Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1928)
- Date
- 1928-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 28 „Die Kommission nimmt Kenntnis von der Erklärung der rumänischen Völkerbundliga, daß sie von den Gesinnungen unbedingter Humanität geleitet und von den Gefühlen zu vertrauensvoller, gemeinschaftlicher Zusammenarbeit mit den verschiedenen Völkern Rumäniens erfüllt ist und daß die rumänische Völkerbundliga in voller Uebereinstimmung mit den verantwortlichen Politikern Rumäniens aufs tiefste die Vorfälle vom Dezember 1927 in Oradea Mare bedauert und alle Anstrengungen machen wird, eine Wiederholung dieserVorfälle zu verhindern. Die Kommission spricht daraufhin die Erwartung aus, daß die rumänische Regierung in Ausführung der von ihr bereits abgegebenen Erklärungen alle ihr zu Gebote stehenden Maßnahmen ergreifen wird, um die Wiederholung solcher Vorfälle zu verhindern und die antisemitische Propaganda, die gegen die auf den Gesetzen gegründeten Rechte der jüdischen Minderheit gerichtet ist, zu unterdrücken." Diese von dem Sprecher der rumänischen Liga im Namen beider Gruppen vorgelegte Resolution wurde von der permanenten Kommission unter Beifall einmütig angenommen. Die Vorsitzende, Madame Bakker von Bosse, die sich seit Jahren überaus eifrig mit Minderheitsfragen beschäftigt und auch der jetzigen Tagung eine Reihe von Vorschlägen zur Regelung des Verfahrens in Minderheitsfragen vorgelegt hat, dankte unter dem Beifall der Kommission den Vertretern der jüdischen Ligen sowie denen der rumänischen Liga für die Art der Erledigung der Frage und betont besonders, es sei erfreulich, daß die Vertreter der beiden Völker im Wege einer gemeinsamen Beratung und ohne Intervention von dritter Seite zu einer Einigung gelangt sind. — Die Resolution gelangte dann in der Minderheitskommission, der von jüdischer Seite Dr. Leo M o t z k i n, Dr. Emil M argul i e s und Dr. N. M. Gelber angehörten, nochmals zur Behandlung und wurde angenommen. Von den anderen Beschlüssen zum Minderheitenproblera, die in der Minderheitskommission und in der Vollversammlung nach einem ausgezeichneten Bericht des Kommissionsberichterstatters Prof. B o v e t (Schweiz) angenommen wurden, sind folgende Entschließungen bedeutsam: 1. Allgemeine Anerkennung und Durchführung der am 21. Dezember 1922 von der dritten Völkerbundversammlung einstimmig angenommenen Entschließung durch die Völkerbundmitglieder. 2. Aufnahme der in den verschiedenen Minderheitsverträgen aufgestellten rechtlichen Verpflichtungen in dem Völkerbundpakt. 3. Veranstaltung einer umfassenden Untersuchung des Minderheitsvertrages durch den Völkerbundrat; Untersuchung des gegenwärtigen Zustandes der Minderheiten. 4. Baldige Einsetzung einer permanenten Minderheitskommission durch den Völkerbundrat. Drei Unselige*) Von Prof. Dr. Theodor Lessing (Hannover). 3. Arthur Trebitsch. In demselben Gymnasium Wiens, welches als seinen begabtesten Schüler Otto Weininger bildete, befand sich einige Klassen höher ein älterer, aber nicht weniger eigenartiger Schüler, namens Arthur Trebitsch. Sein Vater war, wie der Vater Ferdinand Lassalles und der Maximilian Hardens, Seidenhändler, ein geachteter und vermögender Mann, ein Industrieller, wichtig für die Entwicklung der Seidenindustrie in Oesterreich, der, aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten, seine Söhne ohne Verbindung mit jüdischer Ueberlieferung aufwachsen ließ, vielmehr ihre geflissentlich deutschen Gefühle und deutschnationalen Bestrebungen begünstigte und stärkte. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der fanatische Patriotismus in Arthur Trebitsch tief und echt war. Sein Heimatgefühl, sein Bewußtsein, durchaus ein Deutscher zu sein, seine Gewißheit, eine germanische Sendung erfüllen zu müssen, sie kamen aus Trebitschs tiefer Seele so quellecht wie nur je aus dem Herzen eines „reinblütigen Ariers“. Es liegt auch kein Widerspruch darin, daß ein reinblütiger Jude zum Träger deutscher Ziele und Ideale wird. Wie die Helden, Führer, Könige der alten Völker nahezu immer aus der Fremde eingewandert kamen und nicht autochtonen Blutes waren, so ist es auch oft geschehen, daß Judenstämmlinge (z. B. Leon Gambetta in Frankreich. Benjamin Disraeli in England, Ludovico Manin in Venedig) zu leidenschaftlichen Vertretern und Rettern anderer Nationen oder wie Torquemada zu Fanatikern anderen Glaubens geworden sind. Ja, wie Sehenswürdigkeiten einer Stadt den Eingeborenen zumeist unbekannt, weil allzu nahe und vertraut, sind, so hat man häufig beobachtet, daß die Werte einer jeden Volkheit am sichtbarsten und eindruckvollsten verkörpert werden von solchen, die den Reiz und die Besonderheit dieser Werte noch frisch zu erspüren vermögen, gleichwie Bakterien, welche für den Organismus, der an sie gewöhnt ist, wirkungslos sind, dennoch wieder aufleben, sobald sie auf ein fremdes Gewebe gelangen. Wir besitzen in der Gegenwart ein überzeugendes Beispiel an den dichterischen Schriften Rudolf Borchardts ') Siehe „Stimme" Nr. 25 und 26. Rlngwalds Pakeftexpress Täglich nach den Nord- und Weststaaten. Bedeutend schneller als Po9t, kein Frankaturzwang, keine Gewichtsgrenzen, freie Abholung I, Parisergasse 4 fei. 64-3.72, 62-4.00 Die Vollversammlung nahm sämtliche Resolutionen betreffend die Minderheitenprobleme, die jüdische Frage inbegriffen, einstimmig an. Von den übrigen zur Verhandlung gelangten Fragen betreffen die Juden noch das Problem der Staatenlosen. Bei Behandlung des diesbezüglichen Entwurfes erörterte namens der jüdischen Delegation Leo M o t z k i n eingehend die Dringlichkeit der Regelung der Staatenlosenfrage, von denen ein Großteil der jüdischen Nationalität angehören. In die zum Studium dieser Frage eingesetzte Kommission wurde als Vertreter der Juden Dr. Emil M a r g u 1 i e s gewählt. Nach Prüfung und Untersuchung der mit dieser Frage zusammenhängenden Details wird die genannte Kommission der nächsten Vollversamm- I u n g einen ausführlichen Bericht zustellen. Im allgemeinen wäre zu erwähnen, daß auch der diesjährige Kongreß den Beweis erbracht hat, wie wichtig es sei, daß jüdische Völkerbundligen in sämtlichen Staaten entstehen und ihre Vertreter zu den Kongressen entsenden. Gerade die Vertreter der jüdischen Minderheit sind vielleicht als die einzigen berufen, in der Behandlung sämtlicher Minderheitsfragen eine objektive Stellung einzunehmen, da die Juden in keinem Staate eine Majoritätsnation bilden und daher vom Geist irgend welcher Repressivpolitik nicht erfüllt sind. Die auf diesem Kongreß gefaßte Resolution zur Regelung der rumänischen Judenfrage konnte die jüdischen Vertreter mit Befriedigung erfüllen. Schon die Tatsache, daß die jüdischen Vertreter direkt mit den rumänischen Vertretern verhandelten, beweist, daß vielleicht eine neue Aera in den Beziehungen zwischen Juden und Rumänien beginnen wird. Die Forderung des Kongresses nach einer neuen Regelung der Minderheitenprobleme entspricht sicherlich den Interessen der jüdischen Minderheit in den verschiedenen Staaten und verspricht einen wesentlichen Fortschritt für die Lösung des Minderheitenproblems. Die Leitung des amerikanischen Zionismus Das Ergebnis der Convention von Pittsburg: Louis Lipsky mit großer Mehrheit wiedergewählt (Von unserem New Yorker S. E.-Berichterstatter.) Das sogenannte Einigungskomitee, das zwischen der Leitung und der Opposition im amerikanischen Zionismus vermitteln wollte und unter günstigen Auspizien ans Werk ging, hat sich einen Mißerfolg geholt, da es seine Befugnisse überschritt. Es präsentierte nämlich noch vor der Konvention in Pittsburg eine neue Leitung, auf deren Wahl sich die Organisation im voraus festlegen sollte. Der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Louis Lipsky, war wohl bereit im Interesse des Friedens auf eine Wiederwahl zu verzichten, doch die Organisation selbst empfand die ihr zugemutete Festlegung auf eine ihr präsentierte Leitung als Eingriff in die Souveränität der Organisation und ihres Parteitages und lehnte die Liste ab. Lipsky wurde vom Administrations-Komitee aufgefordert, seine Kandidatur aufrechtzuerhalten. Inzwischen wurde das Ergebnis der Untersuchung des von Dr. Weizmann eingesetzten Schiedsgerichtes zur Prüfung der Anwürfe der Opposition gegen die offizielle Leitung der amerikanischen Zionisten bekannt, aus dem hervorgeht, daß die Anschuldigungen der Opposition gegen die Leitung keinen Anlaß dazu geben, der Leitung das Vertrauen zu entziehen. dessen zweifelfreies Deutschtum keineswegs beeinträchtigt wird durch das jüdische Blut, daraus diese Dichtung kommt. Man muß auch Arthur Trebitsch durchaus glauben, daß er in jeder Faser deutsch fühlte und der sachlichste Träger deutscher Ziele war. Aber für ihn wurde Verhängnis, daß in den deutschvölkischen Klüngeln der Nachkriegszeit und in den politisch vergifteten Kreisen des Nationalismus nur sehr wenige an die Unbefangenheit, Uneigennützigkeit und Naivität seines Deutschtums glauben wollten. Und während Trebitsch für seine Ueberzeugung Gesundheit und Vermögen, Leib und Leben hingab, konnten Männer, denen die Vaterlandsliebe nichts als politisches Machtgeschäft ist, billig bezweifeln, daß Trebitsch als geborener Jude das Recht habe, ein Deutscher zu sein. Ja, wie in gewissen Kreisen der deutschen Wissenschaft (ganz besonders in der Philosophie) ein Mann, der ein gutes und eigenwüchsiges Deutsch spricht und schreibt und den gräßlichen Jargon der Schulen verachtet, schon darum verdächtig ist, kein echter, exakter Wissenschaftler zu sein, so ist in bestimmten Kreisen der deutschnationalistischen Propaganda ein jeder, der Geist besitzt, schon dadurch verdächtig, mit dem Ausland zu konspirieren oder Jude zu sein. Dieses Mißtrauen im eigenen Lager hat fast immer zur Folge, daß Renegaten und Neubekenner zu rasenden Fanatikern werden. Um ihr Deutschtum zu beweisen, müssen sie krasse Akzente wählen. Selbst ein geschmackvoller und gehaltreicher Schriftsteller verfällt diesem Zwange. Paul de Lagarde wird mit seiner Deutschtümelei unvornehm, immer dort, wo er seine französische Abkunft vergessen machen möchte; Houston Stuart Chamberlain gebrauchte zu dicke und überstiegene Töne, als er in der Kriegszeit vergessen machen wollte, daß er der Geburt nach ein Engländer war. Wie aber wird es da erst den jüdischen Schriftstellern ergehen; sie gebärden sich päpstlicher als der Papst! Noch jede gegenjüdische Macht fand einen Hofstaat von Juden, die gleich Pfefferkorn die Vorurteile ihrer Führer tragisch überboten. Arthur Schopenhauer wurde in seinen antijüdischen Veilletäten durch seine ersten Jünger Frauenstädt und Asher noch bestärkt; Eugen Dühring stand eines Tages vor der erstaunlichen Tatsache, daß ein jüdischer Schriftsteller, Benedikt Friedländer, ihn aus Begeisterung für seine antisemitischen Schriften zum Erben seines Vermögens eingesetzt hatte, nachdem er durch Selbstmord sich beseitigt hatte. So nagt am Judentum, das sich selber verlor und seine eige¬ Das Untersuchungsergebnis, welches in einem Brief an Dr. Weizmann formuliert ist, lautet: „Die Prüfung der gegen die Administration der Zionistischen Organisation Amerikas erhobenen Vorwürfe hat ergeben, daß kein Grund vorhanden sei, der Administration das Vertrauen zu entziehen. Es wurde kein stichhältiger Beweis dafür erbracht, daß irgend jemand eine Handlung beging, um sich einen finanziellen Vorteil zu verschaffen; ebenso existiert kein Beweis dafür, daß durch falsche Handlungen ein f i - nanziell er Schaden entstanden sei. Es waren lediglich Beispiele einer ungenauen Führung der finanziellen Angelegenheiten der Trustfonds in einzelnen Fällen festzustellen, immer aber wurden die Fondsbeträge für Zwecke, für die sie bestimmt waren, verwendet. Diejenigen Personen, die für diese Ungenauigkeiten verantwortlich sind, sollten nicht weiter als Beamte oder als Mitglieder des Komitees der Zionistischen Organisation Amerikas fungieren. Kein Beamter und kein Komiteemitglied sollten für irgendwelche Bemühungen im Interesse der Organisation eine finanzielle Entschädigung erhalten. Keinerlei Geldverpflichtung nen stärksten Ingenien — man denke an Jesus oder an Spinoza — nicht zu tragen vermochte, eine verhängnisvoll zentrifugale Schwerkraft. Für Arthur Trebitsch entstand dieselbe alte Verlegenheit. Die Abkunft aus einer alten jüdischen Familie war seine Achillesferse. Er war zu ehrlich, um je davon schweigen zu können, aber auch zu blind besessen, um, wie es doch bei Baconsfield der Fall war, seine jüdische Rassigkeit und sein altes Blut als einen Vorzug zu fühlen. Er hätte sich jede Erinnerung an die jüdische Vergangenheit, jede Verbundenheit mit jüdischer Geschichte gern aus der Seele gerissen. Man kann ruhig annehmen, daß das Bestreben, seinen Ursprung zu vergessen oder vergessen zu machen, für Trebitsch die treibende Kraft zu allen seinen literarischen und philosophischen Werken gewesen ist. Ich stehe nicht an, in Trebitsch einen der klarsten und vorzüglichsten Köpfe unserer Tage zu ehren, einen Denker von Karat, Rang und Eigenart. Aber sein Werk war von vornherein zu Erfolglosigkeit und Wirkungslosigkeit vorausbestimmt. Von allen Seiten begegnete ihm eisiges Schweigen, und auch heute noch dürften Trebitschs Schriften nur ganz wenig bekannt sein. Dieses Schweigen ist aber nicht aus bösem Willen zu erklären. Es war unabwendbares Schicksal, weil diese wunderliche Erscheinung für alle Parteien unverwendbar und eigentlich nur eine ewige Verlegenheit war. Es gibt Schriftsteller und Dichter, die niemand zu tadeln wagt, weil jeder dunkel fühlt, daß in der Tat eine echte und große Kraft in ihnen zu Tage trat und daß sie wohl die Waffen besitzen, um jedem Angriff siegreich zu begegnen. Andererseits aber würden die öffentlich Führenden, die Geltenden und Autoritativen, sich eher die Zunge abbeißen, als daß sie jene Außenseiter zu loben sich entschlössen. Denn nur seltene Menschen vermögen etwas zu loben, was ihr eigenes Selbstgefühl beeinträchtigt. Wir lieben und loben oft sehr unbedeutende Wesen, wenn nur unser eigenes Lebensgefühl durch ihre Gegenwart verschönt und gesteigert wird; wie aber sollten wir lieben, was uns im Kern vor uns selber demütigt? Arthur Trebitsch hatte die fatale Eigenschaft, gerade der eigenen Partei beständig Grobheiten zu sagen. Und er war naiv genug, zu erwarten, daß die Menschen seine Kraft bewundern würden, mit welcher er gegen sie einschlug. Er