Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1928)
- Date
- 1928-09-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 86 JÜDISCHE GEMEINDE Kultuswahlen in Kleinpolen (Von unserem Lemberger A-ßerichterstatter.) Die kleinpolnascbe Judenbelt hat Im Frühjahr anläßlich der vielbesprochenen Sejmwahlen eine schwere Prüfung politischer Reife und Weitsichügikeit bestanden. Unter Führung der beiden Präsidenten der zionistischen Landes- Organisationen im östlichen and westHeben Kleinpoien, Pr. Reich und Dr. Thon, sdnd sechs selbstbewußte Juden in die .erneuerte polnische Volksvertretung eingezogen, deren Namen die jüdischen Massen begeistern und mit froher Zu- ' ersieht erfüllen konnten. Ebenso zeigte sich die politische Hegemonie der Zionisten bei den zahlreichen, im letzten Jahre durchgeführten Wahlen in die städtischen Vertreiungskörper Kleinpolens. Die gegnerischen Organisationen, in erster Linie die zionistenfeindliche «Aguda* und der marxistische «Bund», gerieten völlig ins Hintertreffen und es schien, als ob für Jahre hinaus lediglich eine zionistische Orientierung im jüdisch-politischen Denken und Handeln sich tief einwurzehi werde. Die einst in der Vorkriegszeit übermächtige Assimilantenpartei hatte sich der neuen Ordnung der Dinge angepaßt Selbst die angesehensten Männer dieser Gruppe proklamierten im Namen der Jüdischen Solidarität und In Anerkennung der unleugbaren politischen Verdienste der zionistischen Führer eine einheitliche jüdische Wahlfront, und so war es möglich, daß in manchen Wahlkreisen, wie in Lemberg, eine imposante Anzahl jüdischer Wahlwerber aus den Wahlen hervorging, welche die kühnsten Hoffnungen über trat Bald darauf mehrten sich jedoch Anzeichen herannahender Reaktion, welche als eine natürliche Folge der vollbrachten Kraftanstrengung zu werten sind. Seit der unseligen Kriegszelt wirtschafteten in den kleinpolnischen Kulbusstu-ben ernannte Regierungs kommissäre, welche zumeist den Reihen der früheren •assimIJatorir/'hen Machthaber entnommen wurden. Nun wurde die polnische Judeirheit mit einer neuen gesetzlichen Regelung ihrer Kultuserscheimmgen beglückt, welche an Stelle des altehrwürdigen österreichischen Gesetzes vom Jahre 1890 über die Koitusgemeindein getreten ist. Das neue Gesetz führt das Proportionalwahlrecht ein, in dessen Zeichen das Wahltreiben begonnen bat. Warbei den Sejmwahlen die Furcht vor dem Verlust eines jüdischen Mandats, als solchen, maßgebend und verhinderte eine hn jüdischen Volke immanente Zerspütterarrgssiicht, so entfiel dieses Bedenken vollends bei den Kultuswablen und entfesselte einen regelrechten vehementen Wahlkampf. Um die Gunst der Wähler bewerben sich nicht nur in der jüdischen Gasse bekannte und bewährte politische Parteimänner, 'Sondern auch Vertreter einzelner Wohltätigkeitsvereine, welche in irgendeinem kleinen Stadtviertel eine gewisse Rolle spielen und politische Aspirationen bestzen, bezw. sich anmaßen. Hicbei wird von den kleinen Gruppierungen eine große Agilität entwickelt, welche das Wahlergebnis für die bedeutenden politischen Parteien innerhalb des Judentums nachteilig beeinflußt. in denjenigen Gemeinden, welche ein kleines Rultuskollegium zu wählen haben, also in den kleinen östlichen Städten und Städtchen, haben die größeren Parteien, allen voran natürlich die zionistische, einen überwiegenden Erfolg zu verzeichnen, da dort keine Sonderaktion von politisch nicht organisierten Gruppen möglich sind. Einen überaus imposanten Erfolg konnten die Zionisten namentlich in Drohobycz buchen, wo schon zum zweitenmal ordentliche Wahlen In die Kultusgemeinde eine rein zionistische Vertretung mit dem bewährten Gg. Dr. Tannenbaum an der Spitze ans Ruder gebracht haben. Im allgemeinen muß jedoch mit Bedauern festgestellt werden, daß die zionistische Exekutive in Lemberg es unterlassen hat, in einheitlicher Weise die Kultuswahlen in programmatischer und organisatorischer Beziehung einwandfrei vorzubereiten, wodurch iedder so manche Schlappe verursacht wurde. So wurde z. B. in Kolomea von lokaler Seite Wahlenthaltung proklamiert und eine wichtige Position kampflos den Gegnern überlassen. Aus Prestigegründen und zum Protest gegen die behördliche Protesierung der Gegner wurde dort gegen den Willen der Exekutive vollkommene Passivität zum politischen Leitsatz erhoben. Ob der zionistische Protest gegen die Kultuswahlen in Kolomea Erfolg haben wird, ist nicht ganz sicher. Jedenfalls reklamieren die wieder erstandenen Gegner den Wahlsieg für sioh und versuchen damit Panikstimmung im zionistischen Lager zu erzeugen. In Stanislau blieb auch der ziffernmäßige Erfolg bei den Kultus wählen für die zionistische Partei weit hinter den Erwartungen zurück. Diese zwei Mißerfolge für die zlonstfeohe l iste wurden zum Glück in allen anderen Gemeinden mit imponierender zionistischer Majorität und mit ncugcw'ählten zionistischen Präsidenten der betreffenden Kultusgcmdndcn gutgemacht. Ein überaus temperamentvoller Wahlkampf entwickelt sich seit Monatsfrist in Lemberg, wo die Wahlen selbst erst ln zwei Wochen stattfinden werden. Die Zionsfeinde haben hier zum Zwecke der Förderung ihrer selbstsüchtigen Ambitionen einen Keil in das sonst feste Gefüge des zionistischen Lagers hineingetrieben und Zwietracht in unsere Reihen gebracht. Der wohlhabende Buchdrucker Jäger sagte sich von der Partei los, vereinigte seine Anhänger im Kaufmännischen Verein mit den Asshnilauten und trat in den Wahlkampf ein mit der Parole: «Nieder mit der I zionistischen Intelligenz! Wir wollen nur von Kaufte® ten in der Kultusgemeinde repräsentiert werden.* Dieser zündende Rof verfehlt seine verheerende Wirkung nicht, namentlich in den Kreisen des jüdischen Mob, und es werden mit Brach ia.l g e w a 1 f zionistische Versammlungen in Lemberg gesprengt und zionistische Führer am Reden verhindert. MH altbewährten Mitteln, durch Korruption und Denunziantentum solle® die unbewußten Volksmassen demoralisiert und die Früchte Jahrzehntelanger zkxnistfscber Erziehungsarbeit vernichtet und zerstört werden. Es galt stets in der jüdischen Geschichte das Prinzip, daß ir!G c der G m liehen Dingen zu beraten und zu entscheiden habe. Unzählige Sprüche unserer Weisen bekräftigen diesen Grundsatz. Der Kampf gegen die Intelligenz ln der jüdischen Gasse, eine Wahlparole, die sich geger die Vertretung des jüdischen Volkes durch Männer der Bildung und des Wissens richtet, Ist demnach ein Unding und kann sich unmöglich halten. Angesichts der von den Gegnern aufgewendeten Energie sammeln sioh langsam auch die latenten zionistischen Kräfte und bemühen sich, das Terrain für einen zionistischen Wahlerfolg den Feinden zum Trotz und zum Frommen ' der national-jüdischen Interessen vorzubereiten. > Ucber die Kultuswahlbcwegung in Lemberg gab der dortige Gcmcinderat Herr Dr. Emil S c h m o r a k, Mitglied des zionistischen Aktionskomitees Ihrem A-Bcrichterstafcter das nachstehende Interview: «Ich komme soeben von einer großen jiklischän Wählervcrsammlung: unsere Ausführungen, Insbesondere unser Programm wurden mit Begeisterung aufgenommen. Es ist dies schon unsere zweite große Manifestation, welche würdig verlaufen konnte. Wie Sie wissen, haben unsere Gegner die erste Kundgebung unserer Partei durch Brachialgewalt zu stören vermocht. Dieser Gewaltakt wurde von der gesummten jüdischen Oeffentliclrkcit nach Gebühr mißbilligt und die Drahtzieher desselben, haben sich wiederum in ihre verborgenen Geheimkonventikel zurückgezogen. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß die zionistische Kandidaten-Liste, in welcher Vertreter des Bürgertums, der Kaufmannschaft und der Handwerker vereinigt sind, deren Namen in der jüdischen Gasse einen guten Klang haben, und an deren Spitze der Obmann der zionistischen Landescxekufeive Abg. Dr. Leon Reich figuriert, siegen wird. Die groteske Wahlparole unserer Gegner, welche das jüdische Volk von seiner Intelligenz «befreien* wollen, in Wirklichkeit aber eine Wahlgemeinschaft von Assimilanten und aus unseren Reihen verstoßenen Mandat-cjägern» darstcllen, wird keimen Erfolg haben. Nach 30jähriger Aufklärungsarbeit der zionistischen Organisation JIKary-Miite i! en I., (RotenimmstvaßcJflr.22 Die ßeste und MUi&ste Einkaufs* auelie £in/keits~ preise S T— S 9 — S W Das Denkmal für den Erfinder des Esperanto, Dr. Lazar Ludwig Zamenhof, das in seiner Geburtsstadt Warschau enthüllt wurde. sind die jüdischen Wählermassen kein leichtes Objekt für derartige WahlschwindeL Den Lemiberger Kultuswahlen kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Es sind dies die ersten ordentlichen Wahlen in unserer Gemeinde seit dem Kriege und werden auf Grund des neuen polnischen Kuitusgemeindegesetzes durchgeführt. Der neue Kultusrat wird aus 25, durch allgemeine, direkte, geheime Proportional-Wahlen, von 20.000 jüdischen Wählern entsendeten Volksvertretern, gebildet werden. Die Geschäfte der ICuItusgcmcinde werden jedoch von 12 Personen, welche die gewählten Kultusvorstcher aus ihrer Mitte oder aus dem Kreise von nichtgewählten Gemeiudcmii{gliedern bestimmen werden, zu erledigen sein. Die Regierung hat zwar die gesetzliche Möglichkeit, außerdem in diese 12gliiedrige Exekutive, welche d-ic eigentliche RegicrungsgewaJt atisziiiibcn haben wird, nach Bedarf, nominierte Judenvcrtrcter zu entsenden, dürfte Jedoch kaum von dieser Machtbefugnis Gebrauch machen, wenn die Volkswahlen eine unzweideutige Majorität für die Leitung der Gemeinde ergeben werden. Wir hegen die Zuversicht, daß unser Programm, welches in kultureller und sozialer Beziehung den Ausbau der Institutionen der Kultusgemeiinde gewährleistet, von den jüdischen Wählermassen entsprechende Würdigung erfahren wird. Wir fordern eine Vergrößerung der sozialen Institutionen der Kultusgcmcindc und kommunale Zuschüsse und teilweise Finanzsiclierung der sozialen Hilfsarbeit; ferner die staatliche Hilfe beim jüdischen Schulwerk im Sinne der den Frfedenverträgen angepaßten Bestimmungen der polnischen Verfassungsgesetze. Wir wollen durch Schaffung von neuen Arbeitsstätten die Arbeitslosigkeit jüdischer «Luft*menschen bekämpfen und eine vernünftige, zweckentsprechende, soziale Umschichtung der Juden anbahnen; ferner Heime und Arbeitsstätten für die heim- und arbeitslosen jüdischen Mütter begründen und den Kampf mit der jüdischen Wohnungsnot aufnehmen. Daß unsere besondere Aufmerksamkeit der pietätvollen und traditionellen Pflege des jüdischen religiösen Lebens gewidmet sein wird, braucht nicht besonders hervorgehoben 2u werden. Angesichts der schweren wirtschaftlichen Lage breiter Volksmassen, wünschen wir eine gerechte Verteilung der Steuerlasten äm Gegensatz zu dem von unseren Gegnern bisher geübten Protektion ss ystom. Die restlose Durchführung dieses Programms ist von der Erlangung der Majorität im neu zu wählenden Kultusrat und Vorstand abhängig. Eine Stlmmenzersplitterung kann verhängnisvolle Folgen zeitigen. In den Kultusgemeinden des früher «kongreß»-polnischen Gebietes, wo neben der zionistischen Partei die «Aguda* und der «Bund» zahlenmäßig starke Vertretungen besitzen, sind die notige wähl - ten Kultusvorstände zur Arbeitsunfähigkeit verurteilt. Zufallsmajoritaten sind dort für wichtige Beschlüsse ausschlaggebend. In Lemberg liegen die Verhältnisse in dieser Hinsicht insofern günstiger, als die «Aguda» und deT «Bund» keinen großen Anhang besitzen. Das haben die Ergebnisse des Wahlkampfes zum Sejm bewiesen. Die «PoaJe-ZIon* haben zwei gesonderte Kandidaten-' listen. Ebenso getrennt marschiert die «Hitachduth», deren Liste jedoch mit der unsrigen gekoppelt ist. Der «Vereinigte jüdisch-nationale Block» umfaßt alle anderen zionistischen Schattierungen, darunter die «Misrachi»-Fraktion, einen Teil der Orthodoxie, der mit den Chassidien von Beiz im Kampfe liegt, und außerdem naUonalgesimnte Vertreter wirtschaftlicher Berufsgruppen.» Amtliche Verlautbarung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Festgottesdienst für die reifere Jugend. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde veranstaltet an den kommenden hohen Feiertagen im 01 ympia-Saa 1, I., Rothgasse 5, einen Festgottesdienst für die reifere Jugend (im Alter von 15 bis 20 Jahren), der nach dein Vorbilde und im Umfange der Gemeindegottesdienste abgehalten wird. Der Zutritt zu diesem Gottesdienste für Jugendliche erfolgt auf Grund u n e n t g e 111 i c h a u s gegebener Karten und soll die Ausgabe derselben tunlichst im Wege der Jugendorganisation erfolgen.