Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1928)
- Date
- 1928-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 88 falte ein Wiener Sozialdemokrat, der große Viktor Adler, war, der den heftigsten Widerstand gegen die Anerkennung der «Poalc Zion» als nationaler jüdischer Arbeiterpartei im Rahmen der Internationale leistete. Damals hat, ähnlich wie jetzt, der sehr stark nationale Deutsche Engelbert Pcrncrstorfer mit den Argumenten Adlers energisch aufgeräumt. Der Sohn des Viktor Adler, der schon lange außerhalb Wiens lebt, erhebt jetzt einen Widerspruch ähnlicher Art. und ihm schließt sich der maßgebende Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie, derselbe Otto Bauer an, welcher vor etwa 20 Jahren ein grundlegendes Werk über das Recht der Nationalitäten auf die Gestaltung ihres eigenkulturellen Lebens geschrieben hat Was Friedrich Adler und Otto Bauer heute Vorbringen, sind die allerorten längst überwundenen Argumente der jüdischen Assimilation gegen die Ideen des nationalen Judentums. Sie werden von diesen sozialistischen Assimiianten seit langem verwendet und nur von ihnen. Es scheint, als ob mit diesen Begründungen ein persönliches Unbehagen abreagiert werden sollte, ln der ganzen Welt hat das nationale Bestreben des Zionismus unter den Sozialisten Verständnis und Aufmerksamkeit gefunden. Die. wütendsten Gegner'dieses Gedankens waren und sind überall die intransingenten Reaktionäre und — die sozialistischen Assimiianten Wiener Prägung, zu denen sich dann und wann eine russische, polnische oder ungarische Spielart gesellt. Es ist nicht anzunehmen, daß die Adler und Bauer Die alten Festungs-Synagogen Von S. An-ski Als ich durch Wolhynien und Podolien reiste, um dort ethnographisches Material zu sammeln, mußte ich mich bei einer seltsamen Erscheinung aufhalten: ln kleinen, elenden Judenstädtchen, deren Einwohner kümmerlich das Leben fristeten, deren Wohnhäuser klein und niedrig, vielfach morsch und baufällig waren, fand ich stattliche, schöne Gebäude, prächtige Zregelbauten mit sehr dicken Mauern. Bauten, die an Größe und Schönheit fast den reichen Schlössern der Großgrund^- besitzer gleichkamen. Der Stolz und die Zierde dieser Städtchen — die alten Synagogen. Wer hat sie errichtet? Wo trieb man die Mittel auf, um diese stattlichen Bauten aufführen zu können? Lebten dort früher vielleicht glückliche Menschen, die sich das leisten konnten? Ich studierte eitrigst die alten Annalen, konnte aber aus ihnen nur ersehen, daß vor hundert und vor zweihundert Jahren die jüdische Bevölkerung in jenen Städtchen noch ärmer war als zurzeit. Ein «Gülden» (40 Pfennig) war damals viel Geld, ein Groschen galt als eine große Münze. Nun, die alten Chroniken erklären uns dieses Geheimnis: Wiir erfahren aus ihnen, daß die steinernen Synagogen mit den dicken Mauern und den schönen Türmchen kein Luxus, sondern eine traurige Notwendigkeit jener Zeit waren, ein vielsagender Beweis der schrecklichen Hilflosigkeit, in der die jüdische Bevölkerung einst lebte. Lange Jahrhunderte lebten die Juden in Städten und Städtchen Ln steter Angst um ihr Leben und ihre Habe. Sie wurden von Zeit zu Zeit von Räuberbanden, aber auch von regulären Heeresabteilungen überfallen, die das Hausgerät zertrümmerten, die Einwohner ermordeten. Als sich die Räuber einem Städtchen näherten, liefen die Juden in die Synagoge beten und in den meisten Fällen fand dort auch die eigentliche Abschlachtung der Juden statt. Manchmal wurden Synagogen, die mit Betenden voll gestopft waren, angezündet und die versammelten Juden verbrannten mitsamt dem Gebäude. Als Denkmäler an jene schrecklichen Ereignisse blieben in vielen Städten und Städtchen umzäunte Gräber vor den Synagogen, die «heilige Gräber» genannt werden. Von diesen Gräbern wird immer die gleiche Legende erzählt: es liegen dort Braut und Bräutigam begraben, die der Hetman Chmelnitzky ermorden in den Kreisen der von keinem assimilatorischen Minderwertigkeitskomplex heimgesuchten Sozialdemokratie viel Verständnis für ihr antinationales Klischee des Internationalismus finden werden. Die sozialistische Internationale will die künstlichen Schranken zwischen den Nationen niederreißen, aber nicht die produktiven nationalen Kräfte in der Weit ausschaltcn. Das wollen nur diejenigen jüdischen Sozialdemokraten, welche fürchten, man könnte ihnen auf ihr Judentum kommen. Sie haben den Assimilationskosmopolitismus in den Begriff des Internationalismus cinschitmggeln wollen, jedoch mit wenig Erfolg. Ein Ergebnis ist eigentlich nur in der Wiener Sozialdemokratie erzielt worden, da ihre Führer, die ihr Judentum mit aller Gewalt nicht wahrhaben wollen, diese persönliche Einstellung auch auf die Stellung der Partei zu jüdischen Fragen und Forderungen übertragen haben. Die Adler und Bauer «machen» in Oesterreich die sozialdemokratische Ablehnung der jüdischen nationalen Rechte und die eigenartige Atmosphäre Oesterreichs bringt es mit sich, daß ihnen sogar bewußte Juden sozialistischer Anschauung nachtanzen. Die mit einem aus schlechten Stoff ge* arbeiteten internationalem Mäntelchen behängte Assimilationsideologie der Adler und Bauer hat das Verhältnis zwischen nationalem Judentum und Sozialismus in Oesterreich vergiftet, hat zu der oft geradezu antisemitisch anmutenden ablehnenden Stellungnahme der größten sozialistischen Gemeindeverwaltung der Welt gegen jüdische wirtschaftliche und soziale Forderungen ließ, als sie nach der Trauung aus der Synagoge kamen. In Wirklichkeit sind es Gräber der von Räubern oder Soldaten ermordeten Juden. Allmählich kam man auf den Gedanken, die Synagogen so zu bauen, daß Sie als Bollwerke bei Ueberfällen dienen konnten. Man begann festungsartige Gebäude zu errichten, die selbs teine längere Belagerung aushalten konnten. Die polnische Regierung, die keine Möglichkeit hatte, die Juden vor Ueberfällen zu schützen, sah dem Bau solcher jüdischer Festungen wohlwollend zu. Es ist möglich, daß sie selbst den Juden den Gedanken eingab, sich auf diese W-eise zu schützen, sie half dabei vielleicht werktätig mit. Ja, mehrere Urkunden bestätigten, daß die Regierung selbst verlangte, daß die Juden ihre Bethäuser in bewaffnete Festungen umwandeln. Im Jahre 1626 hatte König Sigismund III. der Gemeinde Luck die Erlaubnis erteilt, eine Synagoge zu bauen, aber unter der Bedingung, daß die Synagoge einen Turm bekomme, in diesem Turm ein Geschütz aufgestellt werde und ein fachkundiger Mann dieses Geschütz bediene. Außer der Lucker Synagoge hatten viele andere das Aussehen von Festungen gehabt: die von Ustrip (aus dem XIV. Jahrhundert), die Synagogen in Schakeswa, Tarnöpol, Lubomir, Jrembowla, Tarnograd u, a. Die jüdischen Chroniken und Legenden erzählen uns fast gar nichts darüber, wie die arme jüdische Bevölkerung so große und reiche Bauten aufführen konnte. Von den ältesten heißt es, daß sie «unaufgeführt» seien, daß man sie vielmehr unter der Erde fertig gebaut «fand»: Kinder spielten am Hügel, gruben im Sand und sahen ein Dach; sie meldeten es den Erwachsenen, man begann zu graben und fand eine Synagoge. In einigen Legenden wird noch hinzugefügt, daß man in der Synagoge einen alten Mann .mit langem Bart vorfand, der über einem Buche saß und «lernte». Wie alle Legenden, hat auch diese ihre Begründung. Viele von den alten Synagogen wurden tatsächlich gefunden. Während der Ueberfälle von Honta’s Banditen wurden in manchen Städtchen alle Juden ausgerottet. Aus anderen flüchteten die Einwohner. Als sich später die Juden in den verlassnen Gegenden wieder anzusiedeln begannen, «fanden» sie dort fertige Synagogen. Aus den meisten Legenden geht hervor, daß die reichen Gutsbesitzer, denen die Städtchen ja damals gegeführt, hat mit Hilfe von beauftragten Sendlingen eine Kampagne zur Unterminierung des einzigen autonomen Organs der Wiener Judenschaft, der Kultusgemeinde, entfesselt, hat auf dem Gebiete des Fürsorgewesens gegenüber jüdischen Institutionen dieser Art eine Stellungnahme der Gemeinde Wien hervorgerufen, die diese Institutionen abwürgt und damit das Elend unter der. proietarisierten und pauperislerten jüdischen Massen unsäglich vermehrt. Das ist das Ergebnis der Ideologie des falschen Internationalismus, den die Adler und Bauer in Sorge um ihre Mimikry predigen. Es ist kläglich. Die wahre sozialistische Internationale wird solchen Vorstoß gegen ihre Grundsätze nie anerkennen. Der Lebenswille der Judenheit aber wird sicher die auf Zerstörung gerichteten Tendenzen des verfälschten Internationalismus Überwinden; und je mächtiger die reinen jüdischen Kräfte werden, desto rascher wird die wenig sympathische Spezies des internationalen Israeliten verschwinden. Das Kontrollamt der zionistischen Organisation Die Instruktion des A. C. Die Berliner Tagung des zionistischen Aktionkomitees hat folgende Instruktion für das durch Beschluß des 15. Kongresses geschaffene Kontrollamt beschlossen-, diese Instruktion gilt für die Dauer des Verwaitungsjahres 5689 (1928/29): Art. I. Das Amt eines Kontrolleurs ist ein Ehrenamt und wird weder direkt noch indirekt honoriert. Art. 2. Der Kontrolleur ist berechtigt, im Rahmen des ihm bewilligten Budgets für die Dauer eines Amtsjahres Beamte des Kontrollamtes zu ernennen und Instruktionen für das Kontrollamt zu erlassen Art. 3. Nach Abschluß einer jeden Untersuchung hat das Kontrollamt an die Exekutive und an das Präsidium des A. C>. einen Bericht zu erstatten. V o r s e h 1 ä 1 e, die der Kontrolleur in Ausübung seines Amtes zu unterbreiten für richtig findet, sind an die Exekutive bezw. durch die Exekutive an die Leitung der betreffenden Behörden za richten. Wird ein Vorschlag abgeleimt, so kann der Kontrolleur unter Vorlage der kten an das A. C.*Prü$idium die Entscheidung des A. C. anrufen. Art. 4. Bei der Untersuchung der Rechnungsführung der Behörden, deren Bücher durch öffentliche Buchsachverständige (Auditors) dauernd geprüft werden, ist das Kontrollamt berechtigt, die Berichte dieser Buchsachverständigen zu erhalten. Es kann im Bedarfsfälle ergänzende Auskünfte über alle belangreichen Einzelheiten verlangen. Art. 5. Das Kontrollamt hat sich bei der Ausübung seiner Funktionen aller durch die Bedachtnahmc auf das öffentliche Wohl der Zionistischen Organisation gebotenen Rücksichten zu befleißigen und die Wahrung des Amtsgeheimnisses sicherzustellen. hört hatten, Geld und Material z>um Bau der Synagogen beisteuerten. Von der alten Synagoge in Ludmir (Wladimir-Wolhynsk) wird erzählt, daß sie vom Fürsten Luboroirsky errichtet wurde. Er befahl, die Mauern sehr dfick zu legen. Als der Baumeister ihn fragte, wie dick sie sein müssen, antwortete er: «So dick, daß ich auf der Grundmauer in dreispännigem Wagen fahren kann.» Als das Fundament aufgeführt wurde, fuhr Fürst Lubominsky tatsächlich mit seinem Wagen auf der Mauer und es blieb noch freier Raum an den Rändern. Von der Synagoge in Meseritsch heißt es, daß der Gutsbesitzer Ziegel und Holz für den Bau beschafft hatte, während die Juden auf Geheiß des Rabbi die Arbeiten ohne Entgelt ausführten. Die schönste und edelste Legende wird von der alten Synagoge in Berditschew erzählt: Zur Zelt des Rabbi Leb-Jlzchak Berdfitschewer lebte dort ein größer Zadlk als Rabbiner, Reb Liber. Er war ein verschlossener Mann und weilte oft einsam i'm Felde, um zu beten. Einmal, als er unter einem Baume stand und betete, fuhr der Gutsbesitzer des Weges. Er sah einen Juden unbeweglich im offenen Felde stehen, wunderte sich darob, ließ die Pferde anhalten und schickte den Heiducken (Diener) fragen, was der Jude im Felde mache. Reb Liber sah den Heiducken nicht an und gab ihm auch keine Antwort. So befahl der Gutsbesitzer, den Juden zu ihm zu bringen. Der Heiduck schleppte den Juden mit Gewalt zu seinem Herrn. Aber soviel der Gutsbesitzer den Juden auch befragte, er gab keine Antwort. Der Gutsbesitzer geriet in Zorn und ließ dem Juden eine Tracht Prügel verabreichen. Reb Liver ertrug ohne Stöhnen die Folter und kehrte zum Baum zurück. Dieses Verhalten überraschte den Gutsbesitzer und er beschloß, auf der Straße zu verweilen, um zu sehen, was weiter folgen würde. Als Reb Liver das Gebet beendet hatte, ging er selbst zum Wagen und. sagte ruhig dem Gutsbesitzer: «Mein Bruder, was wolltest du von mir wissen? Ich bin bereit, dir zu antworten.» Der Gutsbesitzer wurde noch mehr überrascht und sagte: «Ich will, daß du mir zwei Fragen beantwortest. Erstens, warum gabst du mir keine Antwort, als ich dich rief und zu dir sprach? Zweitens, wie kannst du mich Bruder nennen, da ich prügeln ließ?» Darauf antwortete Red Liber: * «Ich konnte dir keine Antwort geben, well Ich in jenem Momente vor dem König der Könige staod und Wo das alte und das neue Jerusalem zosaiamentreflen: Eine moderne Geschäftsstraße im West viertel am alten Wall In der Nähe des Davidturmes (rechts). »VS? .--xs. < / < « .■ mkmä r: r< r* > f i