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Die Stimme · 1928-09-06 · Heft 36 (6.9.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 36 (6.9.1928)
Date
1928-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Nf. 8b Sette 2 Der Wille von 45 Millionen Die Tatsache, daß es immer und bei jeder Form der Grenzziehung Staaten geben wird und geben muß, deren Einwohner sich ans verschiedenen Volksgemeinschaften zusammensetzen, rief bereits im 19. Jahrhundert die Nationalitätenbewegung hervor, deren vornehmlichste Aufgabe es war und ist, ein Recht zu finden, welches früher als «nationale Autonomie», heute als «Minderheitenrecht» bezeichnet wird und diesen verschiedenen Volksgemeinschaften die Möglichkeit geben soll, unbehindert durch irgendwelche kulturelle, wirtschaftliche oder politische Sonderart detft jeweiligen Staate zu dienen. 45 Millionen Menschen, die J.5 Nationen angehören und auf 12 Staaten verteilt sind, befinden sich allein in Europa in dieser Situation und ts ist klar, daß es, solange nicht dieses eben angedeutete Recht gefunden ist, unmöglich erscheint, die politischen, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen der Kriege zu beseitigen; denn solange dieses Problem nicht gelöst ist, machen sich Reizungen bemerkbar, die immer wieder den wahren Frieden stören. Die 15 Millionen Seelen zählende Judenbeit befindet sich überall ln diesem Zustande eines Minderheitsvolkes; die Juden waren auch beim Kriegsende 'r'n ersten, die den Kriegsherd erkannten und durch das «Comiti des Delegations Juifs» die Aufnahme der Minderheitsbestimmungen in den einzelnen Friedensverträgen veranlaßten und im Jahre 1922 bewirkten, daß der Völkerbund als das Ueberwachungsorgan für die Durchführung dieser Minderheitsbestimmungen auch denjenigen Staaten naheiegte, die nicht ausdrücklich die Verpflichtung auf sich nahmen, im Sinne derselben zu bandeln. Seit Jahren drängten wir Zionisten Oesterreich« darauf, daß auch wir von den uns in dem Friedensvertrag von St. Germain zugesicherten Minderheitsrechten Gebrauch machen. Dieser unserer Forderung wurde, obwohl sie Im Juni L J. durch den bekannten Beschluß des Kuitusvorstandes akzeptiert worden ist (was die Majorität desselben nicht wahr haben will), von der «Union» und den «Werktätigen» entgegengehalten, daß Minderheitsrechte geminderte Rechte bedeuten und daß dadurch unsere bürgerliche Gleichberechtigung gefährdet wäre. Auf diese lächerliche Argumentation nochr orals ausführlich einzugehen, erübrigt sich. Es genügt Immer wieder auf das uns bekannte Beispiel der Tscher dien, in Oesterreich hinzuweisen, die ihre Minderheitsrechte voll in Anspruch nahmen, ohne irgendwie in ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung Abbruch erlitten zu haben. Aber auch die österreichischen Poalt-Zion glauben die Geltendmachung dieses Rechtes abzulehnen. Wohl geben sie zu, daß nationale Minderheitsrechte, «vor allem Sprachen- und Schulrechte einer nationalen Minderheit sind», sie fügen aber gleich hinzu: «Die Juden Oesterreichs erheben naturgemäß keine Sprachenrechte, also auch keine nationalen Minderheitsrechte.» Gewiß erheben wir keine Sprachenrechte; Minderheitsfechte sind Jedoch, wie die Poale-Zion selbst behaupten, nicht bloß Sprachen-, sondern auch Schulrechte und auf diese können wir niemals vetzichten, wenn wir uns nicht seibst als Volksgruppe aufgeben wollen. Die Poale-Zioft glauben dies dadurch zuwiderlegen, daß sie anführen, daß «in Deutschland auch die bürgerlichen Zionisten vor einiger Zeit klipp und klar erklärt haben, daß diese Rechte für die Juden - nicht in Betracht kommen». Nun brauchen die Zionisten Deutschlands diese Forderung nicht zu erheben, weil die Juden Deutschlands ohnehin ein ziemlich ausgebreitetes jüdisches Schulwerk haben, wenn auch die Zionisten mit dem Geist, ln dem diese Schulen g2fiihrt werden, nicht ganz einverstanden sind. Aber das ist eine rein interne Angelegenheit Sie erhalten vom Staate be* deutende Beträge für die Ausgestaltung dieses Ihres Schulwerkes und es kann daher auch nicht wundernehmen, daß zum Beispiel die Berliner jüdische Repräsen*, tanz vor wenigen Wochen den Beschluß gefaßt hat, einen Betrag von mehr als 500.000 Mark für die Errichtung eines neuen Oebäudes für die Mädchenschule auszuwerfen. (Bel uns wird wohl mehr als der doppelte Betrag für eine Zeremonienhalle veranschlagt, die nach kaum einem Menschenalter überflüssig sein wird, und mehr als das Dreifache dafür ausgegeben.) Auch die Juden in der Tschechoslowakei machen keine Sprachenrechte geltend. Nichtsdestoweniger haben die Poale-Zion dieses Landes ln Ihrem vor wenigen Wochen veröffentlichten Programm die von den allgemeinen «bürgerlichen» Zionisten verlangte Schaffung jüdischer Schulen ebenfalls gefordert, obwohl auch sie nicht unter denselben Bedingungen leben, wie | «die in jüdischer Sprache und Kultur lebenden Masse.. Osteuropas». Es kann nicht oft und deutlich genug hervorgelioben werden, daß die Stärke einer Minderheit nicht darin gelegen Ist, daß sie zahlenmäßig, wirtschaftlich oder kulturell stark ist und sich auf ein mächtiges Mutterland stützt; sie Hegt vielmehr darin, daß die Minderheit den unbeugsamen Wilkn hat, an ihrem Volkstume festzuhalten und daß sie diesen Willen auch tatsächlich lebendig erhalten kann. Diese innere Stärke ist entscheidend, alles andere kann zeitweilig hemmend oder fördernd einwirken, niemals aber entscheidend füt die Existenz der Minderheit sein. Die Tschechen ln Oesterreich, die insgesamt kaum 100.000 Köpfe zählen, also nicht einmal die Hälfte det jüdischen Minorität, besitzen in Wien allein 13 von det Gemeinde vollständig erhaltene Volksschulen und außerdem vom Verein «Komensky» geleitete und auj öffentlichen Mitteln geförderte 12 Kindergärten, 5 Volks-, 7 Haupt- und Bürgerschulen, 2 Mittel- und 1 zweiklassige Handelsschule und eine zweiklassig« Gewerbeschule für Mädchen. Wie lächerlioh klein ist demgegenüber das jüdische Schulwerk, auf weichet wir Zionisten allerdings mit Stolz hinweisen, weil et ausschließlich durch unsere Arbeit gegen ungeheure Widerstände von rechts und links geschaffen wordet Ist und erhalten wird. Die Tschechen waren, weil sh ihre Minderheitsrechte in Anspruch nahmen, imstande ihre Zentral-Orgamsation für soziale Fürsorge, dai «Tschechische Herz», mit 40 Zweigstellen und übet 10.000 Mitgliedern zu schaffen, ihnen ist es möglich 15 Turnvereine des «Sokol», 16 sozialdemokratisch* Arbeiterturnvereine, 8 des «Orel» und 4 kommunistisch« Turnvereine zu erhalten. Beim Problem der Kulturautonomie handelt es sich I nicht um die Frage: Staatsschulen oder Privatschulen l 0 a 2 d U itf*-*"- •i‘t* v* Der mit dem'ersten Preis gekrönte Bntv/ttr' für das heue zionistiüCiie Äfutshaus ln Jerusalem von Ing. Eugen R a t n e r in Haifa. (Den zweiten Preis'erhielt der Entwurf des aus Wiest stammenden Ingenieurs L. Krakauer, der jetzt In j«rnpa’?m! ansässig ist.)* Ein Nachkomme des Maimonides unsere Skizze eines abenteuerlichen Lebens. Der Weltkrieg wurde in erster Linie um den Hangsweg nach dem Orient geführt und das Duell zwischen England und Deutschland war unvermeidlich seit dem Tage, da die Türkei nach dem Besuch Wilhelms II. in Konstantinopel im Jahre 1898 die Konzession für den Bau der Bagdadbahn einem deutschen Syndikat übertrug. Der Zeitraum zwischen 1898 und 1914 wurde benötigt, um gewissermaßen kombattante Sekundanten für die beiden Duellgegner heranzuziehen. Der Vorschlag, den Bosporus mit dem arabischen Golf zu verbinden, und so den «Landweg nach Indien» zu schaffen, barg den Keim des Weltkrieges in sich. Und der dieses Projekt entwarf, hat den Weltbrand, den es angerichtet hat, um mehrere Jahre überlebt und ist als hoher Siebziger einsam und vergessen ln einem Vorort von London gestorben. Sein heute fast verschollene; Name ist Bernard M a i m o n. Der europäischen Diplomatie, welche nach dem Berliner Kongreß ihre Fäden in Konstantin Opel spann, war dieser Name sehr geläufig. Doch die wenigsten wußten, daß der vornehme Engländer, der überall Zutritt hatte und dem sich die geheimsten Türen öffneten, der Sohn eines gal i z i sehen Rabbiners war. Seinen Stammbaum führte er freilich auf einen Fürsten des Geistes zurück, auf den großen jüdisch-arabischen Philosophen Moses Maimonides, den «zweiten Moses», der vor 800 Jahren zu Cordova lebte. Bernard Maimon, der Sproß des Philosophen, führte ein weit weniger beschauliches Dasein. Er zählte zu den glänzendsten Abenteurern unserer Zeit. Als zwölfjähriger Knabe verließ er heimlich das Elternhaus und kam nach Berlin. Dort wurde er von der englischen Mission getauft und dann nadi London gebracht, wo er auf Kosten der Mission eine sorgfältige Erziehung genoß. Er wollte Pastor werden. Eines Tages kam nun der junge Kandidat zum Bischof von London mit dem Vorschlag, eine englische Mission im Irak zu gründen. Der Plan fand Anklang 13. September greße reichhaltige und Bernard Maiinon wurde nach Bagdad geschickt, um ihn auszuführen. In Bagdad führte der junge Missionär ein fürstliches Leben; der Champagner floß in Strömen und die Roulette kam in seinem Mause nicht zur Ruhe. Eine Londoner Untersuchungskommission, welche nach Bagdad kam, fand diese Tätigkeit des Missionärs für nicht gerade zweckentsprechend und er mußte verschwinden. Aber den Aufenthalt im arabischen Orient hatte Maimon nicht ungenützt vorübergehen lassen. Er hatte es verstanden, sich mit den Arabern auf guten Fuß zu stellen, zumal er ihre Sprache und Literatur bald so gut beherrschte, daß arabische Gelehrte es nicht wagten, sich mit ihm in ein Gespräch einzulassen, ln unglaublich kurzer Zeit hatte er sich auch andere orientalische Sprachen (von früher her konnte er sieben europäische) angeeignet und verblüffte seine arabischen Freunde vor allem durch seine genaue Kenntnis des Koran, von dem er, ebenso wie vom Alten und Neuen Testament und vom Talmud, viele Teile auswendig konnte. Im Jahre 1887 tauchte Maimon zum ersten Male in Konstantinopel auf und bald gruppierte sich um ihn die beste europäische und mohammedanische Gesellschaft der türkischen Hauptstadt. Eines Tages erschien Maimon beim Schelch-Ül-Islam und erklärte, er sei tief ergriffen von der Wahrheit der Lehren Mohammeds und wolle zum Islam übertreten. Zugleich zog er einen Koran aus der Tasche und gab zu mehreren Koransteilen so geistreiche Kommentare, daß der Scheich-äl-Islam voll Bewunderung und Entzücken sofort den neuen Adepten in die Glaubensgemeinschaft des Propheten aufnahm. Bald wurde Maimon ein Vertrauter des Sultans Abdul-Hamid und dessen täglicher Gast; der Sultan vertraute Ihm seine intimsten Staats- und Privatgeheimnisse an und konnte seinen Rat nicht entbehren. Ueberdies bezog Maimon englische «Subsidien». In kurzer Zeit war sein Name in allen diplomatischen Kanzleien Europa» bekannt und . er I wurde der Allerweltsspion, nicht so sehr aus materiellen Oründen als aus Lust zu Abenteuern. Bald waren ihm alle Geheimnisse der Dip'oniatie offen und er wußte vieles, wovon selbst die «Verantwortlichen» keine Ahnung hatten. Dieses Katze und Mans^piel mit den Diplomaten machte Maimon mehr Spaß als das Geld, weiches er für seine Dienste elnheimste; Jenn ihm flössen reichliche Mittel aus anderen Queren zu. Er hatte nämlich nicht nur als politische; Agent, sondern auch als Finanzmann und Faiseur außerordentlichen Erfolg. Konzessionen in Portugal, Finanztransaktionen in Griechenland, finanzidJkVerniittlungen für die Türke!, die tr alle durch seineSrasgezeichneter. Begehungen erlangte, vermehrten sein Vermögen außerordentlich. Im Anfang der neunziger Jahre schlug nun Maimon dem Sultan den Bau J #* r B a g d;* d b n h n vor und wißte die Wir.VInfi!» hen p/iVhen und militärischen Vorteile dieses Projektes so überzeugend dnr/uiegen, daß es der S:.';n, der ein1? ausgezeichnete politische Intuition besaß, rasch aufnahm, um daraus soviel p<. tisches und faktisches Kapital als nur möglich heraiszuschlagen. Maimon nachte auf seijTi Projekt — ob direkt oder Indirekt, sei dahingestellt — die am stärksten an der Türkei interessierten europäischen Mächte, England und Rußland, aufmerksam und es gelang ihm, für die Erlangung der Konzession, für welche er der geeignetste Manu schien, ein engüsch-russisches Syndikat zu gründen. An der Spitze des Londoner Konsortiums stand der Bankier Ernst Richn 11 z e r, hinter dem sich eigentlich das Londoner Haus Rothschild verbarg. Maimon, der damals in London weilte, erhielt die damals ungeheure Summe von einer Million Francs als «Gründungsspesen». Mit diesem Gelde kehrte er nach Konstantnopel zurück und streute es mit vollen Händen aus. Er überschüttete den ganzen Hof mit Geschenken und» wagte es sogar, bei einer Audienz dem Sultan als Geschenk eine goldene Uhr zu überreichen, auf deren ganz mit Brillanten besetztem Deckel die projektierte Route der Bagdad bahn In Rubinen ausgeführt war. Doch gelang es seinem Gelde und seinem Einfluß doch nicht, seinem Konsortium die Konzession zu verschaffen; es ist bekannt, daß der d e u ts c h e Kaiser bei seinem Besuch in Konstantinopel persönlich beim Sultan die Uebertragung der Konaks-

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