Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1928)
- Date
- 1928-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMMF Nr. 28 Gruppe durch persönliche Verdächtigung en die Stimmung für Lipsky nur noch mehr befestigte. Die Jewish-Agency-Frage war das einzige außeramerikanische Problem, über das debattiert und abgestimmt wurde. Dr. Stephen S. Wise sagte, der Bericht sei im Anfang gut, aber das sei auch alles. Er wiederholte seine auf dem Kongreß gemachten Ausführungen über die Pflichten der Mandatarregierung gegenüber dem Aulbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina und kündigte an, er werde in den Sitzungen des Aktions-Komitees, die am 19. Juli in Berlin beginnen, eine oppositionelle Haltung einnehmen. Im Namen der palästinensischen Arbeiterschaft übte das poale-zionistisehe A. C.-Mitglied Mereminsky Kritik an dem Bericht der Joint-Palestine-Survey-Commission und führte aus, der Bericht bedeute eine Gefahr für den Jüdischen Nationalfonds und enthalte einen Angriff auf den national-sozialen Charakter des Aufbauwerkes in Palästina. Abg. Goldberg und Maurice Samuel befürworteten die eingebrachte Resolution, die sich für d i e Politik Dr. Weizmanns erklärt, woraufhin die Resolution zur Annahme gelangte. Bei der Wahl eines Präsidenten der Exekutive spielten sich wiederum stürmische Szenen ab. Der Permanenzausschuß schlug Elihu D. S t o n e aus Boston für dieses Amt vor. Die Opposition protestierte laut gegen Stones Wahl, weil dieser Jene Vorversammlung leitete, die die Wiederwahl Lipskys beschloß, und schlug Dr. Mordechai M. Kaplan zum Präsidenten der Exekutive vor, Schließlich wurde S t o n e mit 136 gegen 79 Stimmen gewählt, Die Konvention bestätigte sodann das Budget der Administration für die nächsten 16 Monate in der Flöhe von 180-266 Dollar. Die „Hadassah“ Der allgemeinen zionistischen Konvention in Pitts bürg ging die Jahresversammlung der zionistischen Frauen- und Mädchen-Organisation „Hädassah“ voraus, die von etwa 600 Delegierten beschickt war. Die Leitung schlug ein R e f o r mp r o g r a m m für die Administration der gesamten zionistischen Organisation vor, das mit etwa Neunzehntelmehrheit akzeptiert wurde. Die Leitung der ,.Hadassah“ wurde im wesentlichen unverändert wiedergewählt, und zwar Ehrenpräsidium Miß Henrietta S z o 1 d und Mrs. Nathan Straus; Präsidentin: Irma Lendheim; Vizepräsidentinnen: Mrs. S z o 1 d, Miß Pearl Franklin und Mrs. D e Sola Pool; Sekretärin: Miß Judith Epstein; Schatzmeisterin: Mrs. Greenberg - Mountv e r n o n. Der „Vater der jüdischen Kolonisation Palästinas“: Baron Edmond de Rothschild. Louis MarshaU in Paris Nach Dr. Weizmann und Felix Warburg weilt jetzt auch, wie aus Paris gemeldet wird, der Präsident des American Jewish Committee, Louis M a r s h a 11, dort; auch er hat dem Baron Edmond de Rothschild einen Besuch abgestattet, mit dem er Fragen der P a 1 ä s t i n a-K olonisation besprach. Jüdische Stadtratsmajorität in Brest Litowsk Bei den vorige Woche in Brest Litowsk durchgeiührlen Stadtratswahlen worden, wie uns von dort gemeldet wird, 19 jüdische Ratmänner, 9 Polen und ein Kusse gewählt. Die Wahlbeteiligung war eine sehr starke. Die Gruppe der Zionisten-Misrachisten erhielt zwei Mandate. Interessant ist, daß auch ein „Verein der abgebrannten Baalei-ßatim" mit einer eigenen Liste in die Wahl ging, und gleichfalls 2 Mandate erhielt. Die Ukrainer gingen leer aus. Das Ergebnis der Wahl hat allgemeines Aufsehen erregt und die nichtjüdischen Gruppen sind bemüht, den Wojwoden zur Annullierung der Wahl zu bewegen. Professor Otto Warburg (Zu seinem 70. Geburtstag.) Von Nahum Sokolow. J Als zionistischer Führer und Expräsident unserer j Organisation bildet Prof. Otto Warburg eine eigene Kate-! gorie: er ist der wissenschaftliche Chaluz der Erez Israel-! Pflanzer, der Behüter der landwirtschaftlichen For- | schungsarbeit, Förderer der ersten Experimente uni I vieler Unternehmungen auf dem Gebiete der praktischen | Arbeit. In jungen Jahren, als Mann großen Vermögens Herrliche Garten-Tennisplätze unter schattigen Bäumen mitten im Grünen 36er und 37er Linie in nächster Nähe 8 Stunden samt Trainer pro Person S 15-—! Während der Monate Juli und August noch einige ermäßigte Einzelstunden zu vergeben! Erstklassige Trainer XIX, Kahlenbergerstraße 46 Tel. A-l2-6-35 Samstag* den 21. und Sonntag* den 22. Juli für Jedermann offenes Vorgabe-Turnier Nennungsschluß und Auskünfte bis Donnerstag, den 12. Juli, 7 Uhr abends, an obiger Adresse und noch größerer Generosität, unternahm er die jüdische Kolonisation in Anatolien, für einen Berliner Professor gewiß ein äußerst ungewöhnliches | Unternehmen, das jedoch hinreichenden Beweis für den Geist der Initiative dieses Gelehrten als auch seiner tiefen Ergebenheit für das jüdische Volk erbrachte. ' Unter dem Einfluß seines Schwiegervaters, des im golde- 1 nen alten Typus eines Hamburger jüdischen Patriziers, i Herrn Gustav Cohn, kam er zu unserem zionistischen Kongreß, fast völlig unberührt von den auseinanderstrebenden Auslegungen des Baseler Programms, unberührt von politischen Mißverständnissen, von den nebelhaften oder strahlenden Ausblicken auf die .nationale Kultur sowie von den Parteikontroversen, dafür aber umso besser ausgestattet für praktische Arbeit in Palästina. Er fand Freude an der Vorbereitung für solche Arbeit und versuchte nicht ganz ohne Erfolg, viele Unternehmungen zu stützen und zu fördern. Sein wirklicher Beruf war Forschung und Kolonisation. Alle unsere ersten Experten wie A. Aronso«, Dr. S o s k i n und manche andere wurden durch ihn aufgemuntert. Alle wissenschaftlichen Publikationen (die Zeitschrift „Altneuland“ u. a.) wurden durch ihn und seine Mithelfer redigiert und zumeist auch veröffentlicht. Darauf verwendete er sehr viel Zeit und Geld. Dem „Bezalel“, der Palestine-Land-Development- Company und allen anderen Institutionen der palästinensischen Arbeit widmete Prof. Warburg sein bestes Können und Wissen, dem weiten Blick eines Gelehrten, der weite Forschungsreisen in der Welt unternommen, er widmete ihnen auch seine Solidität und Selbstlosigkeit. Nicht ein einziger falscher Schritt könnte ihm zur Last gelegt werden. Hatte er mitunter sich ein wenig zu weit oder zu stark vorgewagt, so brachte ihn seine kühle Art und sein unbezwingbares Naturell sehr bald wieder in die richtige Bahn. Unabänderlich und gleichmäßig blieb sein großer Eifer für die Sache, den er ohne einen Gedanken an persönlichen Endzweck aufwendete. Es war und ist noch immer unerläßliche Sisyphusarbeit, deren einzelne Teile und Kraftanwendung wohl fehlschlagen /flössen, damit der Weg für spätere Entwicklung geebnet werde. Prof. Warburg wurden alle Arten der Auszeichnung in seiner zionistischen Karriere, einschließlich der Präsidentschaft der Organisation, zuteil. Ab und zu mußten wir ihm schon hart zusetzen. Dieser Mann der Wissenschaft ist nämlich das gerade Gegenteil des gewöhnlichen'Parteiführers. Ihm ist weder Demagogie, noch die Stärke des Debatters, nichts von Prunkhaftigkeit oder rethorischem Schwung, aber auch ebenso nichts von faszinierendem, überraschendem Witz oder Sarkasmus eigen. Er hat nichts gemein mit den Erinnerungen, den Gesellschaften und Eigenarten des Ghettos, noch mit den Theorien der Assimilation. Gegenüber all diesen wichtigen Problemen verhält sich Prof. Warburg wie ein respektvoller, aufmerksamer und freundlicher Beobachter. Das zionistische Ideal ist ihm zu eigen geworden. Otto Warburg ist kein Professor in engerem Sinne, kein Mann, der Wissen über Humanität stellt oder die Beschaffenheit eines Buches höher einschätzt als sein Herz. Er hat nicht das Temperament eines Pedanten oder Bücherwurms. Der wahre Mann dar Wissenschaft ist ein Weltmann, aber ein Mann jener Welt, in der wissenschaftliche Ideen die einzig gangbare Münze sind und die innere Qualität der Seele eines Menschen das Passepartout bildet für die gute Kameradschaft. Er ist eine Welt der Gefüblsraison, aber nicht der Sentimentalität. Warburgs logische Denkweise führte ihn zur unmittelbaren wirtschaftlichen Tätigkeit. Er machte sich das zionistische Ideal zu eigen und setzte sich in dessen Realisierung in Palästina fest. Seine Popularität beruhte hauptsächlich in der Tatsache seiner ruhigen, grenzenlosen Begeisterung, lieber kleine Dinge zu leisten, als große Dinge zu versprechen. In einer bestimmten Phase der Bewegung mußte diese Arbeitsmethode mit Emphase begrüßt werden. Er wurde daher zum Präskienten gewählt und manche wertvolle Arbeit wurde vollbracht. Nützliche Schritte in dieser Richtung wurden bereits unter der Präsidentschaft des weisen und hingebungsvollen David W olfsohn ges. A. getan, aber sie mußte noch entwickelt und vereinfacht werden. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Ost und West mußte erzielt werden. Und dieses Problem war sehr dringend und von vitaler Bedeutung. Mit dem unvergeßlichen Tschlenow, Dr. Levin, Dr. Hantke und Dr. Jakobson arbeiteten wir in einer Atmosphäre aufrichtigen Vertrauens, kameradschaftlichen und familiären Zusammenwirkens, obgleich jeder einzelne unabhängig und ausgesprochen nuanciert war und jeder seine persönlichen Anschauungen und abweichenden Nuancen verteidigte. Und in jener Zeit des Berliner Zentrums war die Arbeit nichts weniger als ein idyllisches Pastorale. Es genügt, auf die dramatische Phase des Kampfes um das Recht der h ehräischen Sprache hinzuweisen. Manche von uns, Hebraisten durch Erziehung, ohne irgend eine Verpflichtung für Deutschland, hatten ja eine leichte Aufgabe. Nicht so einfach war dieses Problem jedoch damals fi> einen deutschen Professor. Prof. Warburg jedoch, so sehr er auch seinem Lande gegenüber loyal war, begriff di. unerläßliche Notwendigkeit der Wiederbelebung der hebräischen Sprache im neuen Erez Israel und ging in jenem denkwürdigen Kampfe mit uns durch dick und dünn. Er nahm an der Beschaffung der für das hebräische Erziehungswerk erforderlichen ansehnlichen Fonds durch Beiträge und Aufrufe in bedeutendem Maße teil und er war auch in der Propaganda auf seine Art engagiert. Seine Reden hatten wohl nie die Farbe, Bewegung und hinreißende Kraft, wie viele Reden, die von anderen gehalten wurden. Vom Gesichtspunkte der Klarheit, Festigkeit und Genauigkeit aber waren sie unschätzbar und überaus hochstehend. Dieser hingebungsvolle Arbeiter hat seine eigene Lebensart, die Linie großer, ruhiger und geradezu unvergleichlicher Bescheidenheit. Frei von jeder ostentativen Geste zu einer Zeit, da er die Rolle eines „Grandseigneurs“ hätte spielen können, ertrrg er die unangenehmen Begleiterscheinungen des späteren Wechsels. Aus diesem Grunde erreichte er die höchste Achtung und das höchste Ansehen: unsere Liebe, die Liebe aller jener, die im jüdischen Palästina und für das jüdische Palästina arbeiten, das ist unser herrlichster Tribut. Es ist erhebend, zu sehen, wie der Expräsident unserer Organisation gegenwärtig an der Versuchsstation in Palästina arbeitet. Nichts ist pathetischer und nichts ist natürlicher. Er vollbringt diese kleinen realen Dinge, an die er sein ganzes Leben geknüpft hat: „Eine Welt zu sehen in einem Sandkorn Und einen Himmel in der wilden Blume“. Wir sind überzeugt, daß durch dieses kleine Werk der Versuchsstation und durch hundert andere ähnliche kleine Bemühungen und Institutionen unser Heim zu einem bewunderungswürdigen Spiegelbild jüdischer Leistungsfähigkeit gestaltet wird. Wir sind sicher, daß wir mit dem kleinen Palästina den Standard Israels in der ganzen Welt heben. Zionismus ist nicht eine Aspiration in das Kolossale, in das Gigantische, Zionismus ist ein Hmstreben zu dem Auserlesenen, dem Vollkommenen, dem Ursprünglichen und dem besseren Selbst. Der innere Sinn des Zionismus ist die Entwicklung der Qualität, des Charakters, der Unabhängigkeit: nicht viele Kolonien, sondern vor allem vorzügliche Kolonien, Mustergemeinschaften. Je besser sie sein werden, desto rascher werden sie wachsen. Die Welt leidet stark unter ihrer Neigung für große Dinge — große Vermögen, große Armeen, . große Geschütze und große Städte. Seite an Seite mit dem modernen Fortschritt — der ein Massenfortschritl ist — muß jedoch die Erhaltung des Individuums, des individuellen und persönlichen nationalen Lebens fortgesetzt werden. Der kleine Geschäftsladen mit seinen seltsamen und notwendigen Eigentümlichkeiten muß nicht durch das große Warenhaus verdrängt, die kleine Werkstätte nicht durch die große Fabrik hinweggeschwemmt werden. Der Aufbau jüdischer Zivilisation in Palästina ist kein Beginnen der Produktion in großem Maßstab. Es ist ein originelles Fundamentalwerk, ein neuer Beitrag zur Zivilisation der Welt. Diese Idee liegt der Versuchsstation und auch der hebräischen Universität zugrunde. Palästina wird für das Judentum das bedeuten, was das Prisma für das Licht. Die Diaspora hat das Judentum in einer Reihe verschiedener Nuancen zersplittert. Das ganze Licht wird von Zion ausstrahlen. Professor Otto Warburg arbeitet auf seinem Tätigkeitsgebiet für die Realisierung dieses Ideals. Sein Name wird in die künftigen Generationen hineinleben als der Name unsrer glühendsten Pioniere. Es ist schwer zu glauben, daß er in sein siebzigstes Jahr eintritt. Hier scheint eine chronologische Ungenauigkeit vorzuliegen. Ich sah ihn vor ganz kurzer Zeit ganz jugendlich und voll Kraft. Wir alle wünschen ihn noch viele, viele Jahre kräftig und aktiv zu sehen. Möge die Vorsehung ihn mit dem Segen der Gesundheit, der Arbeitskraft in der weiten Sphäre seiner segensreichen Arbeit in unserem Nationalheim bedenken! Ein Ger, Märtyrer des Palästinaauibaues Zu der großen Zahl von Märtyrern, die im Kampfe gegen arabische Räuiber in Palästina bereits gefallen sind, ist nun ein neues Opfer hinzugekommen, Daniel S a p o g o w, der bei der Verteidigung seiner Wirtschaft in P e t a c h - T i k wa h von arabischen Dieben und Räubern nach einem heftigen Kampf erstochen wurde. Der Ueberfall ereignete sich um 1 fJhr nachts und Sapogow mußte schließlich der Uebennacht der Räuber unterliegen. Dieser jüngste Märtyrer im Kampfe um die Aufrichtung des jüdischen Nationalheims in Palästina war eine äußerst interessante Figur im Leben des jungen Palästina, Er war der Sohn russischer Bauern, die noch vor dem Kriege mit anderen russischen Familien von der russisch-orthodoxen Kirche zum Judentum übertraten und nach Liquidierung ihrer kleinen Habe in Rußland nach Palästina übersiedelten und dort als ehrliche jüdische Bauern und überzeugte gute Juden an dem Aufbau des Landes niitarbeiteten. Der junge Daniel Sapogow war einer der treuesten und eifrigsten Zionisten im Lande.