Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1928)
- Date
- 1928-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053786--0531-3055815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
v. b. b, Preis 35 Groschen Für Oesterreich: MooatL S 1.90, vfertdj. S 420, ganz!. 16.— / Deutschland: Monati. Goldnvafk L—, wertetj. Ookknodc X— / Jüdisdke Zeitung Polen: MonaA. Zloty 2.30, vierte!}. Zloty 6-50 / Ungarn: MonatL Pengö 1.50, viertelj. Pengö 420 / Rumänien: MonatL Lei 45.—, viertel}. Lei 125.— / Bulgarien: Monatl. Lewa Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährfcefc Kc / jogostowien: Monatlich Dinar K—, watefjahrüct» Dinar 40.— 0imd*UMom hh4 JfdminisftoHon : WieM. HauftmtdndaMe 1 — 7eL R 26-3-Ä4 30.—, viertel}. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Helga 2.—, viertel]. Beiga 5.— / Uebriges Ausland: Monafl. Schweizer Franken 1.50 1. Jahrgang Wien, 23. August 1928 (7. Ein! 5688) Numtner 34 Der Sowjetbluff ist erwiesen D!e Judenkolonisation der Sowjets in den sibirischen Sümpfen eingestellt — Die amerikanischen Juden sollen „helfen* Cs Ist bekannt, daß tfie Von der Sowjetregteruivg inszenierte landwirtschaftliche Kolonisation von Juden in der Ukraine, der Krim tmd in Weißrußland auch ntcbt annähernd den Umfang erreicht hat, den eine auf Gewinnung des ausländischen Judentums berechnete hemmungslose Reklame ausposaunt hat Die Sowjets mußten offiziell bekanntgeben, daß für eine weitere landwirtschaftliche Kolonisation von Juden an europäischen Rußland in nennenswertem Umfange k e i n B od*rirrfc&rA^füg»ng siebt. Mur vwrde dam Ende 1927 für ekte , i , J Ansiedlung von Judeh im Amui^öbietln Sä>irten die Werbetrommel gerührt. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, daß dieser Plan nicht ernst zu nehmen ist, da das in Aussicht genommene .Gebiet ym Bir.-Bindschan ein Ueberschwemmtmgs- und Sumpflaud ist, und daß. die gewissenlose Propaganda der sibirischen Judenkolonisation von der Sowjetregierung mir betrieben wird, um dem ausländischen Judentum Sand in die Augen zu streuen. Schneller noch als zu erwarten stand, ist der Bluff von Bir-Birdschan erwiesen. Die vor einigen Wochen eingebrochene Ueberschwemmungskatastrophe hat einige hundert Juden, die auf das unverantwortliche Spiel mit ihrer durch die sowjetistische Wirtschaftspolitik ruinierten Existenz hereingefallen sind und sich — oft sehr unfreiwillig — zur «Pionierarbeit» in Bir-Birdschan anwerben ließen, ruiniert (wie viele von ihnen um ihr Leben gekommen sind, darüber schweigen die offiziellen und offiziösen Berichte). Und jetzt nimmt die Sowjetregierung die Katastrophe zum Anlaß, um durch das von ihr eingesetzte Kolonisafioflskomitee (Komaet) erkläre» ztt lassen, daß <&e Weftertfflmmg der JadenkoSonfoatioii in Kr- Bkdncten für dieoes Jahr eingestellt ist iWeüer aber besagt tße Mittefltwg: «Da im Qebiejt voo Bir-Bmtocfaan bereits cfie kalte Jahreszeit einsetzt, ist die Entsendung neuer Siedler mit großen Schwierigkeiten verbanden, zumal es an entsprechenden Unterkünften fehlt. Ferner hat die Erfahrung bewiesen, daß die Ansiedlung einer Kolonistenfamflie in diesem Gebiete weit höhere Kosten verursacht, als ursprünglich angenommen wurde.» Die Erklärung der «Komzet» gießt dann die volle Schale ihres Zornes auf die amerikanischen Juden aas, welche das Bir-Bfrdschan-Unternehflten «im Stiche gelassen haben», und schließt: «Ohne die Hilfe der reichen jüdischen Organisationen in Amerika ist eine große jüdische Kolonisation in Rußland überhaupt unmöglich, da die Sowjetregierung die ausreichende materielle Unterstützung nicht gewahren kann.» «Komzet» versichert dann, daß der Versuch gemacht werden wind, die jüdischen Organisationen Amerikas für das Bir-Birdschan-Projekt zu gewinnen, che es fortgeführt wird. Die jüdischen Notabehl sollen eingeladen werden, eine Experteir:o mmks>s4o n nach Bir-Bwdechan ati entsenden. Das Eingeständnis des Zusammenbruches eiaes politischen Scbwindeiuntersehmens ist also vollkommen. Stets weckt solche Ueberfährimg und Entlarvung, die man selbst eingestebeo maß, übte Laune and der ohnedies antisemitische Sowjeticats läßt sie an den jüdischen Kolonisten der bereite bestehenden Siedtengen aus. '* In den SowjetblÜtteai wfefl jetzt, wie auf Kommando, gegen cfie jjk&chen Koiofldateu In der . Ufaatoegehetat. Es wird ihnen vorgewörferv daß sic tafcaaibeäef beschäftigen, mit des Nachbarstädien Handel treiben ü. dgl. Daß sie ungenügende Landstücke haben, deren Ertrag nicht zur Fristung des nackten Lebens ausreicht, daß der Mangel an Inventar zpr Heranziehung benachbarter menschlicher «ml tierischer Arbeitskraft zwingt, sollen cfie ohnedies karg bemessenen Bodenlose Oberhaupt bebaut werden, darüber schweigen cöe offiziellen Hetzblätter, welche fordern, daß die «Schuldigen» ihres Bodens verlustig gehen sollen. Die Hetze geht also auf gewaltsame, «Liquidierung» der Jüdischen Kolonisation aus. Die Bluff-Episode neigt ihrem Ende zu, einem traurigen Ende, Die zionistische Opposition in Amerika Eine Gesellschaft zur Reorganisation der zionistischen Bewegung. — Die jUeberiuhrung Herzls nach Esez- Israel. Die Opposition in der amerikanischen Zionistischen Organisation, deren Versuch, auf der Pittsburger Convention der amerikanischen Zionisten die Leitung zu übernehmen, gescheitert ist, hat sich mm zu einer Gesellschaft für Reorganisation der zionistischen Bewegung in Amerika konstituiert. Ehrenpräsident der neuen GeseQsdiaft ist Richter Julian W. Mack, Präsident brad B. Brodie, Vizepräsidenten sind Edward Friedman und Jacob de Haas, als Schatzmeister fungiert Robert Szold, als Sekretär Isidor Levinson. Die Gesellschaft erstrebt die Einberufung einer nationalenKonvention im Frühherbst d. J., auf der ein Programm festgesetzt und Beamte gewählt werden sollen. Die Gesellschaft hat in ihrer konstituierenden Sitzung ein Komitee aus drei Personen eingesetzt, das die Ueberführung der Gebeine .Theodo« Herzls nach Palästina rorbereften solL Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Gemeindevorsfcand oder Verekisvorstaad? Die jüdischen Siedlungen kt Palästina. Von Vandervelde, ehern, belgischer Ministerpräsident Der alte Prager Jadenfriedhof. Von Prof. S. BL Lieben (Prag) Jüdische Pioniere in den Dschungeln jüdische Anwälte, die Pogrontfeten verteidigen. Das kinderreichste Land. David Pinski. Von E. <J. Fried. Eine Premiere nach 50 Jahren. Sport, Schach, Rätsel, Humor, zahlreiche lltaatratfpnen. Liberales Judentum Wie ein verwehter Klang mutet die Nachricht an, daß das liberale Judentum eine Weltkonferenz m Berlin abhält. Vor zwei Generationen, als die im wirtschaftlichen und sozialen Angleichungsprozesse der Juden Mittel- und Westeuropas vor sich gehende Entjudtrog großer Teile des Volkes einsetzte, entstand jene liberale Bewegung, welche es versuchte, durch Modernisierung und Reformierung gewisser .Teile des Traditionsinhaltes jüdisch-erhaltende Wirkung zu üben. Das Beginnen war anerkennenswert, und in gewisser Hinsicht hatte es Erfolg, allerdings nur in beschränktem Umfang und in engem Zeiträume. Selbst in den «assimiliertesten» Zonen des Judentums fand der liberale Refqpmgedarike kräftige Gegnerschaft (man denke an die streitbare jüdische Orthodoxie in Deutschland, deren, Bewegung Samson Raphael Hirsch initiierte) und überdies vermochten die Augenbtickstnaßnahmeti der. liberalen Reform die Gefahr der Entjudung für <Se Dauer nicht zu bannen. Das religiöse Reforrarezept des liberalen Judentums in Mittel- und Westeuropa wurde in der Folge auch in Amerika angewendet, und gegenwärtig sehen wir seine begrenzte positive Wirkung jenseits des Ozeans, sehen aber auch alle Anzeichen, weiche darauf hinderten, daß diese Wirkung erhaltender Natur auch im amerikanischen Judentum nicht dauernd sein kann, tritt siebt von außen oder von innen her eine andere Tendenz det; Erhaltung ins jüdische Leben. Diese erhaltende Tendenz, die über aogenbBck- Ucbe Reform eines Teiles des jüdischen Lebensinhaltes hinausgeht, hat sich schon zu der Zeit, als der jüdische Liberalismus vorübergebend wirksam zu werden begann, aus dem unbeugsamen Lebenswillen der jüdischen Masse gebildet und wurde schon vor mehr als eine« Generation in die organische Form gebracht: der jüdische Volkswific wurde mit einem ZukuQftszieä!. wiedererweckt. Damals versuchte der jüdische Liberalismus, der das ans seiner Unzulänglichkeit naturgemäß folgende Ende seiner Aufgabe berannahen fühlte, sich dem erwachenden Lebenswillen des gesamten Volkes entgegenzustellen. Claude Montefiore, heute der Führe« des liberalen Judentums, machte den Versuch, Theodor Herds großer EtoheHskonzepticm des Judentums <fie schwach modernisierte Religiosität als jüdischen Lebensinhalt entgegenzusteüen. Seither sind genau 30 Jahre vergangen, und diese 30 Jahre haben 9ve Antwort gegeben: wo die liberale Reform nicht auf irgend einem Wege Anschluß an die Komponenten des jüdischen nationalen Lebens fand, hat sie die Zerbröckelung und Zermürbung des jüdischen Lebens in West- und Mitteleuropa nicht aufhalten können. Dennoch erhebt der jüdische Liberalismus noch immer einen politischen Anspruch, den er vielleicht einzig und allein aus dem geistigen Trägheitsgesetz bezieht, das wie bei allen Menschen und Menschheitsgruppen auch bei den Juden wirksam ist. Wo einmal die erhaltenden Kräfte im Judentum notwendig sind, da wirkt nie das liberale Reformprinzip, sondern stets der große einheitliche jüdische Volksgedanke. Das haben auch die besten Geister des liberalen Judentums, wie z. B. Hermann Cohen, begrifflich erfaßt, und auch heute führt der jüdische Liberalismus, wo er positiv, i jüdisch eingestellt ist, zur Verbindung mit dem Volksgedanken. Für sich allein ist er ein Rest aus der Vergangenheit und kann als solcher nur jüdisch destruterend wirken. Das beste Beispiel hiefür bietet die österreichische Spielart des jüdischen Liberalismus, die durch die spezifischen österreichischen Phänomene gewissermaßen konzilianter Gruppenmischung begünstigt, noch bis heute ein bloßes Laissez-aöer- Daarn Jähst, ein Dasein, das weder ästhetisch amte