Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1928)
- Date
- 1928-07-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 27 Das Blatt läßt sich von seinem Jerusalemer Berichterstatter weiter melden, daß dort als wahrscheinlich angenommen werde, Sir Gilbert C 1 a y - ton, der frühere Chefsekretär der Palästina - Regierung, der dann in politischer Mission nach dem Hedschas entsendet wurde, wo er den Bündnisvertrag mit Sultan Ihn Saud schloß, werde der Nachfolger Lord Plumers werden. Diese Annahme (die übrigens Clayton anläßlich seiner letzten Anwesenheit in Jerusalem vor wenigen Wochen, wie wir damals berichteten, seihst dementiert hat. — Die Red.) scheint zumindest verfrüht zu sein, da an offij zieüer Stelle in London versichert wird, daß die j Frage der Amtsnachfolge Plumers noch nicht er-; örtert wurde. Sobald Lord Plumer seinen Urlaub i antritt, wird er von dem neu ernannten Chefsekretär H. C. L u k e, der soeben aus seinem früheren Dienscoi t Sierra Leone in London eingetroffen ist I Ringwalds Paketexpress Täglich nach den Nord- und Weststaaten. Bedeutend schneller als Post, kein Frankaturzwang, keine Gewichtsgrenzen, freie Abholung I, Parisergasse 4 Tel. 64*3*72f 62-4-99 und anfangs Juli seine Tätigkeit in Palästina aufnehmen wird, bis zur Ernennung des neuen Oberkommissärs vertreten werden. Für die Nachfolge Plumers wird auch der Name des Generals H a y Kings, des früheren Kommandanten der britischen Armee im nahen Osten, genannt; auch dieser Name ist gegenwärtig nur Kombination. Die Vertretung des Volkes muß entscheiden! Die Vorschläge der Jewish-Agency-Konferenz. Das international sanktionierte Ziel des Palästina-Aufbaues ist: Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden. Dies ist das Fundament, auf dem die Verhandlungen über die Beteiligung nichtzionistischer Gruppen am Aufbauwerk unverrückbar stehen müssen. Die Vorschläge, welche die unter dem Namen der Jewish-Agency-Kommission bekannten Gruppen von Vertretern nichtzionistischer Kreise auf ihrer Tagung in London gemacht hat und die wir im folgenden detailliert wiedergeben, übersehen das oben formulierte unverrückbare Ziel des Palaästinawerkes und sind bloß mit Kunst, Literatur. Wissenschaft in reichster Auswahl zu S 1“—» 2*—» 3*— Bücherschwemme „Vienna“, Wien I, Bognerg. 4 der Sorgfalt des ordentlichen Kaufmannes für die Verwaltung ihm anvertrauten Gutes ausgearbeitet. Bei aller Wertschätzung wirtschaftlicher Führung von Agenden jeder Art muß jedoch gesagt werden: Rentabilität im wirtschaftlichen Sinne (und dies ist der Tenor aller Vorschläge, welche die Jewish-Agency-Kommission macht) bedeutet noch lange nicht Rentabilität für den Fall, der hiervorliegt: für die Schaffung eines nationalen Zentrums, das Kraftquelle für die weitere Existenz der gesamten Judenheit sein soll. Der Aufbau des nationalen Heims in Erez-Israel bedeutet Rentabilität; Anwendung des kürzesten Weges und des möglichst geringsten Aufwandes an materiellen und menschlichen Opfern zur Fundierung dieses gesamtjüdischen Kraftzentrums. Das völkerrechtlich formulierte Palästinamandat erkennt diesen Grundsatz als selbstverständlich an, indem es der Mandatarmacht für die Förderung des jüdischen Nationalheims Verpflichtungen auferlegt, die im wirtschaftlichen Sinne entschieden unrentabel sein mögen. An diese Verpflichtungen hat die Jewish- Agency-Kommission in einem ausführlichen Teil ihres Berichtes über ihre Beratungsergebnisse die Mandatarmacht nachdrücklich erinnert; sie selbst aber scheint das Prinzip, das diesen Verpflichtungen Großbritanniens zugrunde liegt, für den jüdischen Partner übersehen zu haben. Zu den unbestrittenen Grundlagen für die Schaffung der nationalen Heimstätte zählen: Die Stetigkeit der Einwanderung und Ansiedlung, der Bodenbesitz als Nationaleigentum, die eigene Arbeit an Boden- und Sachproduktion, das Selbstbestimmungsrecht in der Schaffung der Lebens- und Produktionsformen, die jüdisch-kulturelle Kontinuität. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß das Festhalten an diesen angeführten Grundlagen keine sofortige wirtschaftliche Rentabilität verbürgt; unzweifelhaft aber bürgen sie für die gewissermaßen nationale Rentabilität, für die Sicherung des Zieles, eine jüdische Heimstätte in Palästina zu schaffen; deshalb erscheinen sie für uns als unverrückbar und wir müssen mit tiefem Bedauern feststellen, daß die Vorschläge der Jewish- Agency-Kommission in den meisten Punkten dieses Fundament zugunsten des Grundsatzes wirtschaftlicher Rentabilität verlassen haben, der vielleicht bei einer begrenzten Fürsorgeaktion voll zur Geltung kommen muß, in diesem Falle aber nicht der maßgebliche ist. Die Experten, welche die bisherigen Leistungen der Zionistischen Organisation als Jewish Agency für den Aufbau Palästinas geprüft haben, bemängeln sie vielfach vom Standpunkte der Wirtschaftlichkeit, anerkennen aber ihre Bedeutung für das nationale Endziel. Sie bemängeln auch d i e Laxheit der britischen Mandats-Regierung in der Durchführung des für das nationale Endziel des Palästinaaufbaues übernommenen Pflichtenteils und präsentieren Großbritannien sehr nachdrücklich den jüdischen Wechsel. Warum präsentieren sie ihn nicht auch dem jüdischen Partner? Sichert wirklich nur die wirtschaftliche Rentabilität das Bestehen einer jüdischen Heimstätte? Die Vorschläge der Jewish-Agency-Kommission sprechen sich gegen eine verstärkte Einwanderung aus, statt den Möglichkeiten, wie eine solche zu schaffen wäre, nachzugehen; sie sprechen bis zum Eintritte der sogenannten Konsolidierung der Einstellung jeder kolonisatorischen Tätigkeit das Wort, statt, wie es auch rein wirtschaftlich genommen zweckentsprechend wäre, Kolonisierung und Netiansiedlung in einen organischen Zusammenhang zu bringen; mit den Mitteln des aus den Zusendungen der gesamten Judenheit gebildeten Aufbaufonds, des Keren Haiessods, soll nach den Vorschlägen der Kommission privater- Grundeigentum ermöglicht werden, ein Grundsatz, der gemäß den Pflichten der jüdischen Oeffentlichkeit gegenüber unhaltbar, selbst einem sehr wenig belasteten sozialen Gewissen unannehmbar erscheinen muß; die Gründe der wirtschaftlichen Rentabilität veranlaßten die Kommission dazu, das Prinzip der Selbstarbeit, für welches das arbeitende jüdische Palästina schon die schwersten Opfer gebracht hat, um es leider noch immer nicht ganz zu erringen, das Prinzip, ohne das eine dauernde Verwurzelung des einwandernden Elementes im Lande undenkbar ist, in kühnem Bogen über Bord zu werfen; die K w u z a h, welche nicht bloß Wirtschaftsform, analog den so verpönten kommunistisch - genossenschaftlichen Zusammenschlüssen, sondern eine Lebensform ist, die sich auf dem palästinensischen Boden nahezu ohne jede Analogie aus den gegebenen Bedingungen heraus gebildet hat. Diese Kwuzah lehnt das wirtschaftliche Gutachten der Kommission ab, ohne Verständnis dafür, daß diese Errungenschaft einen stärkeren Gewinn bedeutet, als es der schönste Bilanzsaldo sein könnte. Alle diese Vorschläge sind geeignet, in den Grundlagen des Palästinaaufbaues Aenderungen schwerwiegendster Art herbeizuführen. Um sie durchzuführen, setzen die Vorschläge der Jewish- Agency-Kommission sehr wenig Positives ein, ja es fehlt überall das Notwendigste. Wo ist der Aufbauplan? Welche Geldmittel erfordert er? Wie werden die Mittel sichergestellt? Wer führt ihre Beschaffung durch? Von diesen Fragen wird keine beantwortet! Wir aber wollen eine Antwort, vor allem auf die schwerwiegendste Frage: Dürfen zugunsten einer völlig illusorischen Einzelverpflichtung einiger Personen, an die Massen des jüdischen Volkes zu appellieren, die Grundlagen eines Zieles, welches von den Massen des jüdischen Volkes getragen wird, verlassen wer- Herzls „diplomatischer Agent“ Von Dr. N. M. Gelber. In seinen Tagebüchern erzählt Theodor Herzl, daß ihm die ersten Verbindungen mit der offiziösen Türkei der Herausgeber der „Correspondance de l’Est“, N e w l i n s k i, vermittelt habe. Die Herausgeber der Tagebücher wissen in ihren Anmerkungen von diesem Manne, der in Herzls Schilderungen eines gewissen abenteuerlichen Zaubers nicht entbehrt, nichts zu berichten. Im nachstehenden versuchen wir auf Grund der uns zugänglich gewordenen Quellen die Persönlichkeit Nev/linskis zu schildern. Am 21. Feber 1896 verzeichnete Theodor Herzl in seinem Tagebuch: ,,Newlinski, der Herausgeber der .Correspondance de l‘Est‘ ist mit dem Sultan befreundet. Er könnte uns vielleicht für Bakschisch die Souveränität verschaffen.“ Auf die Idee, sich Newlinskis zu bedienen, brachte ihn Dr. Saul Rafael Landau. Landau, der aus Galizien stammte und dank seiner journalistischen Tätigkeit mit polnischen politischen Kreisen in Verbindung stand, wurde durch Vermittlung des bekannten polnischen Politikers Stanislaw K o z m i a n, von dem er einiges aus Newlinski’s Vergangenheit hörte, mit ihm bekannt. In diesem Manne erblickte er nun die geeignete Person, die die Verbindung zwischen Herzl und dem Sultan herzustellen in der Lage wäre. In der Tat war diese Mutmaßung Landaus und Herzls nicht unrichtig. Philipp Michael Ritter von N e w l i n s k i war der Nachkomme eines alten polnischen Adelsgeschlechtes, das seit dern XVI, Jahrhundert in der Wojwodschaft Sandomir ansässig und begütert war. Seine Großeltern und Eltern hatten ihre Güter in Wolhynien, wo auch Newlinski am 31. Dezember 1847 in Antoniny geboren wurde. Er wurde nach Art der polnischen Schlachzizensöhne erzogen und mußte, nachdem das bedeutende Familienvermögen infolge der Teilnahme einzelner Familienmitglieder am polnischen Aufstande im Jahre 1863, von der russischen Regierung konfisziert wurde, einem Broterwerb nachgehen. Er bezog die Universität in St. Petersburg, wo er juristische Studien betrieb, die er mit gutem Erfolg beendete, und wurde, nachdem er die Prüfung mit der goldenen Medaille bestanden hatte, Rechtsanwalt, übte jedoch diesen Beruf nur kurze Zeit aus. Bereits 1865 begann Newlinski seine journalistische Tätigkeit und arbeitete in den damals führenden russischen Blättern in Petersburg und Moskau mit. In dieser Zeit lernte er den damaligen österreichischen Botschafter, Graf Andrassy, kennen. Als Andrassy im Jahre 1872 zum österreichisch-ungarischen Außenminister bestellt wurde, berief er Newlinski in das Außenministerium in Wien, da er in ihm einen geeigneten Mann erblickte, der in dem damals für die österreichische Außenpolitik sehr wichtigen Ressort der russischen und Balkanpolitik gute Dienste leisten könne. Newlinski trat auch in den Dienst des Außenministriums und rückte in kurzer Zeit zum Hof- und Ministerialkonzipisten II. Klasse vor.1) Vor Ausbruch des türkisch-russischen Krieges wurde er der österreichischen Botschaft in Konstantinopel in wichtiger politischer Mission zugeteilt. Knapp vor dem Berliner Kongreß wurde er in das Ministerium zurückberufen, wo er bis zum Jahre 1879 wirkte, in welchem Jahre Andrassy als Außenminister zurücktrat. Newlinski schied aus dem Ministerium.2) Sodann übernahm er die Chefredaktion der „Correspondance de l'Est“, *) Wiener Staatsarchiv, Akten des k. u. k. Ministeriums des Auswärtigen, Personalia, F 4, Newlinski. '*’) Aus einigen Aktenstücken ist zu ersehen, daß er infolge Schuldenmachens demissionieren mußte. Dr. Ludwig Poborsky, der als Arzt Newlinski auf seiner letzten Reise nach Konstantinopel (1899) begleitete, teilt mir mit, daß ihm Newlinski selbst erzählte, er habe wegen Schulden von sehr hohen Beträgen demissionieren müssen. Andrassy wollte zwar durch ein Avancement ihm die Rückzahlung der Schulden ermöglichen, was Newlinski jedoch ablehnte. die täglich als Nachrichtenblatt für die österreichische und ausländische Presse, die diplomatischen und politischen Kreise erschien, und hauptsächlich Fragen der russischen, türkischen sowie der Balkanpolitik behandelte. Sie war ein ausgesprochenes Pressebulletin, das der damaligen Presse Berichte und Nachrichten über Ost- und Südosteuropa übermittelte. Nebenbei war Newlinski auch Wiener Korrespondent des „Journal des Debats" und des „Temps“. Er war auch schriftstellerisch tätig und veröffentlichte eine größere Anzahl von politischen Broschüren, in denen er in ziemlich weitsichtiger Weise Probleme der österreichisch-ungarischen Außenpolitik behandelte. Besonders erwähnenswert sind seine Schriften „La Pologne et les Habsbourgs“ und „L'Hongrie, ses Nationalites, son Avenir“, in denen er die polnische Frage und das Nationalitätenproblem in Oesterreich- Ungarn behandelte. In der von ihm begründeten „Correspondance de TEst" schuf Newlinski eine überaus beachtenswerte außenpolitische Tribüne, mit der nicht nur die österreichische Presse, sondern auch die maßgebenden ausländischen diplomatischen Stellen rechneten. Er betätigte sich auch als „diplomatischer Agent" und führte in dieser Eigenschaft die Anerkennung Ferdinands von Coburg als Fürst von Bulgarien durch. Diese Umstände dürften Dr. Landau veranlaßt haben, HerzPs Aufmerksamkeit auf Newlinski zu lenken. Welche Bedeutung Herzl dieser Verbindung zuschrieb, ist schon daraus zu ersehen, daß Herzl bereits im April 1896 dem Herzog von Baden mitteilte, daß sich ihm jemand bereits angeboten habe, mit dem Sultan wegen Zionismus zu sprechen, wobei er an Newlinski dachte.3) Ueber die ersten Begegnungen Newlinskis mit Herzlr erfahren wir aus seinen Tagebuch-Auf Zeichnungen, in denen allerdings Newlinski öfters als Abenteurer geschildert wird, ganz im Gegenteil zu den Mitteilungen, die wir von anderer Seite besita) Herzls Tagebücher, Band 1, Seite 378.