Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1928)
- Date
- 1928-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 DIE STIMME Seite 9 Herrmann, übrigens ein Kind der Stadt, anzuvcrtrauen. Der Künstler, der jetzt in Budapest lebt, ist, wie «Ufkelet» zu melden weiß, bereits in Klauseraburg angekommen und hat dem Vorstand seine Pläne iür die Innendekoration vorgelegt, die auch den Beifall des Vorstandes gefunden haben. Der Künstler bedient sich bei seinen Entwürfen der wichtigsten jüdischen Motive: Die siebenarmige Menorah verlegt er über das Gebetpult des Vorbeters, im Flügel ist der brennende Dornbusch in feurigen Farben sichtbar, links die Abbildung des 0 p f e r a 11 a r s mit seinem in die Höhe strebenden weißen, stilisierten Rauch. Die dre' Regelfeste Pessach, Schewuoth und Sukkoth sind symbolisch dargestellt und künstlerisch neben dem S c h o f a r, dem B r u s t s c h 11 d des Hohepriesters und der Bundeslade placiert. Die Davidsterne sind plastisch herausgearbeitet und treten in neuartiger Stilisierung in den Vordergrund. Die steinerne Tafel Moses mit den zehn Geboten über der Bundeslade ist so herausgearbeitet, daß sie die ganze Front beherrscht und durch die farbigen Scheiben ta der Mitte besonders eindrucksvoll zur Geltung kommt Auf dem Plafond reihen sich die charakteristischen Wappen der 12 Stämme, wie sie uns die Bibel überliefert aneinander, während die Draperie des unteren Teiles der Synagoge durch stilisierte Tallismotive ihre wirkungsvolle Lösung findet. Benjamin Herrmann hat bereits eine orthodoxe Synagoge, und zwar in Salgo Tarjan nach den gleichen Motiven dekoriert Künstlerisch gemalte Synagogen gehören übrigens nicht zu den Seltenheiten. In der Moldau und in der Ukraine ist die reiche künstlerische Ausschmükkurag der Tempel alte Tradition. In diesen Synagogen finden wir nicht nur aus hebräischen Motiven konstruierte dekorative Maleret sondern an vielen Orten, so in Jassy und Kischenew, sogar in den Vorhallen der Synagogen, io der sogenannten Polisch, ganze Szenen aus der Bibel ao die Wand gemalt. In jüngster Zeit erobert die Kunst offenbar unter der Wirkung palästinensischer jüdischer Kunstbestrebungen immer mehr die Synagogen in der Diaspora und diesem Einfluß können sich auch die orthodoxen Gemeinden nicht mehr entziehen. Von Büchern Kunstchronik Der Czernowitzer Sprachkonferenz im Jahre 1908, seit deren Abhaltung 20 Jahre verflossen sind, wird ein Sammelwerk gewidmet sein, das u. a. ein Protokoll der Verhandlungen, Reminiszenzen der überlebender. Teilnehmer, das Referat des bekannten Gelehrten Matthias Mieses über das Jiddische u. dgl. enthalten wird. Jabotinskys Shnson-Roman, der vor kurzem unter dem Titel „Richter und Narr“ und dem Autorpseudonym Altalena in deutscher Uebertragung im Verlage Meyer & Jessen in München erschienen ist, erscheint jetzt in jiddischer Uebersetzung im New Yorker «Vorwärts». Eine hebräische und eine französische Ausgabe werden vorbei iitet. Dem Moskauer jiddischen Kammertheater, das unter Granowskis Leitung jetzt mit großem Erfolge in Paris gastiert, wurde über Auftrag der Sowjetregierung die Kasse gepfändet, da die Regierung eine Schuld des Theaters in der Höhe von 45.000 Rubeln an das Moskauei Institut für sozialen Schutz — gerade während des Gastspiels im Auslande eintreiben will. Marc Chagalls Gemälde „Der Rabbiner“ wurde als einziges Werk der in der Bismiale“ (der in Venedig alle zwei Jahre stattfindenden Kunstausstellung) von der Stadtverwaltung Venedig erworben und dem dortigen internationalen Kunstmuseum einverleibt. Hebbels „Judith“ in Jerusalem. Das neue hebräische Nationalthcater in Jerusalem wurde, wie uns von dort gemeldet wird, mit einer Aufführung von Hebbels „Judith“ (in der hebräischen Uebertragung von J. Horow i t z) feierlich eröffnet. Die Aufführung, die von J. M. D an.i e 1 s inszeniert war, fand enthusiastischen BeifalL Musikvorspiel zum „Dybuk“. Der Direktor des Doktor Hoch-Konservatoriums in Frankfurt a. M., Bernhard Sek- 1 es hat ein Vorspiel für Orchester (op. 35) „Der Dy bu k“ komponiert — Motto: a, gis, f — welches im Verlage B. Schotts Söhne soeben prschienen ist. r Mrupnih da« JViTocfe%«i nfrurn für dem vemötknten fresdamaeft _ bringt für die kommende Saison JFKodette aus iWart* und eigene tfdiaf fungen von Mänteln, Kostüm en, Compiets. Nodimlttags- und Gieselisdiaitsiolletien Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreidkt!Mittige (Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse IMOffiS MIHI KRIM NUR VU. Kfl.HSERSTRASSE 115 Anerkannt größtes cuid führendes Spezialhana |)|| Oesterreichs [sinnt Jüdisches Musikfest iri London. In London wird ein dreitägiges Musikfest geplant, welches ausschließlich der jüdischen Musik gewjdmet sein soll. THEATER Von Axel Henriques Bruno Frank. Politische Novelle. (Ernst Rowohlt- Verlag, Berlin.) — Bruno Frank, einer der wenigen winklieben Novellisten in der zeitgenössischen deutschen Literatur hat hier eine kultivierte und anziehende Erzählung geschrieben, in der künstlerische Ausgeglichenheit sich mit Humanität der Gesinnung verbündet. Die losen un-d doch sicher hingeworfenen Konturen einer «Handlung», die kaum eine ist, haben ihre deutliche Symbolik. Im Chaos der Genußstätten und der buntbewegten Hafenstadt, wo Europa unter dem Eindringen des primitiv-wilden, exotischen Elements zurückzuweichen scheint, treffen sich der Lenker französischer Außenpolitik mit Deutschlands Minister von morgen um — Mensch zu Mensch — sich freundschaftlich zu gemeinsamen Zielen zu einigen — zum Aufbau eines neuen besseren Europa, zur Rettung der bedrohten Menschheitskultur. Künstlerisch-reizvoll ist die Zeichnung der Mittelpunktsfigur, zu der deutlich Briand Modell gestanden ist. Jeden der beiden Staatsmänner begleitet sein Sekretär; beide Sekretäre sind Juden und während die beiden Politiker sich unter vier Augen im Hotelzimmer über das künftige Europa unterhalten, streiten unten im nächtlichen Park die beiden Sekretäre über deutsche und französische Literatur. Die Szene bereichert das Gesamtbild um einen charakteristischen Zug und zeugt für F r a n k s ausgebildete Kunst 'der Andeutung. — Das knappe Buch verdient alle Beachtung. , ■ Arthur Freud. Dr. Abraham Granowsky: Bodenbesteuerung yin Palästina (Berlin 1928, Jüdischer Verlag). — In der zionistischen Literatur ist schon wiederholt darauf hingewiesen worden, welchen hemmenden, aber auch fördernden Einfluß auf die kolonisatorische Entwicklung des Landes die in demselben geltenden Bodensteuern haben können. Wir hatten aber keine klare Uebersicht über alle in Palästina geltenden Grundstück- und landwirtschaftliche Steuerarten, damit man feststellen kann, was zu bessern, was zu beseitigen und was zu behalten wäre. Diesem Mangel hilft das ausgezeichnete Buch Granowskys ab. Da er zum Vergleiche auch die anderen in den Mittelmeerländern geltenden Steuerarten heranzieht und Vorschläge zur Umgestaltung des. schon stark veralteten und die Ansiedlungstätigkeit der zionistischen Organisation erschwerenden Steuersystems macht, bietet diese neue Arbeit Granowskys die Grundlage für eine hoffentlich bald einsetzende Diskussion, da so manqhe seiner Vorschläge von einigen Gruppen innerhalb der zionistischen Organisation. Ablehnung finden dürften. —r. Uriel Birnbaum: Moses (7. Bändchen der Sammlung „Religio“. 1928. Verlag Georg Müller, München). In einer Sammlung gemeinverständlicher Darstellungen religiöser Charaktere und Strömungen hat der Maler und Dichter Uriel Birnbaum versucht, die Gestalt Moses4 der Bibel nachzuzeichnen. Eindringlich und plastisch, betont realistisch: „Als Sohn von Knechten, Findelkind, Prinz, Götzendiener, Mörder, Flüchtling, Ehegatte und Schafhirt reifte er langsam heran zur Erkenntnis Gottes im Dornbusch. Als ein Einzelner holte er diesem Gotte aus der Knechtschaft ein Volk, das er zu einem Gottesvolk hämmerte — zu einem ehernen Keil, den er, die Spitze er selbst, hineintrieb ins Herz der gottfremden Welt“. Man muß nicht in etwas engstirnigem Auserwähltheitsglauben so weit gehen, die ganze Weltgeschichte, wie es Birnbaum tut, als Moses* Werk zu sehen, um die knappen 95i Seiten dieser Schrift als anziehend und wertvoll zu erkennen. E. G. F. (Schluß.) Es rogtiete — hatte schon den . ganzen Tag geregnet — langweilig, eintönig, grau. Die Regentropfen immelten sich oben an der Dachrinne zu einer kleinen, glitzernden Kugel, uind jeder einzelne lief in einem nassen, kleinen Kanal die Fensterscheibe hinunter. „Platsch!“ sagte die kleine Recha jedesmall, wenn so ein Tropfen hinunterfiel. Moritz Feldstein war vor einer- Stunde aus dem Geschäft gekommen und saß behaglich rauchend in der Sofaecke. Er sah zum Fenster hinaus, wo eine Gestalt vorbeieilte, dessen Kopf sich den Bruchteil einer Sekunde als scharfe Silhouette gegen die Scheibe abzeichnete. Feldstein war aufgesprungen. Die Pfeife hielt er in der Hand, das Gesicht war gespannt horchend der Haustür zugewandt. Jetzt hörte man von dort ein Klingeln. „Das ist Ludo“, (sagte Feldstein leise und bestimmt. Das Mädchen öffnete. Ludo, den Regenmantel über die Schulter geschwungen, völlig durchnäßt, das Gesicht weiß, das Haar an der Stirn klebend, stürmte hinein und stand jetzt in der Tür. Frau Thea ging hinaus und nahm die kleine Recha mit sich. Ludo merkte es nicht — sein Gesicht war Feldstein zugewandt; drohend bohrten seine Augen sich in die des anderen. Ihn unverwandt anstarrend, nahm er den Ceillulbidtsauger aus seiner Tasche hervor und gleich darauf das Arba Kanfaus. „Das sind hebräische Buchstaben, ein L und . ein R. Du wußtest es. Auch dies Tuch kanntest du, es ist gebräuchlich unter euch Juden.“ Sich dann an Feldstein umklammernd, forschte er'leidenschaftlich: „Du wußtest es, Feldern, warum hast du mir nichts gesagt? Felden — du — weißt etwas von — meiner Mutter!“ Unendlich gütig, unendlich ‘ mitleidig bückten Feldens Augen. ' „Komm!“ sagte er weich. Er nahm seinen Mantel und beide schritten durch den feinen, schrägen Regen. Worte wurden nicht gewechselt. Der Aeltere merkte, wie der neben ihm zitterte — vor Kälte oder vor Erregung. Die Straßen, die sie durchschritten, wurden enger, schmutziger, je weiter sie kamen. Sie bogen in eine Sackgasse ein. Zu beiden Seiten des schmalen» ungepf lästerten Fahrweges lagen in Dunkelheit und Schmutz Kellerwohnungen, von einem trüben Gaslicht, das von einem zerbrochenen Glas beschützt wurde, flackernd erleuchtet. Vor einem Keller, aus welchem wüstes Kindergeschrei drang, blieb Felden stehen und winkte Ludo, ihm zu folgen. Der verwöhnte Jüngling schauerte zusammen hei dem Geruch, der aus dem Innern zu ihnen hinaufdramg, und stieg nur zögernd zwei schmutzige Stufen hinunter. Drei halbwüchsige Jungen schlugen sich lärmend um einen Eßtopf, den eine alte Frau soeben vom Herd; nahm. Als sie Schritte hörte, wandte sie den Kopf und sah die ungeljltenen Gäste an. Wirres Haar, von einem schmutzigbunten Tuch zusammengehalten, tag um ein schmales, weißes Gesicht, in denen die Augen stier blickten und der Mund sich zu einem irre n Lächeln verzog. „Guten Tag, Hilde Elerend“, sagte Moritz Feffidstein leise. Die Frau sah ihn wütend an und schüttelte den Kopf. „So heiß’ ich mahF.“ „Nein, ich weiß, du heißt Hfkie Rörvtff —** Ludo zuckte zusammen und klemmte seine Hand mit eisernem Griff um Hie Herdstange. Ein zufriedenes Lächeln glitt über die Züge der Alten: „Hast du etwas von ihm gehört? Kommt er bald?“ „Ja, er kommt bald.. Komm, Ludo.“ Die Frau nickte vor; sich hin, ging zn den sich balgenden Jungen und steckte ebenfalls Ihren Löffel in den Topf. Die Männer gingen.. Todessch/wedgen herrsdbte unter ihnen, bis endlich Feldstein seinen Arm .unter Ludots schob und zu sprechen anfing. „Sie war einst junic gewesen, jung und schön. Ihre Eltern waren aus Niedenösterreich eingewandert, der Vater war ein strenggläubiger jüdischer Handelsmann. Hier angekommen, machte Hilde die Bekanntschaft eines Schauspielers Rörviig, der damals als erste Kraft am Vofkstheater, das unter Leitung des Direktors Linden stand, angestellt war. Sie kamen viel zusammen, was hier unter streng frommen Juden nicht geduldet werden konnte. So lief sie fort — zu ihm. Er verließ sie. Sie!bekam ein Kind, das man gewaltsam von ihr nehmen mußte, da sie aus Schmerz um den Verlust des Geliebten irrsinnig geworden war. Man übergab ihm -das Kind — gab den kleinen Wurm in Pflege, wie er sagte, Als er' einige Jahre später nach dem Süden zog, wußte niemand, wo das Kind geblieben war. Hilde zog zurück zu den Eltern, verachtet und' geächtet i'm Dorfe. Die Eltern sind gestorben. Hilde Berend Idbt von der Barmherzigkeit der Einwohner — in der steten Hoffnung, der Jugendgeliebte würde eines schönen Tages zu ihr zurüdkkehren. Ludo antwortete nichts. Er zitterte auch nicht mehr. Als Feldstein zu ihm aufsehojute, sah er ihn ein ruhiges Gesicht, in dem die Augen starr geradeaus blickten. Sie waren vor Feldsteins Wohnung angelangt. „Gehst du mit hinauf, Ludo?“ Der andere schüttelte den Kopf; und dann kan\ es, erst etwas gepreßt, dann aber ganz freudig und ruhig: „Danke schön, aber ich muß jetzt zurück. Wir, Papa und ich, gedenken morgen nach Rom zu fahren, um den Festspielen dort beiizuwohnen. Eventuell werden wir bei Hofe-„Gume“ geben; wir sind dazu aufgefordert worden. Laß os dir gut gehen, Felden!“ Er drückt ihm 'herzlich die Hand. Dann steckte er seine Hand in die Tasche, entnahm ihr alles Gelddas er bei sich hatte, und gab es Feldstein. „Sorge, bitte, dafür, daß es — der Frau übermittelt wird; ich werde keine Zeit finden, mich per-