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Die Stimme · 1928-07-19 · Heft 29 (19.7.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 29 (19.7.1928)
Date
1928-07-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 29 Oskar Wassermann — ein streng disziplinierter f Kopi, nüchtern. trocken, Zahlenmensch, doch nicht ohne Schwung und Phantasie. Kr ist eine Synthese von jüdischem Scharfsinn und deutscher Gründlichkeit. Er ist kein Zionist, besitz.; aber eine erschöpfende Kenntnis Erez Israels und der zionistischen Probleme. Ein Mann, dem große Energie und Schaffenskraft eigen ist. Louis Marshali — konservativ, immer im Kampfe mit dem Zeitgeist. Ein Veteran, der in öffentlicher Arbeit für die Interessen des Judentums in Ehren ergraut ist. Einer der besten Kenner der Probleme des Weltjudentums. Marshall ist ein Führer von altem Format, automatisch, mit starkem Verantwortlichkeitsgefühl, patriarchalisch, charakterfest, impulsiv und angriffslustig — allen neuen, progressiven Ideen des modernen Judentums entschieden abgeneigt. Dem Zionismus, dessen Gegner er ist, tritt er mit Ernst und ehrlichem Willen zur Objektivität entgegen. Er gehört jener geringen Zahl großer Weltjuden an, die die Kraft haben, der Epoche ihre Persönlichkeit aufzudrüoken. Sein Wort hat großes Gewicht und seine Beteiligung an der Konferenz der Jewish Agency ist von höchster Bedeutung. Felix Warburg — seinem innersten Wesen nach mehr Europäer als Amerikaner. Ein Intellektueller mit großem Weitblick und mit lebendigem Gefühl für das Judentum. Er nimmt starken, aktiven Anteil an der Wiederaufbauarbeit in Ercz Israel und hat das feinste Verständnis für die kulturellen Ziele des Zionismus. Er hat das aufrichtige Bestreben, an den Geist der jüdischen Massen Anschluß zu finden. Warburg ist ein moderner Großkapitalist mit Romantik, kokettiert gerne mit philosophischen, religiösen und sozialen Ideen. Dr. L. K. Frenkel — ein großer Arzt, der seit mehreren Jahren im amerikanischen Versicherungswesen zu führender Rolle gelangt ist. In letzter Zeit hat er sich jüdischen Erziehungs- und Gesundhedtsfragen zugewendet. Ein gründlicher Kenner der jüdischen Kolonisationspropieme, besuchte er Krim und Erez Israel, ist ein treuer Gefährte M a r s h a 11 s.» Das Profil der Jewlsh-Agency-Verefnbarungen umreißt sehr scharf B. Kaznelson in einem Leitartikel des palästinensischen Arbeiterorgans «Dawar». Er schreibt u. a.: «Auf zwei Fragen hat die jüdische Oeffentlicbkeit die Antwort seitens der Herren der erweiterten Agency erwartet: Welches wird ihre Beteiligung am Aufbauwerk sein? und: Welcher Art sind die Wege, die ihr uns führen wollt? Auf beides ist die Antwort gegeben worden, sowohl durch das Gesagte wie durch das Ungesagte. Die Antwort auf die erste Frage: Wir nehmen in unsere Hände den zionistischen Sammelapparat und die zionistische Kasse; wir glauben, daß in unserer Hand der Sammeiapparat dann nicht 650.000 Pfund einbringen wird, sondern eine Million. Wir sind bereit, alle zionistischen Positionen zu übernehmen, auch die noch nicht fundierten Siedlungen, die Kolonisationsabteilung, die reorganisiert werden muß (nach Sacher?), die Palästina-Aemter und den Keren Hajessod und so fort. Darin ist auch schon das Negative enthalten: Neue finanzielle Methoden haben wir nicht. Die Sentiments des zionistischen Steuerzahlers, der in Zukunft seinen Betrag verdoppeln soll, und Drähten umspannt, und zuletzt ließ er sich im Garten seiner Villa in Sulz-Stangau ein Glashäuschen errichten, in dem er schlief. Er war auch überzeugt, daß die Juden Houston Stuart Chamberlain auf diese Weise langsam getötet hätten. Als er von der schweren Erkrankung des von ihm verehrten Mannes hörte, fuhr er selbst nach Bayreuth, um i.hn zu warnen. Es hat ihm furchtbar wehe getan, daß Chamberlain ihm nicht geglaubt und zu seinen Warnungen geiächelt hat. Was er auf dem Gebiete seines Wahnes vorbrachte, war derartig suggestiv überzeugend, daß ich manchmal wirklich so weit war, alles für wahr zu halten. Tatsächlich waren alle Metallgegenstände auf seinem Schreibtisch magnetisch und ebenso wiar seine Taschenuhr eines Tages stehengeblieben und es wurde vom Uhrmacher konstatiert, daß die Metallteii-e magnetisch geworden seien. — Was soll man davon denken? Wir, die ihm nahestanden, haben oft nicht gewußt: Ist er wahnsinnig oder nur ungeheuer hellsehend?» . . . Hätte ein liebender Freund ihn wohl rteten können? Ich glaube, daß nur eine Rettung möglich gewesen wäre: Erbarmungsloses ZurLickgehen auf den kranken Fleck im Unbewußten, den er durch ein ganzes Leben verdrängt, verdeckt und übertäubt hatte und an dem er doch in seiner Tiefe litt: sein Judentum. Hätte er lernen müssen, daß alle die Worte und Tugenden, die er so gerne mit dem Wörtchen «arisch» schmückte, genau mit demselben Rechte auch mir dem Wörtchen «jüdisch» geschmückt werden können, daß alle die Fehler und Mängel, die er so gerne mW dem Wörtchen «jücMsch» geißelte, genau mit derselben Logik auch mit dem Wörtchen «arisch» gebrandmarkt werden können, hätte er Ehrfurcht für seine Vorgeschichte und somit auch für sich selbst gewinnen können, so wären seine großen Fähigkeiten vielleicht zu erfreulicher Erfüllung gekommen. So aber vergieudete er unfroh und sinnlos eine schöne Kraft. Auch er wird nur dauern als ein warnendes Beispiel für die an sich selbst frohgewordene und gemundete jüdische Jugend. Denn unselig fet die Pflanze, welche den Boden verdammt, daraus sie gewachsen ist, unselig der Baum, der aus seinen Wurzeln Gift an Stelle der Nahrung empfängt und doch k’ine Möglichkeit besitzt, in neuem Boden neue Wurzeln zu schilagen. Leo Krieger, Mähr.-Ostrau Gigi Holeech, Troppau Verlobte der Ruhm der neuen Herren ist unsere einzige Aussicht. Dies ist die Antwort der Kommission, in der die großen jüdischen Geldmagnaten aus Amerika, England und Deutschland sitzen ... In einer solchen Situation soll man gewiß nicht den Wert der positiven und berechtigten Ausführungen bestreiten, die im Bericht auch enthalten sind. Mit einer gewissen Befriedigung muß man betonen, daß die Stellungnahme gegenüber der Mandatsmacht die ernste Haltung unabhängiger Menschen ist. Bedeutsam ist auch die Ansicht der Kommission, daß in Palästina 33.000 neue bewässerte Wirtschaften und 50.000 neue unbewässerte Wirtschaften geschaffen werden können, was bedeutet, daß im Lande noch Platz ist für eine halbe Million Seelen in der Landwirtschaft und mithin eine weitere Million außerhalb der Landwirtschaft. Diese Anerkennung der Kommission ist an sich bedeiri=am, aber ihr realer Wert wird sehr gering, wenn hinterher alle bekannten Grundsätze des zionistischen Q uie t i s m u s'atrfgezählt werden, dessen ganze Weisheit darin besteht: S6i still und tue nichts.» Ka-nelson schließt: «Palästina bezahlt die Rechnung», hat auch vor eitriger Zeit der Präsident der Organisation erklärt. Jawohl! Das arbeitende, das schaffende, das leidende und lebendige Palästina bezahlt, aber es wird auch wissen, sich zu empören. Wer das Schwert erhebt gegen die Grundlagen im Zionismus, gegen die Freiheit des Siedlers in der Wahl seiner Lebensformen, gegen das Prinzip des nationalen Bodenbesitzes, der erhebt das Schwert gegen die Totalität der zionistischen Bewegung. Und d i c se Eure Ansicht wird niemals verwirklicht werden.» Erleichterung der jüdischen Ausv/anderutng aus Rußland Zwischen der Moskauer Abteilung der Jewish CoJönisation Association (JCA) und 'der Rcglerungskommission für Landansiedlung und Industrialisierung der Juden ist ein A bk o m m e n getroffen worden, demgemäß die Auswanderung von Juden aus Rußland von jetzt ab erleichtert werden soll. Das Moskauer Emigrationsbureau der JCA hat bereits einen Stab von Funktionären zur. Regelung der jüdischen Auswanderung aus Rußland engagiert, ln den wichtigsten Provinzstädten sollen Emigrationsbureaus eröffnet werden; der Zeitpunkt dieser Eröffnung hängt davon ab, wie weit es möglich sein wird, einen geeigneten .Mitarbeiterstab für:die'Provinz zu finden. Der Oberste jüdische Schiedsgerichtshof in Amerika In Amerika werden jetzt die in einzelnen Städten bestehenden jüdischen Schiedsgerichte, die in Streitfällen zwischen jüdischen Körperschaften und Institutionen schlichtend zu intervenieren haben, organisatorisch - zusamm-engefaßt und zu einer großen nationalen Körperschaft ausgestaltet, «ü-e einem Obersten jüdischen G c- I 1 Herrliche Garten-Tennisplätze unter schattigen Bäumen mitten im Grünen 36er und 37er Linie in nächster Nähe 8 stunden samt Trainer pro Person S IS*—I Während der Monate Juli und August noch einige ermäßigte Einzelstunden zu vergeben! Erstklassige Trainer XIX.,* Kahlenbergerstraße 46 Tel. A12-6-35 r i c h t s h o f unterstellt wird. Von dieser Reorganisierung des jüdischen Schlichtungswesens erhofft man sich eine rationelle und zweckmäßige Regelung aller Fragen, die mit der Existenz der zahlreichen jüdischen Vereine, Landsmannschaften, humanitären mrd kulturellen Anstalten wsw. verbunden sind. Der Oberste jüdische Gerichtshof wird insbesondere dafür sorgen, daß sämtliche innerjüdischen Streitigkeiten und Konflikte, soweit sie gesellschaftliche Dinge betreffen, ausschließlich vor der jüdischen Schlichtungsstelle ausgetragen und nicht vor die allgemeinen Gerichte gebracht werden. Slater ist noch immer nicht rehabilitiert Das am 9. Juli begonnene Berufungsverfahren Oskar Slaters gegen seine vor neunzehn Jahren erfolgte Verurteilung ist in Edinburgh zum Abschluß gekommen. Die Richter teilten mit, daß sie ihre Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgeben werden. Beim Verlassen des Gerichtssaales erklärte Oskar Slater Vertretern der Presse, daß nur das Bewußtsein seiner Unschuld und der Glaube an den Durchbruch der Wahrheit es ihm ermöglicht hatten, die neunzehn Haftjahre gut zu überstehen. Als ihm die Richter seinerzeit die Mitteilung machten, daß das gegen ihn aitsgcsjnochene Todesurteil nicht vollzogen werde und er zu lebenslänglichem Kerker begnadigt sei, erwiderte «f den Richtern: «Das habt Ihr getan, um Euer eigenes Gewissen zu entlasten; Ihr habt damit aber nur den Rahm aus dem Gefäß Eurer Schuld atjgeschöpft.» Slater erzählte noch, daß er in den langen Gefängnisjahren sich viel wissenschaftlicher Lektüre gewidmet und vor den MithäfHingen 26 Vorträge über verschiedene Themen der Physik, Psychologie usw. gehalten hat. Er schloß: Ich bin nun von meinem amfänglichen Begphren nach Widervergeitung geheilt; ich will nicht Rache sondern die Reinwaschung meines Namens. Eine unbeglichene U. S. A.-Schuld an einen Juden. Es ist unglaublich, aber wahr: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, heute die Gläubiger der ganzen Welt, haben eine unbeglichene Staatsschuld aus der Zeit, da sie entstanden, aus dem Unabhängigkeitskriege; und ihr Gläubiger ist ein Jude, der sich um die Unabhänglgkeitsbewegnng die größten Verdienste erwarb, indem er — weit über das sogenannte finanzielle Risiko hinaus — unter Gefahr des eigenen Lebens die Beschaffung von Mitteln für die Führung des; amerikanischen Freiheitsr krieges übernahm und erfolgreich zu Ende brachte. In den Siebzigerjahren des 18. Jahrhunderts kam ein vermögender, vielgereister jüdischer Kaufmann mit Namen Chaim Saloman, der, aus einer angesehenen Familie in Polen stammte, nach New York, das damals englischer Besitz war, mit der Absicht, sich dort niederzulassen. Nicht lange nach seiner Ankunft kam die Unabhängigkeitsbewegung der sieben englischen Kolonialdistrikte jenseits des Atlantik zum vollen Ausbruch. Solomon, ein eifriger Anhänger des Freiheitsgedankens, stellte sich sofort in den Dienst der Unabhängigkeitsbewegung und lieh der Regierung Washingtons 600.000 Dollar zur Führung des Krieges; überdies machte er sich erbötig, Washington aus Holland und Spanien Anleihegeber für die Kriegführung gegen England zu beschaffen. Die Engländer, welche zu Beginn des Krieges (1770) in New York saßen, erfuhren von diesem Angebot und verhafteten Solomon, um ihm den Prozeß zu machen.. Unter Lebensgefahr floh Solomon aus dem Gefängnis und führte seine Aufgabe der Anleihebeschäffung von holländischer und spanischer Seite durch. Die von Solomon zur Verfügung gestellten Mittel e# löglichten cs der Union, den Unabhängigkeitskrieg siegreich zu Ende zu führen. Die Schuld an Solomon ist — das ist von der Regierung der Union anerkannt — bis heute nicht zurückgezahlt. Mit den Zinsen beträgt sie heute zirka 180 Millionen Dollar. Es ist merkwürdig, daß bisher dieses Vorkämpfers der nordamerikänischen-Freiheit nicht gebührend gedacht wurde. Im Jahre 1861 wurde wohl im Kongreß der Union eine Vorlage cingcbracht, eine goldene Solomon-Gedächnismünze zu prägen, doch lehnte der Kongreß diesen Antrag ab. Nun hat sich ein Komitee, vorwiegend aus Geistlichen aller Konfessionen bestehend, gebildet, welches anläßlich der Wiederkehr des Todestages Solomons sein Gedächnis verewigen will. Es wird dem Kongreß vorgeschlagen, von der erwähnten unbezahlten Schuld einen gewissen Betrag zur Errichtung einer National - Universität in Washington zu verwenden, welche den Namen Solomons tragen soll und als geistiger Mittelpunkt aller Universitäten der Vereinigten Staaten gedacht ist. Nach den Plänen der Führer dieser Bewegung soll den Präsidenten der Vereinigten Staaten nach ihrem, Rücktritt vom Amte das Rektorat der Universität angeboten werden. Ferner sollen durch Freistellen Studenten aller Länder der Welt in Washington zusammengebracht werden. Besondere Berücksichtigung soll das Studium und die Ausbildung der Neger und Indiane r finden. Streit um ein Palästina-Legat Im Herbst 1924 verstarb in Pieterm ari tzb urg (Südafrika) der jüdische Kaufmann A. Nathan. Er hat über sein Vermögen in der Weise bestimmt, daß fünfzig Jahre nach seinem Tode, also im.Jahre 1974, eine definitive Liquidation aller zuan Teä in jährlichen Zahlungen bestehenden Renten an Erben usw. stattfinden solle und daß das Gesamtvermögen, das dann auf etwa eine Alilli«a . Pfund geschätzt werden kann, für die verschiedensten Zwecke des Palästina-Aufbaues verwendet werden soll. Nach dem Testament soll, daraus ein Faniilienf o n d s gemacht werden. Unglücklicherweise hat -Herr Nathan die Körperschaft, die er nach 50 Jahren, wenn.alle übrigen Verpflichtungen des Testaments definitiv erledigt sind, mit der Verwaltung des Kapitals und der Durchführung seines tetztwitKgen Wunsches, die Summe für Palästina zu verwenden, betraut. wissen will, nicht genau bezeichnet. Es ist deshalb zwischen der JCA und der Jüdischen Kolonialbank ein Streit entstanden, wem die definitive Verwaltung dar Gelder und die Durchführung des Willens des Testatore zusteht. Wie wir erfahren, schweben Vergleichsverhandlungen, um die sich . insbesondere der Vizepräsident der Berliner jüdischen Gemeinde, Rechtsanwalt Dr. Klee, bemüht, der sowohl dem Verwaltungsrat der JCA wie dem Aufsichtsrat der Jüdischen Kolonialbank angehört. Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannabme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später erlangende Einsendungen können keine Ausnahme In die laufende Nummer linden.

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