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Die Stimme · 1928-08-23 · Heft 34 (23.8.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 34 (23.8.1928)
Date
1928-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 34 ethisch allzu hochstehend ist. Was an destruktiven Tendenzen im österreichischen Judentum von außen und innen her wirksam ist, findet unheimlich bereitwillige Unterstützung bei diesem österreichischen Judcnlihcralismus: Vernachlässigung der jüdischen Erziehung, die politische Flucht aus dem Judentum, die Verelendung der Wiener jüdischen Gemeinde sind nur einige Beispiele iiicfür. Das Judentum in aller Welt hat den Liberalismus überwunden und die jüdische Not in Wien wird auch seine österreichische Spielart wegfegen. Wo das liberale Judentum s-ich halten will, dort bedarf cs des Anschlusses an den Volksgedanken. Dafür gibt Amerika das beste Beispiel. Und wenn der jetzt stattfindende Kongreß des liberalen Judentums aufrichtige Arbeit leisten will,;u> muß er sich positiv dort cinstcllcn, wo die Judenheit es schon längst getan hat. Ohne das bleibt er ein Gespensterreigen. * Die Eröffnung des Kongresses Der Kongreß des liberalen Judentums wurde am 19. August abends in Anwesenheit von 97 Delogierten, darunter 36 aus Amerika, von Lord Montefiore (London) eröffnet. Unter den Referaten ist das von Weil (■Pittsburg) über die Neutralität des liberalen Judentums gegenüber der zionistischen Arbeit hervorzuheben. * Die «Jüdische Rundschau» in Berlin hat anläßlich der dort stattfindenden Konferenz des liberalen Judentums am 17. August eine Sondernummer unter dem Titel «Religiöser Liberalismus und jüdische NatHmalbcwegimg» erscheinen lassen, in der Dozent Dr. Baumgardt, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Hugo Bergmann, Martin Buber, Prof. Dr. J. Elbogen, die Rabbiner Elk, Grünwald, Joseph, Maybaum, Warschauer, Wiener, Ziegler (Karlsbad), Rev. M. L. Perlzweig (London), Emst Simon, Franz Rosenzweig, Dr. Tihteberger in beachtenswerten Aufsätzen das Problem des jüdischen Liberalismus und seine Beziehungen zum jüdischen Leben erörtern. Der Kongreß des Weltverbandes der jüdischen Jagend hat seine Beratungen beendet. Nach eingehender Diskussion über das Programm des Wcltverbandcs wurden die von Dr. P a c i f i c i verfaßten Leitsätze gebilligt, ln diesen Leitsätzen werden als Ziele des Weltvcrbandes die „Zusammenfassung und Erziehung der jüdischen Jugend auf der Basis der Einheit des Judentums und der Renaissance des jüdischen Volkes, deren Krönung in der Wiederaufrichtung Palästinas besteht“, angegeben. In einer besonderen Klausel wird den Mitgliedern des Weltverbandes, wo sic mit den Leitsätzen nicht buchstäblich übcrcinstimnwn, Gewissensfreiheit zuerkannt. In einer besonderen Resolution wird die jüdische Jugend aufgefordert, an dem Werke des Wiederaufbaues Erez Israels als einem wesentlichen Faktor der jüdischen Renaissance mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften und v Mitteln moralisch und materiell mitzutun und besonders den -Keren Kajemeth Lcjisrael zu unterstützen. Der '•■Kongreß hat auch beschlossen, aus Mitteln, die von den Mitgliedern des Verbandes aufgebracht werden sollen, eine Der alte Prager Judenfriedhof Von S. H. Lieben. Mehr als 30 Jahre sind daliingegangen, seitdem der heroische Kampf, den die Prager Chewra Kadischa und mit ihr ein gut Teil der ganzen Kulturwelt um den Bestand des alten Judenfriedhofes geführt haben, zu Ende ist. Alle Mühe, alle Opfer an Geld und Arbeit nützten nichts, der zum Gesetz erhobene RegulierungspJan wurde durchgeführt, 'ein Fünftel des Friedhofes, dieses Gemeingutes der ganzen zivilisierten Welt wurde kassiert, 2000 Grabsteine wurden entwurzelt, Tausende von Toten in ihrer Ruhe gestört. Diese amtlich durchgeführte Friedhofsschändung wurde in der ganzen Welt mit Entsetzen und Abscheu vernommen, ein tschechischer Richter Dr. Lubos J e r a b e k bezeichnete sic in seinem Buche treffend als «europäische Blamage». Die Prager Chewra bemühte sich, das Verhängnis thinauszuschieben, jeder Aufschub erforderte große Opfer und als 1906 der Friedhof geräumt werden mußte, da wurde das ganze Areal 5 m tief umgegraben, bis man auf .gewachsenen Boden stieß, alle Gebeine wurden in sorgsamer Weise auf demselben Friedhofe feierlich «unter Tränen und Gebet» bestattet und dem traurigen Vorfälle ein Denkmal gesetzt, das in klassisch biblischer Sprache die Geschichte dieser mutwilligen und böswilligen Enteignung enthält. Die Chewrah ging sofort daran, den fragmentierten Friedhof mit einer künstlerisch entworfenen Mauer zu umgeben, die sich architektonisch so in das Bild des Stadtviertels eiopaßt, daß man sich sie heute gar nicht mehr 'wegdenken kann. Die Geldopfer, die die Chewra dafür wegbrachte, hätten hingereicht, ein paar Zinspaläsfe zu errichten. Nicht zum mindesten diesem Umstande ist es xu danken, wenn heute der Friedhof nach menschlichem Ermessen für alle Zeiten in seinem Bestände gesichert ist. Daß jetzt Gerüchte von seiner Bedrohung aufgetaucht sind, hängt wohl damit zusammen, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde Prag-Lieben ein großes Sttiok seines alten Friedhofes kampflos — allerdings gegen gute Bezahlung - - der Stadtgemeinde zwecks eines Brückenbaues überläßt. Jedenfalls beschäftigt sich infolge dieser aum Kolonie „Kfar Hanoar“ (Dorf der Jagend) in Palästina zu begründen. Aimö P a 11 i c r c, der neuerlich zum Präsidenten gewählt wurde, hielt eine Schlußansprachc, die in einem Treuegelöbnis an das Judentum ausklang. Dieses Gelöbnis wiederholte er in hebräischer Sprache. Synagogenschändung als Verfassungsfeier In Düsseldorf ist in der Nacht des Verfassungstages (vom 10. zum 11. August) die Synagoge an der Kasernenstraße von völkischen Gesellen geschändet worden. Mit roter Farbe sind Ricsenhakcnkrcuzc auf die Front gepinselt worden und die Aufschrift „Juda verrecke!“ Am gegenüberliegenden Bretterzaun des Schauspielhauses wurden ähnliche Schmähschriften aufgemalt. Der Bürgersteig vor dem in der Nähe liegenden Hohenzollern- Gymnasium zeigt ebenfalls die Worte „Nieder mit der Judenverfassung!“ Der Vorstand der Synagogengemeinde hat auf die Ergreifung der Täter eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. Der alte Judenfriedhof ia Prag: Das Grabmal des hohen Rabbi Löw. V ' mumm ' C 9 imm mkmsm f-Mil mm IWiM mm mm mm mm Das Palästina-Komitee der Zweiten Internationale Am 9. August wurde in Brüssel in Anwesenheit von etwa 4 0 führenden Persönlichkeiten der Zweiten Internationale die von Eduard Bernstein, Leon B 1 u m, Artur H ende r s n n und Emile V a n d c r v e 1 d c cinbcrufcnc Palästina-Konferenz abgehaltcn. Emile Vandcfvcldc, der den Vorsitz führte, hielt einen Vortrag über die jüdische Arbeit in Palästina; er wies darauf hin, daß die Arbeiterschaft in diesem Aufbau eine wichtige Rolle spiele. Es bestünden die besten Aussichten auf eine Verbreiterung der Arbeitsmöglichkeiten in diesem jetzt wieder sich emporarbeitenden Lande. Vandcrveldc berief sich auf die Urteile der Experten von Weltruf, die Palästina als Aufbauland anerkennen nnd ihm"eine gute Zukunft Voraussagen. Er sprach in begeisterten Worten über die wunderbaren Leistungen der jüdischen Arbeiterschaft und wandte sich dann gegen gewisse Stellen in dem Bericht der Joint Palcstinc Survey Commission, die diese Leistungen nicht nach Gebühr anerkennen. Angesichts gewisser kapitalistischer Tendenzen in diesem Berichte, schloß Vandervelde, ist cs erst recht die Pflicht der Internationale, das Arbeiterwerk in Palästina zu fördern und die Positionen der Arbeiterschaft zu stützen. Nach Vandcrveldc sprach der Führer der Poale Zion, S. K a p 1 a n s k y. Er führte aus, in früheren Jahren pflegten die Vertreter der Poale Zion zu den Kongressen der Internationale zu kommen, um gegen Unrecht zu protestieren. Jetzt kommen sie, um von ihren Leistungen, ihren Bestrebungen und ihren Hoffnungen zu sprechen. Heute steht die jüdische Arbeiterschaft in Palästina an der Front der Arbeit, einer schweren, verantwortungsvollen Arbeit, die die Hilfe der Arbeiter-Internationale in vollem Maße verdient. Der Poale Zionist M. J a r b 1 u m entwickelte das Programm des zu gründenden Palästina-Komitees der Internationale. Vandervelde brachte sodann eine Resolution ein, die ungefähr besagt: Die Leistungen der neuen jüdischen Gemeinschaft in Palästina werden anerkannt, insofern sie auf dem Prinzip der Arbeit, der sozialistischen Umformung und der internationalen Solidarität beruhen; diese Arbeit verdient die Unterstützung nnd Förderung seitens aller Sozialisten. Die Versammlung wählt ein Komitee, das sich ausschließlich aus. Sozialisten zusammensetzt und das einen dauernden Kontakt mit den Poale Zion als den Vertretern der palästinensischen Arbeiterschaft unterhält Das Komitee wird regelmäßig die Internationale über seine Arbeiten, sowie über die Fortschritte der palästinensischen Arbeiterschaft auf dem Laufenden halten. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. na j Glück unbegründeten Gerüchte die Presse, die jüdische wie die nichtjüdische, wieder einmal eingehend mit unserem alten Friedhofe. Was ist uns eigentlich dieser alte Judenfriedhof? Ich glaube, die Frage beantwortet sein Name Beth Chajim; er ist .uns das richtige «Haus des Lebens». Wie viel Wesens macht man davon, wenn irgendwo Im fernen Osten 2—3 Steintafeln ausgegfaben, die von Menschen und Völkern erzählen, die u-ns zeitlich und örtlich so ferne stehen, daß wirklich nur der Forscher dafür Interesse haben könnte! Hier haben wir über 13.000 Inschriften, die uns vom Sterben und noch mehr vom Leben der Geschlechter durch ein Jahrtausend erzählen, von Menschen, die uns zeitlich und örtlich nahestehen. Nicht nur das Leben der Juden, auch das der Nichtjuden äußertsich darin; die Steine sind beredte Zeugen der Vergangenheit, sind lebendige Zeugen verflossener Jahrhunderte. Man muß nicht Romantiker sein, um erst in dem Grün der Sträucher und Schlingpflanzen dieses Friedhofes das Leben zu finden, nicht Kunsthistoriker, um an den verschiedenartigen Denkmälern den vielfältigen Symbolen und Figuren die Jebendige Entwicklung des Stils und des Geschmacks festzusteilen; den denkenden Menschen spricht das Leben am deutlichsten und lautesten aus den vielen cingegrabenen und ausgcmeißelten Schriftzeichen an. Die ganze Tragik des jüdischen Volkes führen sie uns in eindringlicher Sprache vor Augen, wenn sie z. B. von Abraham b. Jakob melden, claß sein Blut 1476 vergossen wurde wie das eines Opferstieres, oder daß der große Gaon Chaim ben Isak bakoher 1510 in Zwittau ermordet wurde oder daß hier die Stätte ist, an der die Asche Israel Horowitz’ und seines Schwiegersohnes Moses beigesetzt ist, die 1569 am Scheiterhaufen mit dem Rufe Schema Jisrolt endeten «als Sühnopfer für ganzTsrael, oder daß hier der 1595 erwordete Glaubenszeuge Abraham ben Jechiel ruht, der «den Namen des Einzigen geheiligt», wie einige Jahre später Jesaia Horowitz, der fern von seiner Heimat den Märtyrertod erlitt und im Tode erst mit dem heimischen Boden vereint wurde. Eine erschütternde Tragik liegt in den Zeilen, die künden, daß Elkele Theomim Weil 1584 in der Festung Breitenstein verstarb und zwei Jahre später erst von ihrem Gatten in heimatlichen Boden gebettet werden konnte. Rätselhafte Tragik enthält das Geschick des Simon Löbl Kuhs, des 1773 verstorbenen großen Wohltäters und Mäzens, der in seiner frühen Jugend bereits der Prager Gemeinde einen ungeheuren Dienst erwiesen hat, der ihm Leiden und Kerker eintrug und auch sein Leben in Gefahr brachte. Solcher Beispiele von Opfer- und Bekennenmut finden sich zu Hunderten, sie stempeln den alten Friedhof geradezu zu einem Lehrbuche für alle kommenden Geschlechter. Opferwiüigkeit kommt auch sonst häufig zum Ausdruck; einfachen Männern aus der Gemeinde wird nachgerühmt, daß sie Synagogen erbaut, Thorarollen und Silberschmuclc gespendet, sich der Armen angenommen haben, der Armut in jeder Form Gerechtigkeit (Zedoko) zuteil werden ließen, in den Methoden ihres Helfens geradezu erfinderisch waren, so der 1656 verstorbene Fleischer David Koref, der die Feiertage nicht besser zu begehen wußte, als daß er am Rüsttage eines jeden soviel Fleisch an Arme verteilte, als alle seine Kinder zusammen wogen. Doch die Wohltätigkeit ist nicht der alleinige Grundpfeiler der jüdischen Gemeinschaft, auch nicht das Gebet, obwohl die meisten Grabsteine betonen, mit welcher Kanoanah unsere Vorfahren, Männer und Frauen gebetet haben, von den Vorbetern nicht zu sprechen, deren moralische Eigenschaften als Abgesandte der Gemeinde viel höher gewertet werden als ihre stimmlichen und künstlerischen Leistungen, auch nicht Treue und Redlichkeit in Handel und Wandel, die als Selbstverständlichkeit gelten, sondern das «Lernen», die Geistigkeit. Da ruht ein 15jübriger Knabe, der die Turim auswendig inne hatte, hier ruhen neben den Geistesheroen, die von der ganzen Judenbeit anerkannt sind, wie um einige hervorzubeben, der hohe Rabbi Löw,. Abigdor Karo, Isak Kolicm R. Efraim Lencycz, R. Simon Spira, um den die 6 größten Gemeinden der Judenheit sich bewarben, R. Wolf Spira, R. Elia Spira, David Oppenheim, Eisik Margolioth, Eisik Meling, Abraham Postelberg, Meir Fischeis, auch Frauen, die sich die Erforschung der Lehre zur Aufgabe gesetzt, wie u. a. die gelehrte Tochter des hohen Rabbi Lold, Mendel, die Tochter des Leviten Ascher, deren Grabstein aus d. J. 1534 Mir «Sinnen ta der Lehre» bervorbeb^ von einer ganzen Reihe von

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