Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1928)
- Date
- 1928-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 85 da« EmhgrationM^teektofiuinL tene Exekutive dreier bedeutender hrdtsclier Wanderfürsorgeongaatisationen (der 1. C. A.. der Hebrew Me A'ssoctation und der Jikfiscben Emigrati ooTszentrale) eine Studienikcwmmfe" »km nach Südamerika entsendet, um dort die ErnwanderungsTrKVgticliikeileii für Juden zu untersuchen. Die Kommission hat festgestellt, daß eine produktive jüdische EUmänderung nach Argentinien. Brasilien und Uruguay zahlreiche Existenzmöglichkeiten gibt; sie hat aber weiter auch die wichtige Feststellung gemacht, daß m Argentinien vielleicht in geringerem Maße, in Brasilien jedoch in stärkerem Umfange die Möglichkeit la ndwi r tschaf tUche r Ansiedlung von Juden besteht. Hier liegt der Kern der Sache: Gerade die Bestrebungen der verschiedenen jüdischen Organisationen, Boden für Juden ausfindig zu machen, sind im höchsten Grade beachtenswert und dürfen von zionistischer Seite nicht übersehen, im Gegenteil sie müßten in irgendwelcher Weise in die bodenkoÄooisatorische Konzeption des Zionismus eiirbezagen werden. Deshaft) ist auch <fie landwirtsclraft&che Atvsiedfcmg von Juden in Rußland nicht als bedeutungslose 4/igelegcnlieit anznsehen. Wogegen freilich stets auffetreten werden muß, Ist daß solche Unternelimunfen verantwortungslos, unzulänglich und jüdische Existenzen gefährdend statt fördernd unternommen werden. Pofitfeches Spiel mit den Grundfragen der Die Weltkonferenz des Misrachi in Danzig über deren Eröffnung wer bereits berichtet halben, ist von WO Delegierten beschickt, darunter 8 Rabbinern aus Palästina, 5 aus Polen, 3 aus Amerika und 1 aus Danzig. 35 Prozent der Delegierten gehören der Jugendorganisation des Misrachi an. In der Eröffnungssitzung der Konferenz hielt der Präsident der Mferaohi-Organdsation, Rabbi Berlin, eine umfassende Prograaranrede, in welcher er die Rolle des Misrachi in der zionistischen Bewegung umschrieb. Er führte unter anderem aus: Wir sind so gut wie alte anderen politischen Zionisten, die unter der Fahne Theodor Herds marschieren, uns der Bedeutung bewußt, daß die politische Selbständigkeit, wie die ökonomische Unabhängigkeit unbedingte Notwendigkeiten für den Aufbau von Erez Israel aod. Aber nicht, weU wir eine jüdische Politik machen wollen, gehe« wir, nach Zion, sondern weil wir Zion aufbauen wollen, schlagen wir politische Wege ein. Poütik ist nur ein Mittel, daß uns zu unserem Ziehe führen soft: ein Judenstaat im jüdischen Geist, ein jüdisches Land, in dem die Gesetze der Thora herrsche«.» Redner besprach sodann die Arbeit des Misrachi und wies insbesondere auf das Misrachi-Schiulwerk.in Palästina hin. De Schulzen träte des Misrachi unterhält jüdischen Existenz, wie es von der Sowffetregferuag offen betrieben wird, welche die Judenanstedhmg als poetischen Schachzug gegen England verwenden wffi, muß bekämpft werden. Dieselbe Sowjetrogieruug, welche jetzt nach dem Zusammenbruch der sibirischen Judenkolonisationsepisod-e wieder einmal nach dem jüdischen Anstande emphathisch erklären läßt, daß sie in der Krim ncuerticli 109.000 Hektar Boden zur Ansiedlimg von 15.000 jüdischen Familien zur Verfügung stellt, läßt In den Distrikten, wo die jüdische Siedlung in Angriff genommen werden soß, durch (0e Beamten der Staatsländereiverwalhtng die Ansiedkingsanbeiten sabotieren; solche Fälle ereignen steh in der letzten Zeit mehrfach, ein 'besonders krasser Faß ist erst jüngst, wie die konrnmnstische Zeitung „Emes“ berichtet, im Kaukasus vorgekommen. Gegen solche politische Bluffs sollte die gesamte Judeuheit auftreten. Aber dort, wo mit ernsten Grundlagen zu rechnen ist, die es ermöglichen, den Schrei wach Boden, welcher von Tag zu Tag in der Judenheit stärker wird, zu befriedigen, dort hat die jüdische Allgemeinheit und vor allem ihr zionistisch orientierter Teil die'Pflicht mitztitun. Das zionistische Endziel wird durch die Anbahnung einer Normalisierung des jüdischen Standards in aller Welt nur geabbbflbffbfibflbbbäbäbäbbb äenia üte enta enäa rdgd gesünder wird das neue Erez Israel sein. Speotator. dort 65 Schulen, darunter 3 Mittelschxie», mit 230 Lehr rem und mehr als 6000 S’cbü 1 ero. In der Misrechi- Arbeiterpartei «and tausende von jungen Leuten organisiert, <tie als Chaiuzim nach Erez-Israd kamen. Der auf der ersten Misrachi-Konferenz in Basel begründete Keren Erez-Israelsch »1 Hamisrachi ist noch immer im ersten Stadium der Entwicklung. Seme Einnahmen kommen größtenteils aus Amerika. Redner forderte den Ausbau dieses Misrachifonds. Rabbi Berlin erstattete auch den Finanzbericht, dem zu entnehmen ist, daß das Ausgabenbudget über 45.000 Pf und betrug, wovon für religiöse Zwecke etwa 8000 Pfd., für Schul- und Erziehungszwecke über 16.000 Pfund, für Arbeit und Kolonisation zirka 5600 Pfund verwendet wurden. Das Budget wurde durch die Einnahmen aus dem Keren Erez- Israel in der Höhe von. mehr als 25.000 Pfund, die Zuschüsse der zionistischen Exekutive von zirka 13.600 Pfund und verschiedene Spenden von etwa 6000 Pfund gedeckt Die Misrachi'Bank mit Niederlassungen in Jerusalem und Tei-Awiw entwickelt sich günstig und zahlt Dividende. Die KoJonisationsarb ert des Hapoel Harrmsraohi leidet an dem Mangel an Geldmitteln, das gleiche gilt von der Arbeit des Misrachi Hazair beim Aufbau der Gartenstädte in Palästina. Dje Konferenz nahm sodann die Wahl des Präsidiums vor; zu Präsidenten wurden Sejmdeputterier Farbstein und GedaAja B u b 1 i k, zu Vizepräsidenten Hermann Struck, Dr. Federbusch, Rabbiner Ostrowsky, zu Schriftführern die Herren Marse hak, Neurfeld und Bornstein gewählt. Die Konferenz trat sodann in die Generaldebatte ein, in der insbesondere die Frage der Unterstützung der mlsrachlsFvchen Arbeiterschaft durch die Exekutive des Verband« erörtert wntrde. Die Konferenz sprach nach Beendigung der Debatte der Exekutive des Misrachi das Vertrauen aus. Sie wählte eine Reihe von Kommissionen, darunter eine Petmanenzkommiission, eine Erziehtingskommission, eine Organisationskommission und eine Geschäftskommission. Die letztere behandelte die Aufbringung des von der Exekutive des Misrachi vorgeschlagenen Budgets von 70.000 Pfand für das kommende Jahr, von dem für religiöse Arbeit und für das Schulwesen etwa 55.000 Pfund auf ge wendet werden sollen. Ferner wurde auch der Antrag auf Gründung eines speziellen D i r e k - t o r i u m s für den Keren Erez-Israel behandelt. In der Schlußsitzung wurde das Budget angenommen, das mit 65.0000 Pfund festgesetzt wurde; davon hat die Misrachi-Organisation selbst 29.900 Pfund aufzubringen. Unter den übrigen gefaßten Beschlüssen ist eine Resolution hervorzuheben, welche den Ueberwachungsausschuß verpflichtet, die Initiative zur Schaffung einer Jugendorganisation der Schüler der Misrachi- S ch ulen zu ergreifen, um diese Schüler fremden Einflüssen femzuhalten. Ferner werden alle Landeszentraien verpflichtet, spezielle Bureaus für O' r g a n d s i e r u n g d e s M i srachi-Sch ul wesen s in den Galuthlähdern zu schaffen. Zum Zwecke der Herausgabe religiöser Literatur soll eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 5000 Pfund geschaffen werden. Das Vorgehen des Misrachi in der letzten Sitzung des zionistischen Aktionskomitees wurde gebilligt .und die MisrachwExekutwe ersucht, die Interessen des orthodoxen Judentums bei der Erweiterung der Jewish Agency wahrzunehmen und an das palästinensische Judentum zu appellieren, innerhalb der Organisation der Knesseth Israel (der vom Waiad Leumi repräsentierten jüdischen Gemeinschaft in Palästina) zu verbleiben. Rabbi Meir Berlin wurde zuim Präsidenten der Weltorganisation wi e d e rg e w ä hl t. In den Merkas Olami (Executive) wurden ferner gewählt: für Palästina Rabbi Fish man und Daniel Sirkuss, für Amerika Rabbiner T e i t e 1 b a u m. Spaltung in der Misrachi Hazalr-Konferenz Von dien .15 palästinensischen Delegierten höben 7 . die Konferenz des Misrachi Hazair verlass*eh, nachdem sie vorher eine Erklärung abgaben, daß sie sich nicht jenen Beschlüssen unterwerfen wollen, die eine Bevorzugung des Hapoel Hamisrachi bedeuten. / Die Differenzen zwischen Poel Hatmsrachi* und Misrachi Hazarr beschäftigten auch das Plenum der Misrachi-Weltkonferenz. Diese faßte nach bewegter Debatte einen Beschluß, in welchem festgestellt wird, es sei Aufgabe des Weltveibandes Poel Hamisrachi, die Jugend nach dem Prinzip von Thora Waawoda zu organisieren, wobei aber auch andere Jugendgruppen, die mit dem erwähnten Prinzip nicht einverstanden sind, Existenzrecht innerhalb der Mäsrachi-Weltörganisation haben. Diese Resolution ermöglichte es den palästinensisch e n D e 1 e g d e r t e n des JVlisrachi Hazair, zur Konferenz z u r ü c k z u k e h r e n. Nach Annahme dieser Resolution (fidische Großtagungen Regimewechsel und Judenregiment Zwei Judetiauswessungen im ehemaligen moldauischen Landstrich der öst.-ung. Monarchie vor 150 Jahren. (Nach Akten der Archive des Ministeriums des Innern und Kriegsministcriurns in Wien.) Von Dr. pbü. Cbaim Tetmenbaus. Die Behandlung der Juden in den neuen rumänischen (früher österreichisch-ungarischen) Provinzen während der letzten zehn Jahre (1918 bis 1928) seit dem Regünewecbsel rufen die Erinnerung an die Leiden der Juden hervor, die sie vor 150 Jahren, in der Zeit von 1774 bis 1784, in dem ersten Dezennium nach der österreichischen Okkupation durch Oesterreich zu erdulden hatten.^ Bekanntlich kam der moldauische Landstrich, zwischen den Flüssen Pruth und Bistriza, Bukowina genannt, durch Verhandlungen mit der türkischen Regierung an Oesterreich. (1774). In dem ersten Bericht, den General Spleny im Jahre der Besetzung an den Wiener Hof geschickt hatte, finden wir aufschlußreiche Angaben über das Leben und Treiben der Juden dieses moldauischen Landstriches unter türkischer Herrschaft. Die Juden bildeten nur einen Bruchteil der Gesamtbevöfkerung. Es gab auf 17.047 Einwohner kaum 526 jüdische Familien. Sie hatten sowohl politische als auch bürgerliche Rechte. Große Freizügigkeit herrschte im Lande. Die Juden waren in jedem Wirtschaftszweig vertreten. Das an und für sich gutmütige moldauische Bauernvolk war den Juden nicht gehässig, ja sogar der Klerus stand ihnen wahlwollend gegenüber. General Spleny äußerte fast nichts an dem früheren Verwaltungssystem. Die Juden übten auch weiterhin das aktiv« und pasive Wahlrecht aus. Wir finden sie sowoM als einfache Bauern auf dem Lande als auch als *) Dr. Salamon K a ß u c r hat in seiner Broschüre «Die ide» in der Bukowina» ausführlich über die Geschichte der iden in den Jahren 1774 bis 1917 geschildert. Dorfrichter kleinerer Dorfgemeinden. Spleny förderte sogar das jüdische Handwerk, indem er jüdische Handwerker ins Land rief. Er setzte sich auch für eine niedrige Besteuerung ein. Diese günstige Lage der moldauischen Juden brachte es mit sich, daß ihre Zahl sich im Laufe von 4 Jahren um etwa 100 (!) Familien vergrößerte. Das Anwachsen (!) der jftd. Bevölkerung war aber dem Wiener Hof ein Dorn Im Auge. Schon Ende 1777 erging ein geheimer Befehl an das Generalkommando in Lemberg, dem dieser Landstrich unterstand ... . «die Juden von den anderen EinwohnernaußerallerVerbindungzuhalten und keinemjuden zu gestatten, ganze Dörfer, sondern nur Branntweinhäuser und Mühlen in Pachtzu nehmen». — Wetter heißt es in dem Reskript. . . .«daß in Hinsicht der angeordneten Vorsicht denBukowinaer Insassen von den eingeschliechenen Juden keine Gelder geborgt werden, um hierdurch jene Hindernisse zu entfernen, welche einer künftigen Abschaffung im Wege stehen könnten.» So wurde schon in den ersten 3 Jahren nach der Okkupation durch Oesterreich dafür Vorsorge getroffen, daß ein Großteil der moldauischen Juden aus dem Lande vertrieben werde. Im April 1778 verließ General Spleny die Bukowina. An seiner Stellte wurde Generalmajor Freiherr von Enzenberg berufen. Mit seinem Eintreffen begannen auch die Drangsalierungen der Bukowinaer Judenschaft, ln seinen Berichten, die er allzuoft dem Hofkriegsrat einzusenden pflegte, schilderte er die Juden in den schwärzesten Farben. Im Jahre 1780 fanden in Wien Kommissionsberatungen unter Teilnahme Enzenbergs statt, um «Richtlinien für die vorzunehmenden Reformen» festzulegen. Auch die «Judenfrage» kam zur Sprache. Enzenberg schlug folgende «Reformen» vor: 1. Hohe Besteuerung, 2. Einschränkung des Handels, 3. Abschaffung der ärmeren Juden, d. i. solche, welche kleine Steuern entrichteten, 4. zwecksKcnnzeichnung derBukowinaer Juden, die sich in ihrer Tracht nicht von der übrigen moldauischen Bevölkerung unterschieden, sollte ein jede rum den Gupf des Hutes, oder um dieMütze oder Kusona ein zwei Finger breites, gelbes Band zu tragen verbindlich gemacht werden.» (I) Die Punkte 1 bis 3 sowie ein Zusatzantrag, der enthielt, daß all die Juden, die seit dem Jahre 1769, dem Beginn des russisch-türkischen Krieges, in die Bukowina eingewandert waren, abzuschaffen wären, wurden angenommen. Anfangs ging Enzenberg mit der Durchführung dieser «Reformen» langsam vor. D a s m i ß f i e l d e m W i e n e r Hof. 400 jüdische Familien sollten abgeschäfft werden. Am 26. Juli 1782 erschienen 2 Abgeordnete der moldauischen Judenschaft bei Kaiser Josef II. in Audienz, Sie baten um Sistierung des Abschaffungsbefehls. Ohne Erfolg kehrten sie heim. Ende August 1782 mußten zirka 400 jüdische Familien das Land verlassen. (Das war die erste Judenausweisung in der Bukowina). Im Oktober 1782 kam ein neuer Befehl, daß diejenigen Juden, die weder Ackerbauer, noch Gewerbetreibende, noch Großkaufleute seien, aus dem Lande zu schaffen wären. Die Art der Durchführung «dieser Reform» wurde Enzenberg überlassen. Um eine genaue Uebersicht der jüdischen Bevölkerung zu haben, nahm er eine Klassifizierung derselben vor. Eine Kommission, der Vertreter der Gemeindeverwaltung der einzelnen Judengenieinden zugezogen wurden, nahm die Einreihung der jüdischen Familien in die 3 Gewerbszweige (Ackerbau, Gewerbe- und Großhandel), die ihnen vorgeschrieben wurden, vor. Zirka 400 Familien meldeten sich für den Ackerbaustand, 100 für den Gewerbestand, 110 für den Handelsstand und 150 wurden für den religiösen Stand (Religion«weiser, Rabbiner, Schächter, jücl. Richter, Vorsteherusw.) vorgemerkt. Ende Aprill 783 publizierte Enzenberg einen Erlaß, daß a 11 e j e ne J u de n, die