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Die Stimme · 1928-07-26 · Heft 30 (26.7.1928) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 30 (26.7.1928)
Date
1928-07-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 30 '' Elterdverein der hebräischen Schule Othmargasse. An 5. d. M. wurde in der hebräischeu Schule, XX., Otbmargassc 46, eine R Item Versammlung abgebalten und hiebei der Beschluß gefaßt, einen Elternverein zu «runden. In das provisorische Komitee wurden gewählt: Frau Sabine S i n g e r, XX., Klosterneuburgerstraße 57, als Präsidentin; Herr Jakob Fleischer. XX., Hannovergasse Nr. 16, als Kassier; Frl. Stella Meller, XX., Jägerstraße Nr. 24, als Schriftführerin. Der Kontiuentalbund zionistischer Mädchenverelulgungen hat seinen dritten Bundestag vom 5. bi£ 9. Juli 1928 am ff r c b i e n o k bei Stary-Smokovec in der Hohen Tatra abgehalten. An der Tagung nahmen 29 Delegierte aus der Tschechoslowakei, Oesterreich und Rumänien telL Im Vordergrund der Beratungen stand eine Reform der Organisation, da sich infolge Ausdehnung des Bundes die Notwendigkeit der Schaffung von Kreisleitungen ergeben hat. Ferner wurden wichtige Beschlüsse, betreffend die Palästina- und jüdisch-soziale Arbeit in der Oaluth gefaßt, welche dem Bund neue Arbeitsmögllchkeiten eröffnen. Unter den gehaltenen Referaten sind die von Dr. Oskar Neu mann (Bratislava) Ober Jugendbewegung“ und von Frau Dr. Henny Rappaport (Z. M. V. „Mirjam“ Wien) über „Ost und West“ hervorzuheben. Zur Zeit der Tagung wurde auch eine neue Mädchengruppe in Poprad konstituiert. Aus den zionistischen Ortsgruppen Graz Herzl-Gedenkfefer. Am 9. Juli veranstaltete die Zionistische Ortsgruppe Graz im Tempel die Herzl-Gedenkfeier. Herr Oberkantor Heinrich Katz brachte zwei Psaime unter Mitwirkung des Jüdischen Gesangvereines zum Vortrage. Herr Landesrabbiner Professor Dr. David Herzog hielt die Gedenkrede. ANTISEMITENSPIEGEL Wie der Antisemit ein Ehrenamt aostüüt Der Warschauer Magistrat setzte vor kurzem zwanzig Reisestipendien für die fähigsten Hörer sämtlicher Hochschulen in Polen aus, um diesen die Möglichkeit des Studiums und der Vervollkommnung im Ausland zu gewähren. In den Bestimmungen für die Erlangung eines solchen Reisestipendiums fand sich nach der Textierung durch den Magistrat auch die Bedingung, daß in den Genuß eines solchen Stipendiums nur Studenten polnischer Nationalität gelangen können. Der Antrag der jüdischen Mitglieder des Magistrats, den Passus, betreffend der polnischen Nationalität durch die Fassung «Bürger der polnischen Republik» zu ersetzen, wurde verworfen. Auch der Finanzausschuß schloß sich der ursprünglichen gegen die jüdischen Hochschüler gerichteten Fassung an und erst der Rechtsausschuß des Stadtrates kam dahinter, daß ein solcher Beschluß einer öffentlichen Körperschaft gegen die Staatsgrundgesetze verstoße und beschloß mit überwiegender Mehrheit, die Magistratsstipendien durch ausdrückliche Bestimmung in den Bedingungen, sämtlichen Hochschülern, sofern sie zu den Befähigten gehören und Bürger der polnischen Republik sind, zugänglich zu machen. Da geschah nun das Absurde. Zum Berichterstatter im Plenum, das heißt zur Verteidigung des. Beschlusses des Rechtsausschusses wurde Stadtratsmitglied Dr. Z a w a d z k i bestimmt. Jeder anständige Mensch hätte, falls er mit dem Beschluß nicht einverstanden ist, die, Mission der Berichterstattung zurückgewiesen oder sich als Referent des Minoritätsvotums gemeldet. Zawadzki ist aber antisemitischer Nationaldemokrat, daher iüi Jede Hinterhältigkeit, also auch für einen unglaublichen Aratsmißbrauch, sozusagen von Haus aus geeicht, und so ergab sich die sonderbare Situation, daß der Berichterstatter für den Majoritätsbeschluß im Plenum eine Philippika gegen die Zulassung jüdischer Hochschüler zum Genuß des Stipendiums losließ und für das Minoritätsvotum, d. h. für die Annahme des antisemitischen Magistratsbeschlusses eintrat Dieses Verhalten des antisemitischen Mandatars war zu widerlich, als daß es Erfolg hätte haben können. Das Amendement der Majorität des Rechtsausschusses zugunsten der jüdischen Hochschüler und damit auch der Respektierung der Staatsgrundgesetze wurde ira Plenum mit großer Mehrheit angenommen. Die armen >,Opfer der Verhetzung*4 Vor dem Gericht in Hirschberg in Preußisch-Schlesien hatten sich vor kurzem fünf Nationalsozialisten zu verantworten, die im Dezember 1927 die Schaufenster mehrerer jüdischer Firmen und die Schilder jüdischer Rechtsanwälte mit Hakenkreuzen in roter Farbe beschmiert, Bürgersteige, Hauswände, Eäsenbahndurcblässe und Schaufenster mit Inschriften wie «Deutsche, kauft nicht bei Juden!», «Hepp, hepp!» und ähnlichen Bemerkungen verunziert hatten. Unter den fünf Angeklagten waren verschiedene Altersklassen vertreten. Theoretisch war wohl das Gericht der Meinung, daß derartige Taten, die den Tatbestand des groben Unfugs und der Sachbeschädigung ergeben — der Tatbestand der Aufreizung gegen eine andere Nation oder Konfession kommt für das Gericht wohl nicht in Betracht?! — nur durch hohe Freiheitsstrafen zu sühnen seien. Mit Rücksicht daraui jedoch, daß die Angeklagten als Opfer der V e r h e t z u n g zu betrachten seien, sprach das Gericht bloß Geldstrafen von je 100 Mark aus. Um die Hetzer hat sich das Gericht überhaupt nicht gekümmert und was die armen «Opfer der Verhetzung» betrifft, so wird ihnen wohl von ihren skrupellosen Auftraggebern von vornherein die völlige Straffreileit und Ersatz der Kosten zugesichert worden sein. Wenn Antisemiten patriotisch tun. Dort* wo geistige und materielle Waffen gegen die Juden versagen, holt der Antisemit seinen Patriotismus h*-rvor und gebraucht ihn in der Regel mit Erfolg als Waffe gegen den jüdischen Mitmenschen. Beliebt ist diese Methode der Judenverfolgung in den Schulen. Die Mittelschüler schon werden von ihren Eltern und Schülern zu Spitzeln und Naderern über ihre jüdischen Mitschüler erzogen und so kommt cs vor, daß ein besonders begabter und erfolgreicher jüdischer Student von neidischen antisemitischen Mitschülern durch eine Denunziation angeblich uupatriotischer Aeußerungen aus dem Weg geräumt wird. An diese Wahrheit mußte vor kurzem ein Schüler des Gymnasiums in F a 11 i c c n i glauben. Er bat das Unglück, nicht nur ein guter Schüler, sondern auch Jude und überdies noch der Sohn eines Rabbiners zu sein. Das genügt, | um ihn in der ln überwiegendem Maße aus Söhnen von Cuzlsten bestehenden Klasse mißliebig zu machen. Das andere fand sieb von selbst. Eines Tages erhob sich ein solcher «patriotischer» Schüler von der Schulbank und meldete dem Professor, daß der Rabbinerssohn eine u n p atriotische und antidynastische Aeußerung getan habe. Der cuzistische Gymnasiast hätte diese Vernaderung nicht verbrochen, wenn er nicht von vornherein gewußt hätte, daß sowohl seine Lehrer als auch die anderen in Betracht kommenden Behörden seine Anzeige ernst nehmen und den armen kleinen Rabbinerssohn vor Gericht schleppen werden. Vergeblich bemüht sich der Angeklagte, seine Unschuld und die bewußte Lügenhaftigkeit des Anzeigers und seiner Anklage zu beweisen, er wird einen hochnotpeinlichen Prozeß zu bestehen haben. Für alle Fälle ist der jüdische Mitschüler nicht mehr der gefährliche Konkurrent im Fortgang In den Studien. Einem Aiitisemiteci ist nichts heilig auch der eigene Freund und Gesinnungsgenosse, der Retter aus der Not nicht ln dem sogenannten Quellenmateria] der antisemitischen Propagandaliteratur findet man of: erdichtete Märchen über angebliche Shylckiaden von Juden, die den ahnungslosen Bauer mit erschlichenen Wechseln auf geringfügige Summtn um Haus und Hof gebracht hätten. Erwiesen sind diese Behauptungen nicht. Aber das, was der rumänische Bauer George Timu N i c u 1 e s c u in dem Bauernorgan «Cuvantul Taranfmei» über den gefürchteten ouzistischen Studentenführer Nichipor R o b u schreibt, ist bittere Wahrheit, Nioulescu klagt: «Vor zwei Ja’ireii bat mich- NJchipor Robu, ihm ein Akzept über 5000 Lei zii unterschreiben, angeblich, um sich an der Universität zu inskribieren. Das Akzept war vom Czernowitzer Advokaten Ursache gefertigt Da ich ihm helfen wollte, unterschrieb ich. Nach drei Monaten zahlte Robu 1000 Lei vom Kapital und 4000 Lei blieben unbeglichen. Advokat Ursache Jllaiy-Jtüte Wien I., iflöten türm- ® steaßeJtw.22 iinSkeitspr eise i ..!Die teste und ftflligsfe £intaufs~ 4g ueile * r- * »- f 12' unterschrieb nicht weiter. Nach weiteren drei Monaten wurde der Wechsel protestiert und ich mußte zusammen mit meiner Frau für Herrn Robu einen Wechsel von 8000 Lei fertigen. Nach weiteren drei Monaten wurde ich von der Banca Franco-Romana verständigt, daß der Wecnsel für 10.000 Lei unterschrieben ist Da auch dieser Wechsel protestiert wurde, ohne daß Herr Robu sich seiner Scnuld überhaupt erinnerte, war ich gezwungen, auch diesen Wechsel zu unterfertigen, damit meine Sachen nich* im Verstefgerungswege verkauft werden. Als Herr Robu /ergangenen Winter sab, in welche Situation er mich gebracht batte, bezahlte er der Bank in meinem Namen am 5. März 1928 4000 Lei vom ursprünglichen Kapital, um die Kosten kümmerte er sich nicht. Die Advokaten der Bank, M >rarescu und nachher Vasilovschi klagten ihn nacheinander, aber bis heute wurde die Sache nicht erledigt. Dabei hörte ich, daß Robu der Sohn eines Grund-wirtes ist und ein reiches Mädchen geheiratet hat. Wie kommt er nun dazu, mich wie einen Dieb zu täuschen für das Gute, das ich ihm getan? Das bedeutet reinen Betrug. Herr Robu hat aber auch in gleicher Welse die Herren Petre M a s 1 o s c h 1 von der Banca Voluntarilor und Prelipceanu, Professor am Aron-Pumnul-Gymnasium, betrogen. Ich richte an sämtliche Bewohner der Bukowina die Frage, ob noch jemand von Herrn Robu getäuscht wurde, wie wir? Einen solchen Menschen müßte man hinauswerfen, auch von seinem eigenen Dorf, nicht nur von den Dörfern, wo er den Cuzismus propagiert.» Die Redaktion des Blattes bemerkt dazu: «Und einen solchen Menschen ernennt Cuza zum Kommandanten der Area si-Organisationen in der Bukowina, um sie für seine Partei zu gewinnen,» worauf zu antworten ist: «Gewiß, denn ein anständiger Mensch schließt sich einem Cuza nicht an.» Die Pogromhetze des Lehrers ist kein Disziplinierungsgrund Der Hauptlehrer der Stadt Nürnberg Julius Streicher ist gleichzeitig nationalsozialistischer Landtagsabgeordneter, Stadtrat und Herausgeber des niedrigsten Sohmutzblattes, das je selbst von Antisemiten herausgegeben wurde; es heißt: Wer Sturmem. Im Jahre 1923 ließ der famose JugendfoiSdner ohne Erlaubnis der Vorgesetzten Behörde plötzlich seine Schüfe im Stiche, schloß sich der Organisation des H tler-Putsches in München an und führte seinen «Stürmer» in der blutrünstigen Weise als Pogromhetzblatt weiter. Oberlehrer Streicher wurde wegen willkürlichen Verlassens seines Amtes in Disziplinaruntersuchung gezogen und von der ersten Instanz bloß zur mildesten Strafe der Versetzung verurteilt. Die Sache ,kam schließlich vor die Disziplinarkammer des Verwaltungsgerichtshofes in München, die nunmehr endgültig Julius Streicher seines Amtes als Lehrer, jedoch unter Zubilligung der gesetzlichen Pension, enthob. Die Tatsache, daß Streicher in seinem von Obszönitäten strotzenden Hetzblatt «Der Stürmer» Ritualmordbetze betrebt, wäre für sein ferneres Wirken als Erzieher der deutschen Jugend kein Hindernis gewesen, kn Gegenteil — er wird mit einer Pension noch extra belohnt, um desto ungehinderter sein übrigens sehr einträgliches Geschäft der Pogromhetze weiter betreiben zu können. Wie Rathenau ermordet wurde In der kürzlich erschienenen Darstellung des Grafari Keßler „Walther Rathenau, sein Leben und sein Werk“ findet sich ein Bericht, nach dem ein katholischer Priester beim damaligen Reichskanzler W1 r t h vorgesprochen habe, der Wirth angeblich „unter Bruch des Beichtgeheimnisses“ zitternd eröffnet habe, daß ein Mann ihm im Beichtstuhl gestanden habe, er sei ausge 1 ost, um Rathenau zu ermorden. Dieso Mitteilung, die einen geschichtlichen Vorgang nicht richtig wiedergibt, hat zu einem Briefwechsel zwischen Dr. Wirth und Grafen Keßler geführt, der in der jüngsten Nummer der von Dr. Wirtb berausgegebenen Wochenschrift „Deutsche Republik“ veröffentlicht wird. Wirth gibt von dem Vorgang folgende authentische Darstellung: „Es ist richtig, daß in Jenen düsteren Tagen der Geschichte Deutschlands, wo wir um die Erhaltung der Einheit unseres Vaterlandes aufs tiefste besorgt waren und wo innerlicher Zerfall und Bürgerkrieg sich drohend auf uns herabzusenken schienen, ein katholischer Priester ln das Reichskanzlerhaus kam und mir einfach und schlicht in wenigen Worten und zugleich in ernster Form eröffnete, daß das Leben des' Ministers Rathenau bedroht sei. Von mir selbst wurden Gegenfragen begreiflicherweise nicht gestellt. Der ganze Vorgang vollzog sich nur zwischen dem katholischen Geistlichen und mir.s Ich war mir des Ernstes dieser Mitteilung wohl bewußt und machte darüber auch an die zuständige Stelle der Reichskanzlei selbst die entsprechende Mitteilung. Dann wurde Rathenau selbst gerufen, ln eindringlichen Worten beschwor ich ihn, doch endlich seinen Widerstand gegen einen starken Sicherheitsdienst aufzugeben. In seiner bekannten und vielen seiner Freunde wohl vertrauten Art lehnte er diesen entschieden ab. Ich eröffnete ihm darauf den oben geschilderten Vorgang und fragte ihn, ob er einsähe, daß der Schritt des katholischen Priesters eine hochernste Sache sei. Meine Mitteilung machte auf Minister Rathenau einen tiefen Eindruck. Bleich und regungslos stand er wohl zwei Minuten vor mir. Keiner von uns wagte auch nur mit einem Worte die Stille zu unterbrechen. Rathenaus Augen waten wie auf ein fernes Land gerichtet Er kämpfte sichtlich lange mit sich. Plötzlich nahmen sein Gesicht und seine Augen den Ausdruck unendlicher Güte und Milde an. Mit einer Seelenruhe, wie s

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