was sie in solchen Fällen zu tun pflegen.» Der beim Fest gleichfalls anwesende Chefingenieur, den der König sofort rufen ließ, erklärte wohl, daß er kein Chemiker sei, gab jedoch zu, daß die Wasserleitungsröhren nicht gereinigt werden. Hinsichtlich des schlechten Wassers mußte der König mir recht geben. Bezüglich der Post jedoch meinte er, daß diese in guten Händen sei, denn der Oberste Postverwalter sei — Advokat... Wie gut übrigens die Post in Djedda verwaltet wird, mag aus folgender Praxis des Postdirektons ersehen werden: Briefe, die aus Italien an meine Adresse einlangten, habe ich, da ich aus Rußland stamme, niemals bekommen, einfach deshalb nicht, weil der Herr Postdirektor als pedanter Advokat offenbar die Briefe nicht nach den Adressen, sondern nach den Postmarken der Briefsendungen sortiert und weitergeleitet hat. Die aus Italien eingelangten Briefe wurden in das italienische Viertel, die aus Rußland an die russische Kolonie und so weiter geleitet Mein Vorschlag auf Reinigung der Wasserleitung hatte des Königs Gefallen gefunden. Der Chefingenieur wurde zu Studienzwecken nach Aden geschickt und aid Grund seiner 4 ■h, Jitfhlt;, mm. mm m inijf’jßU, mm , > Wmm fr niWM m $i" y *■; mm Denkmäler des jüdische« Lebern: Links: Alte Straße Im Juden viertel von Kairo. — Oben: Hochzeit bei den «portugiesischen» Juden von Venedig im 18. Jahrhundert (Nach einem zeitgenössischen KuifrferJ m * . h r: tlalljp 4*- »• ■ *- I ‘in mmä