Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 DIE STIMME I «I . öl Der Anker M|. Vamlxiisgi -IltiKB-GetOoM Wien, l.. Hoher Markt Nr. 10 TO. II 21-S-SS Neujahrsbotschaft der zionistischen Exekutive Die Exekutive der Zionistischen! Weltorganisation in London und Jerusalem erlfißt eine Kundgebung an die zionistischen Verbände, ihre Führer und Mitglieder, um sie zu erneuter Mitarbeit aufzurufen. Als das Ziel der heutigen, durch den XV. Kongreß emgeleiteten Politik des Ueberganges und der Vorbereitung wird neuer Aufbau, neue Aiijah, neue Chaluzluth bezeichnet. Notwendig ist aber nicht allein die Einschränkung entbehrlicher Ausgaben, sondern auch die Schaffung der finanziellen Voraussetzungen für vergrößerte produktive Ausgaben. Die vorbereitenden Maßnahmen zu« Schaffung einer festen Arbeitsgemeinschaft mit nichtzionfstlschenOruppen für den Aufbau Palästinas — heißt es in der Kundgebung weiter — sollen im kommenden Arbeitsjahre endgültig zum Abschluß gebracht werden. Die Gründe für die Erweiterung der Jewish-Agency haben im Laufe der Jahre seit Konzipierung dieser Idee an Gewicht nur gewonnen, die Einsicht in die Notwendigkeit dieser Politik ist gewachsen. Vor uns steht das Ziel: Stärkung unserer politischen Basis durch Schaffung einer großen, geschlossenen jüdischen Palästina-Front, Ausbreitung des Palästina- Gedankens in allen Schichten des Volkes, Beschleunigung und großzügige Erweiterung des Aufbaus. Auf dem Wege zur Verständigung mit den nichtzionistischen Palästina-Freunden bildet der Bericht der Joint Palestine Survey Commission einen großen Schritt vorwärts. Von einer höheren Warte aus gesehen, erscheint der historische Wert dieses Dokumentes in der von ihm bekundeten und durch die Kritik an Einzelheiten nur gesteigerten, uneingeschränkten Zustimmung zum Palästina-Werk als solchem begründet, das zionistische Aktionskomitee hat Ln der Stellung:, ahme zu dem Bericht die wesentlichsten Prinzipien der zionistischen Aufbauarbeit und ihre Bedeutung für eine Kooperation mit anderen Kreisen noch einmal hervorgehoben, und hat erneut in bestimmter Weise erklärt, daß die erforderlichen Schritte zur Erweiterung der Jewish-Agency unverzüglich unternommen werden sollen. Das jüdische Jahr 5688 Geschichtliche Betrachtung einer Spanne jüdischen Lebens, das sich überall als das einer Minderheit atospielt, sieht immer wieder das Moment des Druckes von außen und seiner Abwehr von innen, also gewissermaßen des Druck Widerstandes als äugen fähigstes Agens. Der Zustand der ewigen Minorität und der dauernden Landlosigkeit gibt sich in allen Abschnitten der jüdischen Geschichte als eine Labilität kund, welche dem jüdischen Leben fast nirgends geradlinige Bewsgung gibt, sondern immer und überall die oszillierende Bewegung des Pendels. Stärkere Einwirkung von außen läßt das Pendel heftig nach einer Richtung ausschlagen, worauf die Schwingung längere Zeit in lebhaftem Hin und Her erfolgt, um dann langsamer, aber stets ruhelos sich fortzusetzen. Das eben abgelaufene jüdische Jahr hat die unaufhörliche Oszillation des Lebens der Judenheit wohl nicht übermäßig stark gezeigt, aber auch diesmal haben die äußeren Einwirkungen unruhigen Pendelausschlag ergeben. Der äußere Druck in seiner primitivsten und rohesten Form, der physischem "Gewalttat, ist auch in diesem Jahre au mehreren Stellen der jüdischen Diasbora in Erscheinung getreten. In Rumänien haben sich die traurig berühmt gewordenen Studentenexzesse von Großwardein, Klausenburg, Jassy u. a. 0. abgespielt. Entrüstung ging durch die sogenannte große Welt, von deren Wohlwollen das neue Grbßrumähien so abhängig ist; wo diese Entrüstung der liebefraschung entsprungen sein mochte, die ein indischer Delegierter erst jüngst bei einem internationalen Kongresse in die Worte kleidete, er könne es nicht fassen, daß im zwanzigsten Jahrhundert derlei noch möglich sei, dort ist sie nicht — oder besser gesagt zu spät — am Platze. Denn zu den Exzessen der Studenten in Rumänien mußte es kommen, weil die unter der akademischen Jugend des Landes von Geschäftspolitlkem betriebene hemmungslose antisemitische Propaganda In dem Bewußtsein, einem großen Ziel entgegen zu gehen, treten wir in da* neue ArbeHsjahr ein. Die Lage in Palästina zeigt klare Anzeichen einer Wendling zum Guten. Die Unternehmungen des privaten Kapitals, ermöglicht durch die von der Zionistischen Organisation geschaffenen Bedingungen, bHden einen wesentlichen Teil des zionistischen Oesamtwerkes, sie haben auch bt den letzten Jahren nicht auf ge hört, das Land zu bereichern und den Arbeitsmarkt zu beleben. Es besteht berechtigte Hoffnung, daß diese Entwicklung in verstärktem Umfange anbaiten wird. Die Wiederaufnahme der Chahizimeinwanderang wird von der Exekutive in die Wege geleitet werden. Die Bemühungen, diurch Abschluß langfristiger Anleihen das Herannahen des Zeitpunktes zu beschleunigen, in dem das auf Volksmitteln und der hingebenden Opferfähigkeit unserer Pioniere aufgebaute Siedtungs- Englische und französische Bücher Antiquarisch in größter Auswahl Vienna, I. Bognergasse 4 werk durch neue kolonisatorische Maßnahmen erweitert werden kann, wird es die Exekutive nicht fehlen lassen. In allen Zweigen der Administration werden Verbesserungen angestrebt. So hoffen wir, daß von Palästina au« sich ein Geist wachsender Zuversicht der ganzen Bewegung mitteilen und die im Galuth dringend notwendige Neu b e leb u n gd e rGe iste * und der Begeiste ru ng anregen wird. Die Organisation wird vor sich selbst und vor der Welt Zeugnis von ihrer Geschlossenheit abfegen müssen. Wir appellieren ari die Freunde und Mitarbeiter in afjen Parteien und Gruppen, sich dafür einzusetzen, daß der XVI. Zlotlistenkongreß cfle Größe unserer Organisation' würdig wiederspiegele. Hunderttausende von Juden sind bereit, zu uns zu kommen und den Schekel zu zahlen, wenn wir uns nur entschließen, zu ihnen zu geben und sie aufzuifordent, es zu tun. Die Kundgebung schließt: «Zionisten! Unser Werk kann nur gelingen, wenn es vom Geiste gegenseitigen Vertrauens, vom Geiste der Einheit von Leitung und Organisation jahrelang von der rumänischen Regierung ruhig mit angesehen, ju sogar vielfach für ihre Zwecke benützt worden war. Da die Juden jahrelang ungestraft gehöhnt und beleidigt werden konnten, da der Mörder eines jüdischen Studenten freigesprochen wurde und als Held gefeiert werden durfte, so waren die Juden in den Augen der verhetzten Jugend vogelfrei und es kam, was kommen mußte: die organisierte Judenhatz. Auch ihre Vorbereitung«! wurden nicht verhindert, da die damalige rumänische Regierung in den unruhigen Tagen nach dem Ableben des Königs Ferdinand Ablenkungen der politischen Leidenschaften nicht ungern sehen mochte. Erst die Stimmen von außen brachten ein. energischeres Auftreten der staatlichen Organe. Die alte Methode, Ausschreitungen gegen die Juden als politisches Ablenkungsmanöver mittelbar oder unmittelbar zu benütze«; ist noch immer kn Schwange. D$s beste Beispiel hierfür bietet Sowjetrußland, wo die Getreideexportpolitik der Regierung Unzufriedenheit ln der Bauernschaft erzeugt hat; diese Unzufriedenheit versucht man nun auf die Juden abzulenken, wie auf Kommando wenden sie in einem Großteil der Sowjetpresse als Getreidewucherer hingesteilt und so wird den Bauern gewissermaßen ein Ziel gezeigt, wo sie Ihre Unzufriedenheit abreagieren können». Auch der Rekrutenpogrom in Mohllew scheint aus dieser Methode der Ablenkung möglich gewesen zu seilt. Aehnliche, wenn auch nicht gleich geartete politische Motive scheinen jene antijüdisehen Demonstrationen des Pöbels von Lemberg veranlaßt zu haben, welche unmittelbar nach den Pariamsfitswahlen in Polen stattfanden. Die polnische Regierung führte den Wahlkampf, um die These vom rein polnischen Staat zu bekräftigen, gegen die 35 Prozent der Bevölkerung bildenden nationalen Minderheiten. Der Hauptstoß dieser Wahl offensive ging gegen die Juden als die wohl nicht zahlenmäßig, aber organisatorisch schwächste Minorität. Die Juden vermochten auch nur 12 jüdische Mangetragen ist. Die Exekutive tritt in da* neue Arbeitsjfjdir ein, entschlossen, ihre Pflicht zu tun und die Weisu«g;en des Kongresses und des Aktionskomitees loyal aufwzutführen. Die Exekutive erbittet ebenso von aHlen Gruppen der Bewegung, ohne Ausnahme, Unterstützung durch Einsatz aller Kräfte für die Sicherung unseres Werkes in Palästina und im Galuth, und deirch willige Unterordnung unter die Beschlüsse der Organisation. Gesinnungsgenossen! Wir vertrauen auf Buch — wir erwarten«, daß Ihr auf uns vertraut! Erfüllt wom Geist« der Einheit, wird unsere Arbeit im kornmeffliden Jahre Früchte tragen» Für eine ständige Minoritäten* komniission des Völkerbundles Antrag des holländischen Außenministers kl der Vöfkerbundversammlung. Aus Genf wird berichtet: In der Generaldebatte Über den Völkerbundbericht Ini Plenum des Völkerbundes nimmt die Erörterung des Minoritätenschtitzes breiten Raum ei«. Das MindenliHeitenpiobiem wurde u. a. vom. deutschen Reichskamzler Müller und vom österreichischen Bundeskanzler Df. Seipel eingehend besprochen. Der Letztere wies u. a. darauf hin, daß ein wirklicher Friede unter den Staaten nicht bestehen würde, solange die Rechtie der Minderheiten nicht so gesichert sind, daß die Reftuiigsflüchen verschwinden. Die praktische Seite des Problems schnlflt der holländische Außenminister Belaert van Blook- 1 a n d an, der als erster Redner in der Generaldebatte das Wort ergriff. Er nahm die. Forderung des v«>r kurzem stattgefundenen Minoritätenkongresses auf; indem er die Einsetzung einer ständigen M il;n d e rheitenkommission beim Völkerbund (ähnlich der jetzt bestehenden Mandatkommissiibn), die als höchste Instanz für di« Kontrolle des Minderheitenschutzes und die Beschwerden der Minoritäten fungieren soll, zur Diskussiod stellte. Der Minister forderte den Völkerbund auf, dBese Anregung rasch und ernst auf ihre praktische Dtrrcltf Führung zu prüfen. (Der holländische Außenminister hat auch im Völkerbundrat den Antrag gestellt, das Abkommen zwischen England und Transjordanien nicht :m ratifizieren, da es den Mandatssatzungen des Völkerbundes' in mehreren Punkten widerspreche; der Antrag .wurde abgelehnt. Die Red.) Albert Einstein ernst erkrankt f . Wie aus Berlin gemeldet wird, ist Professor, Albert Einstein seit längerer Zeit a« eineän H e r zaffektion ernstlich erkrankt und muß auf seinem Landsitz in der Nähe von Lübeck das Bett hüten. Sein Zustand wird als nicht un bed enklich bezeichnet. Trotz seines leidenden Zustandes hat Professor Einstein ein neues physikalische»« Werk vollendet, das eine neue Theorie von großer B edeutung für die Physik enthalten soll. date im polnischen Sejm zu behaupten, während sie, früher fast die dreifache MandatszaM inne gehabt hatten. Die Art, wie die Ansprüche der Juden auf ihre parlamentarische Vertretung behandelt wurdlen (Versammlungsvenbote, wirtschaftliche, ja sogar Pogromdrohungen) mußte in der polnischen Bevölkerung die Ansicht erwecken, daß die politischen Ansprüche der Juden ungerechtfertigt seien und als in Lemberg die Juden einen Waihlerfolg erzielten, ergab sich unerbittlich die Konsequenz aus dem, was vorantgegatffgen iwia-r. Man wird «die Geister nicht los, die man ralL Da die Juden überall die disoziierte Minorität sind, engibt sich allerorten die aus bequemer Shaatsraison geschöpfte Gelegenheit, ihre aus dem reinen Selbsterhaltungstrieb sich ergebenden Ansätze zur Organisierung in religiöser, politischer oder kulturellen Hinsicht, in angeblichem Interesse der Staatseinheit vm unterminieren. Im Polen äind neben der bereits erwähnten Wahlparole, die sich immer mehr häufenden tjlchiwierigkeiiten bei Befriedigung der Schulbedürfnisse der Juden zu verzeichnen. In Litauen hat ehre gewalttätige Diktatur die Ansätze der* nafionalkultureilen Autonomie der Juden beseitigt und ‘dieses ihr Zerstörumgswerk in den letzten Jahren mit der Unterhöhlung der religiösen Autonomie der jlldtteidien Bevölkerung gekrönt. In Oesterreich leistet vornehmlich die sozialdemokratische Gemeinde Wien den Forderungen der Juden auf entasprechende Subventionierung ihrer Fürsorge- und Schul Institutionen beharrlichen Widerstand, obwohl diese Forderung nach den in die Verfassung auf,genommenen Bestimmungen des Friedensvertrages berücksichtigt werden muß. Freilich hat die Wiener jüdische Gemeinde bis in die letzte Zeit in völliger Verkennung der Sachlage diese ihr anstehendem Forderungen bisher nicht mit dem gehörigen Nachdruck gestellt. Die Majorität des Wien er Kultusvorstandes geht in dieser ihrer Haltung von Prinzipien aus, wie sie die Judenschaft der Türkei in dien letzten