Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1928)
- Date
- 1928-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Steife* Üb JÜDISCHE GEMEINDE A.m mm i■ . *•<***»mvm ' _ im. mm iiP^MiiggiiiWBWPMH j . 11. mwmammmt» m.iMigüMMpeggae Noch einmal „Berlin—Wien* Der Wiener jüdische Tauirehord. Von Dr. Leo Goldhammer. Das Erscheinen des zweiten Bandes der ,£ticyck>- paedia Jndaica“ gibt Veranlassung, uns neuerlich mit dem Problem der Anstrittsbcwcgung zu beschäftigen. Unter dem Schlagwort „Apostasie“ bringt nämlich Jakob Leschtschinski die statistischen Daten zur Tattibewegung in Europa, die bis in die letzten Jahre reichen. Für die Wiener Juden sind diese Daten nicht mir aus dem Grunde von besonderem Interesse* weil sie die Möglichkeit geben, Vergleiche mit den Vecisäitrrissen der Juden in anderen Ländern bezw. Städten anzustellen, sondern sie bilden eine Bestätigung dessen, was wir seit einer Reihe von Jahren immer wieder mit Nachdruck hetrvorheben, daß die Austrittsbewegung in Wäen ein besonders starkes Moment in dem ohnehin rapid rnn siah greifenden Abbröcklungsprozeß bildet. Von seiten der Majorität des heutigen Kultasvorsiandes wird die Frage der Au s trittsbewegung mit der Motivierung auf die leichte Achsel genommen, daß angebüch die Zahl der jährlich atrs dem Judentum aHstrctenrfen Personen in dem letzten Jahrzehnt ungefähr gtefdh ge Wieben sef; von seiten der „Werktätigen“ wird (fiese Angelegenheit damit erledigt, daß erklärt wird, es handle steh leefigheh um ungefähr 1000 Personen im Jahr, das bedeutet bei einer Bevölkerung von mehr als 200;000 Seelen so wenig, daß es nicht in die Wagschale fällt Allein dte im nachfolgenden, zum großen Teil der Arbeit Leschtschinskis entnommenen Ziffern sollten jedem, der an der Erhaltung des Judentums Interesse hat, nicht nur zu denken geben, sondern zu energischen Maßnahmen anspornen. Es haben nämlich in den letzten Jahren von tausend Juden dem Judentum den Rücken gekehrt: Wien . . , . . 1921—1923, . . . *3.70 Ungarn , . . , 1920—1925 . . ... 1.00 Lemberg . . . . 1917—1922 „ , ... 0.9d Preußen . . . . 1920—1924 , , . . . 9.45 Berim . , . . . 1920—1925 . Ä . , .050 Wien marschiert also unter den jüdischen Gemeinden Ost- und Mitteleuropas an der Spitze mit dem ungefähr vierfach e-n Prozentsatz an Austritten gegenüber Ungarn und Lemberg und dem ungefähr sieben- bis achtfachen Prozentsatz gegenüber Preußen, bezw. Berlin. B e r li n hat allgemein bis in die letzte Zeit hinein neben Budapest als der Sitz der Taufbewegung gegolten. Diese Legende scheint durch die Publlziernng der eben gebrachten Zahlen zerstört. Nichtsdestoweniger äst es für jeden, der sich mit jüdischen Problemen beschäftigt, außerordentlich interessant, die Entwicklung und Tendenz dieser Verhältnisse in Berlin und Wien einander gegenüber au stellen. In Berl'Jo sind aus dem Judentum ausgetreten: ln den Jahren ■1880—'1889 1890—1899 1900—1909 1910—1919 1920—1925 absolut jährlicher Durchschnitt von 1000 Juden sind ausgetreten 815 81.5 1J3 1310. 131.0 1454 145.4, 1.2 1307 130J 1.0 471 78-5 0j5 Es fällt bei Betrachtung dieser Tabelle sofort aai, daß auf 1000 jüdische Einwohner umgerechnet die Zahl der hn Jahre Austretemlen immer geringer wird; vom Jahre 1880 bis zum Jahre 1925 ist sic auf ungefähr ein Drittel gefallen. Im Verlaufe von 106 Jahren sind in Berlin 7500 Juden ausgetreten oder 4.5 Prozent aJler Juden Berlins im Jahre 1925, welche ungefähr 172.000 Seelen betrug. In Wien Jagen die Verhältnisse anders, und zwar aaßerordenöfch bedrohlich. Hier sind den Jahren ausgetreten Wieder einjährlicher Verlust pro Durch- 1000 getreten schnitt Juden 1881—1890 2433 516 191.7 220 1891—1900 4250 696 356.4 2.7 1901—1910 5719 791 492.8 3.0 1911 — 1920 7063 156.3 550.0 30 1921—1923 3066 861 753.0 3.7 1924 798 205 593.0 3.0 1925 782 180 602.0 3.0 1920 838 385 663.0 3w2 1927 1063 283 780.0 3.8 ' ln Wien beobachten wir also seit dem Jahre 1881 ein stetiges Anwachsen der Zahl deT Austret enden. Im Jahre 1927 beträgt sie auf 1000 umgerechnet beinahe z weimal soviel als im Jahre 188.1 und zehn'« mal soviel als in Berlin im Jahre 1926 ausgetreten sind. Im Verlaufc von 46 Jahren sind in Wien mehr afs 20.000 Seelen dem Judentum verloren gegangen oder 10 Prozent der jüdischen Einwohnerzahl Wiens laut Zählung vom Jahre 1923. Sic ist in 46 Jahren dreimal so groß als die die B c r 1 i o 10 6 Jahren v « r 1 o r e n hat und beträgt, auf 1000 amgerechnet, beinahe achtmal so viel als in Berlin. Dabei darf nicht übersehen werden, daß in Wien die Kinder unter sieben Jahren nicht nritgcrcclmet erscheinen, weil diese nach den gesetzlichen Bestimmungen automatisch zum Christentum gehören und nicht mitgezählt werden, wenn die Ettern ans dem Judentum anstrefeu. Mit ßecftt kann daher Ecsd&sdrltfsld in beeng auf die Anstdttsbewegang tn Wien erklären: «in Wien trag dfe Taufbewegung einen Massencharakter, mehr als hi Berlin», und wir können Wozufügen, mehr als überhaupt ln irgend einer anderen Stadt oder in irgend einem anderen Lande, In Wien waren von 1000 Ausgetretenen im Jünglings- und Mädchenalter in den Jahren 1885 bis 1896 76& Prozent, 1896 bis 1905 72.2 Prozent, 1906 Ws 1914 75.1 Prozent. Was die Zionisten immer wieder hervorgohoben haben, daß tfce Austrittsfrage fast ausschließlich ein Problem der Erziehung der jüdischen Jugond, der Vermittlung jüdischer Werte und jüdischen Würdeempfindens ist, gebt aas diesen Daten besonders deutlich hervor. Die jüdische Bevölkerung Wiens, die am 2. Dezember 1928 zur Wahlurne schrotten wird, wird sich diese Verhältnisse unbedingt vor Augen halten und nur jener Partei ■ihre Stimme geben können, welche einzig und allein von dem Gedanken der Erthaftaog des Wiener Judentums geleitet wird. Die Auftraggeber Ein Brief eines sozialdemokratischen Juden. In Nummer 33 emsetes Blattes wurde die Kampagne der Schabsei charakterisiert, welche «befehlsgemäß» die Kultusgemeinde sozialdemokratisch machen sollen. Eine wertvolle Ergänzung zu unsere» Feststeßumgan gibt dler uns zugekommene Brief eines sozialdemokratischen Juden, der die Tätigkeit den «Werktätigen» aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte. Wir veröffentlichen dieses Schreiben tim so lieber, als es auch interessante Mitteilungen über die Auftraggeber der werktätigen Sehachse! macht. Der Brief lautet: «Der Gmund für die Spaltung in der .Vereinigung der ■werktätigen Juden besteht nach der Erklärung der Separatisten der «V. w. J.» darin, daß sie über Befehl des Vorstandes de^i deutsch-österreichischen soziald emo kra-ti-s ehern Partei als internationale Sozialisten mit der «Poale Zion», der, anerkannten jüdischsozialistischen Arbeiterpartei, als Bekennerin des jüdische^ Nationalismus, bei der bevorstehenden Wahl in die Wiener jüdische Kultusgenxetnde nicht gemeinsam in den Wahlkampf treten dürfen. Es ist also kein Gegensatz programmatischer oder wahltaktischer Natur zwischen dien beiden Gruppen der «V. w. J.», es ist lediglich der Ausdruck der neuen Richtung der österreichischen Sozialdemokratie. Diese neue Richtung ist der maßgebende Moment; die «V. w. an sich ein unbedeutender kleiner Kaffeehaaisztnkel, dessen größerer Teil, als Opfer der Inflation existenzlos, nun als Konjumktursozi durch seine marktschreierische antijüdische Hai- Jllaru-Miite Wien 1 (Rotemturmstwaße Jtz. 22 5Die beste und billigste £inbaufs~ quelle lintieitsweise ' Partei Gnittb tdriß, ftxMuntt ttehi sribr wenig te Bteacbt. DerParteiv erstand der östarefchfecbenSoziiaklenjotaafie, der aas reinen Nachernten und einigen gewesenen )«Jen besteht, hat es scheinbar pr agrauwtafisch zwecks Ausbaues und Festigung der sozialistischen Idee in der Republik Oesteimch für politisch Mwg und zweckdienlich befunden, die W®<Mrer Ktil tasgem ei od e als Vertreterin und Hüterin der nationalen, religiösen und kulturellen AGelegenheiten der Juden, mit Hilfe derjenigen Genossen, welche aus Opportunitatsgründen noch nicht aus dem Judentum ausgetreten sind, zu «erobern». Der Fall steht einzig da, daß der Vorstand einer sozialdemokratischen Partei ostentativ in rein jüdische Angclegenhei ten eiugreife. Für dieses «Eingreifen» besteht ein dokumentaris c Jve-r Beweis: Der Spiritus rector der Separatisten der «V, w. }.», Rehgionslehrer Pick, weist auf eine an ihn sc'Eriftüch gerichtete Ordre, gezeichnet mit Dr. Dannebe r g, hin (die, wie er angibt, überdies mündlich von Dr. Otto Baaer, Dr. Ellenbogen und Karl L entfett er gtitgeheißen und von Paul Richter genehmigt ist); diese «Ordre de bataille» enthält das Verbot, mit Genossen, die «jüdisch» (also national) fühlen, in eine WaMvereirrigung für die Israelitische Kultusgemeinde zu treten. Dieser Brief ist nicht wegztdeuignen. Er ist als vom Parteivorstand berührend, in der Agitation von Genossen, die irgendwelche Funktion inne haben, als Droh- und Sch;re<rfc mittel bereits mehrfach angewendet worden. Es wäre für die breiteste OÖffentlichkeit, nacht nur für die jüdische, höchst interessant, wenn der Parteivorstand der österreichischen Sozialdemokratie frei erklären würde, was ihn dazu bestimmt, sich än rein interne jüdische Angelegenheiten zu mengen. Soll das etwa der Anfang eines Knftnrkarapfes in Oesterreich sein, wobei das Judentum als der numerisch schwächste Teil zum Versuchsobjekt auserkoren äst? Glauben etwa die getauften Juden des Parteivorstandes mit Hilfe ihrer Mameluken und den einiger städtischer Jüdischer ReMgdanslehrcx eine völlige AssimiBerung der Juden Wiens herbeiführen zu können und mit dem Einzug der «Eneidenker-Genostsen» die Wiener Kulfctrsgemeinde unterminieren zu können? Die Herren mögen es sich gesagt sein lassen, daß der weitaus größte Teil selbst der Juden, welche sozialdemokratisch orientiert sind, gleichviel ob" organisiert oder nicht, aufrecht national jüdisch bewußt sind. Fühlen doch die Obersten der Partei auch' «deutsch», unbeschadet der sozialdemokratischen Gesinnung, ein Recht, das ebenso den deutschen, tschechischen und kroatischen Genossen Oesterreichs zusteht, wie auch’ den jüdischen. Däe Wahl in die Kultusgemeinde äst aber eine rrin jüdische Angelegenheit, welche die Juden, bewußte Juden untereinander auszutragen haben. Sendßnge, welche alles Jüdische negieren, welche die AbfaJlbewegung stillschweigend gtttheißen und mit Ihr politischen Handel treiben, 'haben keinen Platz in einer jüdischen Gemeinde.»' Die Reichsarbeitsgemeinschaft jüdischer Gemeinden Deutschlands Die von den deutschen Landesverbänden bis zur endgüütigen Konstituierung des Reichs v erb an-des deur deu-tsebe*« Juden provisorisch gebildete Rdchs- Aitoeftegomeinschait tritt am 2. September zu einer Tagung zusammen. Auf der Tagesordnung steben tu a. Beratungen iiberj gemeinsames politisches Vorgehen mm Zwecke des S ch ä ch tsc hu t z es, über Subvention der Rabbinersemdnare, der Lehrer-Vorbereitungsanstalten, der Zentraiwohöahrtssteile. Von der Hauptstolle für jüdisch« Wandertfttrsorge Hegt ehi Gesuch um Bewilligung einer Subvention zur Begründung einer j üdri sch«« A>rbel tskolo-ttJe vor. Ferner soll sich die Sitzung mit den Vorarbeiten für die Herausgabe einer Zeitschrift für die .Geschichte der Juden in Deutschland befassen and über Neubesetzung und Erhaltung des Lektorats für jüdische Wissenschaften an der Cfaiversiiät Oie*ßen beraten. Austritte aus dem Judentum ßgrcivs Paul, 18 Juni 1899, Wien, fecL, &*» genieuz, VII., Schottenfeldgasse 89. — S c-hnek Johanna, 4. Oktober 1907, Wien, ledig, IIL, Haidingergasse 29. *-* ScMTchter Dora, 9. Mai 1897, Wien, ledig, VE LoqaaE platz U. — Hirschleor Ernst, 1. Jänner 1888, Itlnttz, ledig, XVII., Hernalser Hauptstraße 200. — Holzmais«! Irma, 10. Juli 1904, Wien, ledig, X„ Senuefeldergasse 1. Rancher Leon, 10. Oktober 1900, Podwoloczyska, ledig, X„ Hasengasse 53. — PoJIak Karl, 11. Juni 1905, Wien, ledig, 5C, Erlachgasse 156. — P o 11 a k Paul, 14. Jänner 190(7, Wien, ledig, selbe Adresse. — Popper Leopold, 18. Dezember 1903, Wien, ledig, II., Jungstraßc 5. —. B a c b r ich Ernst Emanuel, 30. Mai 1892, Wien, ledig, 1L, Untere Augartcnstraße 36. — Gerstmann Cäcilic, 27. April 1894, Wien, ledig, L, Kärtncrriug 9. — SrulovicI Pepl, 16. Juli 1907, Revacanti, ledig, XVI., Gablenzgasse 42. — Hernfeld Frieda, 26. November 1905, Szered, ledig, Ybbsstraße 46. — Hennenberg Lili, geb. Haas, 4. August 1893, Wien, verh., II., Darwingasse 26. — Hennenberg Hedwig, 31. Dezember 1922, Wien, selbe> Adresse. —. Hennenberg Mosa Cosima, 17. Dezember 1927, Wien, selbe Adresse. — K o s s e r Sali, 20. Oktober 1896, Wien,'ledig, IL, Novaragasse 13. — Kosser Charlotte, 23. September 1924, Wien, selbe Adresse. —- Medak Melanie, 13. Februar 1908, Wien, ledig, IL, Schmefzgasse 5. i