Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-06-28 · Heft 26 (28.6.1928) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 26 (28.6.1928)
Date
1928-06-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053778--0430-3055706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 12 OIE STIMME Nr. 26 als ein äußerlich-zufälliges Symptom. Man beachte nur, wie Milhauds Rivalen im modernen Musikleben, zum Beispiel einem Hindemith und Kfeüek eine ganz ähnliche Schaffensmühelosigkeit eignet, während die knapp vorhergehende Komponistengeneration, etwa durch Schönberg repräsentiert, meist relativ schwer produzierte. Ein ganz natürlicher Vorgang: weil diese letzteren, die eigentlichen Pfadfinder der Moderne, die neuen Ausdrucksmittel erst quasi erfinden, sich erobern mußten, während ihre Nachfolger, bereits als glückliche Genießer ernten können, wo jene gesät haben. Diese faszinierende Vielgestaltigkeit seines Schaffens, einem jüdisch-unruhvollen Drang nach steter Erneuerung entsprechend, dieser ewige Vibrationstrieb spiegelt sich auch in Milhauds äußerem Leben. Den 4. September zu Aix-en-Provence geboren, kam er frühzeitig nach Paris und wurde, fast möchte man sagen: selbstverständlich, Schüler des Conservatoire. Er studierte bei Leroux, Gedalge und Widor, wurde frühzeitig reif erklärt und vielfach preisgekrönt entlassen. Seine Abstammung aus diesem Teil der Provence ist gerade vom jüdischen Standpunkt aus interessant. In einem Privatbrief an den Schreiber dieser Zeilen erzählt er darüber: „Ich gehöre einer Familie aus dem Comtat Venaissin an. woher jene kleine Gruppe von Juden stammt, die seinerzeit unter der Papstherrschaft in Avignon in die Provence geflüchtet ist. Der Ritus dieser Juden ist ein besonderer und ähnelt am meisten dem der portugiesischen Juden.“ In den Jahren 1917 und 1918 lebt Milhaud in Brasilien als Attache der französischen Gesandtschaft, deren Chef der berühmte Dichter Paul Claudel war. 1919 nach Frankreich zurückgekehrt, wird Milhaud Mitglied der Künstlergruppe der „Sechs“, einer Art Kampfvereinigung sechs junger, von modernen Musik- und Lebenszielen beseelter Komponisten, die, eben erst zusammengetreten, rasch Geltung gewinnen und das Musikleben der Hauotstadt bald beinahe beherrschen. Und eben Milhaud ist es, der schnell als ihr prominentester Kopf als charakteristischeste Erscheinung angesehen wird. Konzert- und Propagandareisen für sich und seine Freunde führen ihn in der Folge in fast alle Hauptstädte Europas. Auch nach Sowjetrußland kommt er und nach Nordamerika. Seine letzte Ausfahrt aber galt einem ganz besonderen Ziel: vor einem Jahre etwa war Milhaud einige Wochen Gast in Erez Israel. Damit gelangen wir zu dem hier besonders interessierenden Punkt: der Beziehung von Milhauds Persönlichkeit und Kirnst zum Judentum, zu jüdischem Wesen und Zielen. Der Werke, die unmittelbar und gewollt als ausgesprochen .jüdisch’ vermerkt werden müssen, sind ja relativ wenig. Einige „Poemes Juifs“ (1916 entstanden), zwei „Psalmen für Bariton und Orchester“ (1919). Vor nicht langer Zeit erschienen außerdem in unserer Wiener Universal-Edition zwei hymnusartige Gesänge: „Israel est vivant und eine „Hymne de Sion“, beide nach Texten von Albert Cohen. Es ist Schwung und Originalität in ihnen, aber die Frage einer endgültigen Zionshymne ist damit eher aufs neue aufgeworfen, denn einer Lösung zugeführt. Uebrigens sagt in jenem bereits zitierten Schreiben Milhaud selbst über seine Kompositionen jüdischen Charakters, „sie hätten für ihn mehr die Bedeutung privater, fast religiöser Erlebnisse, und es fehle ihnen die Gestaltung, Mannigfaltigkeit und Phantasie, die man von den Werken eines veritablen Musikers mit Fug verlangen dürfe.“ Diesbezüglich könnte man zwar — zugleich für und gegen den Autor — erwidern, daß im letzten Sinne gerade ein Kunst gewordenes Weiheerlebnis höheren Wert besitzen müsse, als eine formale Gestaltung von noch so phantasievoller Mannigfaltigkeit, und daß diese jenem ohnedies von selbst eignen müsse. Wie dem immer sei, letzten Endes geht es auch gar nicht um diese Frage, uns scheint jedenfalls viel interessanter, daß auch diese „jüdische“ Musik weit mehr „richtigen“ Milhaud, das heißt gute neufranzösische Musik enthält, als der Komponist selbst zu glauben scheint. Wogegen umgekehrt für den in Tiefen dringenden und nicht an der Oberfläche hängenbleibenden Beobachter in allen Werken Milhauds, auch in den scheinbar ganz unjüdischen, der Einschlag jüdischen Rassegefühls unverkennbar ist. Denn wie sehr auch Milhaud, der Franzose, Weltmann und echtes Kind seiner Zeit, den Zug zum Sachlichen, Konstruktiven und Unsentimentalen, der einer der treibenden Impulse der letzten Kunstperiode war, mitmachte, vielleicht angeben half, aus den unterirdischen Bezirken seines Seins sprühen dennoch immer wieder Flammen auf, die, über Bewußtes hinweg, vielleicht das Leben ferner Ahnen deuten. Und dann muß man sich sagen: an bewußt jüdischer Kunstmusik istjaheutewahrlichkeinMangelmehr, und es gibt recht viel gute und viel schlechte darunter. Jüdische Musikschöpfer ganz großen Formats aber gibt es — wie wahre Schöpfer jeder Art — nur gezählte. In Darius Milhaud nun scheint eine Komponistenerscheinung emporzuwachsen, die, wenn ihre Zukunft hält, was die Gegenwart verspricht, jenen wenigen gleichrangig und vorbehaltlos an die Seite zu stellen sein wird. Nicht abgemeldete Abonnements gelten als weiterbestehend. TANZ-ABEND wSZZ SiSSSi ta mmn 1. Juli 8 Uhr abends - Burggarten (im Falle ungünstiger Witterung im Festsaale der Neuen Hofburg). Karten im Zionistischen Landeskomitee, I., Kärntnerstr. 28 und bei allen Mitgliedern des Blau-Weiß (Heim: IX., Währingerstraße 15). Der Reinertrag fließt jüdisch-kulturellen Zwecken zu. Zehn Jahre Hakoah-Orchester Zehn Jahre sind es, seitdem einige Idealisten das Hakoah-Orchester gründeten, jetzt ist es eine große Körperschaft geworden. Wertvolle Arbeit hat dieses einzige jüdische Orchester Wiens, das sich als obersten Grundsatz die Pflege jüdischer Musik erwählt hat, geleistet. Viele schöne Konzerte, die es allein und gemeinsam mit dem Jüdischen Gesangsverein veranstaltete, haben bewiesen, daß das Hakoah-Orchester eines der besten Wiens ist, Das Orchester hat fast bei jeder größeren jüdischen Feier mitgewirkt, beim Zionistenkonzert in Karlsbad, beim Zionistenkonzert in Wien, bei der Feier anläßlich der Eröffnung der hebräischen Universität, bei der Feier des 1000jährigen Bestandes des Stadttempels und bei anderen Gelegenheiten. Die ungünstigen Verhältnisse im Konzertleben haben auch auf das Hakoah-Orchester gewirkt, so daß es selten in die Oeffentlichkeit treten kann. In der nächsten Saison soll eine Reorganisation erfolgen, indem neue Mitglieder, gute Musiker (Streicher und Bläser) und auch unterstützende Mitglieder, geworben werden. Alle, die im Hakoah-Orchester mittun wollen, werden ersucht, ihre Adresse dem Sekretariat der Hakoah, I., Wipplingerstraße 24, bekanntzugeben. Künstlerischer Wettbewerb und Bezalel Zur Diskussion über den Jubiläumsband des Goldenen Buches. Von Oskar Rosenfeld. Kaum hatte das Hauptbüro des Keren Kajemeth in Jerusalem einen Wettbewerb für die Entwürfe zum Jubiläumsband des Goldenen Buches ausgeschrieben, als sich allenthalben Stimmen meldeten, die zu dieser Aufgabe Stellung nahmen. Dies zeugt von Interesse für künstlerische Fragen in der jüdischen Welt. Es ist also ein erfreuliches Symptom — schon durch die Tatsache allein, daß vor der Durchführung des Wettbewerbes die Idee des Jubiläumsbandes besprochen wird. Aus Palästina selbst, der Heimat des Bezalel, verdient zunächst die Meinung dessen Leiters, des Prof. Boris Schatz, Beachtung, vielleicht gerade deshalb, weil diesem auf jeden Fall verdienstvolle Mann unumwunden pro domo spricht. Prof Schatz vei langt, daß die Anfertigung des Jubiläumsbandes dem Bezalel übertragen werde, bloß mit der Einschränkung, eine Gruppe bedeutender Persönlichkeiten möge die Idee präzisieren, die im Einband zum Ausdruck gebracht werden soll. Der Idee soll in gemeinsamer, kollektiver Zusammenarbeit die entsprechende Form verliehen werden, und zwar auf Grundlage der geistigen Kräfte, die im „Bezalel“ bereits wirksam sind. Die Gemeinsamkeit der Arbeit findet darin Begründung, daß bei einem Gegenstand, wie einem kostbaren Bucheinband, manchmal bis zehn technische Fächer (Lederbearbeitung, Buchbinderei, Lithographie, Prägearbeit) herangezogen werden müssen. Professor Schatz hält seine Lösung für die einzig mögliche. Das erste Goldene Buch wurde vor dem Krieg, bald nach der Gründung des Jüdischen Nationalfonds, geschaffen. Der Bezalel war damals am Anfang, sein stilbildender Einfluß gleich Null; was man von ihm erwartete, war, die im jüdischen Menschen atavistisch ruhenden Triebe zu kunsthandwerklicher Gestaltung zu konzentrieren und fruchtbar zu machen. Inzwischen ist fast ein Vierteljahrhundert ver- Jüdischcs Kunstgewerbe: Hawdalah-Tcller aus Silber mit hebräischer und jiddischer Inschriit. (Aus dem Saal tür älteres jüdisches Kunslgewerbe im Wiener jüdischen Museum.) W'. i i;. .. j ‘"‘‘v'.'/'h •miMiSm, mm l'.'. wSmmm mm k^k iiH gangen, Palästina ward neuhistorischer Boden für alle Juden, denen im Zionismus das kulturelle und politische Zentralproblem erstanden ist, die europäischen, amerikanischen und palästinensischen Juden haben ihre geistig-künstlerischen Strömungen verdichtet. Und jetzt ist wieder der Bezalel da und beansprucht für sich das alleinige Recht der Durchführung einer jüdischen, einer künstlerischen, einer palästinensischen Aufgabe. Ein Bucheinband ist keine wichtige Sache. Darüber wäre also nicht viel zu sagen. Aber der Wettbewerb des Keren Kajemeth rührt wieder einmal an das Wesen künstlerischer Betätigung durch den jüdischen Menschen und damit zugleich an das Problem einer nationaljüdischen Kunst. Ein paar banale, abgegriffene Redensarten werden gewiß nichts besagen. Doch haben wir das Recht, uns das zu vergegenwärtigen, was der Bezalel-Kreis auf dem Wiener Zionistenkongreß, August 1925, als Spiegelbild seiner Leistungen zur Schau gestellt hat. Wenn wir den Bildern und Plastiken den Vortritt lassen, so geschieht dies mit Rücksicht darauf, daß sich die Künstler auf keinerlei Anrecht berufen, ihr Temperament frei entfalten und sich auch in Bezug auf den Inhalt ihrer Werke nicht eingeschachtelt wissen wollen. Das ist gut so. Unter dem Schlagwort „Palästinensische Kunst“ wäre eine Analyse sehr ungünstig ausgefallen. Man sah Stiltendenzen europäischer Provenienz, Gestaltung von Mensch und Landschaft entsprechend den allgemein gültigen Gesetzen der heutigen Zeit und selbst die spezifische palästinensische Atmosphäre, soweit sie geographisch bedingt ist, hat keinen starken Entdecker gefunden. Es waren Bilder, Bilder, Bilder, ein Markt, von einer ungeschickten Hand arrangiert. Die kunsthandwerklichenArbeiten unterlagen selbstverständlich nur einer Forderung: der Gebrauchsfähigkeit. Die hat sich erwiesen. Kleider- und Gebrauchsstoffe, Gegenstände für den einfachen Haushalt, Holz-, Metall- und Halbedelsteinprodukte bezeugten einen hohen Grad von Materialverständnis und ornamentalem Sinn. Aber sie besaßen nicht jene bezwingende Kraft, die bei einer neuen geistig-künstlerischen Gesamthaltung den Beschauer packt. Motivisch brachten diese Arbeiten nichts Charakteristisches, es sei denn jene Einstellung, die dem ganzen Orient eigen ist, technisch gab es keine Glanzleistungen, das Material selbst hob sich nicht über das Niveau internationaler Ausstellungsware. Künstlerisch haben also die damals ausgestellten Objekte nicht imponiert. Der Geist des Bezalel hat zu keinen Entdeckungen, Formneuerungen, Stilbildungen Anlaß gegeben. Einzig erhebend, Respekt einflößend waren die Ergebnisse der landwirtschaftlichen Kultur. Der Bezalel hat also bisher sein Recht auf eine Monopolstellung in kunstgewerblichen „palästinensischen“ Fragen noch nicht erwiesen. Wir wissen, daß — wenigstens vorläufig — die stärksten künstlerischen Juden-Begabungen außerhalb Palästinas liegen und für Palästina erst fruchtbar gemacht werden müssen. Ihre Studienreisen nach Erez Israel sind ein günstiges Vorzeichen. Sie aber ausschließen und eine, wenn auch unbedeutende Arbeit bloß dem engen Bezalel-Zirkel anvertrauen, wäre nach zwei Richtungen schädlich: nach der qualitativen Seite der Arbeit und nach der Herabminderung der Chance, die außerpalästinensischen jüdischen Künstler für das Interesse an den Leistungen des JKeren Kajemeth zu gewinnen. Das Druckwesen in Palästina Derzeit gibt es in Palästina gegen 50 Druckereien, einzelne in Haifa, S a f e d und Petach-Tikwah, die meisten in Jerusalem und hauptsächlich in T e 1 - A v i v. Einige sind als größere Unternehmungen zu bezeichnen, so z. B. „Itin Schoschani”, „Hapoel Hazair” und „Haarez", die Bücher hersteilen, welche der ausländischen Produktion in nichts nachstehen. Um die Qualität sehr besorgt sind die Druckereien „Amanuth" und „Achduth". Die Druckereien des ,,Haarez" und des ,,Doar Hajom" vermögen dank ihrer modernen Maschinen noch die allerletzten Tagesneuigkeiten in die betreffende Nummer zu bringen. Auch die Druckereien „Azriel" in Jerusalem und „Haschachar" und „Strod" in Tel-Aviv besitzen moderne, große Maschinen, An bedeutenden Lithographie-Anstalten sind anzuführen: „Berson & Kaufmann“ in Tel-Aviv und „Graphika“ und „Monoson“ in Jerusalem. Von Zinkographien sei die von Pikowsky erwähnt. Wenn wir auch die verschiedenen Buchbindereien dazuzählen, dann kann man die Zahl der in diesem Industriezweig Beschäftigten mit 1000 annehmen. An und für sich sind jetzt die palästinensischen Druckereien bereits in der Lage, mit dem Auslande eine Konkurrenz aufzunehmen. Trotzdem haben sie, was den Bücherdruck betrifft, noch keine genügenden Aufträge. Sie erhalten sich hauptsächlich vom Merkantildruck. Von Wichtigkeit wäre eine richtige Organisierung aller Druckereibesitzer im Lande, die aber bisher trotz aller Versuche sich nicht hat durchführen lassen. Jüdische Bühne (II., Taborstraße 12), Von Freitag, den 29. Juni bis Sonntag, den 1, Juli: Schabse-zwi, Komödie mit Gesang in vier Akten von Prof. Horowitz. — Vom 2. bis 5. Juli geschlossen. — Ab 6. Juli: Gastspiel im Theatersaale des Cafe Astoria (11., Praterstraße 60),

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.