Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1928)
- Date
- 1928-08-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 die simm mm* -öl f. 86 afe Vertreter der jüdischen Studentenschaft Leo S'»te'fco4ag (Genf) :v,i. Auf dv r, in Paris tagenden internationalen Studerrtenkongrcß der «Confedcration Internationale des EtiwJiantss“ (C. I.E.) nehmen, wie bereits berichtet, wegen der rein territorialen Organisation dieser Vereinigung die jüdischen Studenten als eigene Gruppe nicht teil; Vertreter jüdischer Studentenorganisationen wohnten Öen Verhandlungen als Gäste bei. Wie wir in Nr. 34 der «Stimme» gemeldet haben, drohte die rumänische Delegation, der ein auf die Tagesordnung gesetzter Punkt über Schwierigkeiten zwischen den verschiedenen Nationen in den einzelnen Ländlern, besonders den Numerus clausus, sowie ein Antrag der englischen Delegation auf Ausschluß der rumänischen Delegierten wiegen der Studentenexzesse in Rumänien unangenehm war, mit der Sprengung des Kongresses. Es wurde schließlich auf französischen Vorschlag der Beschluß ,ge|aßt, nationale Fragen von der Erörterung dieses Kongresses auszuschließen. Als jedoch die englischen Delegierten auf ihrem Antrag beharrten, wobei sie durch ein Memorandum j ü d i scher Studenten aus Rumänien gestützt wunden, das auf die Exzesse der rumänischen Studenten, die Ermordung des jüdischen Akademikers Falik durch einen rumänischen Studenten, auf die antisemitische ProvokateurroHe des Verbandes rumänischer Studenten in Paris u. a. m. hinwiesen, wodurch die Stimmung sehr kritisch wurde, langte von der rumänischen Delegation ein S c h r e ib e n an den Vorsitzenden ein, in welchem aum Ausdruck gebracht wurde, daß die rumänische Studentenschaft mit den Vorfällen in Oradea Mare in keiner Verbindung stand und daß sie dieselben lebhaft bedauere. Nunmehr einigte man sich darauf, die politische Deibatte!aus dem Plenum in die Exekutive zu verlegen. Es fand eine vertrauliche Sitzung zwischen der en glisehen und rumänischen Delegation statt, der auch der jüdische Vertreter Steinig beigezogen wurde. Auf diesem Kon gresse durfte die englische Delegation ihren Antrag auf Ausschluß der Rumänen nicht mehr Vorbringen, sie sowie die Delegationen der nordischen Länder erklärten jedoch, daß sie, wenn durch die SchuM der rumänischen Studentenschaft noch das Geringste vorfallen sollte, mit rumänischen Studenten auf einer internationalen Tagung nicht mehr zusammensitzen wollen. Das Statut des Internationalen Studenteurverbandes wird nunmehr auf Antrag der englischen Delegation dahin abgeändert, daß die Exekutive des Verbandes künftig autorisiert sein soll, auch die Angelegenheiten der einzelnen N a tionalitäten innerhalb der einzelnen Ländergruppen des Verbandes zu behandeln. Dieser Antrag wurde in einer von der Tagung eingesetzten Organisationskommission gegen die Stimmen der rumänischen, polnischen, schwedischen und französischen Vertreter angenommen. Damit wird auf dem nächsten Kongreß des Weltverbandes dfie Frage des Numerus clausus in Osteuropa, deren Erörterung seht« jetzt versucht wurde, aber im Hinblick auf das Statut nicht möglich war, zur Debatte zu stellen. Ein Rechtsstreit über Zizzis und Samtkäppchen Das nach Mendele Mocher Zorim benannte jüdische Museum in Wilna ist vor kurzem durch eine Schenkung in den Besitz eines interessanten Dokuments zur Geschichte der Juden in Rußland gelangt. Es ist das Zirkular „Seiner kaiserlichen Majestät“, das am 5. Februar 1847 „auf Vorschlag des Ministerrates über die jüdischen Zlzaissi und Jeramlkes“ erlassen wurde. Zu jener Zeit bestand noch das Gesetz, laut welchem die jüdische Bevölkerung eine besondere Steuer für das Recht, ^jüdische Kleider“ zu tragen, zu entrichten hatte. Jeder Jude, der einen Kaftan, einen langen Rock oder ein anderes „jüdisches Kleid“ tragen wollte, mußte bei der Polizei oder dem städtischen Magistrat die entsprechende Gebühr erlegen und die Quittung über die entrichtete Steuer stets bei sich tragen, weil jeder Wachmann und jeder öffentliche Beamte das Recht hatte, einen „jüdisch“ gekleideten Mann auf der Straße zu stellen und ihn zur A n s w e i s 1 e i s t u n g durch die Steuerquittung aufzufordern. Da warf ein findiger zaristischer' Bureaukrat die Frage anf, ob auch die Schaufäcfen und das Zidakel, ferner das Samtkäppchen, daß jeder fromme Jade unter seinem Hut trug, gleichfalls als „jüdische Kleidung“ anzusehen und daher zu besteuern sei. Da es sich um ein Steuerobjekt handelte, wurde die Angelegenheit sehr ernst behandelt und machte den Instanzenzug bis hinauf zum Kaiser durch. Zunächst beriet über die schwere Frage die von der Regierung eingesetzte Kommission zur Regulierung der Judenfrage und der Aufenthaltsorte der Juden, von da kam die Angelegenheit an den Ministerrat, und da zwischen diesen beiden in Betracht kommenden Stellen eine Einigung offenbar nicht erzielt werden konnte, und die Beamten und Steuereinnehmer inzwischen durch willkürliche Behandlung der Frage eine Flut von Beschwerden hervorriefen, wurde das nicht alltägliche Problem dem Kaiser von Rußland vorgelegt, der die Entscheidung traf, daß die „Zizzis“ von der Judensteuer befreit werden sollen, weil sie einen „integrierenden Bestandteil der Kleidung“ bilden. Hingegen unterlagen nach der kaiserlichen Entscheidung die „Jarmulkes“ der spezifischen Kleider Steuer der Juden. Dieser allerhöchste Wille des allmächtigen Selbstherrschers aller Reussen wurde als Zirkularbefehl an alle gouvernialen Verwaltungen, städtischen Selbstverwaltungen, Polizeiämtern usw. hinausgegeben, und ein Exemplar dieser Zirkularnote befindet sich jetzt, wie erwähnt, irn Wilnaer Mendele-Museum. Kleine Nachrichten Nach kurzer Krankheit ist in der Schweiz, wo er Er* holttng sachte, der französische Senator Laza.r W e i 11 e r verstorben. Er war nicht mir als Politiker, sondern auch als bedeutender Erfinder bekannt; so hat er z. B. den Taxameter erfunden und eingeJührt, ebenso begann er zuerst das Telephon in Frankreich ebizirführen. Schon im Jahre 1890 Welt er kl der Akademie einen Vortrag über T e l e v 1 s I o n. * * Der ordentliche DelCgiertcntag des Schweizerischen Zionistenverbandes ist für den 9. Scnfcmber nach Zürich einberufen worden. « Fiir den Gouverneu'rposten des Staates New York soll Colonel Herbert Lehman als demokratischer Kandidat nominiert werden, vlrfenn der bisherige Gouverneur von New York, Al Smith, cR?r Kandidat der Demokraten, znm Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird* Colonel Lehman ist Vizepräsident des Joint Distribution Committee und führendes Mitglied zahlreicher anderer jüdischer Wohlfahrtsinstitutionen. — Zum Stellvertreter des Stadtpräsddenten von Chicago wurde der bekannte jüdisch« Rechtsanwalt Samuel Etelma« gewählt. * Der ungarische Minister des Innern hat die Statuten des Landesvereinqs jüdischer Universitätshörer und H o c h s c-h fi 1 e r Ungarns bestätigt, so daß der Landesverein sejne soziale und kulturelle Tätigkeit nunmehr als s e 1 b s t ä « d i ge Organisation ausüiben kann. (Bisher wirkte der Verein als Hochschulgruppe des Israelitischen Landestku'l tu rveneines. D. Red.) # Im Archiv der einstigen russischen Duma wurde eine Sammlung von Dokumenten betreffend die Judenpogrome und die Judenverfolgungen im zaristi- Herrliche Garten-Tennisplätze unter schattigen Bäumen mitten im Grünen 86er und 87er Linie in nächster Nähe 8 Stunden samt Trainer pro Person S 18*—I Während der Monate Juli und August noch einige ermäßigte Elnzelstundevl zu vergeben! Erstklassige Trainer XIX., Kahlenbergerstraße 46 Tel. A12-6-85 sehen Rußland vor und, während des Krieges gefunden. Es handelt sich um das Archiv des Komitees der jüdischen Dum a - DKe pu t i e r t en, das etwa 1000 Dokumente auf insgesamt 2500 maschinengeschriebenen Seiten enthält und zu einem großen Teil die anfijüdischen Maßnahmen der zaristischen Generäle während des Krieges in Polen, Litauen, Kurland und Galizien betrifft. Die Dokumente werden demnächst publiziert werden. * Die jüdische Familie Osias Rosen in dem Dorfe Ropcze in der Bukowina, bestehend aus Vater, Mutter und 17ährigem Sohn, wurde nachts in ihrem Hause von Bauern b and iten überfallen, die mit Beilen auf die FamiilienmitgMed-er einschlugen und ihnen die Schädeldecken zertrümmerten. Qsias Rosen bot den Banditen ein Lösegekl an, die Banditen lehnten dieses ab und vollendeten ihr blutiges Werk. Sie verschwanden, ohne etwas mitzunehmen. Der Sohn Rosens ringt mit dem Tode, bei Rosen und seiner Frau besteht noch die Möglichkeit, daß sie mit dem Leben davonkommen. # Unter der Bezeichnung «Homeless» bat sich in Gen f, Rue Gönöral Dufoar 3, ein Komitee zur Vertretung K wmm ... —.. .— d«<r Interesse« Staatenloser geÜHöeF. Alte Staatenlosen wenden auf gefordert, sich baldigst zwecks Registrierung zu melden. » - In den letzten Tagen setzten in der Ukraine neue Zionistenverfolgnngen ein. hi Kamenetz-Posolsk, Retschiza and kt anderen Städten worden IS Personen,' unter Ihnen einige Mädchen, verhaftet und arm Tefl deportiert. Wie den Budapester «Az Est» mittedt, bat der letzte Ministerrat die von uns bereits angekündigte Ernennung des Abgeordneten Julius Gömbös, des Führers der extremradikalen Rassenschützler, z«iti Unterstaats-' Sekretär im Lande9verteidigungsmifiisterium beschlossen. Vom 18. bis’ 21. August fand hi Budapest der dritte Bundestag der «Hdtachduth Hanoar b’Hungaria n’Ssiuth» statt Der Bundestag war von einer Anzahl zionistischer Jugendlicher aus allen Teilen Ungarns besucht. In der Hitachduth sind’ Aelterengruppen (Banissia- und Awiwa- Gnippen) und che Jüngeren-Gruppen (Schotnrim-G nippen) gemeinsam organisiert. Im Mittelpunkt der Beratungen stand neben deh Fragen der praktischen Arbeit die Erörterung über cöe Erzichungsprinzipien in den Aeltereniwtd Jüngeren-Gruppen. Auf dem Bundestag setzte sich der Gedanke der Einheit der zionistischen Jugendbewegung Ungarns durch, und die Zusammenfassung sämtlicher Gruppen in der Hitachduth Ist auch weiter gewährleistet. Bei den Wahlen zum griechischen Parlament wurden in Saloniki im; jüdischen Wahlkreis der Präsident der Bnei Brith-Logö David Matalo« und der bisherige Abgeordnete Bessantschi, beide Zionisten, gewählt. Sie erhielten 5100 Stimmen, während auf die drei anderen Listen (Venizeiisten, Antfverazelisten und Kommunisten) zusammen 4400 Stimmen entfielen. .. * Vom 12. bis 14. September wind in Genf eine vom Verband der Kirchen für Weltfrieden eiroberufene Vorkonferenz des Weltfriedenskongresses der Relig i o n e n tagen. Der britische Reichsrabbiner Dr. Hertz wird eine der Sitzungen leiten. Die Konferenz wird Programm, Ort; ufd Zeit des Weltfriedenskongresses der ReUgionen bestimmen. Der jüdische Held der Arktis: Professor Rudolf Somoilowitsch, der Kommandant des russischen Eisbrechers «Krassin», welcher die Rettung der Nobile-Expedition durchführte und jetzt auf der Suche nach Amundsen das schwierige Werk fortsetzt. Somoilowltsch, der Im Jahre 1880 in Asow am Don geboren wurde, widmet sich seit etwa 20 Jahren der wissenschaftlichen Erforschung der Polargegenden. Er ist Professor am Polytechnikum in Leningrad und Direktor des dortige« Instituts zur Erforschung der *9 “; Oesterreich Gesinnungserziehung im | Kindesalter Sie woihe ihren Knaben nicht einem städtischen Waisenhaus übergeben, da sie ihn jüdisch zu erziehen |» wünschte. „Nicht .fromm,“ sagte sie wörtlfefa, „sondern echt jüdisch, zionisti^h.“ Der Beamte der jüdischen Fürsorgesteile mußte lächeln. Er fand es überflüssig, die Frau durch Hinweis auf das Bestehen des Misrachi dahin aHfzuklären, daß sich Religiosität und Zionismus sehr gut vereinbaren. Sie stand offenbar jeder Politik ferne und hatte vom Wesen des Zionismus keine Ahnung. Aber sie wünschte für ihr Kind keine religiöse Erziehung, wollte ihm jedoch jüdisches Zugehörigkei^sg|fühl einflößen, es in die jüdische Ethik und Gedankenwelt einführen, und wußte in ihrer Unbeholfenheit diese Art Erziehung nicht anders als „zionistisch“ zu s«nennen. Diese bescheidene Frau hatte in ihrem Wunsche eines der schwierigsten Probleme der modernen jüdischen Erziehung bereits -als gelöst angenommen. Nach jedem Vortrag über jüdische Erziehung wird gewiß jemand fragen: ,Wie soH ich mein Kind in Ihrem Sinne erziehen, da in meinem Hause weder gebetet, noch die geringste religiöse Zeremonie geübt wird.“ Mir persönlich liegt es in solchem Falle durchaus ferne, einfach „Zionistisch“ zu antworten. Es gibt nichts Unsinnigeres‘als-eine streng einseitige Gesinnungserziehung im Kindesalter. lEs graut dem Pädagogen, wenn er schulpflichtige Kinder im Chore unverstandene sozialistische Lieder singen hört oder gar die Kommunisten für den 1. Mai d. J. ihre Kleinen abrichteten, „Heraus mit Bela Kun!“ zu schreien. Eben weil die Gesinnungserziehung dieser Art eine Vergewaltigung der Kinderseele darstellt, trägt sie oftmals nicht die erwarteten Früchte, ln fast jedem zionistischen Jugendvereiri finden sich einige Jugendliche, welche die Heimabende J oder Vorträge früher verlassen, als die anderen, weil sie vor ihren streng sozialdemokratischen Eltern geheim halten müssen, wem sie sich angeschlossen haben. Wir kennen einen Fall, wo vor Jahren junge Eltern in der „Jüdischen Zeitung“ die Geburt eines „kleinen, strammen Zionisten“ ankündigten und dieser heute — konfessionslos ist Und wieviele streng orthodox erzogene Kinder sich später taufen lassen, ist nur allzu bekannt. Es gibt ebew ein Alter, wo Intelligente Jugendliche sich gegen die Einseitigkeit ihrer Erziehung auflehnen. Wenn ihnen fremde Ideen entgegentreten, von denen Ihnen auch nur eine ihren bisherigen Anschauungen entgegengesetzte einleuchtend erscheint, werfen sie in jugendlichem Feuereifer die ganze, ihnen durch Jahre sorgfältig suggerierte Gesinnung über Bord. Es muß nun eine Methode der jüdischen Erziehung geben oder geschaffen werden, die allen, welche ihre Kinder dem Judentum