Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1928)
- Date
- 1928-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sefte 4 DIE STIMME Nr. S6 Sthuh dorn Wimn, 11.» TnAorsfia^e Jfr. So JITodeme Sclkulk« aus bestem JHtateriat Gediegenst ous&eft&tiri ytus seriöse (Preise Die alte Geschichte vom zerbrochenen Topf oder: Volkskommissar Lunatscharsky über den Antlsemitismus in Rußland Die Geschichte vom zerbrochenen Topf, der erstens ganz zurückgegeben wurde, zweitens schon zerbrochen war, als er entliehen ward usw., ist uralt, wahrscheinlich so alt wie — die hohe Politik. Denn dort wird diese Schlußkettenform immer wieder angewondet. Auch wenn die Vertreter der «neuen politischen Methoden», die Mitglieder der Sowjetregierung politische Erklärungen abgeben. Da hat der russische Volkskommissär für Kunst und Wissenschaft Anatol L u n atscharsky, der jetzt in Wiesbaden zum Kuraufenthalt weilt, einem Vertreter der Warschauer jüdischen Tageszeitung «Hajnt» ein Interview über den Antisemitismus in Rußland gegeben, das ist ein trefflicher Beleg für die ewig junge Schlußkette vom zerbrochenen Topf. Erstens — sagt Herr Lunatscharsky — sind die Nachrichten über den russischen Antisemitismus fa’sch; zweitens ist der Antisemitismus in Rußland ein Erbe aas der Zarenzeit und da kann die Sowjetregierung nichts ändern; drittens geht die Regierung gegen den Antisemitismus mit strengen Mitteln vor und hat eine Besserung bewirkt; viertens ist der Antisemitismus eine konterrevolutionäre Angelegenheit; fünftens — das Moskauer Staatsorchester besteht weiter zu 60 Prozent aus Juden. Vom Antisemitismus in den Staatsfabriken, vom Antisemitismus der Behörden, die untätig Zusehen, wenn die Bevölkerung gegen die Juden wegen der Lebensmittelteuerung demonstriert, an der die gewaltsame Exportpolitik der Regierung schuld ist, vom Miütärpagrom in Mohilew weiß Herr Lunartscharsky nichts. v Dasselbe Spiel führt der Volkskommissar für Kunst imd Wissenschaft auf, als der Interviewer die Verfolgungen der Zionisten und der hebräischen Sprache anschneidet. Zionisten — sagt Herr Lunatscharsky — werden in Rußland nicht verfolgt; die Zionisten,« die nach Sibirien verbannt werden, sind Konterrevolutionäre. Zionistischer Anschauung darf man sein; aber die zionistische Organisation ist verboten. Wie kann man behaupten, daß wir gegen das Hebräische sind? Als Sprache ist es nicht verboten. Aber es gibt in Rußland keine Juden, die sich des Hebräischen als Umgangssprache bedienen. Dennoch ist das nicht gesprochene Hebräisch — nach Ansicht der jüdischen Kommunisten — der kommunistischen Sache so gefährlich, daß man die seinerzeit von Lunatscharsky selbst erteilte Erlaubnis zur Herausgabe hebräischer Zeitungen zurückgezogen hat. Hebräische Schulen können nicht zugelassen werden, da das Hebräische eben nicht gesprochen wird. Aber der «Habimah» hat Lunatscharsky selbst — Auslandspässe verschafft und an der Moskauer Universität gibt es einen Lehrstuhl für Hebräisch. Daß* die Chaluzbewegung, die mit Konterrevolution nichts zu tun hat, in Rußland gewaltsam unterdrückt wurde, daß ihre Mitglieder eingekerkert und verbannt wurden, daß — Pentateuchexemplare in hebräischer Sprache konfisziert werden u. dgl., davon weiß Herr Lunatscharsky nichts. Genau so erklärt der Volkskommissar; die Verfolgung von jüdischen Religionslehrern und hebräischen Lehrern, die Konfiskation von Synagogen (über die letzten Fälle dieser Art ist unten berichtet. — Die Red.). Nur sind diese Din-ge zu bekannt, als daß Herr Ltwiatscharsky sie selbst nach der Methode vom zerbrochenen Topf ableugnen könnte; also schiebt er die Schuld auf die bekannten «untergeordneten Organe», besonders aber auf die Jewsekzia, die jüdisch-kommunistische Sektion, der er das ehrenvolle Zeugnis ausstellt, daß sie «leicht nervös wird, bei jeder Kleinigkeit Lärm schlägt und es mir (Lunatscharsky)wirklich schwer macht, da ich nicht dauernd Streit mit den jüdischen Genossen haben will.» Mit anderen Worten: Herr Lunatscharsky gibt unumwunden zu, daß das Schicksal der Juden Rußlands von einer Gruppe — gelinde gesagt — verantwortungsloser Neurastheniker abhängt, deren sich die Regierung bedient und die sie nach Belieben schalten und walten läßt. Wenn dieses Eingeständnis des Volkskommissars für Kunst und Wissenschaft, der als Kulturmensch und Kulturförderer gilt, nicht schlimmster Zynismus ist, dann gibt es keinen Zynismus, dann ist die «neue Politik» der Sowjetregierung, die mit den alten zaristischen Methoden der Expansionsgewalt nach außen, der Brutalität nach innen, mit Ablenkungsmanövern und — mit der Geschichte vom zerbrochenen Topf arbeitet, wirklich neue Politik . . . Gegen Synagoge und Religionsunterricht In der Ukraine und in Weißrußland setzt, wie aHjährlich vor den jüdischen Feiertagen, die kommunistische Terroraktion gegen die Synagogen ein; es werden, um der jüdischen Bevölkerung die Ausübung des Gottesdienstes zu erschweren, Synagogen besohl a g n a h mt. Diese Maßnahmen werden in den meisten Fällen von den lokalen Jewsekzla-Organisationen ganz ungesetzlich getroffen; bis dann die Juden mit ihren Beschwerden Erfolg haben, Sind die Feiertage vorüber und damit hat die kommunistische Öüberei Ihr Ziel erreicht. In unerhörter Welse wird in der letzten Zeit in Sowjetrußland gegen den jüdischen Religionsunterricht vorgegangen. Einige Fälle, welche die Methoden dieser Verfolgung illustrieren, seien hier angeführt: In Loknia hat die Miliz, auf die Denunziation der Jewsekzia hin, mit Verfolgungen gegen den Religionsunterricht begonnen: ln einem Hause, wo drei Kinder beim Lernen angetroffen worden waren, hat sic ein Protokoll aufgenommen, obgleich der Unterricht von drei Kindern gesetzlich gestattet ist. In Minsk wurde eine allgemeine Revision in den Synagogen durchgeführt, um Kinder oder junge Leute beim «Lernen» zu ertappen. In Su rasch wurden zwei Mel am im vor ein öffentliches Gericht gestellt. Einer wurde zu drei Monaten, der andere zu einem Monat Zwangsarbeit verurteilt. In Romni wurde ein Melamed zu fünf Monaten Zwangsarbeit verurteilt, ln K r i w o j r o g und in Bachmatsch ist es der Jewsekzia gelungen, ein Verbot, auch nur einem einzigen Kinde Unterricht zu erteilen, zu erwirken, während das Gesetz den Unterricht von drei Kindern gestattet. In Kiew schleppte man die Kinder, die am Religionsunterricht teilgenommen hatten, nach der T s c h e k a* In B r a i * o w hat die Jewsekzia vom Örtlichen Sowjet ein striktes Verbot jedes Religionsunterrichts verlangt, obgleich der Sowjet den Standpunkt vertrat, daß der private Unterricht in einer Familie gestattet werden darf. Schließlich wurde die Forderung der Jewsekzia von dem örtlichen Sowjet als berechtigt anerkannt. In U n e s c h t i traf man einen alten Mann an, der neun Kinder, von denen vier seine Enkel waren, unterwiesen hatte. Er wurde mit den Eltern der Kinder v e rhaftet und dem Gericht übergeben. Diese Terrormethoden illustrieren die «geistige Freiheit» in Sowjetrußiand. Am 13. September eraefkeint unaeie Große weiatkfäaitiGe Rosdi nasdianoli- Numincr Die Entstehung der Zeremonienhalle. Am 9. September wird die Kultusgemeinde der Wiener Judenschaft die neue Zeremonienhalle auf dem Zentralfriedhof übergeben, einen Monumentalbau, erdacht von jüdischem Geiste, errichtet aus eigener Kraft. Seit dem Jahre 1911 trug man sich in der Seltenstettengasse mit dem Gedanken, unser bereits unzulänglich gewordenes Friedhofswesen gründlich zu reformieren. Nach langwierigen Verhandlungen gelang es den damaligen Männern, dem Präsidenten Dr. Alfred Stern, den Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n und Hofrat Dr. Benjamin Rappaport und dem Obmann der Friedhofskommission Dr. Leopold K o h n, deren verdienstvoller Arbeit bei der jetzigen Feier in Ehren gedacht werden muß, das Gelände für die Errichtung des neuen Friedhofes von der Gemeinde Wien zu erwerben. Eine Kommission begab sich ins Ausland, um die modernsten Friedhofsanlagen zu studieren. Am 4. Mai 1914 wurde vom Plenum der Kultusgemeinde das Erfordernis genehmigt 4-i&\ Imm ** > \ € Kleine Nachrichten Der Preußische Minteter ffir Wissenschaft, Kunst und VoMcsbltötmg hat an Stelle des verstorbenen Jus-tizrats Ltlenthal ztim Sachversändigen für jüdische Angelegenheiten den Rabbiner Dr. Baeck (Berlin) bestellt. Wie der Jüngst erschienenen Juni-Nummer der ungarischen Statistischen Monatshefte zu entnehmen ist, wurden im «weiten Viertel 1928 in Budapest 915 Ehen zwischen jüdischen Parteien und 353 Ehen zwischen Juden und Christen geschlossen. Der Präsident des französischen Pro-Paläsiina-Komitees, Senator Justin Godard, wandte sich im Namen de« Komitees an Lord Balfour mit d-er Bitte die Ehrenmitgliedschaft des Komitees anzunehmen. Lord BaJfour erwiderte, daß er diese Auszeichnung mit Freude annehme. Wie bekannt, Ist der erste Ehrenpräsident de« französischen Pro-Palästöna-Komitees der Präsident der französischen Republik Gaston Doumerguc. Nde Red.) Der französische HändeIsnrirrister Bokanowski, einer der besten WirtschaffcspoHtiker Frankreichs, ist in T o u 1 beim Start des Flugzeuges, das ihn von einer Feder nach Paris «urückbringen sollte, abgestürzt und verbrannt. * Das einzige fm Galuth erscheinende hebräische Tageblatt, die «Hazcfirah» in Warschau hat Ihr Erscheinen eingestellt. Wie verlautet, sollen erfolgversprechende Bemühungen 4m Gange sein, um das Wiedererschednen des Blattes binnen kurzem wieder aatfzunchmen. Im Alter von 73 Jahren ist tn Sofia Daoid M. AI k r lay, ein Führer der Juden Bulgariens, gestorben. Er war ein Enkel des Abraham Ben Samuel Alkalay, des Verfasser« von «Sechor 1‘Abrabam» und anderer populärer hebräischer Werfe«. Der Verstorbene blnterMeß testamentarisch 500.000' Leva für jüdische Wohlfahrtszwecke. * In Atrwesenheft von Vertretern aller jüdSschen Körpern schäften von Sofia, des bulgarischen Unterfchtsminisfe-1 nhsms, des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten i u. a. m. fand die Grundsteinlegung für edne nenei Schule der Jüidlschen Gemeinde von Sofia, statt In dem jüdischen Zentrum von Sofia «Ytitch soll ein monumentales Gebäude entstehen, dessen Kosten! mit 3 Millionen Leva veranschlagt sind. Der Sommer Ist vorüber 'f und ihre Schuhgarderobe gewiß erneueiungsbedürfiag. Mit1 den guten Lissiansky-Sobuhen werden auch Säe diesen' Mangel leicht beheben. Detailverkauf zu Engrospreisen! direkt in der Fabrik, VII., Kaiserstraße 46 im Stock. (Ent*j geltüch.) ( und ein Wettbewerb für jüdische Architekten airsge-i schrieben. Der Weltkrieg machte alle Pläne zuschanden^! Indes hatten einige jüdische Architekten bereits ihre' Pläne eingereicht und Im Jahre 1915 erkannte dasj Preisrichterkollegium dem Wiener Architekten Adolf Oberländer den ersten Preis zu. Das Projekt! konnte jedoch infolge der Kriegsnot nicht zur Ausfüh-I rung gelangen. Der alte Friedhof erwies sich aber bald] als zu klein, um die Hekatomben jüdischer Opfer, die? der Krieg forderte, zu fassen. Im Jahre 1916 mußte deij| neue Friedhof eröffnet werden, auf dem dann einfe pro-i vlsorlsche Zeremonienhalle nach den Plänen des Kultusvorstandsmitgliedes Architekt Jakob Gärtner und! unter der Leitung des Baumeisters Edmund Melcher: errichtet und am 4. April 1917 der Oeffentlichkeit übergeben wurde. Immer neue Tote mußte der jüdische' Friedhof fassen. Die Hungerjahre mach dem Umsturz; standen der «großen» Zeit an Opfern nicht nach und’ der vrovisorische Bau erwies sich bald als zu klein; und gänzlich ungeeignet. Aber erst Im Jahre 1924 durfte man darangehen*; y\ mm jf. Die neue Zeremonienhalle der Wiener Kultusgemeinde, deren SchluAttefnlegtmg am 9. September erfolgt. Links« Gesamtansicht der Zeremonienhalle samt Vcrwaltungsge bäude^Rechts: Das Innere da Das Haus der Toten Die neue Zeremonienhalle der Wiener Kultusgemeinde