Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1928)
- Date
- 1928-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053778--0420-3055696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE STIMME Nr, 26 Der frühere Vizekönig von Indien, Lord Read in g (Sir Rufus Isaacs), der an den Beratungen derjewish- Agency-Kommission teilgenommen hat. rikanisch-rionistischen Organisation eine stärkere oppositionelle Bewegung entfachen zu können; er hat sich geirrt, denn die Zionistische Organisation Amerikas hat sich nur fester um Weizmann geschart. Jacob de Haas hielt, als Wise in die offene Opposition ging, die Möglichkeit für gegeben, eine Bewegung für Brandeis zu machen und Brandeis aus seiner Reserve zu ziehen. Doch Brandeis blieb weiter im Hintergrund und die Aktionen de Haas hatten keinen Erfolg. Die oppositionelle Haltung der »Hadassa h«, der Frauenorganisation, welche von großer Bedeutung in Amerika ist, war durch persönliche Politik der Präsidentin Mrs. Lindheim und ihrer Mitarbeiterin Mrs. S z o 1 d bestimmt. Es ist nicht anzunehmen, daß die nächste Konvention der „Hadassah" Frau Lindheim wieder zur Präsidentin wählt, da insbesondere die Provinz¬ BücHerfreundel Besichtigt unsere miniiiiiHM hiiiiiinnrnmrT—Schaufenster! Verlanget Preislisten! TW Bücherschwemme „VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 gruppen der »Hadassah« sich entschieden gegen die oppositionelle Haltung der Leitung ausgesprochen haben. Die vierte oppositionelle Gruppe, die von den Herren Rosenson, T ul l n und Berenson geführt wird, hat sich schon deshalb nicht durchsetzen können, weil ihre Führer auf dem letzten Kongreß die Durchsetzung derselben Forderungen erzielten, die sie heute bekämpfen.« »Hat die Opposition der zionistischen Arbeit, insbesondere der Sammeltätigkeit in Amerika nicht geschadet?« »Im Gegenteil!« Die Methoden, welche die Opposition anwandte, haben der zionistischen Arbeit nur genützt. Weizmann wurde in jeder Weise geradezu demonstrativ gestützt. Ich und noch einige andere Personen sind in die zionistische Leitung Amerikas einge- Ringwalds Paketexpress Täglich nach den Nord- und Weststaaten. Bedeutend schneller als Post, kein Frankaturzwang, keine Gewichtsgrenzen, freie Abholung I, Parisergasse 4 Tel. 64-3*72, 62*4-99 treten, obwohl nur eine kurze Spanne Zeit bis zur Zionistischen Konvention in Pittsburg (am 1. Juli. — Die Red.) liegt, um die vollste Solidarität mit der Leitung gegen die Kampfmethoden der Opposition zu dokumentieren. Auch bei Nichtzionisten übte das Auftreten der Opposition genau die entgegengesetzte Wirkung, als sie die Opposition wohl erwartet haben mochte: als Antwort auf die Aktion der Opposition sandte Felix War bürg noch am selben Tage Weizmann einen Beitrag von 50.000 Dollar für das Palästipawerk. Von ungünstigen Wirkungen und Symptomen kann keine Rede sein.« »Welche Wirkungen sprechen Sie der gegenwärtigen Tagung der Jewish-Agency-Kommission auf das zionistische Palästinawerk zu?« (Das Gespräch wurde vor der Beendigung der Londoner Beratungen geführt. — Die Red.) »Das Ergebnis dieser Tagung dürfte wohl schon feststehen; ich kenne es nicht, aber ich hoffe zuversichtlich, daß die Beratungen der Jewish-Agency-Kommission ein positives, günstiges Resultat für die zionistische Arbeit ergeben werden, mag es auch manche Divergenz über die Arbeitsmethoden geben. Ich habe mit Louis Marshall vor seiner Abreise nach Europa gesprochen und aus der Unterredung den Eindruck empfangen, daß es ihm um die Sache ernst ist. Dabei möchte ich eines hervorheben: Marshall unternimmt aus Gesundheitsrücksichten nicht gern Europareisen; er war ein einziges Mal, anläßlich der Friedenskonferenz, in Europa; wenn Marshall selbst als Mann von mehr als 70 Jahren sich entschlossen hat, zur Tagung der Jewish-Agency-Kommission nach Europa zu kommen, so ist das ein sicheres Zeichen dafür, daß er dieser Tagung große Bedeutung beimißt und an dem Werke., über das sie berät, stärkstes, ernstestes Interesse hat.« Versöhnliche Stimmung im amerik. Zionismus Aus Ne'w York wird berichtet: Das vom Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Weizmann vor seiner Abreise aus den Vereinigten Staaten eingesetzte Parteigericht zur Prüfung der von der zionistischen Opposition gegen die offizielle Administration der zionistischen Organisation Amerikas erhobenen Beschuldigungen ist unter dem Vorsitz von Richter Eduard Lazansky vom Obersten Gericht zu New York zusammengetreten. Laut dem von Richter Lazansky zu Beginn der Sitzungen formuli erten Programm erstreckte sich die Untersuchung auf drei Punkte: Die Angelegenheiten der American Zion Commenw c a 1 t h, der Palestine Securities und des Pu bl i cation Fund. Richter Julian W. Mack, der die in Washington stattgefundene Konferenz der Opposition geleitet hat, ist vor dem Gericht nicht erschienen, sondern erklärte in einem Schreiben, er besitze nicht aus erster Hand stammendes Beweis material gegen die Administration, es genüge ihm, jene zu beraten, die solches Beweismaterial besitzen und es dem Gericht unterbreiten wollen. Die Organisation zionistischer Frauen, „Hadassah", von der man annahm, daß sie in den Beschuldigungen gegen die Administration Hand in Hand mit der Opposition geht, hat in einem Schreiben an das Gericht mitgeteilt, daß ihre Beschuldigungen gegen die Administration nicht den Vorwurf unlauterer Handlungen zum Inhalt haben, sondern lediglich Angelegenheiten betreffen, die von der bevorstehenden Konvention der Zionistischen Organisation Amerikas zu behandeln sein werden. Die Verhandlungen nähmen eine unerwartete Wendung. Nach Anhörung der Parteien unterbrach das Gericht die WeiteruntOrsuchung und hielt eine geschlossene Sitzung ab, um einen Vorschlag auf f r i e d i i c h e Einigung der beiden streitenden Parteien auszuarbeiten. Eine Lösung des Konfliktes wird unmittelbar erwartet. Das Schiedsgericht hat ein Komitee aus neun Personen zur friedlichen Erledigung des Streitfalles eingesetzt. Dem Komitee gehören von der Administration Morris Rotenberg, Kaliskv und Hermann G. R o b b? n s, seitens der Opposition Richter Julian W. Mack, Abraham T u 1 i n und Frau Robert S z o 1 d, seitens des Komitees für Frieden und Wiederaufbau Dr. Mordechai Kaplan, der New Yorker Gesundheitskommissär, Louis I. Harri«? und Dr. de Sola Pool an. Es verlautet, das Ziel dieses Komitees sei die Errichtung eines freundschaftlichen Uebereinko m m ens auf der Grundlage der Bildung einer gemeinsamen Administration, in der di0 offizielle Partei und die Opposition vertreten sind und gewisse Persönlichkeiten (die nicht näher benannt sind) ausscheiden. Board of Deputies und Jewish Agency Der neugewählte Deputiertenrat der englischen Juden (Jewish Board of Deputies), hielt am 18. Juni seine erste Sitzung ab, Herr O. E. d'Avigdor G o 1 dsmid wurde zum Präsidenten wiedergewählt. Eine lebhafte Debatte entspann sich über die Frage, ob der Einladung der e n glischen zionistischen Föd e r a t i o-n, zwei Delegierte zu der am 8. Juli d, J, stattfindenden iJahreskonfere nz der Föderation zu nominieren, stattzugeben sei. D'Avigdor Goldsmid teilte mit, daß das Exekutivkomitee des Board die Entsendung solcher Delegierten, die. ja gemäß der Verfassung des Board nicht die Befugnis haben würden, an den Verhandlungen der Föderation aktiv teilzunehmen, nicht empfehlen könne. Von mehreren Deputierten wurde entgegen den Ausführungen des Präsidenten darauf Drei Unselige*) Von Prof. Dr. Theodor Lessing (Hannover). 2. Otto Weininger. Es sind 25 Jahre vergangen, seit in Wien (am 4. Oktober 1903) der 23jährige Student der Philosophie Otto Weininger, wenige Monate nach dem Erscheinen seines bald die ganze geistige Welt bewegenden Werkes ..Geschlecht und Charakter“, im Sterbehause Beethovens in der Schwarzspanierstraße seinem Leben ein Ende machte, ähnlich wie einst der junge Philipp Mainländer unmittelbar nach dem Erscheinen seiner „Philosophie der Erlösung“ zum Strick griff, um den Tod zu sterben, „den auch der Aermste billig sich verschaffen kann“. Es sind seither viele Bücher über Weiningers Leben und Tod geschrieben worden, und man kann seinen Freunden (Emil Lucka, Hermann Swoboda, Felix Rappaport) nicht verdenken, daß sie, angesichts mancher törichten und gemeinen Charakteristiken von seiten seelenunkundiger Aerzte und Psychiater, auch diejenigen Lehren Weiningers sachlich verteidigt haben, welche zweifellos nur als seelisches Unikum, daß heißt nur aus ganz persönlichen Beweggründen und Begriffsbildungen zu erläutern sind. Das aber gilt insbesondere für die krude und rüde Stellung Weiningers zum Judentum, worunter er nie das „empirische Judentum“ und auch nicht die biologische Rasse verstanden wissen will, sondern jene abstrakte Gedankenmacht, die er „Idee des Judentums“ zu nennen liebt. Wenn es gestattet ist, mit knapper Formel das vielflächige Wesen eines reichen Denkers zu charakterisieren, so kann man sagen: In diesem jungen Mönche des Logos, in diesem Fanatiker des Ethos war die Kantisch-Platonische Philosophie verrückt geworden! Die Sphäre des Seinsollenden, das sogenannte Normative oder Aufgegebene — für Weiningers Lehre fallen die Wahrheit und das Gute, das Logische und das Ethische zusammen —, diese „zeitlose Sphäre“ ist für Otto Weininger die eigentlich wirkliche, die eigentlich lebendige Welt. Dieses wahrhaft Seiende aber steht in tragischem Gegensätze zu seinem Gegenpol, nämlich zu allem, was irrational, sinnlos, weder logisch noch ethisch und mithin unvollendet und unvollendbar ist, also: dem Lebenselementarischen, diesem sinnlos satanischen Spiel und Chaos. Und somit stellt Weininger (genau wie Hegel) *) Siebe „Die Stimme“ Nr. 25. die Welt auf den Kopf! Was nicht vernünftig und sittlich ist, das „ist im Grunde" gar nicht wahrhaft-seiend, Eine vollendete Ethik und Logik aber (also: „das wahre und eigentliche Sein) fällt durchaus zusammen mit der Vernichtung alles sittlichen Wollens, seiner Brunst und seiner Gierden. Wenn bei Ree (und nach seinem Vorgang auch bei Nietzsche) alles Geistige verdächtig wurde, dieweil es vielleicht nur aus trüben Lebens- und Seelenbereichen steigen könnte, wenn bei Ree somit die Frage nach den seelischen Wurzeln die Mitteipunktsfrage wurde, so wurde umgekehrt durch Weininger alles Psychologische und aller Psychologismus verdächtigt, das „reine Sein“ zu verderben und zu beflecken. Angesichts dieser logistischen Einstellung ist es nun merkwürdig und in seiner Art einzig, daß Weiningers Judenhaß das Spezifisch-Jüdische nicht im Logos und nicht im Ethos suchte, nicht in der Ratio und nicht in der allzu abgelösten und naturentfremdeten Geistigkeit der Juden von heute. Nein! Gerade umgekehrt! Im Wollen, im Affektiven, im Lebenselementaren wird das eigentlich Jüdische gesehen und die Grenze des Juden in seiner Unfähigkeit zur reinen Ratio, zur absoluten Ethik und Logik. Damit kehrt sich aber die übliche Art des philosophisch begründeten „Antisemitismus" um und um! Man sieht mit Schauder und Staunen, was doch alles möglich ist und wie ganz entgegengesetzte Argumente gleich brauchbar und verwendbar sind, wenn nur der böse Blick sie verwenden will. Wünscht man eine bestimmte Menschengruppe zu bemakeln oder zu verwunden, so kann man das unter jeder beliebigen Perspektive tun. Manche moderne Philosophen (Houston Chamberlain, Ludwig Klages) begründeten ihre Vorurteile gegen „Judaismus" und'„Semitismus“ damit, daß sie diese „abstrakten Mächte“ verantwortlich machten für „Jahwismus" und „Monotheismus“. Andere (Lagarde, Treitschke) sahen umgekehrt im Judentum ein heidnisches, dem Spiritualismus feindliches Element. Die einen machten das Judentum verantwortlich für die Vernichtung des arischen Mythos, für die Zerstörung der Naturverbundenheit und Unmittelbarkeit, für den Mangel an Traumkraft und Lebenselement, für den modernen Sieg der abstrakten Dialektik, des formalen Logismus und Talmudismus. Die andere Gruppe begründete ihre Abneigung gerade umgekehrt und wies sich damit, nach der Definition der ersteren Gruppe, selber als „reinste Juden" aus. So heißt es bei Eugen Dühring: „Der Jude ist unfähig zu reiner Erkenntnis, er bleibt immer in Gefühlen und Leidenschaften befangen. Der Jude Ist ein orientalischer Phantast und Mythenbildner. Der nordische Mensch unter dem nüchternen Himmel Europas muß dieses Volk des Völkerchaos und der Maßlosigkeit mit der Logik bekämpfen und seinen frechen Mythenbildungen den modernen Positivismus und Materialismus entgegenstellen." So ist denn also, je nachdem es gefällt, der „Materialismus“ das eine Mal jüdisch, das andere Mal ein Bollwerk gegen die jüdische Mythologie, ähnlich wie man bald den Kapitalismus und bald den Sozialismus jüdisch genannt hat, bald die Reaktion und bald die Revolution. Wer in der eigenen Seele den Kampf zwischen Naturtrieben und Geistesidealen zu entscheiden hat (und welcher Mensch würde nicht vor diesen Entscheid gestellt?), der kann entweder seine Triebe von hemmenden „Idealen" erlösen oder kann zugunsten seines Ideales das Triebleben bekämpfen. Vielleicht ist dies ein Urgegensatz der Charaktere, daß die einen zum Geiste hin-, die anderen vom Geiste fortmöchten, und vielleicht fordert gerade ein Uebermaß von Leidenschaften und Triebdrängen die Bindung an Gewissen und Norm, während umgekehrt der allzu doktrinäre und allzu Vergeistete Mensch das freie, ungebundene Leben beneidet. Otto Weininger aber war ein Leidender und Leidenschaftlicher! Die kantischplatonische Forderung der Reinheit und Geistigkeit stieß in seiner Seele, nicht minder wie in Tolstois oder Strindbergs Seele, auf den Widerstand der Natur. Und da die Pflanze nun einmal von ihren Wurzeln loszukommen trachtete, so erläuterte er vor sich selber seinen Konflikt als die Doppelheit zweier Rassen und Wesensarten: der reine geistige Wille, das war der Mann und der Arier, die banalen Triebfedern der Natur, das war das Weib und der Jude. Denn, einmal in diese Richtung geraten und nun verflucht, die Nabelschnur zu zerreißen, die ihn an Vergangenheit und Erde band, kehrte sein Denken sich folgerichtig wie gegen das „Jüdische", so auch gegen das Ewig-Weibliche. Und so kam ein Paradox zustande, widersprechend aller Geschichte und aller Seelenkunde: „Das Jüdische ist das Weibliche und beide sind das Chaotische und Satanische im Menschen.“ Dieser sinnlose Krieg mußte mit Untergang enden! Vergeblich ist der Mensch bestrebt, von der Mutter loszukommen. Es bleibt für jeden, zumal aber für jeden jungen Menschen, stets ein Erdenrest zu tragen peinlich. Und hätte der Mensch sich zu reiner Heiligkeit durchgekämpft, der Natur verbunden bliebe er dank der Allmacht des Geschlechts. Da nun aber Otto Weininger gerade das Lebenzeugende empfand als den Teufel in der Welt, so mußte sein Philosophieren, insoferne er vom