Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1928)
- Date
- 1928-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053778--0421-3055697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 DIE STIMME Seite 3 hingewiesen, daß, da der ßoard nun doch beschlossen hat, an den Arbeiten der Jewish Agency teilzunehmen, es sich gezieme, bei der Konferenz der Zionisten vertreten zu sein, um sich mit der Position der Jewish Agency, über die berichtet werden wird, vertraut zu machen. Schließlich wurde der Antrag, zwei Delegierte zu der Konferenz der zionistischen Förderation zu entsenden, mit großer Mehrheit angenommen. Die Ehrenbeamten, unter ihnen Lord Rothschild lind d'Avigdor G o 1 d s m i d, stimmten gegen diesen Antrag. D'Avigdor Goldsmid und Lord Rothschild, die als Delegierte nominiert wurden, lehnten die Uebernahme dieses Mandates ab, wodann beschlossen wurde, es den Ehrenbeamten zu überlassen, zwei Delegierte zu der zionistischen Konferenz zu ernennen. Es wurde ferner beschlossen, ein Komitee zur Vorbereitung einer Jubiläumsfeier des Joint Foreign Committee, welches im Jahre 1878 begründet worden ist und also auf eine 50jährige Arbeit zurückblickt, einzusetzen. Unsere intellektuellen und materiellen Kräfte Ein Brief von Professor Albert Einstein. Vor kurzem tagte in Paris ein jüdischer Studentenkongreß, dem Professor Albert Einstein in seiner Eigenschaft als Präsident des Weltverbandes der jüdischen Studenten die nachstehende Botschaft sandte, über die wir schon seinerzeit kurz berichteten und jetzt ihrer bedeutsamen soziologischen Formulierungen halber hier aus der soeben erschienenen zweiten Nummer der Wiener „Mitteilungen des Jüdischen Hochschulausschusses" im vollen Wortlaut wiedergeben: Das jüdische Volk hat während seines 2000jänrigen Exils und seiner Wanderungen von Land zu Land das Los eines Wanderers und eines Fremden zu ertragen und den vernichtenden Angriffen auszuweichen gelernt, die sowohl das Individuum als auch das Volk als Ganzes bedrohten. Wir sind überzeugt, daß die jüdischen Studenten in allen Ländern die Kraft finden werden, die sie im Kampfe gegen all ihre Schwierigkeiten benötigen. Wir wissen, daß die Glaubensgemeinschaft, die alle Teile der jüdischen Nation vereinigt und die die Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet, die Quelle unseres Widerstandes bilden und uns Mut für die Zukunft verleihen wird. Das befreit uns aber nicht von unserer gegenwärtigen Pflicht zur Arbeit. Wie schwierig auch die Stellung des jüdischen Studenten als Individuum oder als Masse genommen sein mag, müssen wir für die unbeschränkte Zulassung zu den Lehranstalten kämpfen und unseren Kollegen jede Dr. J. H. Magnes, der Kanzler der hebräischen Universität Jerusalem, die jetzt in eine Lehrhochschule umgewandelt wird. Hilfe zuteil werden lassen, die sie zur Vollendung ihrer Studien benötigen. Es wäre nicht so arg, hätten wir nur gegen diese Schwierigkeiten anzukämpfen. Was uns am meisten niederdrückt, ist die Hoffnungslosigkeit dieses Kampfes. Wir sehen, wie die Zahl der beschäftigungslosen Intellektuellen vor unseren Augen wächst. Das ist nicht nur ein jüdisches, das ist ein internationales Problem, wenn es auch bei uns Juden schwerere Formen annimmt, als anderswo. Wofür kämpfen wir eigentlich Tag für Tag? Warum nehmen wir den Kampf der Emigranten an allen Universitäten Europas auf uns, wenn wir am Ende unseres Weges nur Unsicherheit und Arbeitslosigkeit erwarten können? Manche werden sagen, wir haben keine Wahl und müssen mit dem Mute der Verzweiflung kämpfen. Solche Ansichten gestalten unsere Lage bloß noch schwerer, als sie es ohnehin schon ist. Aber w i r glauben, daß die Not der Gegenwart einmal ein Ende nehmen wird. Die Bezie- | hungen zwischen den Völkern bessern sich, wir hoi- | fen auf eine bessere und friedlichere ökonomische Zukunft, auf eine neue Epoche. Europa kehrt zur wirtschaftlichen Stabilität zurück. Diese aber ist der Hauptfaktor in dieser Periode der Entwicklung. Der wirtschaftliche Aufbau wird neue Kräfte und neue Möglichkeiten geistiger Arbeit schaffen, die heute noch nicht abzusehen sind. Jede Nation wird entsprechend den Fähigkeiten ihrer studierenden Jugend imstande sein, der Entwicklung der Menschheit zu dienen. Wenn wir aber unsere wichtigsten Aufgaben betrachten, nämlich den Aufbau des jüdischnationalen Heimes in Palästina und den Kampf gegen alle Ungerechtigkeiten, denen wir ausgesetzt sind, so sehen wir, daß unsere intellektuellen und materiellen Kräfte nicht so groß sind, als sie imVergleich mit denen anderer Völker vielleicht erscheinen. Da ist noch viel Arbeit zu leisten. Der Jude muß überall danach trachten, für sein Volk Achtung und Anerkennung zu erlangen. Das Tun des Einzelnen ist das Symbol für das ganze Volk. Die beste Arbeitsmethode für das Ziel, das vor uns liegt, ist eine starke Organisation der jüdischen Weltstudentenschaft. Der Weitverband jüdischer Studenten wird alles tun, was in seinen Kräften steht, um Ihre Arbeit zu erleichtern. Im Namen des Weltverbandes jüdischer Studenten übermittle ich Ihnen meine herzlichsten Grüße und meine besten Wünsche für den Erfolg Ihrer Arbeit. Schwere antijüdische Ausschreitungen in Warschau 84 Juden verletzt. Am 18. Juni kam es, wie aus Warschau berichtet wird, in der dortigen Vorstadt P r a g a zu sehr schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Große Trupps des Mob zogen durch Gassen und Parks imd überfielen alle i hnen entgegenkommenden j ü d ischenP assanten, die nicht nur schwer mißhandelt, sondern auch ausgeraubt wurden. 84 jüdische Einwohner erlitten Verletzungen. 30 Huligans wurden von der Polizei in Haft genommen. Erst spät abends, als ein größeres Polizeiaufgebot heranrückte, trat Ruhe ein. Der numerus clausus in Polen In der letzten Sitzung des polnischen Sejm stellte Abg. J. Grünbaum im Namen des jüdischen Klubs den Antrag, Artikel 86 des Hochschulgesetzes abzuschaffen, der den Universitätsleitungen das Recht erteilt, die allgemeine Zahl der Studierenden einzuschränken. In der Begründung führte Grünbaum aus, daß diese Bestimmung von den Universitätsleitungen zum Anlaß genommen wird, um j ti d i s c h e n Studierenden den Zugang zu den Universitäten zu versperren. Ein Denkmal für den Verteidiger im Tisza-Eszlar- Prozeß Die jüdischen Gemeinden Ungarns haben beschlossen, Karl E ö t v ö s, dem Verteidiger der jüdischen Angeklagten im Ritualmord-Prozeß zu Tisza-Eszlar im Jahre 1882, an einem Zentralpunkt in Budapest ein Denkmal zu setzen. Der Prozeß in Tisza Eszlar, der von den Behörden im Geiste finsterster Reaktion geführt worden war, hat seinerzeit die ganze aufgeklärte Welt in Bewegung gesetzt. Der damals im italienischen Exil lebende große ungarische Patriot Ludwig Kossuth erhob seine Stimme gegen die mittelalterlichen Vorurteile und Methoden der Behörden seines Heimatlandes. Der hervorragende Schriftsteller und Parlamentarier Karl Eötvös übernahm die Verteidigung der Angeklagten und protestierte bei dem Justizminister dagegen, daß sie in den Gefängnissen Folterungen unterworfen worden seien. Im August 1883 endete der Prozeß mit einem einstimmigen Freispruch der Angeklagten und deren Haftentlassung. Karl Eötvös war als Verteidiger der Juden den schwersten Angriffen und Bedrohungen seitens des Pöbels ausgesetzt. Mi ■■ mm utfj&asft —————————■■——»iimi »» ———h—a—M—na—————an—«an—— Englische Herren- Damenstoffe MUMIWMWUa Wien VI, Marialiilferslr. 125 Judentum und vom Weibe loszukommen suchte, in einen freudlosen Selbsthaß ausschlagen. Er wurde zum Flagellanten, der den eigenen Leib geißelt. Sein ganzes Philosophieren ward fortan von einer fixen Idee besessen, von der Idee des Verbrechens. Daß er ein Verbrecher sei, daß er im Laufe seines Lebens ins Verbrecherische entgleisen müsse, dies war sein fatalistischer Zwangswahn. Unter „Verbrecherisch" aber verstand er alles das, was dem logisch-ethischen Kosmos (für ihn die wahre Wirklichkeit) nicht einzuordnen ist. Schließlich wurde ihm auch das Wunder zum Verbrechen und mithin das Leben selber. Weiningers Philosophie streift nahe an jenen spiritualistischen Wahn des die außermenschliche Welt meisternden „absoluten Geistes". Denn alles, was nicht logischethische Bewährungen zeigt, offenbarte ihm das Verbrechen. Solche Betrachtungen durchziehen insbesondere seine wunderlichen Charakteristiken der Pflanzen und Tiere. Vor allem die Flora und Fauna der Tiefsee offenbart ihm eine weltbedrohende und verbrecherische Urmacht. Man hat den Eindruck, daß alles, was eine frühere Generation als Romantik empfand, nun von Otto Weininger als unsittlich und geistpolar empfunden wurde. Vor der verbrecherischen Naturgewalt aber rettete er sich in das Reich der „autonomen Freiheit". Freiheit aber heißt bei ihm nicht: Sich unter sein Schicksal stellen, sondern im Gegenteil: ein Paroli dem Schicksale bieten! Was kann eine solche Freiheit anderes tun, als Leben zerstören? Weiningers „Wille zur Freiheit" ist nichts anderes als Mainländers nihilistischer „Wille zur Erlösung". Vollendete Ethik ist vollendeter Tod! Leben heißt, Gott im Bilde schauen, wer Gott nackt schaut, der stirbt. Wollen, handeln, weiterwirken kann nur, wer eben das bejaht, was Weininger Verbrechen nennt. Denn alles Leben vernichtet anderes Leben und zeugen i s t morden. So ist das Ziel der Logik wie der Ethik immer ein negatives Ziel: der Tod der Welt. Weininger ging folgerichtig bis zu Ende. Er kehrte sein Wollen gegen das Wollen. Er vernichtete sich selbst. Aber der Schuß, mit dem er sich auslöschte, wurde abgefeuert im Sterbezimmer Beethovens, dessen elementarischer Genius eigentlich der klarste Gegensatz ist zu all dem, was Weiningers Philosophie anstrebte. Liegt auch darin eine Erkenntnis? Hätte vielleicht dieser Geist, der sich von der Mutter losreißen wollte, um reiner Gottmensch zu werden, in Wahrheit die Heimkehr zur Mutter gesucht und die Erlösung vom überwachten Wissen und Wollen? War dieser Gegner des Judentums vielleicht der typischeste Jude unseres Zeitalters? Wir Heutigen können in Otto Weininger nichts mehr sehen als das Extrem jener heute absterbenden jüdischen Jugend, die, aus sich selbst verstoßen und herausgefallen, yon ihrer Natur und mithin von aller Natur losgerissen lebt: ein schauriges Beispiel für die Allmacht lehrhafter Suggestionen, durch Jahrtausende geübt und für die Gefahren einer Gemeinschaft, die ohne Atmosphäre, ohne Boden, ohne Erde, im luftleeren Raum des Geistes und der Philosophie sich selbst zu bewahren verdammt ist. Ein vergessener Judenstaat' roman Von Siegfried Schmitz. Neue Gedanken und Ideen tauchen fast immer an verschiedenen Punkten ungefähr gleichzeitig auf und das Eigenartige ist, daß sie doch immer wieder nur in einem Kopf schöpferisch zu Ende gedacht werden. Die Gleichzeitigkeit in der Entstehung umwälzender Gedanken, die sich besonders auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, der Technik und der Philosophie durch zahlreiche Beispiele belegen läßt, mag vielleicht Berechtigung zur Annahme geben, die geistigen Umwälzungen seien das Endergebnis von Massenempfindungen, Massenströmungen, vielleicht sogar Masseninstinkten, verdanken vorwiegend den jeweils gegebenen Lebensbedingungen der Menschheit oder ihrer Teile ihre Entstehung; aber die Tatsache, daß die umwälzenden Ideen, Entdeckungen und Gesetzfindungen doch immer wieder im Denksystem eines Individuums zu vollständiger, ihre Wirkung bedingender Reife kommen, bezeugt neuerdings, daß Genialität oder jene schöpferischen Kräfte, welche irgendwann und irgendwie das Antlitz der Erde verändert haben, nicht das bloße Endresultat gegebener Bedingungen sind, sondern in ihrer Außerordentlichkeit den Elementarkräften vergleichbar, welche in der uns umgebenden Natur frei walten, immer wieder unsere Bewunderung erwecken. Das hier Gesagte trifft ebenso wie auf viele neue Menschheitsgedanken, auch auf die Judenstaatsidee Theodor H e r z 1 s zu, dessen Todestag in kurzem zum vierundzwanzigsten Male wiederkehrt. Es ist heute bereits allgemein bekannt, daß die Idee des Judenstaates vor Herzl in den verschiedensten Formen und Formeln ausgesprochen wurde. Ebenso bekannt aber ist, daß Herzl von seinen Vorgängern nichts wußte, genau so wenig, wie etwa Graham Bell von Philipp Reis. Am schärfsten war der Judenstaatsgedanke nicht allzu lange vor dem Erscheinen der Herzischen Schrift sozialphilosophisch von Moses Heß, jüdisch-soziologisch von Leo P i n s k e r formuliert worden. Herzl kannte, als er im Jahre 1895 nach seinen eigenen Worten „unter Flügelrauschen" die Idee des Judenstaates in seiner Schrift niederlegte, weder Hessens „Rom und Jerusalem", noch Pinkers „Autoemanzipation". Er selbst schrieb später: „Wer weiß, ob ich es gewagt hätte, mein Buch herauszugeben, wären mir die wichtigen Werke des Deutschen Heß und des Russen Pinsker bekannt gewesen." Nun lag das eine Werk fast 40 Jahre, das andere fast 15 Jahre zurück, so daß Herzl, der nicht als Historiker seine Schrift „Der Judenstaat" verfaßte, sich um Analogien, die immerhin geraume Zeit zurücklagen, nicht zu kümmern brauchte. Es ist aber interessant, daß der universelle Journalist, der in Paris, einem politischen Weltzentrum saß, bei der Abfassung seines Buches nicht einmal von einem ganz kurz zurückliegenden Ereignis berührt war, welches damals durch alle Blätter der Welt ging. Herzl hatte es sicher zumindest aus der Zeitungslektüre gekannt, es war ihm aber offenbar bei der Abfassung seines „Judenstaates" nicht gegenwärtig, weil sich sonst wohl eine Anspielung darauf in seiner Schrift fände. Am 5. März 1891 hatte eine Reihe von hervorragenden Persönlichkeiten in Amerika, Richter, Vorsteher und Geistliche von Kirchengemeinden, Publizisten, Anwälte usw. dem damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten H a r r i s o n eine Denkschrift überreicht, : i welcher verlangt wurde, der Präsident möge bei den europäischen Mächten seinen Einfluß dahin geltend machen, daß Palästina den Juden zurückgegeben werde. Die Denkschrift, unter deren Verfassern sich einige Juden, in der Mehrzahl jedoch Nichtjuden befanden, motivierte das Verlangen nach Redintegration des jüdischen Staatswesens in Palästina mit den Verfolgungen, welche die Juden in vielen Ländern, besonders in Rußland zu erleiden hatten. Harrison, welcher von i889—1893 Präsident der nordamerikanischen Union war, nahm die Denkschrift entgegen, doch sie ia jü weiter keinerlei Beachtung. Die I