Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1928)
- Date
- 1928-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Zeitung vom Verleger versendet Journal expedfö par l’6diteur II v. b. b, «tvV»' nt *V*U >\Vö X V^° xX^ HM/ties Abonnementpreise: Für Oesterreich: Monatl. S 1.50, viertelj. 5 420, ganzj. 16.— / Deutschland; Monatl. [iol-dmark 1.—, vierte!]'. Goldmark 3.— / Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 19.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—, vierteljährHoh Dinar 40.— mmmm 1. Jahrgang Jüdisdke Zeitung ErscXtdmtf fetten fffonnerotaft 0te«Ia&tion und Administration: Wien, J.. (ftautkensteinäasse 1 — ‘Telepfk. fd-3-S4 Wien, 19. Juli 1928 (2. Ab 5688) Polen: Monatl. Zloty 2.30, viertelj. Zloty, 5.50 / Ungarn: Monatl. Pengö 1.50, viertelj. Pengö 420 / Rumänien: Monatl. Lei 45.—, viertelj. Lei 125.,— / Bulgarien: Monatl. Lewa "SO.—, viertel]. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Betga 2.—, viertelj. Belga 5.— / Uebriges Ausland: Monatl Schweizer Franken 1.50 Nummer 29 In den Kampf für die Wiener jüdische Gemeinde! Kein Kompromiß: Die Judenschaft soll entscheiden! In dar am 9. Juli stattgetfundanen Sitzung des Parteärates dar zionistischen Organisation Oesterreichs wurde nach den Referaten der Herren Dr. Dagobert R yb.aczewski und Kultusvorsteher Dr. Desider Friedmann über diie bevorstehenden KuiltusgemeiaidewiaMen und nach eingehender Debatte der einstimmige Beschluß gefaßt, daß die zionistische Organisation allein, ohne Kompromiß mit Nichtzionisten, in den Kultuswahlkampf einzutreten hat Es wird eime Vollzugs komm iss Ion eingesetzt, welcher die Ausarbeitung der W ahl Plattform und der Wahlvorschläge sowie die Aufbringung der für die Wahlkampagne notwendigen Mittel obliegt. * Dieser Beschluß des Parteirates wird In den bewußt jüdischen Kreisen Wiens sicher freudigen Widerhall finden; das Wahlkomprom-iß mit der «Union», das im Jahre 1924 von der damaligen Parteileitung unter dem Präsidium des Oberbaurates Ing. Robert Stricker abgeschlossen worden war, trug von allem Anfang an den Stempel der Unpopularität. Die Erhaltung und der Ausbau der Wiener Kultusgemeimde als wahrhaft Jüdische Organisationsform ist — und das hat die vierjährige Arbeit des jetzt abfcretenden Kultusvor- 6asnd.es gezeigt, einzig und allein durch das zionistische Kultusgemeindeprogramm gewährleistet. Was Positives in diesem Sinne geleistet wurde, ist auf die Initiative der zionistischen Mandatare zurückzuführea In diesem Blatte wurde imm/er. wieder, zuletzt von Kultusvorsteher Dr. Desider F r i e dm an n, dargelegt, daß keine der im Kaftusvorstand vertretenen nichtzionistischen Gruppen den Bestand der Wiener jüdischen Gemeinde zu sichern gewillt oder imstande ist Die Wiener Kultusgemeinde befändet sich heute im Stadium der Krise, wo es um Sein oder Nichtsein geht. Am 2. Dezember 1928 wird die jüdische Bevölkenung Wiens entscheiden, ob sie ihre Gemeinde erhalten wAU. Dazu bedarf es strenger Scheidung. Was geht bei den „Werktätigen Juden“ vor? Wiederholt ist in der „Stimme" darauf hingewiesen worden, daß die vor mehreren Monaten begründete Gruppe der „Werktätigen Juden" von den jüdischen Assimiianten der Wiener Sozialdemokratie als Prellbock benützt wird, um die ihr unbequeme jüdische Organisationsform der Kultusgemeinde zu unterminieren und alle Ansätze positiv jüdischer Art zu zerstören. Diese Absicht der offiziellen sozialdemokratischen Juden in Wien wurde auf dem Delegiertentag der „Werktätigen Juden", welcher dieser Gruppe das organisatorische Gefüge geben solite, so deutlich enthüllt, daß sie nicht mehr abgeleugnet werden kann. Von poale-zionistischer Seite wurde ein Programmentwurf vorgelegt, der eine Reihe von jüdischen Forderungen auf kulturellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiete enthält Gegen diesen Entwurf lief nun ein Sendling der Asslrailanten im sozialdemokratisch Parteivorstand Sturm, Herr Leon Rath, der unter Berufung auf „bodenständige" Belange (nur das Wort „Belange" ist der Mentalität dieses Herrn, dessen Bodenständigkeit merkwürig jungen Datums ist, adäquat) einen Gegenentwurf vorbrachte, in welchem alle jüdischen Postulate eliminiert waren. Und nun ergab sich das interessante Resultat: Die unjüdische „Bodenständigkeit“, der in dem Zweiwochenblättchen der „Werktätigen Juden“ von den verschiedenen Werkzeugen der roten Assimilation so kräftig das Wort geredet wurde, wobei man immer die Lüge verwendete, die Juden Wiens wollten von. jüdischen (lies zionistischen) Forderungen nichts wissen, hat eine blamable Abfuhr erlitten; mit Zweidrittelmajorität wurde der „bodenständige" Entwurf des Herrn Rath abgelehnt Darauf zogen es die Sturmtruppen des jüdischen Zerstörungsgedankens in Wien vor, den Delegiertentag zu verlassen, der ohne sie zu Ende geführt wurde. Nun folgt das Köstlichste: Das Organ der „Werktätigen Juden“ hat — offenbar aus Rücksicht auf die allgemeine Sonntagsruhe — die Wahl der Gruppenleitung verschoben, während in dem poale-zionistischen Blatt mitgeteilt wird, daß folgende Leitung gewählt wurde: Albers, Dr. Bader, Dr. Glanz, Gaberger, Josef Grünhut, Dr. Herzig, Bez.-Rat Hirschfeld, Leo Kramer, Kupfer, Dr. Löwy, Gustav Moritz, Arnold Pick, Leo Rath, K. Rottenstreich, In dieser Liste befinden sich etliche Sezessionlsten, darunter auch der bodenständige Herr Rath. Ihr eigenes Organ nimmt also ihre Wahl nicht zur Kenntnis. Was geht hier vor? Man braucht sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen: Hier wird unter der Maske der Kultusgemeindepolitik der Versuch gemacht, einen Keil in das jüdische Element Wiens zu treiben. Wer auch nur einen Fanken jüdischen Gefühls hat, der jüdische Bürger ebenso wie der jüdische Arbeiter, muß jetzt erkennen, um was es geht und muß durch dieses Spiel g e w a r n t sein. Die 58.» 59. und 60. Friedhofschändung in Deutschland Der traurige Rekord der Schädlingen jüdischer Friedhöfe in Deutschland steigt von Tag ziu Tag. Vor wenigen Tagen wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kaiserslau t e r n in der Pfalz über 30 Graibsteine umgeworfen und die Gräber demoliert. Ferner wurde in Köln die Bethalle des alten jüdischen Friedhofes am Bonner Tor beschädigt; die Täter sind unerkannt entkommen. Um die runde Zahl zu erreichen, kommt noch die Schändung des jüdischen Friedhofes von Bovenden bei Göttingen hinzu, der zum drittenmal innerhalb kurzer Zeit von vandalischen Frevlern heimgesucht wurde. So ist Deutschland zur 60. Grabschändung im Verlauf eines Jahres «emporgestiegen». Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze u. Berichte: Niemand ist zufrieden. Wie Rathenau ermordet wurde. Drei Unselige (s, Arthur Trebltsch). Von Prof. Dr. Theodor Lessing (Hannover). Die Ungelernten. Von Siegfried A b eie s. Der Sehrei nach Chaluz-Einwanderung. Wie die Warschauer jüdische Gemeinde die Austrittsbewegung bekämpft. Regierungsrat Dr. B. Wachstein. Von Dr. Alexander Kristianpoller. Sport, Rätsel, zahlreiche Illustrationen. Nicht Annahme, sondern Stellungnahme! Von Prof. Artur Freud Die Veröffentlichung des Protokoll-Auszuges delr Joint Palestine Survey Commission, des vorläufigen Ergebnisses der Londoner Jewish Agency-Konferemz, hat — wie zu erwarten stand — eine Fülle von Aaueerungen in der jüdischen und zionistischen Presse aungelöst. Ein bisheriger Uetoenblick über die zionistische Beurteilung dieses Dokuments 'ergibt, daß die Bekämpfer der erweiterten Jewish Agency in ihrer Haltung bestärkt erscheinen, während ihre Befürworter von Begeisterung recht weit entfernt sind. Es sei zugeigeben: die Gelegenheit, Sturm zu laufen, ist günstig und es fällt schwerer, Ja zu sagen als sich auf Ablehnung zu versteifen. Bei der gegebenen Sachlage erscheint es als nötig, zur Klärung der Situation einige Vorfragen aufzurollen: an der Londoner Konferenz hat nicht nur die bekannte Gruppe von prominenten Nichtzionisten teilgenommen, sondern auch die zionistische Exekutive. Es kann also keinem Zweifel unterliegen, daß das Protokoll nur die von zionistischer Seite unbeeinflußte Stellungnahme der Nichtzionisten enthält, während von zionistischer Seite keinerlei Bindung vorliegt Aus dieser Feststellung wäre zu folgern, daß das Elaborat nicht die unabänderliche Stellungnahme des einen Kontrahenten der künftigen Jewish Agency darstellt, sondern eben die aus einem amerikanisch? Sachverständigengutachten bestehende und in gewissen Hinsichten ergänzte Stellungnahme jener NkMzIottisten, welche nunmehr als Verhandlungsbasis dienen soll. Es ist bereits, auch in diesem Blatte, dargetan worden, was gegen die bedingungslose Annahme des vorliegenden Elaborats spricht, daß es eine Reihe von Bedenken gibt, über die man sich nicht hinwegsetzen kann, ist zweifellos; aber man sage nicht, daß dies zionistische Bedenken sind, (vielleicht mit Ausnahme des völlig bagatellisierten Jüdischen Nationalfonds), denn man kann über die Tatsache nicht hinweggehen, daß es Zionisten und zionistische Gruppen gibt, welch ei n Fragen der Kolonisation, der Beziehung zum Chaluzelement und noch anderen durchaus so eingestellt sind wie dieses Protokoll. Unsere Auffassung, daß dieses Elaborat keinen ultimativen Charakter trägt und in der vorliegenden Fassung — nicht nur angenommen — oder verworfen, sondern auch abgeändert werden kann, ist auch der vor einigen Tagen abgehaltenen Konferenz der englischen' zionistischen FÖrderative zugrunde gelegen, welche eine Anzahl von Resolutionen zu dem Bericht der Agency-Kommission beschlossen hat, in denen unseres Erachtens in recht treffender Weise die positiven wie die negativen Seiten dieses Dokuments hervorgehoben werden. (Wir veröffentlichen die Resolutionen an anderer Stelle. Die Red.) Es ist daran festzuhalten, daß auch bei völliger Annahme des Protokolls die erweiterte Jewish Agency noch nicht besteht. Bisher ist bloß eine kleine, allerdings bedeutende und repräsentative Gruppe des nichtzionistischen, amerikanischen Judentums — dazu ein führender nichtzionistischer Jude aus Deutschland — für die neue Konstellation gewonnen. Damit wäre im Falle der Einigung mit den Zionisten der erste Schritt getan. Das Nächste wäre eine alljüdische Konferenz in Amerika, auf welcher erst die Form der Beteiligung des amerikanischen Judentums an der erewiterten Jewi&l- Agency beschlossen werden sollte, dann erst wären — der genaue Weg steht noch nicht fest — in analoge«-