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Die Stimme · 1928-07-26 · Heft 30 (26.7.1928) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 30 (26.7.1928)
Date
1928-07-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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I*. 80 DIE STtMME Sefte 0 ich sie nie an ihm «eschen hatte, trot2dem ich das Matt seiner inneren Beherrschtheit bei Besprechungen mancher ernsthaften Frage sachlicher und persönlicher Art kennen gelernt hatte, näherte er sich mir, legte beide Hände anf meine Schultern und sagte; „Lieber Freund, es ist nichts. Wer sollte mir denn etwas tun?“ Unser Gespräch war damit nicht abgeschlossen, Nach einem nochmaligen Betonen der Ernsthaftigkeit der ge« machteil Mitteilung und der absoluten Notwendigkeit polizeilichen Schutzes verließ er ruhig und gelassen» mit dem Ausdruck eines mir unverständlichen Sicbgebörgenftihlens« die Reichskanzlei Leider hat Rathenau, wie ich später hören mußte» sich den Schutz nochmals ausdrücklich verböte n." Wir sind genötigt, an»»»* Riesenjager in Sommerwaren Jeder Art gründlich zu räa.nen. Das zwingt uns, unsere bekannt billigen Preise poch um ein Erkleckliches zn reduzieren. 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Eine düstere klein«; bl am me wird he reingeb rächt, und man sitzt in eine J schwermütigen Dämmerung. So wiö es der altf; Jerusalemer Brauch. Die Last des alten Unglücks drückt die Herzf&i nieder, doppelt stark hier in Jerusalem, wo die ni/[- rjenhaften alten Häuser, die engen, schmutzigen Gassen und die entsetzliche Anmut des Volkes den großen „Obnrban“, de vollkommene Zerstörung, noch so illustrieren, daß man fühlt, so muß es in den Taufen Nebukadnezars und Titus*, nach dem Falle der Stadt und nach dem Abzug des Feindes gewesen sein, Oder wo das alles wie eine aufreizond-dentiche Erläuterung für die Tiefe unseres Falles, als empörender und Widerwärtig amfdringicher Kontrast zu den Schilderungen unseres alten Glanzes wirkt und zu den, Erinnerungen daran, in die man sich heute versengt Aber es ist doch nicht mehr alles genau so,, wie es bisher Tradition war. Mitten in der Atmosphäre der Trauer und der Erinnerungen kündet siclji ein neuer Zug an: Aus der Nähe tönt lauter fröhlicher Gesang. Eine Schar Chaiucrim zieht unter den Fenstern vorbei und singt im Marschtempo mit {schallender Stimme: „Halilelüfah, Hallelujah!“ Die Alten in den Häusern und den BetsäJen, besondere soweit sie zum „alten Jisohuw“ gehören, sind empört. : Kann man es ihnen verdenken? Ist es nicht ein öffenbarer „Ghiiul Haschern**, eine religiöse Entweihung, gerade heute, an dem allgemeinen Trauertage, wo jede Spur von Fröhichikeit untersagt ist, ostentativ mit lautem Jubelgesang durch die Straßen zu ziehen? Selbst nicht religiöse Menschen — sie sind im alten Jisdnrw zahlreicher, als man denkt, und gegenüber den Anhängern der „Agnriath Jismd“ und des Raw Sonnen#© Id weitaus in der Mehrzahl — nehmen daran Anstoß. Demi mehr noch als eine öffentliche Verletzung religiöser Vorschriften ist es für säe eine bewußte Provozierung des gutbürgeriiehen alten Jerulalem und seiner Bräuche, eine triumpÄilereiiÜe Verhöhnung der Alteingesessenen durch die Neuhinzugekommenen, die „Rußkes“ und „Polak es“, dürCti die „Bolschewisten“, die mit ihren lärmenden Unmanieren *wrs europäische Zivilisation beibringen und über «ns herrschen wollen**. Hierin zeigt sich wieder zum .Schmerz jedes guten. Patrioten die breite Kluft, die , dde einzelinen Teile des jischuw voneinahtier trennt. Es geschieht nicht zur Verhöhnung des Trauertages oder derer, die ihn nach der alten Weise be- /.gehen, daß die Chaiuzim ihre Juibelihy-mncn singen. fjEs geschieht zur Verhöhnung des Feindes, der p j glaubte, au diesem Tagg seinen T rrampli zu erleben jf und uns für immer vernichtet zu haben, während wiir fl leben und unseren Staat Wieder errichlfen. Es geschah ans Trotz gegen die alten Ruinen gegen die schmutzige Armut, die grinsend unser Unglück symbolisieren und die in unserem neuen Bau. allenfalls als Museumstücke weiterexistiereii wenden- Es ist, mit einem Worte, ein Gesang, der die Uebeir Windung des Churban und die Entstehung des dritten Jüdischen Reiches verkündet — gerade heute, an diesem Tage, an dein unsere Feinde zu triumphieren scheinen und uns vernichtet glauben. Dies ist der .pinn des Gesanges. ' ■ Es wäre vielleicht für 'die innere Verständigung innerhalb der Nation gut, hätte man -darauf verzichtet, diesen Willen zur Ueberwindumg des Tischah b‘Aw, dieses Bewußtsein seiner Uciberwindung so stolz und laut zu verkünden. Selbst, diejenigen der Alten, die den . Sinn dieses Gesanges verstanden oder ihn ahnten, spürten innere Zweifel iriiid 'Hemmungen: „War das wirklich recht? Freude, Silb-aeslieder, heule am großen Trauertag?** Sie konnte^ es noch nicht j BMU 1-, * * %>• > % ", Die Palästinalandschaft in der Kunst: Moscheestraße in Jaffa. (Gemälde von Na,fc um Gutman.) recht fassen, daß die Uefoerwimlung des Ohuriban tatsächlich-lebendige Wirklichkeit ist. die sie mit eigenen Augen sehen, und nicht mir etwas Abstraktes, das man „lernt“ uftd worüber man piedigt und predigen hört. Aber gerade deswegen ist ja dieses stolze, laute Ju/bilieern so gut: Es reißt dee Seele aus der guten Kammer heraus, in der sie seit Jahrhunderten in trüben, wehmütigen Arergatigenheitsbetrachtungen versinken sitzt, und wendet sie dom neuen Leben* der Gegenwart, der Zukunft, dem Aufstieg zu. Es läßt sie wenigsetns für Augenblicke spüren, daß unser Sieg, die Wiedorerstehuug unseres Staates, kehl Traum ist, den sie zum Tröste in ihrer Unglücks« nacht träumt, sondern daß der große Churban von damals, in dem sie lebt und webt und der ihre Wirklichkeit ist, verschwindet und zum Traume wird. Durch die dunkle Jaffastraße und die engen Gassen der Altstadt, an überwölbten Basaren vorbei, über denen in «item, zerfallenem Gemäuer Menschen hausen, Araber und alte, fromme Juden, die David- Straße entlang, die ihren Namen noch aus den Zeiten des Mittelalters her führt, geht man zur „Kotei Ma‘- arawi“, der Kfagentauer. Schutzleute stehen in den schmalen Durchgängen, die man kurz vor dem Ziel passieren muß, und weisen dße Passanten durch die zahllosen Wegkreuzungen zurecht Ihre Anwesenheit ist sehr nötig:: Seit Monaten gibt es wieder eine Reihe von Ueberfüllen auf Juden in der Altstadt An der Ecke vor der Mauer, am Eingang der bretteren Gasse, die sie entlang läuft, gilbt es ein fürchterliches Gedränge. Besucher kommen und gehen, schieben und stoßen sich durcheinander. Mühsam zwängt man sich hindurch. Dann sieht man die Mauer in Ihrer ganzen Front. Es ist nicht möglich, 'die Gefühle zu beschreiben, die das Herz bei diesem Anblick ergreifen, zu schildern, was für Stürme diese gewaltige Majestät, die nicht aus dari mächtigen Quadern gebildet zu sein, sondern sie selbst ans sich heraus geschlafen zu haben schernt, in der Brust hervorruft dieses Zeugnis der erhabenen Macht der ruhiges, großen Schönheit unseres alten Reiches vor dem erbärrriHehen Schmutz, der niedrigen Häßlichkeit der, Gälufh. Die Gasse vor der Mauer Ist *vo$l von Menschen, Betern, Andächtigen und Neugierigen- 'Kleine Gruppen hocken auf Schemeln, vor sich dm düsteres Oslflämmchen, und „ragen“ die „Kinoth“, die Klagelieder. Ein orientalischer Jude, der eben fceibeikommt, einen -roten Fez auf dem Kopf, wie ein Arabergekleidet, stürzt ’zur Mauer (hin und küßt sie leidenschaftlich. Links steht ein dichter Menschenhaufen um einen Raw und 'hört seinen Worten zu. Er erklärt die Bedeutung des Tages — auf jiddisch. Offenbar gehört er zu den ganz Frommen, in deren Augen es eine Sünde ist. eine hebräische Predigt zu halten. Auf der anderen Seite haben sich einige auf der Erde hiedcrgelassen und unterhalten sich von ihren Geschäften. Allem Anschein nach gehören 'Sie zu jener Klasse unseres Volkes, deren Hauptberuf das Beten ist Die Luft ist entsetzlich. Ern pestilenautischer Gestank von Schmutz und Schweiß erfüllt die ganze Gasse. Ordnung, Anstand und Höflichkeit fehlen- Die Besucher, besonders die Frommen, schieben, citoßen und drängen sich ohne Gefühl für die Majestät des O-rtes und des Tages. Manchmal muß sogar diie Polizei zuir Ruhe mahnen. Wann wird unser Volk endlich lernen, daß Sauberkeit, Ordnung, Schönheit und Anstand, kurz gute Erziehung, kein Luxus und keine Stünde, sondeau eine „Miizwah“ oder vielmehr eine Selbstverständlichkeit sind? Es täte not, eine „Legion zur Verteidigung von Ordnung und Schönheit“ zu schaden, wie man die „Legion zut Verteidigung der Sprache“ in Palästina geschaffen hat Denn diie Häßlichkeit, der Schmutz des Jischuw, das Fehlen jeder Ordnung und jeden guten Benehmens ist so frappierend, daß es das Erste ist, das dem Europäer auiftfäüt, deir zum ersten Male mit Ihm in Berührung kommt Der Rückweg geht an Kfar Schiloach, Situan, vorbei, über Steintrümmer hinweg, iwi Angedcht der verödeten Berge, die einst Gärten und Panks mit den Palästen der Reichen unseres Volkes schmückten, trauriges Bild des Verfalls und der Verlassenheit Man begreift die Wahrheit des Wortes, daß das Land auf die Rückkehr des Volkes gewartet hat Es ist in der Tat, als ginge man über die Ruinen des Churban und als wäre seit damals nichts geschehen, nichts gebaut und nichts angebaut worden. Fremde finden Jerusalem deswegen häßlich und unkomfortabel und gehen lieber nach Tel-Aviv. Man steigt den Zionsberg hinan, die Stadtmauer entlang an den Armenhäusern vorbei- .Alles ist wüst, staubig und verfaßten. Eine düstere Laterne, die ehrsam im Zionstore brennt, vertieft den traurigen Eindruck. Beim Abstieg auf der anderen Seite sieht man das armselige Montefi-oreviertel, dem Berge gegenüber, jenseits der Chaussee nach Bethlehem. Jedes seiner Häuser trägt den Stempel des Elends — und doch war das schon ein Fortschritt gegen die Wohnhöhlen der alten Stadt. Auf der Jafiastraße, die sonst mm diese Zeit schon ruhig ist wie die Straßen einer Kleinstadt, begegnet piau Trupps von eilenden Menschen, Juden, die zur Klagemauer ziehen. Jede trägt eine dunkle, kleine Laterne üiit sich, denn die Straßen sind düster und

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