Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1928)
- Date
- 1928-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 82 DIE STIMME Sefte 9 Schwärmern für die sozialdemokratische Fürsorge mtttcilen: Fiskalische Rücksichten verbieten es, daß die Lehrlingsheitne der Gemeinde Wien fremdzuständige Kinder aufnehmen, wir Juden jedoch kennen diesen Begriff der Fremdzuständigkeit nicht Aber — und nun kommt das Sonderbare! Nicht nur, daß die Stadt Wien den beiden Jüdischen Lehrlingsheimen für Wiener Schützlinge nichts bezahlt, sie erklärt sie außerdem, weil die Majorität ihrer Schützlinge fremdzuständig ist, nicht für gemeinnützig und belegt sie deshalb sogar mit Wohnbausteuer. Den Prinzipien der internationalen Sozialdemokratie würde es aber mehr entsprechen, Anstalten, welche hier arbeitsberechtigten fremdzuständigen Jungarbeitern Unterkunft und Verpflegung bieten, reichlich zu subventionieren, als sie noch durch Steuern zu belasten. Solche Zustände beweisen, wie stark der Einfluß der «Werktätigen» auf ihre «Gönner* Ist. S. A. Die Ktiftuswahten in WUna In ganz Polen finden gegenwärtig auf Grund des für das gesamte Staatsgebiet in Geltung gekommenen Wahlstatuts für die jüdischen Gemeinden, das auf der Basis des uneingeschränkten direkten Proportionalwahlrechtes beruht, die Kultuswahlen statt. Am 29. Juli wählte die große jüdische Gemeinde, von Wilna. Ueber das Ergebnis wird uns von dort geschrieben: Die Kultusgemeindewahlen fanden bei einer Wahlbeteiligung von 60 Prozent statt. Aps dem Wahlgang ging die zionistische Organisation als stärkste Partei hervor. Sie erlangte 5 Mandate, die Handwerker 4, die Kaufleute 3, der Bund 3, die Aguda 2, die Demokraten (Szabadgruppe) 1 und die Kleinkaufleute 2 Mandate. Bemerkenswert ist die Niederlage der Demokraten unter Führung von Dr. Szabad, da ja Wilna bisher #fir das Zentrum dieser Partei galt. Austritte aus dem Judentum Ronai Gertrud Olga, 17. September 1921, Wien, 1M ML, Kubengasse 11. Brandweiner Elsa, 25. September 1904, Wien, 1., XJC, Brünnerstraße 39. Herrmann Pauline, 10. April 1897, Wien, L XVI., Ludo Hartmannplatz 6. Breuer Katharina, 30. August 1900, Wien, L, XVIII., Klostergassc 16. Damborschftz Ignaz, 31. Mad 1896, Wien, L, XVII, Kastnergasse 5. Hahn Julius, 20. Jänner 1903, Wien, 1, XII., Wolfganggasse 3. D a m b o r i t z Margarethe, 9. August 1906, Wien, I, XX, Bäuerlegasse 20. Reich Viktor, 14. Juni 1909, Wien, I, XX, Burghardgasse 22. Gl fix mann. Helene, geb. Rosekana, 15. Dezember 1875, Wien, verh, XX, Rauscherstraße 12. Brauchbar Siegfried, 13. Mai 1898, Kremsder, verh, XV, Oeverseestraße 2. Fingerhut Helene, 9. Dezember 1891, Wien, L, XIV, Holochergasse 11. Fingerhut Ernestine, 2. Dezember 1861, Wien, I, selbe Adresse. Fdschmnnn Martha, 16. Februar 1902, Wien, i, 13, Nestroygasse 9. Krupnik du« Jllodfesenfrum für den venvtffknfen Sesdnnadk . bringt für die kommende Saison yttadette aus (fori* und eigene ddkal/unden von Mänteln, Kostümen, Contnlefs. Nommittagsand GeseHsdiOitsfolietten | Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreteftf ftifflge Greife kennzeichnen unsere Erzeugnisse Mm J9L1HS KIOPHIK1 fgUQ VII. KAISERSTRASSE 115 | Anerkannt größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs AmtlicheVerlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Ste’lenausschreibung. Bei der israelitischen Kultusgemeinde Wien gelangen Bassistenstellen in den Tempelchören zur Besetzung. In Betracht kommen nur des Blattlesens kundige, musikalische und hebräisch entsprechend vorgebildete Bewerber mit sehr schönen Stimmitteln. Nähere Auskünfte im Kultus- und Schulamte der israelitischen Kultusgemeinde, Wien, I, Seir tenstettengasse 4, von 8 bis 12 Ühr. mittags. Vorbeter für die hohen Feiertage. Für die vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde anläßlich der hohen Feiertage im Jahre 1928 zu veranstaltenden temporären Gottesdienste werden Vorbeter, welche in der Lage sind, mit Chor zu fungieren, aufgenommen. Nähere Auskünfte im Kultus- und Schulamte der israelitischen Kultusgemeinde, 1, Seitenstettengasse 4, von 8 bis 12 Uhr mittags. WISSEN / KUNST / LITERATUR Salomon Rosowski Von Ben Zion Jedidjah (Jerusalem) In Jerusalem, der Stadt, die vom musikalischen Gesichtspunkte einer wüsten Insel gleicht, sitzt einer der ernstesten jüdischen Schöpfer, die der neuen hebräischen Musik erstanden sind, der Künstler S. ^Rosowski. Er ist anerkanntes Mitglied jener Gruppe jüdischer Musiker, die za Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts den Grund legten zur künstlerischen jüdischen Musik, die jetzt daran ist, ihren Ehrenplatz als selbstständige Schöpfung jüdischen Geistes in der Welt zu erringen. Zwei Mitglieder dieser Gruppe haben sich dauernd in Erezisrael niedergelassen, ihr Lebensschicksal und ihr künstlerisches Schaffen mit der Renaissance eng verbunden, die *m Heimatland soeben vollzogen wird: es sind der nunmehr verstorbene Engel und Rosowski. Salomon Rosowski entstammt einer musikalischen Künstlerfamilie. Er ist der Sohn des berühmten Rigaer Kantors Baruch Leeb Rosowski, des hervorragenden Lehrers der großen Chasanim Weintraub (Königsberg) und Salzer (Wien). Rosowski war einer der hervorragendsten Schüler des Petersburger Konservatoriums, wo er seine Studien mit Auszeichnung absolvierte. Seine musikalische Erziehung begann schon Im Hause seines Vaters, der die Entwicklung der künstlerischen Fähigkeiten des Sohnes in nicht zu verkennender Weise beeinflußte. Aus seinem Vaterhaus brachte er auch seine Beziehungen zum Geiste der jüdischen Musik und die große Liebe zum traditionellen synagogalen Gesang, zum Ohasomisgesang mit, auf welchem Gebiete Rosowski als hervorragender Sachverständiger unter den modernen jüdischen Musikern gilt. Rosowski vollendete die Mittelschule in Riga, trat dapn in die juridische Falcultät der Kiewer Universität ein, und erst nachdem er seine juridischen Studien beendet hatte, — er war damals bereits 27 Jahre alt — widmete er sich vollends der Musik als Kunst, trat in das Petersburger Konservatorium ein, wo er Schüler des großen russischen Musikschöpfers Rimski - Korsakow wurde. Zu Jener Zeit begann er sich auch für die jüdische Volksmusik zu interessieren, für die Joel Engel und seine Arbeits- und Gesinnungsgenossen in den Ju^engassen werktätige Propaganda getrieben hatten. Rosowski widmete sich dieser Tätigkeit mit der ganzen ihm eigenen Energie und arbeitete in Petersburg mit demselben Eifer und in demselben Sinne wie Engel in Moskau. Er sammelte die besten jüdischen musikalischen Kräfte um sich und gründete in* Petersburg den Verein für jüdische Volksmusik, einer Gesellschaft, die in der Wiederbelebung des jüdischen Gesanges eine sehr wertvolle Aufgabe erfüllte, wobei Rosowski während der Dauer mehrerer Jahre ihr führender und zu neuen Taten belebender Geist blieb. Damals wurde Rosowski auch Musikkritiker des Organs der fortschrittlichen Russen, des Petersburger «Djen» und in diesem angesehenen Tagblatt erläuterte er mit künstlerischem Instinkt und Takt die Renaissancebestrebungen der jüdischen Musiker. Er wirkte auch aktiv an der Schaffung der jüdischen Volks.Universität in Petersburg mit, der er bis zum Jahre 1920, als er unter dem Drucke der Bolschewiken gezwungen war, Peterhurg zu verlassen und in seine Geburtsstadt Riga zurückzukehren, ein hingebungsvoller Förderer blieb. In Riga gründete er eine jüdische Musikschule, die unter seiner Leitung bedeutende Erfolge aufzuweisen hatte. Nach vierjähriger Tätigkeit in Riga folgte er seinem Herzensdrange, als er sich entschloß, nach Erez Israel zu ziehen und sich dort dauernd niederzulassen. Vor drei Jahren kam er ins Land und trat sofort an die Verwirklichung seines alten großen Traumes der Schaffung einer Musikhochschule in Jerusalem, die als geistiges und künstlerisches Zentrum fiir die zu neuem Leben erwachte hebräische Musik dienen sollte. Zunächst eröffnete er als Grundstein zu dem großen Aufbau die Kurse für Chasanuth, die jedoch bedauerlicherweise nicht lange bestanden. Jetzt lebt Rosowski ein Leben fruchtbaren und äußerst interessante Schaffens auf dem Gebiete der hebräischen Musik. Die jüdische Volksmusik, auch die, welche vor unseren Augen im Kunstgewand erscheint, schöpft im Grunde genommen aus Quellen, die nicht besonders alt sind. Schöpfer dieser Volksmusik ist die Judengasse in Osteuropa, das Ghettoleben mit allen seinen Aeußerungen und Erscheinungen: das jüdische Wiegenlied, die Hochzeit, der Soldat, der Schadchen, der Badchen, der Straßenhändler, der Schneider und Schuster, die Klagelieder tawKrankheits- und Unglücksfällen. Andererseits hat die jüdische Musik ehre Grundlage, die hinsichtlich ihres «Volkstums» der anderen Quelle in nichts zurücksteht, im Gegenteil — in seinem Geiste sogar von. größerer Bedeutung ist, und zwar die traditionelle Musik, «der synagogale Gesang», deren Wurzeln viel tiefer und viel älter und urspründlicher in der Nation liegen. Diese Musik ist in allen ihren Erscheinungen nicht nur allgemeiner und weniger begrenzt, sondern zeugt auch von einem erhöhten künstlerischen Stil, und von einer umfassenden Menschlichkeit Aber auch diese Musik, der Synagogengesang, ist ebenso wie die Ghettomusbc oft unerwünschten Einflüssen ausgesetzt, wie wir es zur Zeit der religiösen Reformen durch die Kantoren Swlzer, Lewandowski und Genossen sehen konnten. Auf diesen zwei Unterbauen bewegt sich heute die Frage des Fortbestandes und der Entwicklungsmöglichkeit der jüdischen Kunstmusik. Aus diesen beiden Quellen zusammen schöpft sie und von der Verschmelzung der beiden zu einem Guß hängt ihr Gelingen und das Geheimnis ihres Einflusses in der nächsten Zukunft ab. In der Volksmusik gelangt das Leben der Volksmassen, die Frische und Freude der Gegenwart zum Siege, während im Synagogengesang die «Schechina» vergangener Generationen, der Schmerz und der Kummer der Ueberlieferung, himmlischer Adel und Ansdruck der Seele wohnen. Einer der Ausgezeichneten, die den Pfad der ursprünglichen hebräischen Musik bahnen, ist Salomon Rosowski. Seine ersten musikalischen Schöpfungen waren im Einklang mit dem Geist, der mamals die Atmosphäre beherrschte, und bewegten sich auf denselben Bahnen wie die Schöpfungen seiner künstlerischen Gesinnungsgenossen. In dieser Periode schuf er eine Trilogie, die später zu einem symphonischen Werk vervollkommnt und mit großem Erfolg in Petersburg unter Leitung von Aslanoff zur Aufführung gelangten. Damals entstand auch sein symphonisches Poem für großes Orchester, «Nigun chassidim», ferner das .«Requiumzum Tode von J. L. Perez» für zwei Klaviere und Stimme, das «Poem» für Klavier, der «Badchcn» für Klavier, der in öffentlichen Vorträgen der Musikakademien von Leipzig und Berlin zur Aufführung gelangte, ferner «Moses, der Schuster», Lied ohne Ende, das sympho»ische Poem für großes Orchester nach Perez «Me'kubalän», eine Anzahl von Volksliedern, wie «Unter den grünen Bäumen», nach einem Lied von Bialik, «Volkstümliches Wiegenlied», nach Text von David Einhorn, «Unter grünendem Strauch», «Hatikwah», geschrieben für den russischen Sänger S c h a 1 j a p i n, und viele andere Werke. Alle diese Arbeiten zeichnen sich durch ihre warme bezaubernde Feierlichkeit, die das eigentliche Wesen des musikalischen Talents Rosowskis bilden, und durch die Anmut der euroi päischen Tonfarbe aus, die über ihnen schwebt. In diesen seinen Werken gelang es dem Tonkünstler, die Anmut der Gesänge unseres Volkes mit der vollkommensten Technik' zu vereinen, indem er die Scheidewand, die zwischen der weltlichen Volksmusik und dem traditionellen Synagogengesang gestanden hatte, niederzureißen. Seine eigentliche originelle Fähigkeit als Künstler zeigt Rosowski auf einem anderen Gebiete seines hohen Schaffens, auf dem Gebiete der Bühnenmusik, wie z. B. der Mu«ik zu dem einaktigen Schauspiel «Der Sünder» von Schalem Asch, zu «Uriel Acosta» von R. Gutzkow, das er für das jüdische Theater in Petersburg schrieb, dessen Leiter er war* und das dann nach Moskau übersiedelte, zu der biblischen Oper «Amnon und Tamar», nach dem Text von Schalom Asch, und anderen Werken, die noch zur Zelt, da er im Auslande lebte, entstanden sind. Seit seinem Aufenthalt in Erez Israel widmete sich Rosowski fast ausschließlich der Bühnenmusik und schuf Werke, die zu den auserlesenen Schätzen unserer modernen musikalischen Schöpfungen zählen. Zu diesen gehören «Safobatai Zwi», musikalisches Schauspiel (Text von Schulewaki), das für das Theater «Tai» geschrieben wurde, «Herodes und Marianne» (Machepel) für dasselbe Theater, «Moschlach ben Josef» für den «Massad» und sein letztes Stück «Jakob und Rafael», das für den «Ohel» geschrieben ist. In diesen Werken zeigt sich uns Rosowski in seiner ganzen Größe, seinem Talent und -seiner musikalischen Individualität In ihnen nähert er sich seinem Meal, der Schaffung einer originalhebräischen Musik. Diese Werke steilen ihn in die erste Reihe unserer vornehmsten musikalischen Schöpfer und bestärken uns in dem Glauben, daß wir in Rosowski einen bühnerwnusikalischen Komponisten ersten Ranges besitzen. Zu unserem größten Bedauern und zum Schmerz des Schöpfers selbst, hatten wir noch nicht die Möglichkeit, seine Kunstwerke in gebührender Aufführung zu Gehör zn bekommen, um uns ihres künstlerischen Wertes und Charakters ganz inne zu werden. Ein bedeutsamer Teü, wfe «Sabbatai Zwi» lind «Herodes» sind heute noch «Verbots gene Lieder» geblieben. Jedenfalls erfüllt uns das wertvolle und ernste musikalische Schaffen Rosowskis mit dem Bewußtsein, daß er mit seinem hervorragenden Talent unseren Musikschatz noch bereichern wird, und daß wir von ihm zürn Ruhme der hebräischen Kunstmusik noch Vieles zu erwarten ha^en. Das Wiener Gastspiel des Moskauer jüdischen Kiinstlertheaters ist neuerdings, wie wir erfahren, ins Stadium der Verwirklichung getreten. Das Ensemble unter der hervorragenden künstlerischen Führung von A. Granowski, der m Berlin und Paris die größten Erfolge erzielt hat, wird anfangs September im Carl-Theater spielen. Mit diesem interessanten Gastspiel beginnt die Direktion Beruch im Carl-Theater ihre Tätigkeit. Die Moskauer Künstler werden, soweit dies bisher feststeht, die Komödie «200.000» von Scholem-Alechem, die dramatisierte «Reise Benjamins des Dritten» von Mendel« Mocher Sforim sowie das Schauspiel «Die Hexe» aufifühnm.