Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1928)
- Date
- 1928-06-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 DIE STIMME Srite 11 wer nicht imstande ist, der Frau ihr Heiratsgut (Kethubbah) auszuzahlen, sie nicht gegen ihren Willen scheiden darf. Daraus folgt, daß, wer das Heiratsgut zu erlegen imstande ist, die Frau ohne weiteres gegen ihren Willen entlassen darf. Obwohl es nach Ketzerei riecht, ist es unmöglich, nicht der Wahrheit die Ehre zu geben, daß die K a r ä e r hier auf eine ganz andere Weise dafür gesorgt haben, daß die Männer ihre Frauen nicht wie Freiwild behandeln. In dem Werke „Gan Eden" von dem Karäer Aharon von Nikomedien z. B. lesen wir: „Gleich wie der Mann, wenn er einen genügenden Grund dazu hat, die Frau entlassen darf, so hat die Frau das Recht, von ihm zu scheiden. Folgende Gründe geben ihr das Recht dazu: Wenn er sie treulos verlassen hat und zu einer anderen Frau gegangen ist; wenn er eine von den Bedingungen, die ihm die Thora auferlegt hat, nicht einhält, selbstverständlich, wenn er das aus Bosheit (nicht aus Not) tut. Also, ohne ihre Einwilligung kann sie nicht geschieden werden." (Ein weiterer Artikel folgt.) Maxa Nordau aber berühmte Jüdinnen In der amerikanisch-jüdischen Zeitung „The Jewish Texas Herald" erschien vor einiger Zeit ein interessanter Artikel über prominente Jüdinnen des heutigen Europas von Maxa Nordau. Die Tochter des berühmten Schriftstellers und Zionistenführers berücksichtigt zumeist Jüdinnen ihres Heimatlandes Frankreich. Natürlich ist der Artikel für die amerikanische Mentalität zugeschnitten. So macht sie gleich am Anfang den Amerikanern das Kompliment, daß seit dem 6. August 1926, dem Tage, an dem Gertrud E d e r 1 e den Kanal durchschwamm, eine Aera des Ruhmes der Frau beginnt; denn sie habe durch ihre Rekordleistung den Unterschied der Geschlechter aufgehoben. Die Gleichstellung der modernen Frau auf so gut wie allen Gebieten zeige sich natürlich auch bei der jüdischen Frau. Obwohl sie rühriger, lebhafter als ihre nichtjüdischen Nachbarn ist, jahrhundertelang in ihrer Entfaltung gehemmt und eingeschränkt war, kann die jüdische Frau heute auf allen Gebieten der Kunst, der Wissenschaft, der Politik, des Sportes die ihr gebührende Stellung je nach ihrem Verdienste einnehmen. Die Verfasserin zählt zu den hervorragendsten Jüdinnen Frankreichs eine Frau polnischer Abstammung, die Künstlerin Ida Rubinstein, die würdige Nachfolgerin der Eleonore Düse. Ihr literarischer Salon ist das Gespräch des Kontinents. Maxa Nordau erwähnt ferner die bedeutende Schriftstellerin Claire G o 11, eine 30jährige junge Frau, deren Novellen und Gedichte auch außerhalb Frankreichs viel gelesen werden; ferner Marie Chagall, deren Weltruhm bis nach Amerika drang und die dort ebenso geehrt wird wie in europäischen Ländern. Maxa Nordau erwähnt auch Polen, wo die berühmte Dichterin Fania 0 r n s t e i n das kulturelle Leben befruchtet. Die reaktionärsten Kritiker Polens müssen ihr das höchste Lob zollen. Vor einigen Jahren erhielt sie vom Präsidenten der Republik das doppelte Kriegskreuz als Anerkennung ihrer Dienste für die Befreiung Polens. Frauen gegen die Schließung von Synagogen Jüdische Kommunisten in Smolensk sammelten Unterschriften für Umwandlung der großen sogenannten „Chor- Synagoge" in einen Arbeiter-Klub. Die Frauen der jüdischen Arbeiter traten aber dieser Propaganda entgegen, sodaß die nötige Anzahl Unterschriften nicht aufgebracht werden konnte. Die zweite Council-Sitzung der WIZO Die unter Leitung von Frau Sophie Löwenherz stehende Organisation zionistischer Frauen, über deren erfolgreiche Arbeit wir in unserer letzen Nummer berichtet haben, wird bei der vom 3. bis 5. Juli in Berlin stattfindenden Council-Sitzung der Weltorganisation zionistischer Frauen (WIZO) durch Frau Dr, Martha Hof mann vertreten sein. Der Kontinentalbund zionistischer Mädchenvereinigungen, dessen Wiener Gruppe die ZMV. „Mirjam" ist, hält seinen 3. Bundestag in Alt-Schmecks in der Hohen Tatra (CSR.) ab. Die Tagung beginnt am Donnerstag, den 5. Juli und sind Beratungen und Referate für einige Tage vorgesehen. An den Bundestag schließt sich eine Feriensiedlung daselbst für die Mitglieder des Kontinentalbundes an. Wissenschaft, Literatur, Kunst Der jüdische Intellektuelle in Frankreich Von Henri Bernstein (Paris). (Aus einem Gespräch.) Der bekannte französische Schriftsteller und Theaterdirektor Henri Bernstein ist vor einigen Tagen an der Spitze seines Pariser Ensembles in Wien angekommen, um am Raimund-Theater ein kurzes Gastspiel zu absolvieren. Bernstein, einer der erfolgreichsten Dramatiker und Theaterleiter im heutigen Frankreich, steht gerade jetzt im Mittelpunkt einer interessanten Polemik, die zwischen ihm und dem Pariser Theaterdirektor Gemier über Probleme des modernen Bühnenstils, sowie über Fragen der „Internationalität“ des Theaters geführt wird. Dem Wiener Publikum dürfte Henri Bernstein, der Jude ist, als Verfasser der dramatischen Dichtung „Israel“, die vor Jahren an einer Wiener Bühne zur Aufführung gelangte und in der sich der Dichter mit dem modernen Judenproblem in geistvoller Weise auseinandersetzte, in bester Erinnerung sein. Auch sein Schauspiel „Der Dieb“ wurde in Wien viel gespielt. An die in „Israel“ gestalteten Probleme knüpfte Henri Bernstein an, als er sich einem Vertreter der „Stimme“ gegenüber über verschiedene aktuelle jüdische Fragen äußerte: „Der jüdische Intellektuelle in Frankreich hat es im allgemeinen nicht leicht, der Assimilationstendenz Widerstand zu leisten. Der gebildete Franzose kennt keinen Antise m'itismus und würde es mit Entrüstung ablehnen, einen Unterschied zwischen Franzosen und Juden zu machen, oder gar die ganze jüdische Nation als „minderwertig" zu bezeichnen, worauf manche geistig rückständige Rassentheoretiker in gewissen Ländern ihren höchst verdächtigen „wissenschaftlichen Scharfsinn“ konzentrieren. Es gibt im heutigen Frankreich eine ganze Reihe schöpferischer jüdischer Persönlichkeiten, die das französische Schrifttum durch ihre Eigenart um wesentliche reizvolle Nuancen bereichert haben. Und wenn ich von mir selbst sprechen darf, wüßte ich mir wahrlich keinen passenden Ersatz für die geistigen Qualitätei}, die ich meinem jüdischen Blute, meinem unterbewußten Judentum verdanke. Ich bin ein schaffender Künstler und kein Kämpfer für oder gegen politische Programme und Ideen. Ich bin mit ganzer Seele, gleich allen vorurteilslosen Kulturmenschen, bei den hohen ethischen, sozialen und kulturellen Zielen der jüdischen Renaissancebewegung, die in Frankreich die größte Sympathie erweckt hat und von der zweifellos schöpferische Impulse zu einer inneren Erneuerung des Idealismus ausgehen werden. Wenn ich an der Erreichung dieser Ziele nicht direkt mitwirken kann, so ist dies nicht auf. einen Mangel an Willen zum Judentum, sondern lediglich auf mein Naturell zurückzuführen, das mir einen bestimmten künstlerischen Wirkungskreis vorgeschrieben hat, innerhalb dessen ich, als Jude und französischer Schriftsteller, meinem Menschheitsideale zustrebe. Das New Yorker jüdische Kunsttheater ist, wie wir bereits berichtet haben, von einer Existenzkrise bedroht, da der Direktor Morris Sch wartz das Theater auf der Second-Avenue wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht halten konnte. Um jedoch das bedeutendste jüdische Sprechtheater New Yorks zu erhalten, wurde unter der Devise: »Das jüdische Kunsttheater darf nicht zugrundegehen!« eine Kampagne veranstaltet, durch welche die für die Führung nötigen Mittel aufgebracht werden sollen. Morris Schwartz, der für di'e nächste Saison das Theatergebäude auf der 14. Street mieten will, hat bereits eine Reihe von hervorragenden Schauspielern für sein künftiges Kunsttheaterensemble engagiert, obwohl für den Grundfonds noch 10.000 Dollar fehlen. ZionisWes' Verband der Zionta-Miolür Österreich nisten Österreichs Donnerstag, s. Juli 1938,8 Uhr abends, Hotel „Continental“, II, TaborstraBe 4 VORTRAG Dr. Weltgang Welsl (Jerusalem) Ober „Judenstaat und englisches Dominion“ (Vor neuen Entscheidungen) Karten sind im Zionistischen Büro, I, Kärntnerstraße 28 -i erhältlich. __ Bitte ' ä mm „SAMT AS“ COMPRI-VENA der neue Krampfadernstrumpf and Sehlankformer ohne Gummi Institut für Fußheilbehelfe n. Bandagen Anton Bständig Wien I» Telnfaltstraße nur? Ein Literaturpreis der Warschauer jüdischen Gemeinde Der Vorstand der Warschauer jüdischen Gemeinde beschloß in seiner letzten Sitzung, dem Beispiel der Lodzer Gemeinde folgend, einen Preis von 3000 Zloty für das beste literarische Werk, das im Laufe des Jahres in hebräischer oder jiddischer Sprache erscheint, auszusetzen. In der gleichen Sitzung wurde die Erbauung eines jüdischen Volkshauses beschlossen. Darius Milhaud Von Rudolf Rcti (Wien). Wer den Versuch machen wollte, eine Liste jener, auf verschiedensten Geistesgebieten prominenter Zeitgenossen zusammenzustellen, die Juden oder jüdischen Blutes sind, wird speziell bei den Ländern romanischer Zunge auf Schwierigkeiten stoßen. Während es bei uns im schönen, oft allerdings auch im betrüblich-gehässigen Sinn zu den primärsten Fragen gehört, ob jemand Jude sei oder nicht, ist dies in Frankreich oder Italien nicht ebenso der Fall. So konnte der Schreiber dieser Zeilen z. B. bezüglich Maurice Ravels, des bekanntesten der lebenden Komponisten Frankreichs, obwohl er eine ganze beträchtliche Anzahl persönlicher Bekannter und Freunde des Meisters zu interpellieren Gelegenheit hatte, nichts Zuverlässiges darüber herausbringen und nur eine ganze Reihe widersprechendster Antworten von angeblich kompetentesten Seiten registrieren. Von einem der hervorragendsten Musiker des heutigen Frankreich ist es ganz zweifellos und allgemein bekannt, daß er Jude ist. Versäumt er doch keine Gelegenheit, sich rückhaltlos und unbedingt als solcher zu bekennen: es ist Darius Milhaud. Milhauds Name ist in unseren Ländern einer breiteren Oeffentlichkeit gewiß noch nicht so geläufig, wie etwa der von Richard Strauß. Dennoch ist der in der Mitte der Dreißig stehende junge Künstler schon heute durchaus als Arrivierter zu bezeichnen. Allein die quantitative Mannigfaltigkeit seines bisherigen Oeuvres ist eine imponierende. Da gibt es zuerst Kammermusikwerke jeder Art: Suiten und zyklische Gruppen (die entzückenden, viel gespielten und viel getanzten Soudades de Brazil), Lieder nach Texten von Chateaubriand, Claudel, Tagore und anderen, Sonaten für Klavier, Violinsonaten, eine Flötensonate, ein Bläserquartett und über ein halbes Dutzend^ Streichquartette. Und schließlich erst die „großen Sachen, die Orchester- und Bühnenwerke. Hier hat sich Milhaud besonders dem Ballett und der Pantomime zugewandt, er ist es, an den man, neben Strawinsky vor allem denkt, wenn heute oft von einer Renaissance dieses Zweiges bühnenmusikalischer Produktion gesprochen wird. (Das seltene Komponistenglück kongenialer Interpretationen durch das berühmte russische und das schwedische Ballett war es, das seinen Namen durch glänzende Aufführungen in fast allen Metropolen unseres Kontinentes, und darüber hinaus, bekannt machte.) Solche ans Unglaubhafte streifende Fruchtbarkeit, eine an Mozart mahnende Leichtigkeit des Schaffens ahnen lassend, ist im übrigen weit mehr,