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Die Stimme · 1928-09-13 · Heft 37 (13.9.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 37 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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* Seite 4 DIE STIMME Nr. 37 Klolel u. Restaurant Gutfh. Wien U. HAlKraWterfMii« «4» T«l«s»lM»n R-41-lOI UHd IT49^fO Anerkannt vorzügliche Küche — Treffpunkt der Wiener und ausländischer Zionisten — Speisen k » carte — Mittag- und Abend-Menu — Palästina- und ungarische Weine zOgfger Vetaastafttmgen festficJ» zu begeh» md unter den Namen «Masaryk-Fonds» eme Stiftung für begabte jddiscbe Schüler in der Tschechoslowakei m en&cbfea. Die Agttdah möchte eine jüdische Wahlkurie in Polen Das polnische Rogierungsorgan «Epoca> veröffentlicht ein Interview mil dem Abgeordneten der Agudah in Polen, dem bei den Wahlen ckirchg^fladlenen und dann auf dem Wege über die Regierungsliste in das Parlament eingeschmuggelten Dr. K i r s c h ib x a u n, der die Schaffung einer nationalen jüdischen Wablkurie als den besten Ausweg für eine jüdisch-polnische Verständigung bezeichnete. Sein Vorschlag lautet: 1. Die Juden in Polen bäden einen einzigen Wahlkreis. 2. Die Zahl der Mamtete n diesem Wahlkreis wird nach der Zahl der Juden im Staate und ihrem Verhältnisse zur übrigen Bevölkerung bestimmt \ 3, Die Wahlen sind proportional Ke Juden io den Vereinigten Staaten Der New Yoiiker Bevölkerung ssfraüsfisker Dr. LJulie Id, der vor kurzem auf Grund einer Feststellung der Verhältnisse der jüdischen Kongregationen in den Vereinigten Staaten versucht b?t, die Zahl der jüdischen Bevölkerung hi den Staaten festzusteöen, veröffentlicht jetzt edne ergänzende Mitteilung, die sich a<ui die allgemeine Bevölkemngsaufnähme stützt und auch diejenigen Juden berück- I sicbtigt, die Kongregationen nicht angehören. Danach leben 4a den Vereinigten Staaten <1228.029 Juden. Diese Zahlung ergibt ferner, daß die allgemein verbreitete Ansicht, die Juden bevorzugten ausschließlich die Großstädte, unbegründet ist; der sechste Teil aller arae rikanischen Juden lebt in ländlichen Bezirken und widmet sich zu einem großen Teil der L-andwirtschaft. Nur in 11 Städten der Vereinigten Staaten überschreitet die jüdische Einwohnerschaft die Zahl von 50.000. Wääwend des 19. Jahrhunderts und ln den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war ein Steigen des jüdäschen Bevölkemngskreis im Verhältnis zur Gesanrfbevölkerang zu verzeichnen. Jetzt, im dritten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts ist edn proportlonelles Sinken der jüdischen Be Völker angsziff er festzustellen. Die Synagoge hn Kloster; Die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Kittsee (Bargenlaad) begeht dieser Tage das Jubiläum ihres 400j übrigen Bestandes- Es ist dies die einzige Synagoge der Welt, die sich im Gebäude eines einstigen katholischen Klosters befindet Das Gebäude wurde seinerzeit der jüdischen Gemeinde vom Grafen Esterhazy übergeben, mm in den sicheren Mauern des Klosters vor de« Anfällen des Pogrompöbels Schutz zu Baden. Saloniki, die Stadt der Juden Von Maxa Nordau. Die Bucht von Saloniki Ist ebenso anmutig wie die von Neapel, und der Kranz der Berge, deren Abhänge von Ziegenherden bevölkert sind, ist eine Landschaft von Theokrit. Und dennoch hat zwischen Fels und Meer nur Ares, der Gott der Schlachten, geherrscht — die Bäche, die die Stadt selbst bei trockenem Wetter in eine Art Morast verwandeln, haben mehr Blut als Wasser mit sich geführt, und Saloniki fegte die Asche des Braindes, der es zerstörte, noch immer nicht weg . , . Eine jüdische Stadt in der herrlichsten griechischen Landschaft! Gegenüber der Olymp, wo Zeus sich auch heute noch in Wolken hüllt und seine weiße ERFOEGRIEICK1 werden Neuralgie, Gicht, Rheuma, Ischias, Verdaungsstörungen behandelt im Therapeutischen Institut, Wien, I., Au*stellun*8str 65/4 Auskünfte kostenlos Herren- und Hamen-Kleider nach Maß B«feli0 Zahltag nach Üeb.ref»**mm*n. Johann Eadna Wien, YI., Mariahilferstraße 107, Tel. B 27-2-88 Tunika anlegt, deren funkelnder Widerschein uns in der Sonne glitzernder Schnee zu sein dünkt — und hinten die Berge, wo die Grazien mit ihren Elfenbeinfüßen die Wiesen durchstreiften und die Bienen den duftenden Honig aus den Blüten holten —, das sollte die höchste Versöhnung sein zwischen der Schönheit, die eine Gerechtigkeit ist, und zwischen der Gerechtigkeit, die eine Schönheit ist, — doch ach, welch gegenseitiges Nichtbegreifen, wieviel Mißverständnisse, wieviel Leiden ... Längs des Kais, wo dich die alten Schiffer spanisch ansprechen, zieht sich die moderne Stadt dahin, , noch im Bau begriffen nach der entsetzlichen Feuersbrunst, die fast alles zerstört und die ganze Bevölkerung zugrunde gerichtet hat. Eine hübsche südliche Stadt und relativ sauber, wo dich nur der Geruch von siedendem Oel, von Gewürzen und am Rost gebratenen Fleischstücken, der aus den hie und da verstreuten Baracken herausschlägt, an den Orient erinnert. Viele hebräische Schriftzeichen über den Geschäftsläden, die ziemlich ’uxuriös sind. Auf dem Hügel liegt das alte türkische Viertel, unendlich malerisch, unendlich schmutzig, wohin ein buntscheckige Volk in grellen Kleidungen seine Zuflucht aus Kk'inasien nahm. Türken gibt es wohl nicht mehr hier, aber die Unduldsamkeit ist geblieben. Juden und Christen wohnen nicht zusammen, vermischen sich nicht, sprechen nicht die gleiche Sprache. Saloniki war zur Zeit der Türken sozusagen eine vollkommen jüdische Stadt, vielleicht die einzige jüdische Stadt, wo das Leben für die Juden normal war und wo alle Berufe von Juden ausgeübt wurden. Man konnte da das Getriebe einer Stadt sehen, die ihre besondere Eigenart besaß, aber in der Organisation ihres privaten und öffentlichen sozialen Leberts allen anderen Städten glich, — denn die jüdischen Festtage wurden öffentlich gefeiert, wie die Feste der übrigen Länder, bis zur Uebertreibung der sabbathliohen Ruhe. Von alledem besteht heute nichts mehr, und die jüdischen Handwerker werden immer mehr zurückgedrängt und ersetzt. Und dann haben sich die durch den Brand Ruinierten von ihrem Unglück noch nicht erholt. In einem Winkel des alten türkischen Stadtviertels, der einzigen Spur des Saloniki vor der Feuersbrunst, schlängelt sich — zwischen den hängenden Häusern mit den abgelebten Fassaden, die ebenso malerisch wirken durch ihre Bewohner wie durch ihren Anblick — ein übelriechendes Gäßchen dahin, eine Art dunkle und feuchte Passage. Selbst beim schönsten Wetter patscht man hier in einem klebrigen und verpesteten Morast. Man schreitet durch ein kleines niedriges Tor — dahinter ein Hof voll Wunder. Eng. ohne Luft, umgeben durch abscheuliches, wackeliges Gemäuer, mit halb abgerissenen Dächern, die Säulen von Salpeter zerfressen, wie durch ein Wunder die Gesimsteile stützend, deren Ziegel und Gipsstücke sich bei jedem Windstoß abbröckeln. Es gibt deren mehrere dieser unsauberen Löcher, miteinander durch Tore verbunden, halbgeöffnet, wie zahnlose Münder, die die ewige Klage über das unbezwingbare Elend auszuhauchen scheinen. In jedem dieser Löcher wohnen Dutzende unglücklicher Familien, ohne Luft, ohne Wasser, kaum gegen Wind, Regen, Ratten — und besonders Hunger geschützt. Seien die Hilfsspenden wie immer — sie verschwinden iij dem bodenlosen Schlund. Ganze Familien verkümmern da. Wir sähen hi einer dieser Hütten, die wie nur durch ein Spiel unbekannter Kräfte zusammengehalten werden, eine Wöchnerin, die tags vorher niedergekommen war. Was tun, um diese UnSeligkeiten zu retten? Man darf wenigstens für den Augenblick aufrichtig die großartige Arbeit bewundern, die zur sofortigen Rettung einer großen Zahl dieser Bejammernswerten geführt hat. Bei den Toren der Stadt hat man nämlich auf einem weiten Gelände kleine weiße, blitzblanke Häuser erbaut und wie in, ein Paradies jene versetzt, die man ihrer Agonie zu entreißen vermochte. Ebeowerkstätte für /esse! und Tische Salongaritituren und ElaxelmöbelstOck« ADLER, VII., APOLLOC. 18 Kalimtr. 12 Die mit der abnorma-en Lage der Judenheit zusammenhängende, steige * jüdische Wanderbewegttng, ist auch im abgelaufenen Jahr nicht zum Stillstand gekommen. Ehe sich immer menr verstärkenden Bemühungen um die Organisierung der jüdischer! Wanderung leiden naturgemäß an der durch die Nachkriegsverhältaisse hervorgerufenen AbsperrungspoF.iix, wodurch der Kreis von Einwanderungsländera sich immer mehr verengt. Das von der Sowjetregierung begonnene landschaftliche Siedlungswerk für die Juden in Rußland hat, wie vorausgesehen war, die Erwartungen nicht erfüllt, welche dafür geweckt worden waren. Für eine jüdische landwirtschaltliche Kolonisation ian europäische» Rußland ist, wie heute offen zugegeben wird, nicht genügend Boden vorhanden, um sie in solchem Maße zu betreiben, daß dadurch eine Besserung der durch die Sowjetmethoden fast vollständig ruinierten Wirtschaftsverhältnisse der Juden m Rußland, herbeigeführt werden könnte. Das vor einigen Monaten mit großem Appkwnb angekündigte Projekt der landwirtschaftlichen Kolonisation von Juden in dem sibirischen Gebiet von Bir-Birdschan, ist schon in seinem Anfangsstadkira gescheitert. Das frühere jüdische Einwanderungsland, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, hält seine .Tore noch immer hermetisch verschlossen und die kleinen Erleichterungen für Angehörige amerikanischer Bürger können keine nennenswerte Vergrößerung der Amerikawanderung bringen^ln den südamerikanisch enL ändern ergeben sich nur beschränkte Ei rvw and eru ngsmöglidhkeiten für Juden. So müssen naturgemäß die Augen der jüdischen Welt immer mehr auf Palästina gerichtet sein, wo der zionistische Gedanke der Schaffung einer jüdischen Heimstätte seit zehn Jahren in politisch gesicherte Tat um gesetzt wird. Die Bestrebungen, die gesamte Judenheit zura Aufbau Palästinas heranzuziehen, wurden im abgelaufenen Jahre durch die Londoner J e w i s h- Agency-Konferenz forigefülirt; das reale Ergebnis läßt sich noch nicht Überblicken, eines aber ist sicher: die gesamte Judenbeit wird aus den sich immer mehr erschwerenden jüdischen Lage in aller Welt die Konsequenz ziehen müssen, daß der Aufbau Palästinas Erstärkung und Erhaltung des jüdischen Lebens bedeutet. Palästina hat «n verflossenen Jahre eine Wirtschaftskrise überstanden, weiche durch fast zwei Jahre gewährt hatte. Es war eine Krise, die aus der finanziellen Schwäche des Aufbauwerkes zum größten Teil entstanden war. Der jüdische Aufbau Palästinas vollzeht sich ganz tm Gegensatz zu anderen Koionisationswerken nicht unter aktiver Mitwirkung des Staates, sondern lediglich durch die Arbeit und die Mittel der von der zionistischen Organisation erfaßten Judenbeit. Die britische Mandatsregierung, welche laut den Bestimmungen des Mandats zu aktiver Förderung des Aufbauwerkes verpflichtet ist, legt im besten Falle eine Art wohlwollender Neutralität an den Tag. So kam es, daß sie zu spät in die Krise im Lande eingriff, als ^bereits Arbeitslosenunruhen in Tel Awiw und Petarih-Tikwah stattgefunden hatten. Daß die Krise in Palästina, während der zum ersten Male die Auswanderung aus dem Lande die Einwanderung überstieg, so rasch überwunden werden konnte, ist hauptsächlich dem Palästina willen der jüdische« Arbeiterschaft im Lande zu danken. Mit der Krise in Palästina Hand in Hand ging die schwierige Lage der zionistischen Organisation, welche die größten Anstrengungen machen mußte, um die notdürftigsten Vorkehrungen zur Stützung des bisher i» Erez-Israel Geschaffenen zu treffen. Ihren Bemühungen und dem endlich doch erfolgten Eingreifen der Paiästinaregierung gelang es, die Arbeitslosigkeit auf den normalen Stand zurückzuschrauben. Inzwischen hat Palästina eine eigene Währung erhalten, die Wirtschaftslage normalisiert sich langsam und es sind alle Anzeichen dafür vorhanden, daß die Wirtschaftskurve im Lande wieder aufwärts gehen kann, zumal der Hafenbau in Haifa, die Ausgestaltung der Elektrifizierung Palästinas und die in Aussicht stehende Ausbeutung des toten Meeres, neue günstige Perspektiven eröffnet. An der Spitze der Verwaltung des Landes sind einschneidende Aenderungen vor steh gegangen, hu dem der britische Oberkoiraaissäi Lord Plumer durch Sir Chancellor ersetzt wird, und an Stelle des für die Verwaltung des Landes hauptsächlich maßgebenden bisherigen Zivilsekretärs den Palästinaregierung Colonel S y m c s, ein neuer Mann H. I. L u k e tritt. Die neuen Leiter der Palästinaverwaltung werden sich mit der Fundierung der Wirtschaftslage des Landes ernsthaft zu befassen haben; an sie wird auch manches politische Problem herantreten; so die Frage des Parlaments für Palästina, die von den' Arabern aufgeworfen wird und mit der die jüdischen Interessen im Lande, wo die jüdische Heimstätte erschaffen werden soll, im Einklang gebracht werde« müssen. Die afTenfhalben in der jüdischen Wett erfolgende Verstärkung des organisatorischen Willens? ist vielleicht das erfreulichste Moment bei der Rückschau auf das vergangene jüdische Jahr. Sie gibt die Gewähr dafür, daß die Judenheit immer mehr erkennt, ihr Schicksal liege in ihrer eigenen Hand. In aller Welt erwacht der jüdische Lebenswille zu aktiver Betätigung, nachdem er so lange Jahrhunderte passiv gewesen. Solche Kräfte geben Zuversicht und diese Zuversicht mildert den Schmerz, der die jüdische Wett immer wieder ergreifen muß, wenn der Tod die Besten abberuft, welche im Sinne dieses jüdischen Lebenswillens gelebt und gewirkt haben. Aus der großen Zahl der, die dem jüdischen Volke im vergangenen Jahre viel zu früh entrissen wurden, seien hier im engen Rahmen dieser Rückschau nur drei Namen genannt, der im Glanz von der tiefen Trauer um ihren Heimgang noch frisch umflort ist: Oberrabbiner Dr. Ch a jes, H. D. Nomberg’ und Wladimir Tiomkin. Sie waren jeder in seiner Art Symbole des jüdischen Lebenswillens in seiner schöpferischen Form. Chajes, der die jüdische Zukunft in seinem Wirken vorlebte, Nomberg, dem jüdisches Leid und jüdisches Frohsein zu feinster künstlerischer Form zu gestalten gegeben war, Tiomkin, der in jugendlichem 'Feuer zum Kampf um die jüdische Existenz; riet Sie sind Personifikationen jener Kräfte, die wir! brauchen, um über Tag und Jahr hinaus in die Dauer zu leben, die unsere Zuversicht ist. —-r

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