Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Sette 3 Nf. 97 Die Erweiterung der Jewish Agency Die onparteüsehe Palästina-Konferenz am 20. Oktober? Welzmatm und Sacher reisen nach Amerika. Ans London wird gemeldet: Das Mitglied der Zionistischen Exekutive kl Palästina Dr, Harry Sacher reist ki den nächsten Tagen an Bord der «Mauretanja» nach den Vereinigten Staaten, um gemäß der Agency- Resolution des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation die Vorverhandlungen mit der Gruppe der Nichtzlonlstea unter der Führung Louis Marshalls über die Erweiterung der jewish Agency m führen. Der Präsident der Zionistischen Weltorgnniri^on Dr. Chaim Weizmann wird zum Zwecke des Abschlusses dieser Verhandlungen Anfang Oktober die Reise nach Amerika antreten. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfahren haben will, wird die u n p a r t e 1 i s c h e Palästina- Konferenz der Vereinigten Staaten, die von Louis Marshall, dem Präsidenten des American Jewish Committee, im Zusammenhang mit der Erweiterung der jewish Agency und Aufbringung des von der Londoner Konferenz der Joint Palestine Survey Commission veranschlagten Budgets für den jüdischen Palästina-Auf- ' bau einberufen wird, f ' am 20. Oktober zusammentreten. \ Prof. Rrodetaky übet seine Mission ln der zionistischen Exekutive In einem von der englischen zionistischen Föderation veranstalteten großen Meeting referierten die englischen A. C.-Mitglieder über die Berliner A. C.-Tagung. Rev. Goldbloom, der Ehrenvizepräsident der °nglischen zionistischen Föderation, gab ein erschöpfendes Bild Über die Berliner Verhandlungen. Darauf Bestieg das neugewählte Mitglied der zionistischen Exekutive, Prof. Brodetsky, von langanhaltendem Beifall empi fangen, die Tribüne, Er führte u. a. aus: Von gegnerischer Seite wird behauptet, man hätte mich in die Exekutive entsandt, weil man sich auf mich «verlassen» könne und ich alles tun werde, was Doktor Weizmann will. Solche Behauptungen sind vollkommen grundlos. Ich erkläre hier in aller Öffentlichkeit: Ich gehöre nur deshalb zu der Gefolgschaft von Doktor Weizmann, weil ich mit seiner Politik überein stimme. Wenn einmal eine Zeit kommt, wo die6 nicht mehr der Fall sein wird, so werde ich Von meinem Posten zurücktreten.» Es wurde eine Vertrauensresolution für die Exekutive angenommen. Die 90. Ffiedhofsschftnduflg in Deutschland. fti L&dlichaasea (Westfalen) wurden In der Nacht vom 31. August zum!. September auf dem Jüdischen Friedhof von unbekannten Tätern dreizehn Grabdenkmäler omgestflrtt Die Polizei hat Nachforschungen PALASTINA-PRODUKTE-VERTRIEB GUSTAV WILDER WIEN. IV, BLECHTURMGASSE NR. 12 TELEPHON NR S3-S-92 KARMEL¬ WEINE JAFFA¬ ORANGEN TROCKENE FRÜCHTE SPEISEÖLE ALLEINVERTRIEB DER: Jüdischen Walnbauarngenoesenachaft, Richonle-Zlon (Jaffa) - „Pardeas“ Vereinigte Oran- Senpflanzer, Jaffa (Palästina) - „Stiemen“ el-lndustrie, Haifa nach den Tätern eingclcitet. Es ist dies der 60. Fall yon Schändung jüdischer Friedhöfe in den letzten Jahren. In G e m fJ n d e n (Hunsruck), wo die Hitlerleute in der letzten Zeit ähr Hauptquartier haben, versuchten während einer nationalsozialistischen Veranstaltung Hakenkreuzier die Synagoge zu stürmen. Da die Ortsbehörden nicht genügenden Schutz boten, hat sich die Synagogengemeinde au das Ministerium in Berlin mit der Bitte um Schutz gewendet. Antisemitische Pöbeleien tschechischer Offiziere Aus Bratislava wird uns berichtet: Eine anttsemltilsdhe Affaire, in die hohe Offiziere verwickelt sind, hat bi letzter Zeit in Novf Mesto nad Vähotn viel von sich reden gemacht Wir erhalten darüber folgenden Bericht: Eiin General zechte mit seiner Suite und in Gesellschaft eines Beamten der dortigen Filiale der Slovenskä Banka itn Caf6 Slavia, wobei sie sich in höchst unzulässiger Weise über die Juden ausließen. Als der selbstbewußte Oberkellner des Kaffeehauses, Ignaz Drechsler, sich als Jude an-meldete und sich dagegen verwahrte, wurde ihm die Bezeichnung «Stinkender Jude» öntgegengeworfen und die Aeußerung, daß die Juden die Slowakei bloß aussaugen. Nachdem sich Drechsler entfernt hatte, wurden die Schimpfereien fortgesetzt und etwas später der Kellner von einem Hauptmann attackiert. Lediglich dem Dazwischentreten des Kellners Zoltan Lax gelang es, die Attacke zu verhindern, worauf Lax mit einer Ohrfeige bedacht wurde, die er Jedoch gehörig quittierte. Lax äußerte seine Absicht mit der Anzeige gegen den Hauptmann bis zu den höchsten Stellen Vordringen zu wollen, falls ihm keine Genugtuung widerfahre. Der Hauptmann entschloß sich,'unter dem Drucke dieser Aeußerung Lax Abbitte zu leisten, nachdem er vorher die Sache mit Geld erledigen wollte, wogegen sich Lax auf das Entschiedenste verwahrte. Nach diesem Zwischenfall tranken die Herren noch weiter unter den Zurufen: «Srnrt ZidomJ» (=Tod den Juden.) Einige Stunden vorher äußerte sich ein anderer höherer Offizier über einen im Kaffeehause erschienenen Artillerie-Fähnrich jüdischer Konfession, in dem Sinne, daß der «stinkende Jude» auch schon hier sei.» Die Militärbehörden von Bratislava haben eine strenge Untersuchung der Vorfälle eingclcitet. Die jüdische Politik In der Slowakei In Trentschin-Teplitz fand am 2. September eine Sitzung des Präsidiums und der Exekutive der nationalen «Jüdrs.chen Partei» für die Slowakei und Karpathorußland statt, in welcher in Anlehnung an die Beschlüsse des Kaschauer Parteitageg festgelegt wurde, daß die Partei bei den kommenden Wahlen zu den Bezirks- und Lande s v e r t.r e t u n g e n, denen große politische Bedeutung zukommt, selbständig auftreten solle. Das Parteipräsidium wurde beauftragt, die notwendigen Vorbereitungen für die Wahlen zu treffen. Es wurde betont, daß die Jüdische Partei die E i n i g k e i t i m Judentum anstrebe und alle Juden des Landes in der Partei organisieren wolle, weshalb das Programm und die Tätigkeit der Jüdischen Partei so auszubauen ist, daß man auf diejenigen Momente Gewicht zu legen hat, welche das Judentum vereinen und welche für das ganze Judentum wichtig und notwendig sind. Ferner wurde beschlossen,. das zehnjährige Jubiläum der tschechoslowakischen Republik durch eine Reihe groß- Schuhgarderobe erneuerungsbed&rftig © Wählen Sie LISSIANSKY Detailverkauf zu Engros-Preisen direkt in der Fabrik KalserstraBe 46 RtevjMsimfftftBarBisBg: I€i«Ä«a«rssSa«*I®« Jahren sehe au ihrem Schaden anwendet. Die Juden der Türkei glaubten, dem nationalistischen Regime am besten zu Gefallen zu sein, wenn sie sich der ihnen zustehenden national-kulturellen Rechte begeben. Der. Effekt war gerade im letzten Jahre m bedauerlicher Weise sichtbar: ein an sieh bedeutungsloser Vorfall in Konstantin opel, wo ein jüdisches Mädchen von einem liebestolien türkischen Offizier ermordet wurde und die Judenschaft der Stadt wegen dem Mörder Stellung nahm, gab Anlaß zu einer hemmungslosen antisemitischen Hetze in allen größeren Städten des Landes. Hier hat die Selbstproklamierung der Minderwertigkeit die entgegengesetzte Wirkung gezeitigt, die beabsichtigt war. Gerade darum ist es zu begrüßen, daß der einsichtsvolle Teil der Judenheit immer stärker an den internationalen Bestrebungen zur Organisierung der Minderheiten teflmmmt, wie dies besonders kl der »letzten Zeit geschieht Gerade die eigenartige Lage der Juden als dlsozUerter Minderheit gibt die besten Belege dafür, daß der Schutz der Minoritäten verstärkt und ausgebaut werden muß. Diese Bestrebungen gehören in das Gebiet des Druckwiderstandes, der sich jüdischerseits gegen die Momente des äußeren Druckes kundgibt Der wirtschaftliche Druck auf die Juden verstärkt sich immer mehr. In Deutschland wlid der Anteil der Juden am Wirtschaftsleben durch die Konzernierung und Rationalisierung immer mehr eingeengt, wozu noch die bewußte Ausschließung der Juden aus Arbeitsstellen gerade ln der Industrie und im Großhandel kommt In den Vereinigten Staaten schaltet die Methode der «Efficiency» den Zwischenhandel Immer aus, wodurch die Juden wirtschaftlich ziemlich stark betroffen werden. Zu diesen Erscheinungen treten die brutaleren Methoden des Wirtschaftsdruckes, wie die Zwangssonntagsruhe in Polen und Litauen, eine ähnliche Verordnung in Saloniki, das ein starkes jüdisches Zentrum ist, ausgesprochen anti jüdische Boykottbewegungen in Polen und Rumänien, der sogenannte trockene Pogrom ln Ungarn, der die Juden immer stärker von der freien Betätigung in den verschiedensten Wirtschaftszweigen abschnüren will. Am stärksten wirken sich diese Momente des Druckes auf dem kulturellen Gebiet aus. Wichtigstes Symptom hierfür ist die Methode des Numerus clausus, die gewissermaßen die geistige Zukunft der Juden treffen soli Im abgelaufenen Jahre wurde in Ungarn aus Rücksichten auf das Ausland eine schändliche Komödie aufgeführt, die man Milderung des Numerus clausus nannte. Es wurde nämlich nach bewährtem Muster, das schon in Oesterreich und in Polen arngewendet wurde, um das Gesicht zu wahren, die Entscheidung über die Aufnahmen an den Hochschulen, den einzelnen Fakultäten überlassen. Das Ergebnis ist, daß zum Beispiel in Budapest an der juridischen Fakultät unter 320 zugelassenen Hörern sich nur 14 Juden befinden,' au den ungarischen Provinzuniversitäten ist das Verhältnis für die Juden noch ungünstiger. Jetzt setzt der berüchtigte ungarische Unterrichtsminister Graf Klebeisberg die Komödie fort, indem er den Fakultäten aufträgt, die Aufnahmsziffer für Hörer heraufousetzen; er trägt ihnen aber nicht auf, jüdische Hörer, die sich um die Aufnahme an die Hochschulen bewerben-, zuzulassen. In Rumänien herrscht unvermindert jenes System, das man als Numerus nu 11 u s bezeichnen kann, daß nämlich Juden gar nicht zur Aufnahme an die Hochschulen kommen können, da man sie bei den Reifeprüfungen nicht durohläßt. ln allen diesen Ländern wurde mit stillschweigender oder offener Förderung der Regierungen die Studentenschaft der Staatsnation als Stoßtrupp für den Numerus clausus benützt; ln Ungarn bestellte sich die Regierung im abgelaufenen Jahr Studentendemonstrationen gegen die Aufhebung de« Numerus clausus, um vor dem Auslande sagen zu können, daß die völlige Aufhebung dieses Schandgesetzes an dem «Willen großer Teile der Bevölkerung» scheitere. Der Studenten-Antisemitismus ist immer mehr eine politische Bewegung geworden, hinter der. politische Drahtzieher stehen, um sie für ihre Zwecke zu verwenden. Darum ist es erfreulich, daß innerhalb der Studentenschaft selbst die Möglichkeiten zu internationaler Aussprache immer häufiger werden. An diesen internationalen Tagungen der Studentenschaft nehmen die jüdischen Studenten aktiv teil und tragen dadurch viel zur Klärung des wirklichen Zustandes bei. Die modernen Mittel des Druckes erfordern naturgemäß moderne Formen des Druckwiderstandes und daher ist alles zu begrüßen, was an jüdischer Organisation in wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Hinsicht geschaffen wird. Nicht zuletzt auf diese Stärkung des jüdischen Organisationsgedankens ist es zu rückzu führen, daß mittelalterliche Formen der Judenfeindschaft immer seltener werden und eigentlich nur dort Vorkommen., wo noch gewisse Rudimente des Mittelalters im Leben und Anschauung der nichtjüdi-. sehen Bevölkerung bestehen. Im verflossenen Jahr«, wurde ein einziger Ritualmordprozeß von Belang abgeführt; die Stadt Dobrzyn in Polen hat die Ehre, daß sich ein solches Stück Mittelalterin ihren Mauetn abspielte. Fast zur selben ZeJt verstarb eines der letzten Opfer politisch ausgeschroteter Ritualmordhetze, Leopold H11 s n e r, der Märtyrer der berüchtigten Affäre von Polna, im Wiener Armenspital. In diesem Zusammenhänge sei ein anderer Prjzeß hervorgehoben, der im abgelaufenen Jahre geführt wurde und die gesamte jüdische Welt in Atem hielt, der Sch war/barth-Prozeß. Der jüdische Uhrmacher Schwarzbarth hat den Anstifter der ukrainischen Pogrome Ataman Petljura niedergeschossen. Der Prozeß, welcher mit dem Freispruche Schwarzbarths endete, hatte ein wichtiges Resultat: die Judenmetzeleien der Nachkriegskämpfe kamen zur öffentlichen Erörterung, vor der sich Europa bisher gescheut hatte. Auch dies ist ein Erfolg der Organisationskraft.