Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1928)
- Date
- 1928-06-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 26 DIE STIMME Seite 13 THEATER Von Axel Henriques, (1, Fortsetzung) schwere Wams und das Federbarett lässig in die Ecke, ließ sich auf den Diwan nieder und verschränkte die Arme hinter den Kopf. »Jetzt kannst du erzählen.« Dreiviertel Jahre waren vergangen. Meno Felden stand, an eine Säule gelehnt, die zur Dekoration des Gurreschlosses gehörte, und sah starr in das Rampenlicht — mit einem Blick, der nicht zu sehen schien. Langsam löste sich seine Starrheit; er hob das eine Bein ein wenig, sah nachdenklich auf die blaugelbe Seide nieder, nahm die Schellenkappe ab und strich abwesend über das blanke Blech. Narr — Clown — Bajazzo. Der Narr war seine erste Rolle gewesen. Heute war sie es wieder. Und ein Narr war er, dem die Theaterluft Fleisch und Blut, Leib und Seele geworden war. Die Spannung, das Fieber, das Rennen hinter den Kulissen, das Sichhingeben der Menge da unten — wenn auch nur als Bajazzo —, kurz das, was man mit einem Wort »Theater nennt, das hielt ihn umfangen und gebannt mit Krallen — Krallen, die weh taten — aber mit einem tollen süßen Schmerz, dem er entrinnen weder konnte noch wollte. Sie hielt ihn schon zu fest, die Leidenschaft — ihn, den Narren, der nie etwas anderes war, nie etwas anderes werden würde. Narr — Clown — Bajazzo ... Ludo in seiner Sammetjoppe kam hineingeschlendert und setzte sich schweigend auf einen Balken, Felden gegenüber. Ein Glücksschimmer zog über die geschminkte Maske der Narren. Eines hatte er gewonnen während seiner Theaterzeit: die Neigung dieses genialen, schönen Jünglings. Unerklärlich übrigens, was diesen so zu ihm hinzog, unerklärlich — aber beglückend. »Was ist, Ludo?« Der ihm gegenüber hob das Gesicht, das er in den Händen vergraben hatte. Ein Schweigen trat ein, während dessen Felden den mit starrem Blick da Sitzenden ansah. »Wir alle sind Narren, Felden. Sie spielen ihn, wir sind es. Was schlimmer ist: Sklaven, Sklaven sind wir. Sklaven in unseren Gedanken, in unseren Taten, gelähmt, gebunden. Elende Kreaturen so und so,« — und mit einem verzweifelten Ausbruch — »das ist es, daß wir nicht uns selbst gehören, daß wir einem angehören, der uns gekauft hat — mit schnödem Reichtum — um unserer Schönheit, unserer Jugend wegen — dem wir dankbar sein — dürfen.« Leidenschaftlich erregt sprang er auf und durchmaß den Raum. Bis er endlich stehen blieb, ins Dunkel hineinschauend, das Gesicht von dem Freunde abgewandt, dessen Stimme jetzt aus weicher Dunkelheit zu ihm drang. »Du bist frei, Ludo, du bist ja frei. Für deinen Pflegevater gibt es nur ein Glück: dich zu beglükken. Du bist wie ein edles Füllen, das sich bäumt beim Anlegen der Zügel, die er gar nicht spürt.« »Ich spüre sie,« kam es trotzig; »sie halten mich in einem eisernen Joch. Dankbarkeit, Pflicht heißen sie, ewig Dankbarkeit, ewig Pflicht. Wer bin ich, was bin ich? Vielleicht ein Armenhäuslerkind, dem dieser Ueberfluß gar nicht zukommt, wer weiß, vielleicht — und deshalb gehöre ich ihm, der mich gekauft hat — mit Geld.« »— und Liebe, Ludo.« »Ja — vielleicht. Denn er braucht mich. Ich bin ein Spielzeug, ein schönes, kostbares Spielzeug für ihn. Aber wer bin ich, was bin ich?« Mit aller Leidenschaft, die diesem Feurigen, Sprühenden innewohnte, wandte er sich jetzt um. »Ich will wissen, wer ich bin. Ich habe meine Eltern nie gekannt.« Mit diesem urplötzlichen Stimmungswechsel, der ihm eigen war, fuhr er nachdenklich fort: »Vielleicht entstamme ich einem edlen Geschlechte. Ich sehe eine weiße, stille, schöne Frau, die in einem hohen Schloßsaal thront und sich grämt um ihr verlorenes Kind. Räuber oder Verbrecher haben es geraubt, als es klein, ganz klein und hilflos war. Man sagt, ich sähe den Jünglingen der italienischen Renaissance ähnlich« — mit seinem schelmischen Knabenlächeln sah er Felden an. »Stimmt’s?« »Ich habe nie meine Mutter gekannt,« kam es dann zu Felden hinüber, so leise und weh, daß dieser sich anstrengen mußte, die Worte aufzufangen. »Nie, nie eine Mutter gehabt. Deshalb liebe ich sie alle, diese gutherzigen, schönen Frauen, denn jede von4 ihnen bringt mir ein Stück Mutterliebe.« Er breitete seine Arme aus, weit aus. »Bleib stehen, Ludo,« erklang plötzlich die Stimme Lindens, der unbemerkt eingetreten war, ,,bleib* um alles in der Welt so stehen; herrlich bist du, Maestro Gerolo wird dich für mich so malen, als emporsteigender Genius oder — halt, ich hab's — als Ganymed.« Ludos Arme fielen schlaff herunter. »Bitte, Ludo,« fuhr Direktor Linden fort, »kannst du heute abend den Emilio nehmen? Ravens hat abgesagt — Krankheit. Außerdem würdest du mir einen Gefallen tun, wenn du heute noch, natürlich nur wenn es dir recht ist, Maestro Gerolo sitzen würdest. Er hat sich bei mir beklagt, daß die Ausstellung —« Die letzten Worte konnte Felden nicht hören; Linden ging, mit dem Arm um Ludos Schulter, mit ihm hinaus. Der Narr sah ihm nach — ihm, dessen qualvolle Sehnsucht und leidenschaftlicher Schmerz dem andern, der ihn doch liebte — ein schönes Bild war. Am selben Abend trat Felden bei Ludo in dessen Ankleidezimmer ein. »Noch nicht umgezogen?« Ludo lag, so lang er war, auf der Chaiselongue, den Kopf wie ein ungezogener Junge gegen die Wand gedreht. »Ist es denn schon so weit?« sagte er müde. Er stand auf und warf sich in die Kleidung des Emilio. »Wo ist denn nur der Koller hingekommen?« Er suchte auf dem Regal und durchwühlte diverse Schubladen. Es klingelte zum erstenmal. »Tu’ mir den Gefallen, Meno, und sieh in der untersten Schublade nach.« Er warf Felden einige Schlüssel zu und fuhr hinaus, um Peppa, die Garderobenfrau, nach dem Lederkoller zu fragen. Felden öffnete die Schublade und fand allerlei, scheinbar für Ludo wertvolle Sachen darin, denn sie waren sorgfältig verpackt — aber keinen Lederkoller. Ganz unten lag ein zugeschnürter Pappkasten — und weniger aus Erwartung, das Gesuchte hier zu finden, als aus Neugierde, löste er das Band und fand — ein Arba Kanfaus! Ein richtiges Arba Kanfaus. Verdutzt stand Felden noch da mit dem sonderbaren Fund in der Hand. Wie in aller Welt kam Ludo dazu?! »Ich hab' ihn!« Triumphierend den Koller schwingend kam Ludo hereingestürzt, verfolgt von der scheltenden Peppa, die es sich nicht nehmen lassen wollte, die letzte Hand an dem Anzug ihres vergötterten Lieblings zu legen. »Hör mal, Ludo, ich muß dich etwas fragen —-< »Gleich, gleich, in der Pause!« Lachend schwang er sein Panier zur Abwehr und war wieder hinaus. Nach dem ersten Akt kam er hinein, warf das »Ich habe da eben in deiner Schublade etwas gefunden und möchte gerne wissen, was dies vorstellen soll.« »Was denn?« kam es von dem Sofa. »Dieses.« (Schluß folgt.) Es ist selbstverständlich sagen uns die meisten unserer Kunden, daß wir alles, was wir brauchen, nur bei „Schiffmann“ kaufen, auch alle unsere Freunde und Bekannten zählen zu Ihren treuen Stammkunden Und — das ist unsere Freude und unser Stolz, daß jeder, der bei uns kauft, mit Preis und Qualität der erstandener Waren besonders zufrieden ist, daher immer wieder seine: Warenbedarf bei uns deckt und uns seinen Freunden unc Bekannten als verläßlichste und billigste Einkaufsquelle empfiehlt, Wenn wir unsere jahrzehntelange kaufmännische Erfahrung, unser günstiges Einkaufssystem in Riesenmenger gegen Kassa zu billigsten Preisen ausschließlich unseren Kun den zugute kommen lassen, so haben wir dafür die freudige Genugtuung, daß unser Kundenkreis Jahr um Jahr größer wird und unser Umsatz stetig steigt. 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Für Mußestunden Schach Adolf Schwarz Aus Galsezsc in Ungarn gebürtig, kam er in jungen Jahren nach Wien und entwickelte sich hier zu einem der stärksten Meister der alten heimischen Schule. Er lebte hier als Kaufmann. Seine schachlichß Tätigkeit erstreckt sich auf das Vierteljahrhundert von 1873 bis 1898. Er zählte zu den Großen jener Epoche und war besonders in seiner Glanzzeit bei jedem Turnier, an dem er sich beteiligte, in der Spitzengruppe placiert. In Leipzig 1879 wurde er Dritter, in Wiesbaden 1880 Erster bis Dritter, in Graz 1880 Erster usw. Zum letzten Male startete er in dem Monster-Jubiläumsturnier von Wien 1898, aber der 60jährige mußte bald einsehen, daß seine physischen Kräfte einer so gewaltigen Anstrengung nicht mehr gewachsen waren; er trat nach sieben Runden zurück. Adolf Schwarz hatte sich zwar den vorsichtigen Wiener Spieltypus angeeignet, war aber dabei stets auf aggressive Wendungen bedacht und verstand, wenn es die Stellung erlaubte, sehr schön und scharf zu kombinieren. Als eine schachliche Großtat muß noch erwähnt werden, daß es ihm gelang, 1880 in Wien den damals gefürchteten Winawer mit 3 : 1 im Wettkampf zu besiegen. Ebenfalls als starker und begabter Schachspieler hat sich sein Neffe Jacques Schwarz hervorgetan. An den Onkel reichte er aber nicht heran, Adolf Schwarz starb im Herbst 1911, nachdem er bis an sein Lebensende eine ziemliche Rüstigkeit bewahrt hatte, ln dem Wiener Schachcafe „Central" war er eine bekannte Figur, Nachstehend zwei interessante Partien. 1. Wiener Partie. Weiß: Hamppe. Schwarz: Adolf Schwarz. (Gespielt im Jänner 1875 in Wien.) 1. e2—c4 e 7—e 5. 2. Sbl—c 3 Lf8—c 5, 3. Sc3—a 41) Lc5Xf2f. 4. K e IXf 2 D d 8—h 4f. 5. K f 2—e 3S) D h 4—f 4f. 6. K e 3—d 3 d 7—d 5. 7, K d 3—c 3:>) Df4Xe4. 8. K c 3—b 3 L c 8—e 6. 9. d2—d3 De 4—g 64). 10. S a 4—c 5 Le6—g4. 11. Sgl—f3 S b 8—c 6. 12. D d 1—e 1 Lg4Xf3!5). 13. g2Xf3 S c 6—d 4f. 14. K b 3—c 3 Sd4Xf3u). 15. D e 1—g 3 d5—d4f. 16. Kc3—b4 Dg 6—b 6f. 17. Kb4—c4 c7—c67). 18. a2—a4 a 7—a 58). 19. c2—c3 Db6Xb2ü"). 20. S c 5—e 4 Db2Xal. 21.D g 3Xf 3 Da 1—a 2f. 22. K c 4—c 5 Da 2—d 5f Aufgegeben10). Stellung nach dem 19. Zuge von Weiß: Schwarz: Adolf Schwarz. Weiß: Hamppe. Anmerkungen: x) Kein guter Zug, wie das folgende korrekte Opfer beweist. — -’) Falls 5. g 3, so 5, ... DXe 4, 6. S c 3, DXa 1, 7, S f 3, Sf6 und die schwarze Dame wird befreit. — “) Nicht 7. Df3 wegen 7. ... dXef, 8. DXe4, L f 5 usw. — 4) Spätere Analysen haben nachgewiesen, daß hier auch das Damenopfer 9. .,. DXa 4f! korrekt war. Solche Wendungen sind aber am Brett unberechenbar. ■— ,r’) Damit beginnt ein schöner, forcierter Gewinnweg. — °) Nicht des Bauers wegen, sondern, um dem König das Fluchtfeld d 2 abzuschneiden. — 7) Droht matt auf b 5; die Antwort ist erzwungen. — 8) Wieder zwingend; es droht D b 4 ft. — 9) Eine schöne Krönung des Angriffs; es droht sowohl DXc 3 f f als auch b5f nebst DXb 5 ff, wenn aber Weiß die Dame schlägt, so folgt S d 2 ff. Da überdies der Tal angegriffen ist, gibt es gegen die vielen Drohungen keine Rettung mehr. — lü) Denn auf 23. K b 6 folgt Dd8f! 24. K c 5 (24. KXb7, Tb8f usw.) 24. ... b6f! nebst Matt in wenigen Zügen. — Eine sehr schöne Partie alten Stils! Sonntag, 8. Juli 1928, vormittags: Sonntag, 8. Juli 1928, 8 Uhr abends, Hotel „Continental“ II» Taborstraße 4: Gans zum Grabe Herzls I HERZL-GEDENKFE1ER