Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1928)
- Date
- 1928-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE STIMME Nr. 9* 2 •V ^Welse Vertretungen der Judenschaft anderer Länder 4o die Agency einzubeziehen. Aus allem geht klar hervor, dai'3 es sich heute UjRht um die Streitfrage handeln kann, ob die Plattform -der Sarvey Commission anzunehmen oder zu verwerfen ist: es handelt sich vielmehr darum, daß eine klare 'Stellungnahme auf zionistischer Seite erfolge, die einen Weg eröffnet, den beide Partner ohne Verzicht wi ihren Standpunkt gehen können. Das amerikanische Expertenelaborat tritt an das 'Problem des Palästinaaufbaues vom kolonisatorischen, •.ökonomischen und politischen Gesichtspunkte heran. ^Es ist im wesentlichen ein Werk von Fachleuten, die )voc zionistischen Gefühlsmomenten und Traditionen ^«unbeschwert» sind und man soll sich nicht allzusehr wundern, daß dieses Protokoll den Zionisten manche fiattzirfiarte Nuß zu knacken gibt. Aber trotz allem wäre es ungerecht, wollte man einseitig die unleugbaren Män- *gel kritisch zerpflücken, ohne die positiven Seiten ifder Sache hervorzukehren. Es ist nicht ohne Bedeutung, '?daß die führenden Männer der großen amerikanischen Jjudenheit die Mitarbeit am Aufbau Palästinas als alljjüdische Pflicht normieren und sich bereit erklären, an •^fiesem Werk mitzuwinken; daß von tatsächlichen, ^.wenngleich augenblicklich formell nicht beglaubigten ^Repräsentanten weiter und bedeutender, nichtzionistifscher Kreise, von Männern mit Einfluß die Aufgaben £der Mandatarmacht in einer Weise umschrieben wer- Mw, dte^anch der radikale Zionist begrüßen kann. Ringwalds Paketexpress Täglich nach den Nordand Westetaaten. Bedeutend schneller als Post, kein Frankaturzwang, keine Gewichtsgrenzen, freie Abholung I., Parfsergasse 4 Tel. *4-1-72, 62-4-t* Wer die Politik Weizmanns prinzipiell bejaht, die Politik, welche darauf hinzielt, das Palästinawerk zu einer alljüdische« Aufgabe ohne Parteiunterscheidung zu machen, einer Aufgabe, welche neben Pflichten auch Rechte und Verantwortungen festsetzt, ohne daß der, normierte oder nicht normierte, tatsächliche Primat der zionistischen Organisation eine Einbuße zu leiden brauchte — der wind angesichts des uns vorliegenden Dokumente der Sarvey-Commission wiederum erkennen, daß zur völligen Realisierung des konstruktiven Gedankens Welzmanns ein langer Weg führt, der nur in Etappen zu gehen ist. Eine solche Etappe ist nunmehr erreicht, nicht mehr. An der zionistischen Organisation liegt es nun, sich würdig und zionistisch mit der Situation auseinanderzusetzen, die sie heute vorfindet. Noch einmal: sicht Annahme oder Ablehnung, sondern Stellungnahme! Das zionistische Aktionskomitee hat nun das Wort, freilich nicht das letzte Wort; denn die letzte Entscheidung muß bei der Organisation selbst und bei ihrer VoliVertretung, dem Kongreß, liegen. Niemand ist zufrieden! Wie der Bericht der Jewish-Agency-Kommission in England aufg^nommen wurde. Die Publikation des Gesamtberichtes« (Von unserem Londoner P. K.-Beriobtenstatter.) . Die Ergeb&sse der sogenannten Jewish-Agency- -Konferenz haben ttiemaoden (befriedigt: in der ganzen Weit werden sie heute diskutiert, aber selbst unter den konsequentesten Anhängern des Gedankens der Erweiterung der Jewdsh-Agency überwiegt die E n tfcäuschung weit über die Befriedigung. Den Kernpunkt in der Beurteftung der Konferenzergsbmsse trifft der Chefredakteur des Londoner Tagblattes „The Jewish Times“, der ausgezeichnete Publizist Morris Myer, in seiner großangelegten Erörterung, Sn «ter er «. a. schreibt: „Die Hauptfrage ist: Was hat die Kommission zu ton beschlossen, um das jüdische nationale Hehn gemäß der Baifour-Deklaration aufzubauen? Dies ist die entscheidende Frage, an der man den Bericht za messen hat... Wir beginnen rmt dem vor-;geschlagenen Budget, weil dies der entscheidende [Punkt des Berichtes ist. Mit einem Budget von einer 'Million Pfund jährlich auf fünf Jahre, wie es beschlossen worden ist, kann man nicht sehr -viel ausrichteni I Drei Unselige*) Von Prot Df. Theodor Lessoig (Hannover). 3. Artur Trebitsch. (Schluß.) Der kranke Subjektivismus trat in Trebitschs letztem Buche, der 1925 erschienen «Arischen Wirtschaftsordnung», klar an den Tag. Einige wichtige und haltbare Gedanken über Geld und Geld Wirtschaft waren überwuchert von persönlichen Gefühlen. Er kam in diesem Buche (obwohl er es nicht Wort haben will) durchaus hinaus auf eine Theorie des Kommunismus, das beißt auf weitestgehende Verstaatlichung der Werkzeuge und Werte. Ja, er predigt eigentlich, wie Leonhard Nelson, den mit Führerauslese verknüpften «Absolutismus der Vernunft». Aber indem er diese Diktatur errichtet, heftet er dieser alilbeherrscheoden Vernunft gerade die entgegengesetzte und atieruewernünftigste Etikette an: die nationalistische. «Herrschaft der Vernunft» ist ihm gleichbedeutend mit «Arischer Weltordnung», «Sieg der Sittlichkeit» ist ihm gleichbedeutend miit «Erderoberung der Germanen». Hierzu kommt, daß Trebitsch die Judenfrage dauernd vermengt mit den Fragen der Leidenden überhaupt, mit Fragen der Proletari'sierung, mit Arbeiterfrage, sozialer Frage, Minoritätenfrage. Er faßt nämlich das Judentum auf als einen soziologischen Vorgang der fortschreitenden Entsklavung. Seine Gedanken sind eigentlich nur die Fortsetzung von Nietzsches Lehre vom «Sklavenaufstand in der Moral». Er haßt im Juden den zur «Herrschaft» kommenden Sklaventyp. Wie Nietzsches «Antichrist» den Paulinismus und schließlich das ganze Christentum (gerade im Gegensätze zum ursprünglichen Judentum oder Urchristentum) aLs Sklavenmoral betrachtete, so wird für Trebitsch der Jude aurn Träger aller Sklavengefühle und Sklavenziele. Es ist nun merkwürdig, wie dieser zum Kriegergott Wodan betende Jude sich abfindet mit der leidigen Tatsache, daß er selber der verhaßten Sklavenschichte entstammt. Zuweilen läßt er durchblicken, daß er selber, wie durch ein Wunder, von aller Judenblütig- Siehe «Die Stimme» Nr. 25, 26 und 28. eine MitKom Pfund jährlich — ist dös alles, was Zionisten und Ntehtzionisten, die armen und reichen Juden zusammen, für den Aufbau des jüdisch-nationalen Heimes aufzubringen imstande sind? Vielleicht war es überhaupt nicht praktisch, ein solches Budget zu veröffentlichen, weil jeder aus ihm die Schwäche und mangelnde Opferwüflgkeit des jüdischen Volkes gegenüber seiner historischen Aufgabe, zu deren Eufüßamg ihm die Völker durch die Ballfour- Detfdaration, den Beschluß von San Retno und das Palästina-Mandat die Zustimmung gegeben haben, ersehen kann. Gewiß ist es wahr, daß bisher noch weniger als eine Million Pfund jährlich für Palästina aufgebracht wurden. Bisher brachte man nur ungefähr 60 Prozent davon, 600.000 Pfund, auf. Die Welt wußte jedoch, daß dieser Betrag nur von Zionisten, den armen und den dem Mittelstand angehörigen Juden aufgebracht wird, während sich die reichen zurückkeit bewahrt und mit reinem Arierblut gesegnet sei. Dann wieder bekämpfte er seine Minderwertigkeitskomplexe mit der Theorie, daß die ix dritter Generation getauften Juden sich in Germanen umwandeln könnten. Die Emanzipation der Juden sei der nämliche Vorgang gewesen, wie die Entsklavung der Plebs Im alten Rom. Damals aber habe man in Rom dreierlei Typen unterscheiden müssen: den tttertus, den frelgelassenen Sklaven, den libertinus, den Sohn eines Freigelassenen (Trebitsch bringt sehr geistreich und mit ähnlich kühner Ethymologie, wie Nietzsche sie liebt, das Wort libertinus mit dem französischen libertin, also mit der Entartung des Sexuallebens, in Verbindung), und drittens endlich den ingenuus, den bereits Freigeborenen. Horaz, der Dichter, Epitktet, der Philosoph seien Abkömmlinge von Sklaven und dennoch echteste Römer gewesen. So sei auch ihn, Trebitsch, die Aufgabe geglückt, von jeder Aehniichkeit mit diem Pariatum der Vorfahren loszuikommen. Diese Gedankengänge Trebitschens und viele ähnliche sind unterströmt von persönlichen, Ihn krank machenden Gefühlen. Je einsamer, erfolgloser, abgedrängter, vereinzelter der unselige Kämpfer sich fühlt, um so rücksichtsloser drängen unterirdische Quellen ans Licht. Seine Krankheit wird genährt von einem einzigen wunden Punkte des Unterbewußtseins, von der verdrängten Gewißheit, daß seine Lehre für ihn selber nicht stimmt. Mit besonderer Vorliebe zitiert er ein grobes und unschönes Wiener Volkswort: «Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse Hegt die Schweinerei.» Somit aber wäre auch für ihn «einerlei», was er zu sein glaubt, und er muß untersuchen, was er denn nun selber i s t. Sein Lebensgefühl aber sagt ihm, daß zweitausend Jahre Volksgeschichte nicht vom einzelnen Individuum aus einfach zu durchstreichen sind und daß ganz entfernte Vorgeschlechter wirksam bleiben auch im heute Lebendigen. «Ganz vergessener Völker Müdigkeiten kann Ich nicht abtun von meinen Lidern.» So fühlt sich Trebitedh als der «A/lann im Schatten». Das ist jener Sehnsüchtige, der Immer der Sonne nach springt, aber sein Schatten springt mit, er kann nicht in die Sonne gelangen und bleibt trotz aller Sprünge seines Geistes eingebannt ln den schrecklichen Schattenring, der ihn gegen die Welt isoliert und vom hielten. Wenn man jedoch «dt den reichen Juden zusammen auch nicht mehr als eine Million Pfund '!irlich aufzulbringen projektiert, so muß man daraus den Schluß ziehen, daß das jüdische Volk gar keine Eile hat« das jüdische Heim aufzubauen. Das Schlimmste aber ist, daß selbst diese eine Million Pfund jährlich nicht garantiert wird. Es ist keinerlei Sicherheit vorhanden, daß dieser Betrag aufgebracht werden wird. Es sieht vielmehr so aus, daß. auch in Zukunft dasselbe geschehen soll* was bisher geschah: auch die Zionisten allein hatten bereits das Projekt eines jährlichen Budgets von einer Million Pfund. Sie bekamen jedoch diesen Betrag nicht und verminderten daher das Budget. Das gleiche wind wahrscheinlich mit dem vorgeschlagenen Budget der erweiterten Jewish-Agency geschehen.* Besonders kennzeichnend ist dfe Stellung der englischen Zionisten zum Bericht, die auf der am 8. Juli stattgefumdenen Jahreskonferenz in einer Reihe von Resolutionen mm Ausdruck kam. Nach dem Ausdruck der Befriedigung über die Teile des Berichtes, welche die bisherigen Leistungen in Palästina und die Pflichten der Mandatarmacht betreffen, besagt Punkt 5 der angenommenen Resolution: Die Konferenz wünscht jedoch düe Aufmerksamkeit auf folgende Punkte zu lenken, die für die Interessen des Jüdischen Nationalr heims lebenswichtig sind: a) Es ist wesentlich, daß die jüdische Einwanderung nach Palästina vergrößert und sowohl von der Jewish Agency als auch von der Palästina-Regierung ermutigt wird. Den Einwanderern, und zwar sowohl den Arbeitern als auch den Bemittelten, sollen die notwendigen Erleichterungen zur Einwanderung und Niederlassung gewährt werden. Daher ist die Konferenz der Meinung, daß der in dem von der Kommission vorgescblagenen Budget für Immigration ausgesetzte Betrag unzureichend ist. b) Indem die Konferenz die Politik der Konsolidierung der 'bestehenden Siedlungen unterstützt, hält sie doch eine vorübergehende Einstellung neuer KJolondsation für unerwünscht, da sie die finanzielle Unterstützung des jüdischen Volkes beeinträchtigen könnte. c) Zu der Ablehnung künftiger Errichtung vor Kwuzoth bemerkt die Konferenz nachdrücklich, daß diese Form landwirtschaftlicher Siedlung die Opferbereitschaft und Hingabe der Chaluzkn sowie die Bewunderung von jüdischen und nichtjüdischen Freunden der Bewegung hervorgerufen hat, und daß die weitere Errichtung von Kwuzoth, unter den durch ökonomische Erwägungen notwendig erachteten Sicherungen, gestattet und unterstützt werden soll. Lichte abschließt und ihn nie Ioskommen läßt von dem geheimsten Bewußtsein: «Auch D u bist Jude.» Diese gar nicht seltene Psychose läßt aber alle positiven Gaben der Rasse negativ entarten. Denn der Unsichere möchte ja immer vergessen oder vergessen machen. Er wirbt um Achtung, er bettelt um Liebe. Et offenbart nicht, sondern vermummt. Er gibt sich nicht naiv, sondern schauspielert eine Rolle. Er tut das vielleicht sogar da noch, wo er naiv Ist. Er sucht immer Selbstbestätigung. Sekt Werk ist nicht Haut, sondern Panzer. Wie aber der geborene Aristokrat ganz gewiß nicht «aristokratelt», sondern gerade daran Sich offenbart, daß er keine Vorrechte haben will und das Schicksal der Schwächeren auf die stärkeren Schultern nimmt in froher Selbsthingabe und Verantwortung, so wird auch ein gesundes Rassegefühl nicht mit dem Adel des eigenen Blutes prahlen, sondern die gute Art tut sich kund, ohne davon zu wissen. Wäre der Mensch froh und fest im sich selber, was kümmerten Ihn dann wohl die schiefen Wertungen der Welt? Was die Wortgespenster: Jude, Christ, Semit, Germane? Aus unverbrüchlicher Selbstachtung, aus der Würde der eigenen Art strömen unbesiegbare Kräfte. Der in sich selber glückliche Jude (gerade in den schwersten Tagen dankte der Jude im Gebete für das Glück, als Jude geboren zu sein) kann alleinstehen, sei es ge gen die ganze Welt. Wird aber Judesein zum Begriff der Unsicherheit und des Gedultetselns, will der Jude statt Selbstbehauptung nur T o 1 e r’a n z, daun ist er verloren. Er muß daun dauernd versuchen, die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten zu beeindrucken, bald durch Leistungen, bald durch Abwehrvereine, bald dadurch, daß er zum Herold seiner eigenen Würden wind, die eben dadurch zweifelhaft werden. Das ist die Lage sehr vieler Juden und war auch die Lage von Arthur Trebitsch. Er fühlt nicht, daß er mit seiner Apologetik der eigenen Person geschmacklos wirkt oder gar lächerlich oder gar bemitleidenswert, was schlimmer ist als jede positive Bosheit. Er fühlt nicht, daß die Abweisung, die er von den Deutschtumlern erfährt, welche Ihn auf das Judentum zurück-weisen und ihn gerade dem verschmähten Judentum zurechnen, durchaus berechtigt ist. Diesel Denker bittet Ja gleichsam um Entschuldigung dafür, daß er da ist. Er versucht, seine Existenzberechtigung nachzuweisen