Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1928)
- Date
- 1928-06-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 26 DIE STIMME Seite 9 Verein zur Abwehr des Judentums Das »Wahlprogramm« der Kultusvorstandsmehrheit. Der Festsetzung des Termins für die Wiener Kultuswahlen ist sehr rasch eine Versammlung der „Union österreichischer Juden“ gefolgt, jener Vereinigung, welche die bisherige Majorität des Wiener Kultusvorstandes stellte. Es war anzunehmen, daß die Redner — die Kultusvorsteher Dr. T i c h o und Dr. Oppenheim — ein positives Programm für die Kultusgemeindearbeit dar legen würden; ist doch die Wiener jüdische Gemeinde von schweren Existenzsorgen bedroht, die zum Teil den wirtschaftlichen und sozialen Nöten der Judenschaft Wiens, zum Teil in der politischen Atmosphäre dieser Stadt ihre Wurzel haben. Diese Lage erfordert die Heranziehung aller produktiven Kräfte für die Erhaltung der jüdischen Gemeinde. Wer von den recht spärlich erschienenen Teilnehmern dieser »Union«-Versammlung ein solches positives Arbeitsprogramm erwartete, wurde schwer enttäuscht. Das sogenannte Programm, das die beiden Redner entwickelten, war das des altösterreichischen Fortwursteins, verschärft durch eine geradezu antisoziale, unjüdische Betonung des Willens zur unproduktiven Privilegienwirtschaft. »Nur was des Glaubens ist« — rief Dr. Ticho emphatisch aus — »gehört in die Kultusgemeinde!«, und faßte dann bezeichnenderweise sein „Prgoramm“ in eine negative Formel: »Fort mit der Politik aus der Kul t usgemeinde. Was des Staates, des Landes oder der Gemeinde ist, gehört nicht in die Kultusstube. Wir wollen keinen Staat im Staate bilden, wir dürfen uns keine Rechte arrogieren, die den staatlichen Körperschaften zukommen. Wir müssen in diesen Körperschaften als treue Staatsbürger mitarbeiten. Nur so können wir die Gleichberechtigung auch faktisch erlangen, die vorläufig noch auf dem Papier besteht. Wenn wir uns absondern und selbständige Politik betreiben, dann laufen wir Gefahr, unsere Gleichberechtigung ganz zu verlieren. PolitischeParteienhaben in der Kultusgemeinde nichts zu suchen. Außerhalb der Gemeinde kann jeder seine eigene politische Auffassung haben. Insbesondere die Sozialdemokratische Part ei gehört nicht in die Kultusgemeinde, denn sie erklärt die Religion zur Privatsache. Es wäre widersinnig, diesen Grundsatz auf eine Zwangsorganisation, wie die Kultusgemeinde eine ist, anzuwenden.« Dann polemisierte Dr. Ticho gegen die Forderung nach dem uneingeschränkten allgemeinen Wahlrecht mit der possierlichen Begründung, wer keine Kultussteuer zahle, sei gewissermaßen p. v., denn er wolle nur wählen, um — Politik in der Kultusgemeinde zu machen. Daß man Steuern auch nicht zahlt, weil man es nicht kann, und daß heute bereits in aller Welt die privilegierte Verbindung zwischen Steuerzahlung und Wahlrecht aufgehoben ist, davon weiß Dr. Ticho anscheinend nichts. Dr. Ticho machte dann in politischer Gerechtigkeit, indem er die Forderung nach Schaffung eines jüdischen Gemeindebundes deshalb ablehnte, weil es „ganz unparlamentarisch wäre, ein Gebilde zu schaffen, in dem die Gemeinde Wien vermöge der Zahl ihrer Angehörigen ein derartiges Uebergewicht haben müßte, daß sie alle anderen österreichischen Kultusgemeinden majorisieren könnte.« Ließen diese Ausführungen alles Positive, was für die Kultusgemeindearbeit in Betracht kommt, völlig vermissen, so war die dann folgende Rede des Regierungsrates Dr. Oppenheim ganz auf »Abwehr« eingestellt. Zunächst zog er gegen die Zionisten los und sagte: »Wir lehnen jeden Nationalismus ab, also auch den jüdischen Nationalismus, weil Nationalismus zur Irredenta führen kann. Wir wollejj keine politischen Sonderrechte, weil wir befürchten, daß unsere Staatsbürgerrechte geschmälert werden, wenn die Jüdischnationalen ihre Forderungen erreichen. Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, das seit Jahrtausenden über uns hinweggegangen ist. Für eine jüdische Volksgemeinschaft im Staate haben wir nichts übrig.« Dann polemisierte der Budgetreferent des Kultusvorstandes gegen den sozialistischen Flügel der Opposition und kam auch auf die Bemühungen der von der Wiener Sozialdemokratie soutenierten »Werktätigen Juden« zu sprechen. Für die Bestrebungen dieses sozialdemokratischen Judenflügels gab Dr. Oppenheim folgende Definition: »Sie (die Sozialdemokraten) wollen eine Unterkunftsstätte für ihre jüdischen Mandatshascher und Stellen jäger schaffen. Es ist ihnen unangenehm, ihren jüdischen Parteigängern in den öffentlichen Körperschaften Mandate und Stellen zu verschaffen, um nicht noch mehr als Judenpartei verschrien zu werden. Deshalb wollen sie die jüdischen Anhänger auf die Kultusgemeinde verweisen.« Dann kam auch Dr. Oppenheim auf die Wahlrechtsfrage zu sprechen und zeigte sich dabei wieder höchst besorgt um das Wohl der Höchstbesteuerten, indem er sagte: »Wir können auch der Forderung nach Einführung des allgemeinen Wahlrechtes ohne jeden Zensus nicht nachgeben, weil die Nichtsteuerträger den Steuerträgern noch h öhere Steuern aufhalsen würden, die sie zu tragen nicht in der Lage sind.« Wie man sieht — in keiner der beiden »Programmreden« ein Wort davon, was die jüdische Gemeinde, was ihre Mitglieder in dieser schweren Zeit der Not brauchen und welche Arbeit die Kultusgemeinde in dem ihr laut Gesetz zustehenden autonomen Rahmen für die Wiener Judenschaft leisten will, wie sie die Bindung der Wiener Juden an ihre Gemeinde festigen soll u. dgl. Die alten abgestandenen Polemiken gegen den „irredentistischesten“ Zionismus muten höchst sonderbar an, wenn man daran denkt, daß die wenigen Ansätze zu produktiver Arbeit der Wiener jüdischen Gemeinde unter dem Druck der zionistischen Opposition im Kultusvorstand geschaffen wurden. In diesen Reden der »Union«-Protagonisten zeigt sich kein Verständnis für die Nöte und Bedürfnisse der jüdischen Lebens, kein Bewußtsein für die jüdischen Pflichten und Aufgaben einer jüdischen Gemeindeverwaltung, im Gegenteil — das Bestreben, alles Jüdische von der Kultusgemeinde fernzuhalten. Warum der große Aufwand an Lungenkraft gegen die Kultusgemeindeoffensive der Sozialdemokraten? Die Sozialdemokraten wollen die Wiener jüdische Gemeinde zerstören; das »Programm«, das in der letzten Union-Versammlung vorgebracht wurde, ist so unjüdisch, daß es zur Zerstörung der jüdischen Gemeinde führen muß. Wer die Wiener Kultusgemeinde wirklich erhalten will, muß erkennen, daß das Tun der »Union«-Majorität dem Wollen der Sozialdemokraten nur Vorschub leistet. Gegen beide müssen sich alle Kräfte im Wiener Judentum vereinigen, welche den Bestand der Wiener jüdischen Gemeinde sichern wollen! Der Reichs verband der deutschen Juden Der Verband bayrischer israelitischer Gemeinden hat auf seiner am 17. und 18. Juni stattgefundenen Tagung in Bamberg den von der Kölner Tagung der Gemeindeverbände ausgearbeiteten Entwurf zur Schaffung des Reichsverbandes jüdischer Gemeinden mit allen gegen 4 Stimmen angenommen und damit als erster der deutschen Gemeindeverbände den Kölner Beschluß ratifiziert. Die Staatszuschüsse lür die jüdischen Gemeinden Rumäniens Wie der „Curierul Israelit" mitteilt, wurde die Summe von 10 Millionen Lei, welche im Staatsbudget für den mosaischen Kult vorgesehen ist, auf die einzelnen Provinzen laut Beschluß der Februar-Tagung der Vertreter der jüdischen Organisationen ganz Rumäniens, wie folgt, verteilt: Altrumänien: 2,720.000 Lei; Siebenbürgen: 2,960.000 Lei; Bukowina: 1,320.000 Lei; Bessarabien: 3,000.000 Lei. Das Kultusministerium wurde ersucht, diese Summen auszuzahlen. Es verständigte jedoch die Union rumänischer Juden, daß gemäß dem Kultusgesetze die einzelnen Summen nur direkt den betreffenden Kultusgemeinden zugewiesen werden können. Unentgeltliche Talmud-Thora-Kurse während der Ferien. Ueber Verfügung des Präsidiums, im Einvernehmen mit dem Obmanne der »Unterrichts-Kommission«, werden während der Ferialmonate in den Schullokalitäten XX., O t h m a r g. 46, Kurse für Volks-, Bürger-(Haupt-) und Mittelschüler(innen) aus folgenden Gegenständen abgehalten werden: 1. Nachhilfe aus Hebräisch-Lesen, 2. Uebersetzen von Gebetstücken, 3. Einübung liturgischer Gesänge, 4. Vorbereitung für die Barmizwah, 5. Hebräische Lektüre für Fortgeschrittene. Der Unterricht ist unentgeltlich. Im Rahmen des Unterrichtes werden Lehrausgänge mit den Schülern und Schülerinnen veranstaltet werden. In den ersten Tagen des Monates Juli d. J. finden die Einschreibungen statt. werkstatte für Sessel und Tische Salongarnituren und Einzelmöbelstacke ADLER, VII, Apollog. 18 Klilaarmtr. 12 Austritte aus dem Judentum Kr afft Marg. geb. Rosenberg, 24. 9. 1894, Wien, verh., XVIII., Weimarerstr. 3. Keller Fritz früh. Kohn, 18. 2. 1910, Wien, ledig, XVIII., Köhlerg. 20. Kraus Rudolf, 18. 10. 1866, Krisczow, verh,, VIII,, Fuhrmanng. 2. Josefovits Erwin, 27. 5. 1900, Wien, ledig, II., Novarag, 49. K e n d e Ottilie, 31. 5. 1907, Wien, ledig, VI., Millerg. 1. Singer Erna, 21. 9. 1889, Wien, ledig, VIII,, Langeg, 61. Violin Leopold, 13. 10. 1893, Wien, verh., IV., Schönburgstr, 32. W e i n i n g e r llrnst, 16, 10. 1902, Wien, ledig, VII., Mondscheing. 8. De u[ t sch Leo, 25. 11. 1903, Wien, ledig, III„ Kolonitzg. 7, Stern Antonie, 2. 3. 1906, Wien, ledig, III., Untere Viaduktg. 33. Bonyhard Alice, 2. 11. 1898, Wien, ledig, III., Gärtnerg. 3. Stein Eva Maria, 7. 4. 1924, Wien, ledig, III., Czapkag. 8. Kraus Martha, 25. 11. 1891, Esseg, ledig, III., Mohsg. 10. Bar Elisabeth, geb. Bachrach, verw. Müller, 24. 7. 1896, Budapest, ger. ge-sch., III,, Kegelg. 24, Weiß Gustav, 28. 7. 1890, Wien, verh., XVI., Lerchenfeldergürtel 35, R e y n e r Otto, früher Goldstein, 9. 1. 1893, Wien, verh., XVI., Lerchenfeldergürtel 35. Reyner Paula, geb. Frank, 24. 4. 1897, Wien, verh., selbe Adresse. Amtliche Verlautbarungen der Israel. Kultusgemeinde Wien An die Koscherlleisch konsumierenden Gemeinde mitglieder! Es ist zur Kenntnis des Vorstandes der Israel. Kultusgemeinde gelangt, daß in letzter Zeit von unverantwortlicher Seite der Versuch unternommen wird, unter den Gemeindemitgliedern Mißtrauen gegen die Kaschrutheinrichtungen der Kultusgemeinde m zeigen Krunniks entzückende eigene Schttpfungen und Modelle der ersten Pariser Modehäuser Duftige Sommerkleider, hochelegante Complels, fesche Kostüme und Mäntel, hochaparte Abend- und Gesellschaftskleider aus edelstem Material und in den reizendsten Modefarben zu enorm billigen Preisen i. is JU UPI MNP VII. KAISERSTR. 115 Wir haben nirgends Filialen! Anerkannt größtes Speztalhaus Österreichs zu verbreiten, ohne daß auf irgend welche bewiesene oder beweisbare Tatsache hingewiesen wird. Der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien ist wohl bemüht, Anregungen, welche die Schaffung oder Verbesserung von Gemeindeeinrichtungen zum Gegenstände haben, und ihm aus dem Kreise der Gemeindemitglieder zukommen, mit aller Sorgfalt zu prüfen und zu berücksichtigen. Mit aller Entschiedenheit muß jedoch der Versuch zurückgewiesen werden, die Verläßlichkeit ritueller Einrichtungen, für welche nach dem geltenden Statute die Israel. Kultusgemeinde Wien das Rabbinatskollegium in seiner Gesamtheit die Verantwortung trägt, als zweifelhaft hinzustellen. Ueber Antrag der „Kommission für Kultus- und rituelle Angelegenheiten“ hat das Plenum des Kultusvorstandes in seiner Sitzung vom 18. Juni 1. J. die Einsetzung einer Spezialkommission beschlossen, welcher nebst den Mitgliedern des Rabbinates und des Kultusvorstandes auch als externe Mitglieder Vertreter der verschiedenen religiösen Richtungen angehören werden. Dieser Kommission wird es obliegen, etwaige Vorschläge von Maßnahmen zu erstatten, bezw. zu prüfen, welche geeignet wären, Verbesserungen bezüglich der Organisation und Ueberwachung des Kaschruthwesens herbeizuführen. Bei diesem Anlasse wird bekanntgegeben, daß nur die nachstehend verzeichneten Koscherfleischbänke unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien stehen und nur bezüglich dieser Verschleißstellen die Verantwortung in ritueller Hinsicht vom ehrw. Rabbinate getragen wird: Im I. Bezirk; Schwarzbrod Josef, Seitenstettengasse 3; im II. Bezirk: Fellner Julius, Haidgasse 7, Gerstl Ignatz, Malzg. 5, Gerstler Leib, Schiffamtsg. 14, Hirschler Josef, Wolfgang-Schmälzl-Gasse 4, Kronland Michael, Hermineng. 12, Kurzrock Osias, Gr. Sperlg. 28, Lustig Nathan, Leopoldsg. 49, Lubczer Kalman, Rueppg. 27, Premitke Benjamin, Im Werd 5, Rüber Markus, Schiffamtsg. 19, Schönfeld Israel, Krummbaumg. 1, Schönfeld. Hirsch, Gr. Sperlg. 31, Täuber Michael, Haidg. 3, Walfisch Moses, Förster- 535353234853534853020248235348234823482348235353235323485323535323235353232323534853234823532348234848