Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1928)
- Date
- 1928-08-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8 tvn? gTimun: Ult JUIWIIWE, Nr. 98 \ ist es dank dem Takt und der Voraussicht der Administration, sowie der friedfertigen Haitnn« und bcwnnde ms werten Aufopferung der Juden mögBch geworden, eine Aktivität 7,u entfalten, die die friedliche und endgültige Lösung eines großen poittis c li e ti nnd sozialen Problems, des Jüdischen Awfbans in Palästina vorbereitet, eines Unternehmens, dessen Wichtigkeit von niemanden^, der das Werk to Palästina kennt, unterschätzt Werden wird.» Dos Palästina-Komitee der sozialistischen Internationale, welches steh, wie seinerzeit gemeldet wurde, während der Berliner Anwesenheit Emile Vanderveldes auf Uüiba&w de* Verbandsburea us der Poale Zion aus führenden sozialistL sehen Persönlichkeiten zu dem Zwecke gebildet hat, um im Rahmen der im August in Brüssel stattfindenden Internationalen Sozialistischen Konferenz eine große Beratung über das Arbeiterwerk la Palästina abzuhalten (dem vorbereitenden Komitee hören der Führer der französischen Sozialisten Leon Bl am, der Nestor der deutschen Arbeiterbewegung Stteard Bernstein, der frühere englische Arbeiterminister Artur Honderson und der belgische Arbeiterführer und frühere Minister Emile Vandervelde an), hat Einladungen zur Teilnahme an der sozialistischen Palästina-Konferenz an etwa 10U) führende Persönlichkeiten der sozialistischen Bewegung in verschiedenen Ländern ergehen lassen. Vorgesehen ist die Bildung eines ständigen Ausschusses aus zehn Personen, der die Beschlüsse der Konferenz anszuführeu haben wird. Diese Beschlüsse werden sich nach dem Wunsche der Initiatoren in der Richtung der Unterstützung des jüdischen Arbeiterwerkes hn jüdischen Nationalheim in Palästina und dessen Förderung auf internationalem Boden zu bewegen haben. Hochzeit im Hause des GroBrabbiners vou Palästina Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Es ist schon sehr lange her, daß Jerusalem eine so herrliche Hochzeitsfeier sehen konnte, wie es die Feier der Vermählung der Tochter des Vorsitzenden des Oberrabbinats von Palästina, Rabbi Kcok, war, die vor kurzem stattgefunden hat. Viele hunderte Gaste, Delegationen aus allen Städten und jüdischen Siedlungen des alten und neuen Palästinas strömten herbei, tun den beliebten Brautvater und seine Gattin zu dem Familienfest zu beglückwünschen. Es ist nur selbstverständlich, daß der Schwiegersohn des Oberrabbiners Kook gleichfalls ein namhafter Gelehrter und für den Wiederaufban der nationalen Heimstätte im Lande der Väter mit Eifer tätiger Mann ist. Aber nicht nur das jüdische, auch das politische und diplomatische Palästina war in der Person der Repräsentanten der Regierung nnd der in Jerusalem vertretenen Staaten am Etochzeitsfest des religiösen Oberhauptes der Juden von Palästina erschienen. Der große Empfangssaal des Oberrabbinates prangte in Festesschmuck. Gegenüber dem Bilde des Königs von Großbritannien hängt die Photographie des Oberrabbiners von Jerusalem der vergangenen Generation, Rabbi Samuel Sola nt An den für den Empfang gedeckten Tischen sitzen, um den Oberrabbiner Jakob Meir gruppiert, die angesehenen Vertreter des Rabbinats, die Notabein von Jerusalem, Tel-Awiw und der anderen Gemeinden. Nicht weit vom Oberrabbiner Jakob Meir haben seine zwei Leibdiener in ihren malerischen Amtstrachten Platz genommen. Auch die Oberrabbiner von Jaffa und Tel-Awiw mit ihrem Schamaschim waren erschienen. An der Spitze der Tafel sitzt der Bräutigam. Rechts von ihm ^ein Vater, Oberrabbiner Kook, und links von ihm der greise Vater des Oberrabbiners. Nun halten die Konsuln mit ihren Gattinnen ihren Einzug. Da ereignet sich ein pikanter Zwischenfall: die Damen der Diplomatie wurden höflichst gebeten, sich von ihren Gatten zu trennen und in den für die Frauen bestimmten besonderen Saal zu begeben. Verdutzt, einige von ihnen ironisch lächelnd, fügen sie sich, wenn auch unwillig, der Hausordnung. Man schreitet zur Verrichtung des Minchagebetes. Es dauert etwas länger, weil der Bräutigam nach alter Tradition das für Jom-Kippur vorgeschriebene Sündenbekenntnis spricht Im großen Hofe steht die Chupah bereit Der Bräutigam, seine Brautführer und der .Brautvater stehen bereits unter dem TrauhimmeL Gesänge des Chors der Jeschiwah erfüllen die Luft Im Hofe und auf dem Balkon steht die große Menge der Festgäste und der Neugierigen. Nun naht die Braut mit ihrem Gefolge. Langsamen Schrittes schreitet sie, begleitet vou ihrer Mutter, ihrer Großmutter und den ßrautführerinnen; nach alter Sitte umkreisen sie dreitnri! den Bräutigam. Die Zeremonie der Trauung selbst ist rasch vorbei. Die eheliche Angelobung, Reziticrung der Segenssprdche und als Schlußpunkt das Zerbrechen des Bechers, aus welchem Braut und Bräutigam zur Bekräftigung des Scgenssprnches getrunken haben. Dann ein rührender Augenblick: Die greisen Eltern des Brautpaares, die Großeltern der Braut beglückwünschen mit Ausdrücken inneren Glückes und Hoffnungsfreude das junge Brautpaar. Und die Anwesenden stimmen laut und gleichfalls ihre Tränen kaum unterdrückend in die Gratulation ein. Am Abend geht es im Rabbinerhof besonders lustig zu. Der große Hof ist festlich geschmückt. Au der Hauptwand prangen, weithin leuchtend, die altjüdischen Begrüßungsworte „ßcruchim Habalm!*4 (Gesegnet seien, die da kommen?). Rechts flattert die blau-weiße Fahne des jüdischen Volkes und links die englische Fahne. Und als Swnbol des modernen Wirtschaftslebens und des Foifcs JKaty-Mliie *» Wien 1 gtotentuxmstvaßeJtT.22 SHe beste und billigste *£inbauf&* Quelle £intkeitspreise s r— s 9 s _ #> Schrittes im neuen Palästina ist der große Hof durch drei mächtige Luxlampen beleuchtet. Hunderte von Gästen nehmen an dem Festmahl teil. An langen, geschmackvoll gedeckten Tischen sitzen die Festgäste in fröhlichster Stimmung. An einem eigenem, langem Tisch nehmen die Hörer der „Jeschiwah Kook“ Platz. Ein ganzes Heer von Dienern und Servierern steht zur Verfügung, um die Wünsche der Gäste klaglos zu erfüllen. Und dann gibt es ein abwechslungsreiches Programm. Der Bräutigam hält seine obligate Deraschah, seinen Vortrag über Probleme des jüdisch-religiösen Lebens, mit geistreichen Deutungen der Agadah; dann setzt ein Chorgesang von hundert Sängern ein, auch dem Tanz wird lustig gehuldigt und wieder erklingt Musik und Gesang, unterbrochen durch Reden der einzelnen Gäste. Es war bereits Morgengrauen und die Zeit des Schachrithgebetes kündigte sich an, als es im großen Rabbinerhof von Jerusalem, allmählich ruhig wurde und der letzte Gast das unvergeßliche Familienfest im Hause des Großrabbiners von Palästina verließ. Miszellen Ein- und Auswanderung im AiaL Im Monat Mai dieses Jahres sind, nach der offiziellen Statistik, 287 Einwanderer, »tnter ihnen 223 Juden, nach Palästina gekommen. In dem gleichen Monat sind 312 Personen, unter ihnen 264 luden, aus dem Lande ausgewandert. * Der Wähfungsausschuß der Palästina-Regierung teilt mit, daß der Gesamtumlauf an Münzen nn’d Not<e.u in Palästina heute L8 8 7.3 4 8 Pfund beträgt. * Die Jerusalemer Loge des Unabhängigen Ordens Bnei Brith beging am 30. Juli das Jubiläum ihres 40jährigen Bestandes. Die Jerusalemer Bnei Brith-Loge war es, die 1892 durch die ’ Begründung einer öffentlichen jüdischen Bibliothek den Grundstein zu der Jüdischen Nationalbibliothek, die jetzt einen Teil der Hebräischen Universität bildet, gelegt hat. Die Loge hat auch die Gründung der 8 Kilometer westlich von Jerusalem gelegenen Kolonie Moza ermöglicht und 1903 den ersten hebräischen Kindergarten in Palästina begründet ♦ Der Rat des judafstischen Instituts der Hebräischen Universität zu Jerusalem tritt am 2L August in Basel zu einer Sitzung zusammen. Aus Palästina werden an der Sitzung unter anderen teilnehmen: Bialik, Ussischkin, Yellin, De. Klausner und Prof. Epstein. Der Vorsitzende des Ortskoraitces des Keren Hajcssod in Burdujeni in Rumänien, Dr. M a n o I e s c u, hat bei Abr Schluß seiner Tätigkeit als Kreisarzt seine medizinische Bibliothek und medizinischen Instrumente der Nationalbibliothek in Jerusalem resp.- dem Emck-Hospital geschenkt. Dies Vermächnis Manolescus, den das ganze Land aus seinen zahlreichen?, in der rumänischen Presse veröffentlichten Artikeln über Fragen der Volkshygiene und der Bekämpfung des Alkoholishms kennt, hat in ganz Rumänien starken Eindruck gemacht * Nach einer soeben in Jerusalem eingelangten Meldung hat Lord M e 1 c h e 11 (Sir Alfred Mond) sich bereit erklärt, eine Anleihe von 6 000 Pfund für den Bau der Chaussee Haifa— Hakarme 1 durchzuführen, wenn die Palästina-Regierung oder die in Betracht kommenden Stadtverwaltungen die Garantie für die Rückzahlung übernehmen, ' ' . Die „Gönner“ Das „Interesse der Gemeinde Wien für die Wünsche der werktätigen jüdischen Bevölkerung“ Es wurde schon wiederholt in diesem Blatte erwähnt, daß die Gemeinde Wien für nach Wien zuständige jüdische Waisenkinder keine Pflegegebühr bezahlt wenn sie sich in jüdischen Anstalten befinden. Es handelt sich um ungefähr 12 0 K i n d e r, 'für welche die reiche Gemeinde ihrer Pflicht nicht nachktmmt und für die die jüdische Privatwohltätigkeit monatlich 10.0 00 Schilling ausgibt Vier Jahre währt aber bereits dieses Unrecht, das neun' wichtige jüdische Fürsorgeanstalten allmählich zugrunde zn richten droht, aber offiziell hat, unseres Wissens, noch keine jüdisch-sozialistische Gruppe dagegen Stellung genommen. Nun erklärt es der zweite Punkt des «offiziellen» Programmentwurfes für die «Vereinigung werktätiger Juden» als eine Aufgabe der «Werktätigen», «in der sozialdemokratischen Partei Oesterreichs Verständnis für die berechtigten, sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Wünsche und Forderungen der jüdischen werktätigen Bevölkerung wachzurufen und dortsclbst für die Erfüllung derselben einzutreten». Aber unsere Erfahrung, inbesondere in der Waisenhausangelegcnbcit, zeigt, daß wenig Hoffnung auf eine uns richtig erscheinende Auswirkung dieses Programmpunktes Am herrlichen Meeresstrand von Grado seinen Urlaub zu verbringen, war bisher nur Menschen mit gefüllter Brieftasche möglich. Durch die ganz neuartige, nach amerikanischem Vorbild geschaffene Aktion des Internationalen Reisebüros F. Grigolon & Co. erscheint dieses Ziel auch Minderbemittelten leicht erreichbar. Schon bei einer Anzahlung von 150 Schilling und vier Monatsraten ä 30 Schilling können 14 herrlicher Ur.laubstage Und bei 155 Schilling Akontozahlung sowie vier Monatsraten ä 75 Schilling 28 glückliche F c r i a 11 a g c an den Fluten der Adria, einschließlich aller A?,slag£Jl» {»erbracht werden. (Entgeltlich.) zu setzen ist. Welcher Persönlichkeit der Vereinigung werktätiger Juden wir auch das Unrecht an der jüdischen Waisenhausfürsorge schilderten, die Antwort war, ihrem Inhalte nach, ziemlich gleichlautend: «Nach einem Erlaß des Stadträtes Professor Tandler kommt die Gemeinde Wien für VerpflcgsgebObren an konfessionellen Heimen nicht auf. In dem Augenblick, da die Stadt für die 120 nach Wien zuständigen Kinder in jüdischen Heimen zahlen würde, müßte sic auch für so und so viele Zöglinge katholischer, klcriktUer Anstalten bezahlen.» Die jüdische Gruppe in der Wiener Sozialdemokratie hat in dieser Sache Qm Stimme noch nicht erhoben, was wohl beweist, daß die von mehreren bekannten Mitgliedern privat geäußerte Ansicht auch die offizielle der Gruppe äst In diesem Falle müssen wir aber konstatieren, daß sie sich hier nicht anf sozialistischen, nicht auf jüdischen, sondern auf einen spezifisch wienerisch soz ialdetnokratischen Standpunkt stellt. Nach dein Parteiprogramm der Sozialdemokratie Ist bekanntlich Religion Privatsache. Die Gegnerschaft gegen klerikale Erziehung ist bei Sozialdemokraten gewiß begreiflich. Aber abgesehen davon, daß nur eine der betreffenden neun jüdischen Anstalten als streng religiös bezeichnet werden kann and bei den Juden ein eigentlicher Klerikalismus kaum existiert Ist es ein geradezu unmoralisch kapitalistischer Standpunkt, wenn die Gemeinde Wien, sobald sie, ihrer Pflicht gemäß, für Wiener Waisenkinder Zahlungen leisten soll, sich anmaßt, ein größeres Recht als die leibliche Mutter zu haben, über Unterbringung und Erziehung des Kindes zu bestimmen. Schließlich führt aber die Praxis des Magistrats zu einem lächerlichen Resultat, Die Wiener Waisen aus jüdischen oder frommen katholischen Häusern, welche in den betreffenden Anstalten keine Freiplätze erhalten können, werden von den Angehörigen gleichwohl nicht den interkonfessionellen Waisenhäusern übergeben, sondern bleiben daheim. Uhd feer Mutter muß die Stadt Verpflegsgebühren , zubilligen — für schlechtere Unterbringung, schlechtere Kost und für Erziehung in dem Sinne, der Privatsache ist Und noch eines möchten wir den «werktätigen»